No Time To Die – Vorab-Review zum Finale der Daniel-Craig-Ära

Schon damals beim offiziellen Drehstart im April 2019 hatten die Produzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli gesagt, dass sie James Bond im 5. und letzten 007-Film KEINE ZEIT ZU STERBEN mit Daniel Craig in der Hauptrolle so viel abverlangen werden, wie noch nie. Nun, einen Tag nach der Erstsichtung bei der royalen Weltpremiere in London, weiß ich, dass sie damals tatsächlich nicht übertrieben hatten.

Ich werde versuchen, in diesem nicht ganz vollständigen Vorab-Review keine Storydetails zu verraten (gar nicht so einfach – ihr werdet sehen!), die nicht schon längst bekannt sind. Wer die Möglichkeit hat, sollte den Film so schnell wie möglich ansehen, damit er/sie nicht durch Spoiler in den sozialen Medien und der Presse gestört wird.

Regisseur Cary Fukunaga hat einen stilistisch und handwerklich überzeugenden Film geschaffen, dessen grundlegende Handlung rund um den perfiden Plan des Bösewichts Safin (überzeugend böse gespielt von Rami Malek, der im Original mit einer herrlich bösen, richtig betörenden und gleichgültigen Stimme mit starkem Akzent spricht) eigentlich jenen von vergangenen größenwahnsinnigen Bond-Schurken ähnelt.

Auch das fantastische Produktionsdesign von (zum ersten Mal) Mark Tildesley, der damals noch durch Danny Boyle ins Bond-Team geholt wurde, weckt Erinnerungen an Bond-Legende Kenk Adam. Darüber hinaus behandelt der Film aber auch noch weitere Themen aus den bisherigen Craig-Bonds und bringt diese zum Abschluss. Neben der bekannten Rückkehr von Ernst Stavro Blofeld (Christoph Waltz) und einer erneuten Thematisierung von Bonds Verbindung zu seiner ersten großen Liebe Vesper Lynd, bildet die Liebesgeschichte zwischen James Bond und Dr. Madeleine Swann den eigentlichen Mittelpunkt der Geschichte.

Die Actionszenen sind erneut grandios für ein cineastisches Erlebnis in Szene gesetzt und enthalten einige frische Ideen, auch wenn neben der fulminanten Matera-Sequenz und dem kurzen, aber dafür äußerst gelungenen Action-Auftritt von Ana de Armas im filmischen Kuba größere herausragende Actionhighlights fehlen. Abgesehen vom Finale bei Bösewicht Safin. Und obwohl es sicherlich der brutalste Bondfilm der Craigreihe ist, enthält er auch durchaus einige gut geschriebene Dialoge und auflockernde Sprüche („One-Liner“), die teils herrlich frisch und real wirken. Im MI6 gibt es mit Nomi (Lashana Lynch) natürlich den im Vorfeld viel diskutierten Neuzugang – aber das ist alles halb so wild. Auch „M“ und „Q“ bekommen wieder einige gute Szenen.

Daniel Craig selbst überzeugt einmal mehr auf allen Ebenen – kein anderer Darsteller hätte diese für Bond physisch als auch emotional herausfordernde Achterbahnfahrt besser verkörpern können als er. Wie Craig etwa alleine durch seine Mimik und Körperhaltung in gewissen Szenen spielt, ist wirklich beeindruckend – egal ob verliebt, bedrohlich, überrascht, verletzlich. Chapeau!

Die Musik von Hans Zimmer ist überraschend zurückhaltend und klassisch gehalten, mit direkten Verweisen zu John Barry und den entsprechenden „bondischen“ Einsätzen zur richtigen Zeit. Daniel Kleinmans Titelsequenz zusammen mit dem Titelsong von Billie Eilish ist absolut fantastisch – möglicherweise die beste seiner Karriere? Darüber hinaus gibt es für Bondfans einiges zu entdecken an Anspielungen zu vergangenen Filmen und Romanen.

Die vielen behandelten Themen sind auch der Grund für die lange Laufzeit – vielleicht hätte man sich auch noch ein paar Minuten kürzer halten können. Aufgrund der sich aufbauenden Spannung im letzten Drittel hat man aber trotzdem gegen Ende nicht das Gefühl, dass der Film schon zu lange dauern würde.

Die Liebesgeschichte zwischen Bond und Madeleine hat mich im Gegensatz zu SPECTRE dieses Mal durchaus überzeugt. Etwa ab der Hälfte des Filmes nimmt der Film eine für einen Bondfilm überraschende Wendung, die alle darauffolgenden Handlungen und Aktionen von Bond prägen wird. Schlussendlich wird der weitere Verlauf der Geschichte nicht nur Bond selbst sondern auch den Zuseher emotional stark herausfordern. Diese Anspannung und das damit verbundene beklemmende Gefühl hatte ich so noch nicht bei einem Bondfilm erlebt. Die Art und Weise, wie uns Fukunaga auf den fast unausweichlichen Höhepunkt hinführt, ist sprichwörtlich atemberaubend. Und hat dann nicht nur mich für einige Zeit überrascht und mit offenem Mund im Kinosaal sitzen lassen.

War James Bond bisher immer der unerreichbare Superagent, der für jede Situation eine Lösung parat hatte – so hat Daniel Craig die Figur in seinen Filmen nicht nur realistisch, menschlich und verletzlich dargestellt. Mit NO TIME TO DIE werden auch viele Bondfans eine ganz persönliche Verbindung zu seinem James Bond herstellen. Sofern man sich auf diese für James Bond noch nie dagewesene emotionale Achterbahnfahrt auch einlassen kann. Das könnte nämlich dem ein oder anderen nicht gelingen. Darüber hinaus hat man für Craigs letzten Bondfilm gleich mehrere Entscheidungen getroffen, die viele Bondfans so vorher eigentlich nicht für möglich gehalten hätten.

We have all the time in the world

Just for love

Nothing more, nothing less

Only love

Louis Armstrong

Cary Fukunagas episches 25. James-Bond-Abenteuer NO TIME TO DIE bringt die erfolgreiche Daniel-Craig-Reihe zu einem auf vielen Ebenen heftigen, emotionalen Abschluss. Viele Bondfans werden begeistert sein – für den ein oder anderen könnte man auch einen Schritt zu weit gegangen sein. Eine Meinung, die ich auch nachvollziehen kann. Auf alle Fälle ist es ein explosives Filmerlebnis, das man unbedingt im Kino gesehen haben sollte.

FAZIT: Schwierig eine abschließende Bewertung nach dieser überwältigenden Erstsichtung abzugeben, da ich immer noch nicht alles Gesehene verarbeitet habe. Ich würde aktuell 3.5/5 Sterne vergeben, ich müsste meine Meinung aber noch durch weitere Sichtungen festigen. Das könnte auch noch auf und ab gehen.

Achja: JAMES BOND WILL RETURN!

NO TIME TO DIE ist ab morgen, 30.9.2021, in den deutschen Kinos zu sehen. Ich wünsche euch allen viel Spaß im Kino!

Ich bin gespannt, wie euch der Film gefallen wird. Ihr könnt auch gerne in unserem James-Bond-Forum mit anderen Bondfans über den Film diskutieren. Bitte in euren Kommentaren keine Spoiler verraten bzw. unbedingt kennzeichnen!

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24 Kommentare
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Andreas007

Ich bin seit nunmehr über 30 Jahren eingefleischter Bond Fan und jede Premiere wird von mir mit Smoking und anschliessendem Wodka Martini Gelage ausgiebig gefeiert. Immer ein Ereignis, das mich flasht, tagelang in Hochstimmung versetzt und ich es gar nicht erwarten kann, die Blue Ray und diverse Bücher zu erwerben. NTTD habe ich nun vier Mal gesehen und das war auch gut so. Das Bond Franchise hat ja über viele Jahre Zeitgeist und gesellschaftliche Strömungen aufgenommen, so dass in der Post Metoo Ära und überfälligem Antirassismus und Diversitätskampagnen man das ein oder andere akzeptieren kann, solange die Romanfigur nicht zerstört… Weiterlesen »

Meik

Trotz ein paar schönen Szenen und Bezügen zu klassischen Bondfilmen bin ich in Summe doch eher enttäuscht. 😕

Ich habe das Gefühl, man wollte ein Denkmal setzen. Aber nicht der Figur, sondern dem Darsteller. Das halte ich für unglücklich, denn damit hat man den Mythos des unbesiegbaren Bond zerstört.

Es hilft vermutlich nur ein völliger Reboot, die Geschichten um Blofeld und Spectre sind erschöpfend auserzählt.

Sheriff Pepper

Ja, es ist ein Bond-Film! Und ja, es ist kein Bond-Film! Es ist nach OHMSS der zweite Film, in dem sich die Produzenten etwas trauten, was es zuvor noch nicht gab. Damals, sowie heute ist es ein Reibungspunkt für die Fans und die Medien. Das Ende von NTTD passt zur Craig-Reihe und, so hart es klingt, anders hätte es nicht sein dürfen. Bis auf ein leichten Hänger in der Filmmitte wurde man gut unterhalten, 15 Minuten weniger wären ggf mehr für den Film gewesen. Und Ernst Stavro Blofeld gebe ich recht…Safin??? Hätte eigentlich Dr.No heißen müssen!!!

Ernst Stavro Blofeld

Hier bin ich ganz bei Dir, Gernot!

Und das, was in NTTD gemacht wurde – oder zumindest angedeutet ist – war eben gerade nicht der Plan von Ian Fleming. Ich vermute auch sehr stark, dass dieses Ende – wenn es nicht relativiert wird – der Filmreihe eher geschadet hat. Denn den Übermenschen 007 gibt es nun nicht mehr!

Ernst Stavro Blofeld

Ich komme gerade vom Kino … Es fällt mir äußerst schwer, diesen Film zu fassen und eine fundierte Einschätzung zu geben. Ich versuche es trotzdem: Es war ein großartiges Agenten-Liebesdrama, das – hier muss ich meinem Vorredner widersprechen – keinesfalls langatmig war. Doch so hochwertig dieser Film auch war. War es noch ein James Bond? Als James Bond letztlich mehr Vater denn Agent war, da hätte ich fast das Kino verlassen. Doch dann wurde ich gerade rechtzeitig von Hans Zimmer daran erinnert, dass ich mich in einem Bondfilm befinde. In der Tat: Es erscheint mir so, dass Hans Zimmer mit… Weiterlesen »

Ernst Stavro Blofeld

Hallo Gernot, das Ende ist natürlich nicht identisch mit der Romanvorlage aus YOLT, da habe ich mich falsch ausgedrückt. Warum ich dennoch mit dem Ende des Filmes leben kann (auch wenn ich es nicht glücklich finde) ist die Tatsache, dass ich nicht auf die Leiche blicken musste. Vielleicht hat er sich auch irgendwie gerettet? Unwahrscheinlich, zugegeben! Aber solange keine Leiche gefunden wird (bzw. zu sehen ist), bleibt es zumindest ein Stück weit offen. Für mich aber steht außer Frage, dass die Ära Craig für sich stehen wird. Sie begann – wenn man es genau nimmt – vor Dr. No und… Weiterlesen »

Max

Der schlechteste Bondfilm aller Zeiten! Ein Drehbuch, das wenig Inhalt bietet und das ähnliche Schwächen wie bereits „Ein Quantum Trost“ aufweist: Der Plan des Bösewichts bleibt vage, der Bösewicht wirkt nicht wirklich furchteinflößend. Hirnloses Mega-Geballer, standardisierte Verfolgungsjagden und eine mehr als konstruierte Liebesgeschichte. Dass Bond eine kleine Tochter hat und diese auch prompt einbezogen wird in die Handlung ist eines Bondfilms unwürdig. Ebenso die Exekution von Unbeteiligten in der Laborszene ist viel zu drastisch für einen Bondfilm. Ähnlich schon wie die MG-Szene mit Stamper in „Der Morgen stirbt nie“. Bondfilme haben sich eigentlich (fast) immer von gewöhnlichen Action-Streifen dadurch abgehoben,… Weiterlesen »

Markus

Der Film ist harter Tobak, schwer zu verdauen, ich bin ein wenig besorgt über die Zukunft der Franchise, nachdem die Produzenten eine Richtung eingeschlagen haben, die mir persönlich nicht so gut gefällt. Ich hoffe, dass es mit den nächsten Film einen kompletten Reboot gibt und wir wieder einen Bond kriegen, bei dem es weniger um Kinder, Familie und Liebe geht.

Charles

Daniels eigene private Situation und die Tatsache, dass er das Drehbuch mitbestimmen kann, hat zu diesem Ergebnis geführt, vermute ich.

Ein Hamburger

Ich habe tatsächlich auch einige Tränen nicht verdrücken können, gar nicht wegen der sehr emotionalen Story, sondern aus Wut: Es gab unglaublich gute Sequenzen und auch einige sehr gute Dialoge. Vieles war aber „over the top“ und hätte insbesondere zum Finale würdevoller verlaufen müssen.

Bernd

Ich bin so aufgewühlt nach diesem tollen Film…. 007 der unverletzliche Held seit Kindertagen …. will return …. wie werden sie das machen …. wie kann das gehen…. wie soll die Stor bloß weitergehen…. weiss jemand was…. habt ihr Ideen …. ich bin erstmal fertig mit der Welt (cineastisch) … lg

Friedhelm Muschnik

Muss mich an dieser Stelle outen: Ja, ich habe bei der Schlussszene von NTTD geheult … Gebe ich zu. Natürlich kann ich hier (noch) nicht mehr verraten, aber es hat sich wieder gezeigt, dass die Reminiszenzen an OHMSS nichts anderes sind als die Bestätigung dafür, dass der Lazenby-Bond ein besonderer Film der Serie war.

Andreas

Lieber Gernot, vielen Dank für deinen hilfreichen ersten Eindruck des Films. Ich las diesen mit einer gewissen Erleichterung. Denn wenn man sich seit letzter Nacht erste Feedbacks einholt, seien es Filmkritiker auf Youtube oder Zeitungsberichte – man bekommt es ein wenig mit ernüchternder Stimmung zu tun. Wenn wir bedenken wie lange wir schon auf den Film warten. Ich vermute hingegen, dass die Medien wie immer auf der Suche nach negativen Punkten sind und diese, weil sie es wollen, auch irgendwie im Film finden werden. Wie uns ein Zitat aus Der Morgen stirbt nie bestätigt: „Denn schlechte Nachrichten sind die besten… Weiterlesen »

Friedhelm Muschnik

Gernot, ich benutze jetzt Dein Wort „chapeau“ und beziehe es auf Deine Kritik. Toll geschrieben! Macht echt neugierig auf den Film! Bis jetzt die beste Review, die ich im Internet zu NTTD finden konnte. Noch ein Wort zu Craig: Für mich war er immer ein klasse Schauspieler, und ich kann die Leute nicht verstehen, die ihn als hölzern bezeichnen. Craig kann mit wenig Mimik viel ausdrücken! Ich finde ihn einfach klasse! Und ich denke auch, nach ihm kann es nur noch weitergehen mit James Bond, wenn (wieder mal) ein kompletter Neuanfang bzw eine Neuorientierung stattfindet. In Craig’s Fußstapfen kann keiner… Weiterlesen »

Zuletzt geändert am 20 Tage zuvor von Friedhelm Muschnik
Helena

Lieber Gernot, wir waren in dieser Nacht mit ein paar Bondenthusiastinnen – noch dazu in feiner Robe – zur Nachtpremiere im Kino unserer Nähe und ich muss abschließend sagen: 100% Zustimmung zu deiner spoilerfreien Bewertung, nur das Ende hätte ich mir anders gewünscht, aber das ist „Jammern auf hohen Niveau“, da dieser Bondfilm ein wunderbares, würdiges und wuchtiges Finale der Craig-Ära ist! „Sir Roger Moore“ bzw. „Sir Sean Connery“ in den Credits nicht zu erwähnen, fand ich enttäuschend und hätte mir das anders erwünscht, zumal beide in ihren Epochen großes für die Reihe geleistet haben Fazit: 4/5 🌟 vergebe ich,… Weiterlesen »

Zuletzt geändert am 20 Tage zuvor von Helena Bohlmann
Samuel Polit

Ich schaue den film am dinstag und bis schon so gespannt mein frage wie ist den dali benssalah Handlanger Rolle weil in den Trailern sieht seine Figur auch der krass aus

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