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Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1156
Ich glaube es war Billy Friedkin der über den Exorzisten sagte, dass der Film (insbesondere das Ende) sehr unterschiedlich auf die Zuschauer wirkt je nachdem was sie in den Film mit reinnehmen, also in welcher Stimmung sie ihn sehen. Und ich denke das gilt auch für die PTS von DAF. Je nachdem, ob man nun einen Ansatz an YOLT, OHMSS oder ein komplett bei 0 startendes Abenteuer erwartet, lassen sich die Szenen der PTS in jede Richtung auslegen, da sich der Film nicht explizit festlegt. Das ist schon eine nicht selbstverständliche Qualität, die man dieser Sequenz bescheinigen muss. Darüber hinaus teile ich die harsche Kritik von Maibaum an der DAF-PTS aber auch nicht und halte sie sogar für ziemlich gelungen. Sie bietet einen schwungvollen, schmissigen Auftakt, einen der rabenschwärzesten Connery-Momente, als er Marie ihres Oberteils entledigt und die Einführung der Doppelgänger-Thematik ist fantasievoll und endet angemessen zynisch. Als Bonus ist die Überleitung zu Binders Titeln gut gelöst und beinhaltet gleichzeitig durch die Mieze auch schon einen kleinen Hinweis, dass man Blofeld vielleicht doch noch nicht endgültig abschreiben sollte.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1157
Ich finde die auch doof, spätestens als Bond auf Blofeld trifft nimmt die Sequenz schon den grotesken Zirkuston des restlichen Films auf mit Barrys schrillem Score und dieser bizarren Leichtigkeit mit der sich Bond seiner Gegner entledigt (Bond hat gefühlt Ewigkeiten Zeit, die alle umzunieten). Die findet später ihren stumpfsinnigen Höhe- bzw. Tiefpunkt in der Mr Kitt Szene mit dem "eingezogenen Schwanz".
We'll always have Marburg

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1158
Anatols letzten Satz finde ich sehr schön. Es ist bei DAF in meinen Augen ein dramaturgisches Problem, dass um Blofeld so ein Twist gemacht wird. Ich hätte es fast interessanter gefunden, die Katze (hihi) früher aus dem sprichwörtlichen Sack zu lassen (zumindest für den Zuschauer). Das hätte dem Film eine eigene Note gegeben, die DAF leider etwas fehlt.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1159
Maibaum hat geschrieben:Vielleicht, aber es ist auch so gehalten, daß jemand, der DAF mit dem Ende von OHMSS im Hinterkopf sich ansieht, den Anfang als dessen Fortsetzung sieht. Während gleichzeitig jeder direkte Bezug auf OHMSS schon vermieden wird.
Ich sehe das so wie Maibaum. Allerdings finde ich die PTS im Gegensatz zu ihm nicht mißlungen und schließe mich hier Anatol an.
Ungeachtet dessen, ist es doch tatsächlich, dass die Reihe OHMSS definitiv nicht ignoriert, da ja sowohl in FYEO als auch LTK direkt Bezug auf Bonds Heirat beziehungsweise Tracys Tod genommen wird.
Zuletzt geändert von Goahead am 9. Februar 2018 22:39, insgesamt 1-mal geändert.
Morgenstund' ist aller Laster Anfang

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1160
Ignorieren ist auch der falsche Ausdruck.

Es ging wohl einfach darum, eine Lösung zu finden wie man nach dem Ende von OHMSS weiter machen kann, ohne daß dieses Ende Einfluß auf DAF hat, weil man dann eben entschieden hatte einen normalen Bond zu drehen. Und wenn man Blofeld gleich in der ersten Szene abserviert, dann konnte man dadurch ohne die Hypothek von OHMSS weiter machen, und es wäre natürlich dann theoretisch auch ohne Blofeld gegangen, und tatsächlich soll ja zwischenzeitlich auch mal irgend ein Goldfinger Klon geplant gewesen sein.

Jedenfalls ohne das Ende von OHMSS wäre es nie im Leben zu so einer PTS gekommen.

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1161
On Her Majesty's Secret Service (1969, Peter R. Hunt)

"We have all the time in the world."
- Louis Armstrong

Der mittlerweile sechste James-Bond-Film von EON Productions wird gemeinhin als einer der stärksten Ausreisser in der Reihe wahrgenommen, und das auch völlig zurecht. Nicht nur unterbricht der Film bewusst die kontinuierliche Entwicklung der 60er-Bonds hin zu immer grösserem Spektakel, auch der Protagonist ist plötzlich ein anderer und wartet anstelle des Überbonds Sean Connery mit einem einmaligen Schauspiel-Intermezzo des australischen Models George Lazenby auf. Beide Komponenten, sowohl die präzise Adaption des ungewohnt emotionalen Romans von Ian Fleming in direkter Nachfolge zum überbordenden YOLT zwei Jahre zuvor, als auch die Entscheidung, den mit der Rolle zunehmend unzufriedenen Connery durch einen gleichermassen unbekannten wie unerfahrenen Neuling zu ersetzen, sind im historischen Kontext der Reihe mutige, wenn nicht sogar leichtsinnige Entscheidungen seitens der Produzenten. Das schlägt sich auch in der Resonanz des Films nieder, der seinerseits beim Publikum auf verhaltene und irritierte Reaktionen stiess. Zumindest langfristig aber hat sich das Experiment gelohnt, und so konnte sich OHMSS im Lauf der Zeit immer stärker die Achtung der Fans erarbeiten und gehört heute gerade aufgrund seiner Aussenseiterrolle zu den am meisten geschätzten Bondfilmen.

Gerade die ambitionierten Abweichungen zum etablierten Muster der Bondfilme verleihen OHMSS eine erfrischende Eigenständigkeit, die ihn innerhalb des Kanons hervorhebt. Der springende Punkt ist sicherlich die Liebesgeschichte zwischen Bond und Tracy di Vincenzo, die eine ganz neue Facette des notorischen Frauenverschleissers Bond zeigt. Dass es zwanzig Jahre dauern sollte, bevor der romantische Aspekt wieder mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit aufgegriffen wurde, und sogar über 35, bevor sich die Macher zu einer erneuten Beziehungsgeschichte getrauten, unterstreicht die Ausnahmeposition umso mehr. Aber auch vom romantischen Element und dem unausweichlichen tragischen Ende abgesehen macht OHMSS einige Dinge anders als seine Serienkollegen. Bemerkenswert ist, dass sich der Film eine gute halbe Stunde Zeit nimmt, die Begegnung Bonds mit Tracy und Marc-Ange Draco zu schildern und erst dann daraus die Geschichte um Bonds Mission auf Piz Gloria abzuleiten. Das Drehbuch erlaubt sich somit eine gekonnte Variation des gewohnten Aufhängers, bei dem Bond üblicherweise deutlich schneller und direkter in seinen Auftrag hineingeworfen wird, während es sich in OHMSS fast schon zufällig aus einer eigenständigen Lebensepisode heraus entwickelt. Dass der Film im mittleren Akt eigentlich eine Kehrtwende vollführt, von der sich anbahnenden Romanze mit Tracy im freizeitlichen Portugal zu einer Undercover-Mission in der Alpenbastion des grössenwahnsinnigen Blofeld, fällt durch die elegante Narration kaum auf. Es ist sogar der Clou des Drehbuchs, diese beiden Teile des Films zunächst in separaten Bahnen zu lenken, und erst im letzten Drittel auf wundersame Weise zusammenzuführen und den Kreis zu schliessen. Strukturell ist OHMSS somit eine intelligente Variation des vertrauten Ermittlungsschemas und genau die richtige Grundlage für die wesentlich persönlichere Geschichte.

Der Film profitiert stark von dieser erfrischenden Dynamik der Handlung. So erhält Bonds Ermittlung als Ahnenforscher Sir Hilary Bray in der Höhle des Löwen durch den Umstand, dass sie im Kontrast zu den vorangegangenen Szenen mit Tracy und Draco steht und diese im Mittelteil nicht mehr auftreten, umso mehr Gewicht. Durch die direkte Gegenüberstellung mit der gefahrenlosen Episode (sieht man von einigen kleinen Missverständnissen mit Dracos Sicherheitsleuten, die zu diesem Zeitpunkt aber längst aufgeklärt sind, ab) zuvor wirkt die Mission deutlich gefährlicher und Bond stärker von seinem Leben ausserhalb des Geheimdienstes isoliert, etwas, was man in dieser Form in der Serie ansonsten kaum beobachten kann. Auch die eigentliche Ermittlung in der Alpenklinik ist nahezu einzigartig in der Reihe. In Realität erstreckt sich der Zeitraum, in dem Bond unerkannt als Sir Hilary Bray unterwegs ist, nur auf knappe zwei Handlungstage, verglichen mit vielen anderen Serienvertretern, in denen Bond in der Regel praktisch von Anfang an seiner Tarnidentität beraubt wird, ist es aber aussergewöhnlich, ihn so lange in feindlichem Territorium zu begleiten, und das auch noch in einer vom echten Bond abweichenden vorgespielten Rolle.

OHMSS wird manchmal ausdrücklich für seine Liebesgeschichte gelobt oder für die Diskrepanz zwischen der Tracy- und der Blofeld-Handlung kritisiert. Beides ist in meinen Augen nicht ganz zutreffend, da wie bereits beschrieben die elegante Verknüpfung beider zunächst weitgehend voneinander losgelösten Teile dem Film seine eigenständige dramaturgische Dynamik einimpft und beide gleichermassen unentbehrlich sind. So gesehen ist OHMSS im Grossen und Ganzen vielmehr eine Geschichte über Bond und sein Leben als eine Geschichte über Bond und Tracy, respektive Bond und Blofeld, in denen das andere Element nur als Begleiterscheinung oder Störfaktor auftritt. Der Augenblick, in dem Bond nach seiner nervenaufreibenden Flucht vom Piz Gloria an der Mürrener Eisbahn auf Tracy trifft ist somit auch die Schlüsselszene des gesamten Films, in der die zuvor noch losen Enden zusammengeführt werden. Auch die emotionale Komponente ist in dieser Szene am stärksten, da sie den eigentlichen Beginn einer ernsthaften Beziehung zwischen Bond und Tracy darstellt und folgerichtig sowohl anrührender als auch tragischer, in Hinblick auf Tracys Ermordung, Natur ist. Umso mehr Gewicht erhält die Szene auch durch den vorherigen Moment, in dem Bond für eine kurze Zeit völlig am Ende seiner Kräfte scheint, nachdem er Blofelds und Bunts Schergen trotz einer langen und schweren Verfolgungsjagd immer noch nicht abschütteln konnte und sich am Rand der Eisbahn niederlässt, um, so scheint es fast, sein Schicksal zu akzeptieren, bevor Tracy in einer der schönsten Einstellungen des Films einem rettenden Engel auf Schlittschuhen gleich erscheint. Was danach folgt ist der ungewöhnliche Wendepunkt, in dem das Schicksal, bzw. das dramatische Finale des Films, seinen Lauf nimmt. Dieser Teil macht umso klarer, dass Bonds Romanze mit Tracy im ersten Akt des Films zwar wichtige dramaturgische und emotionale Vorarbeit geleistet hat, dieser Teil aber noch keineswegs über dieselbe romantische Gewichtung verfügte wie der Schlussakt, und auch Bonds und Dracos kurzes Gespräch über eine mögliche Zukunft mit Tracy noch sehr vage war und eher formeller Natur, um an Informationen zu gelangen. Stattdessen ist es dieses Aufeinandertreffen in einer ausweglosen Situation und die Verbindung durch gemeinsames Überleben, welche die Beziehung Bond-Tracy auf eine neue, nie zuvor dagewesene Ebene bringt.

Auch der Aspekt der Zusammenführung von der Liebes- und der Agentengeschichte erfährt somit eine noch weitaus grössere Bedeutung. OHMSS zeigt nicht nur eine Welt, in welcher eine rasante Verkettung von Flucht, Entführung und Befreiung den Bund fürs Leben besiegelt, es ist auch generell eine Welt in der sich persönlich-intim gezeichnete Geschichten über ausufernde Actionszenen und spektakuläre Szenarien definieren. Somit passt es wie die Faust aufs Auge (und Bond teilt deren reichlich aus), dass OHMSS mit die beeindruckendsten Actionsequenzen der gesamten Reihe präsentiert. Nur schon die Faustkämpfe sind schlicht spektakulär, nicht nur durch Lazenbys energische physische Präsenz, die jedem Schlag echt und knallhart wirken lässt, sondern auch durch Peter Hunts virtuose Actioninszenierung. Der durch seine langjährige Arbeit als Editor und Second-Unit-Director der Bondfilme geschulte Hunt setzt in seinem Regiedebüt erstmals bei Bond Montage und Schnitt als übergeordnetes Gestaltungsmittel ein. Seine Kampfszenen sind schnell, wild und rasant, wobei Hunt die Perspektive immer wieder wechselt und sogar einige Jump Cuts einbaut. Die PTS mit ihrer Prügelei am Strand, den Hunt als graublaues Zwielicht in majestätischer Weite inszeniert, ist eine der allerbesten der gesamten Bondreihe. Noch grösser und stilprägender sind lediglich die späteren Ski- und Wintersportszenen, allen voran natürlich Bonds spätabendliche Flucht vom Piz Gloria. Was Hunt und Kameramann/Koordinator Willy Bogner hier auf die Leinwand bringen ist nicht mehr von dieser Welt: In schier rasender Geschwindigkeit geht es die winterlichen, mythisch-blau angehauchten Steilhänge des Schilthorns hinab, wobei die Szene durchgängig gleichermassen atemlos-rasant wie auch kunstvoll-pittoresk bleibt. Bonds und Dracos Sturm auf Piz Gloria zeigt der grossen Endschlacht aus dem Vorgänger YOLT, wo es langgeht, da sie bei ähnlich spektakulären Ausmassen und praktisch identischer Ausgangslage um einiges knackiger und gezielter in Szene gesetzt wird und auch die inhaltliche Relevanz besser unterstreicht. Bonds abschliessende Schlittenverfolgung gegen Blofeld setzt im Prinzip die Skiszene fort und teilt deren Attribute der schier übermenschlichen Rasanz und Virtuosität, wobei lediglich einige kleine Zwischenschnitte mit offensichtlichen Rockprojektionen stören, im dynamischen Gesamtkontext der Szene aber auch nicht allzu schlimm sind.

Es ist aber nicht nur Hunts elegante Bebilderung und Inszenierung, auch ausserhalb der Actionszenen, die das clevere und eigenständig strukturierte Handlungskonstrukt zum Leben erweckt, sondern auch die Musik. John Barry liefert mit OHMSS eine seiner allerbesten Arbeiten und unterstreicht gekonnt Wirkung und Intention der verschiedenen Szenen. Einmalig in der Bondserie ist auch der Einsatz eines Instrumentalstücks als Titellied, und dennoch oder gerade deswegen ist das OHMSS-Theme in seinem schwungvollen Arrangement einer der allerbesten Vertreter dieser Sparte und findet später auch in den Actionszenen wunderbar Verwendung. Ähnlich stark mit dem Titellied als unverkennbares und identifizierendes Leitmotiv spielte später höchstens noch TMWTGG. Die vom gesundheitlich schwer angeschlagenen Louis Armstrong eingesungene Liebesballade We have all the time in the world ist ein weiterer anrührender Höhepunkt des Films und wenn Bond den Titel in der allerletzten Szene zitiert gibt dies dem Ende eine unglaubliche emotionale Gewichtung.

So sehr OHMSS heutzutage in Fankreisen als herausragender Serienvertreter gefeiert wird, so selten kommt es vor dass der Hauptdarsteller George Lazenby als bester Bonddarsteller Erwähnung findet, und das ist angesichts der Umstände auch sonnenklar. Im Vergleich mit der charismatischen Kinolegende Sean Connery, dem elegant-verschmitzten Sympathieträger Roger Moore, Vollblutschauspieler Timothy Dalton, Publikumsliebling Pierce Brosnan und der zeitgemässen Neuentdeckung Daniel Craig könnte sich keiner behaupten, schon gar nicht der Kerl, der von seinem Bond-Einstand abgesehen höchstens als Werbegesicht für Big-Fry-Schokolade bekannt geworden war. Lazenbys Verpflichtung als neuer 007 fusste in erster Linie wohl auf seiner optischen und typmässigen Ähnlichkeit zu Sean Connery, seiner überdurchschnittlichen physischen Präsenz in den Actionszenen und seiner von den Produzenten erwartete leichten Handhabung verglichen zum zunehmend eigensinnigen Star Connery. Zumindest die ersten beiden Aspekte erfüllte Lazenby im fertigen Film dann auch zu grosser Zufriedenheit, darüber hinweggesehen ist es aber wenig überraschend, dass er schauspielerisch nicht wirklich grosse Akzente setzt. Zwar ist er angesichts seines Anfängerstatus als gleichermassen sensibler wie mit allen Wassern gewaschener Geheimagent meist erstaunlich gut, einige Unsicherheiten in Bezug auf seine Rollenauslegung sind aber bemerkbar. Dass dies nicht negativ ins Gewicht fällt ist auch der Tatsache geschuldet dass OHMSS im Serienkontext stilistisch wie auch inhaltlich eine Ausnahmeposition einnimmt. Insgesamt ist es auch mehr der Film als Ganzes, und weniger der Darsteller Lazenby, der der Bondrolle hier einen neuen Stempel aufdrückt.

Zum Ausgleich sind es aber die Nebenrollen, die hervorragend besetzt sind und Lazenbys Bond ergänzen und ihn wie auch den Film bereichern. Avengers-Star Diana Rigg als Tracy di Vincenzo ist wohl eines der schauspielerisch besten Bond-Girls und meistert ihre verletzlich-toughe Figur mit Bravour. Ilse Stepatt als kratzbürstiger Wachhund Irma Bunt und Gabriele Ferzetti als verschmitzter korsischer Ganove Marc-Ange Draco stehen deutlich in der Tradition von Rosa Klebb und Ali Kerim Bey aus FRWL, bringen aber auch eigenständige Impulse in ihre Rollen mit ein. Der grösste Glücksgriff der Besetzung ist die Verpflichtung von Telly Savalas und damit einhergehend die Neuauslegung der Blofeld-Rolle. Savalas‘ Rolleninterpretation bricht zwar mit dem in den vorherigen Filmen etablierten Bild des Superschurken, passt aber perfekt in OHMSS und ist durch den sehr freien Umgang mit Kontinuitätsregeln auch gerechtfertigt. Der Savalas-Blofeld ist ein sehr physisch angelegter Schurke, der in Ski- und Actionszenen auch selbst Hand anlegt, im Gegensatz zum unsichtbaren Stubenhocker-Blofeld meistens stehend oder gehend angetroffen werden kann und dessen Katze nicht andauernd umhergeschleppt und manisch gestreichelt, sondern nur beiläufig in einer frühen Szene gezeigt wird. Auf sein Gefolge in Form penibel durchnummerierter SPECTRE-Agenten wird gleich ganz verzichtet. Bond wird mit Blofeld auch auf einer sehr physischen und aktiven Ebene konfrontiert, die direkte Gegenüberstellung der beiden ist im Endresultat dramaturgisch wichtiger als der grössenwahnsinnige Plan, den Blofeld nebenbei noch ausheckt und der mehr eine eher austauschbare Ergänzung darstellt als ein inhaltliches Kernelement. Auch die verbalen Auseinandersetzungen nehmen im Vergleich mit beispielsweise GF eine eher untergeordnete Rolle ein, wenn es sie aber gibt dann sprühen sie vor sprachlicher Eleganz und erfahren durch Savalas‘ Charisma eine weitere Belebung.

Das Warten hat sich gelohnt. Bei seiner Veröffentlichung vom Publikum eher mit Missfallen begutachtet erfährt OHMSS wenigstens heute die Resonanzen, die er schon lange verdient gehabt hätte. Der für eine lange Zeit grösste Ausreisser aus den bewährten Bond-Mustern ist ein furioser Actionfilm, der sein spektakuläres Geheimagenten-und-Superschurken-Szenario als Katalysator für eine persönliche Geschichte benutzt, die mit ihrem tragischen und endgültigen Ende in dieser Form einzigartig ist. Peter Hunts virtuose und sehr visuelle Regie bringt das starke Skript in einem Guss auf die Leinwand und variiert gekonnt festgefahrene erzählerische Merkmale der Bondserie, ohne den Charakter zu verleugnen. Dass Lazenby kein geborener Schauspieler ist und sowohl seinen Bond-Kollegen als auch seinen OHMSS-Co-Stars hinterherhinkt ist kein Geheimnis, so schlecht wie sie manchmal gemacht wird ist seine Interpretation aber bei weitem nicht und sie erfüllt ihren Zweck im Kontext des einen Films bei Weitem und passt auf eine sonderbare Art sogar richtig gut. Und so ist der damalige Tiefpunkt des goldenen Bondjahrzehnts, der 1960er, auf einmal dessen Höhepunkt.

Wertung: 10 / 10
We'll always have Marburg

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1165
Perfekt!

Ich finde es gut, dass du die ''gefahrenlosen Episode'' noch mal hervorgehoben hast. Eigentlich ist es erstaunlich, dass mir das überhaupt gefällt. Es gelingt in OHMSS, ohne das der Film dadurch im Mittelteil schwächer wird. Das hat mir an den letzten Filmen weniger gefallen (auch wenn sie trotzdem gut sind)
"Whoever she was, it must have scared the living daylights out of her."

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1167
Zunächst einmal möchte ich dir zu deiner wirklich aussergewöhnlich guten Kritik gratulieren, GP. Obwohl ich den Film in Summe deutlich kritischer sehe stimme ich in sehr vielen Punkten mit dir überein – zumindest in der Theorie (da die praktische Umsetzung in meinen Augen nicht immer der Idee in Papierform gerecht wird). Um der Diskussion Willen (wo kämen wir in diesem Subforum hin, wenn sich alle zustimmen und beglückwünschen würden! :D ) möchte ich aber dennoch versuchen, mich an ein paar Punkten „abzuarbeiten“.

GoldenProjectile hat geschrieben: Zumindest langfristig aber hat sich das Experiment gelohnt, und so konnte sich OHMSS im Lauf der Zeit immer stärker die Achtung der Fans erarbeiten und gehört heute gerade aufgrund seiner Aussenseiterrolle zu den am meisten geschätzten Bondfilmen.
Die filmhistorische Einordnung von OHMSS ist vermutlich zusammen mit der von TB/NSNA (die ja eigentlich diesbezüglich zusammengehören) die interessanteste innerhalb der Reihe. Vor allem im Vergleich zum direkten Vorgänger YOLT und Nachfolger DAF ist auffallend, wie grandios man OHMSS am damaligen Publikumsgeschmack vorbeiproduziert hat. Auch wenn strenggenommen kein wirklicher Flop, so aber doch zumindest eine relative Enttäuschung an der Kinokasse muss man unter diesem Gesichtspunkt die Entscheidungen der Herren Broccoli und Saltzman als gescheitert ansehen. Der Zeitgeist und der teilweise extreme Wandel des Publikumsgeschmack sind oftmals schon kurios, während gerade (seinerzeit enorm erfolgreiche) Filme wie YOLT und DAF heute oft als minderwertig abgeurteilt werden, hat sich der Ruf von OHMSS nicht nur stetig bei Machern und Publikum verbessert, darüberhinaus entwickelte sich der Film heimlich, still und leise fast schon zu einer Art Blaupause des „modernen“ Bondfilms. Beginnend mit den Kurskorrekturen in FYEO (bei welchem zwei an OHMSS nicht in unerheblichen Maße Beteiligte – Maibaum und Glen – federführend waren) über die Versuche dem Brosnanschen Bond gerade über die Beziehungen zu seinen Bondgirls eine menschlichere und verletzlichere Komponente zu verleihen bis hin zur recht radikalen Neudefinition von Figur und Serie in der Craig-Ära lassen sich all diese Entwicklungen auf den „gescheiterten Aussenseiterbond“ OHMSS zurückführen. Was genaugenommen seine Aussenseiterstellung auf inhaltlichem und figürlichem Gebiet mittlerweile stark relativiert, entspricht OHMSS heutzutage doch deutlich mehr der Vorstellung des modernen Massenpublikums wenn es um Bond geht als der klassische Spektakelbond. Von daher würde ich das Prädikat „Aussenseiterbond“ eher aus filmhistorischer Sicht denn aus inhaltlicher gerechtfertigt sehen.


GoldenProjectile hat geschrieben: Gerade die ambitionierten Abweichungen zum etablierten Muster der Bondfilme verleihen OHMSS eine erfrischende Eigenständigkeit, die ihn innerhalb des Kanons hervorhebt. Der springende Punkt ist sicherlich die Liebesgeschichte zwischen Bond und Tracy di Vincenzo, die eine ganz neue Facette des notorischen Frauenverschleissers Bond zeigt. Dass es zwanzig Jahre dauern sollte, bevor der romantische Aspekt wieder mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit aufgegriffen wurde, und sogar über 35, bevor sich die Macher zu einer erneuten Beziehungsgeschichte getrauten, unterstreicht die Ausnahmeposition umso mehr.
Wo konkret siehst du denn bezüglich der Ernsthaftigkeit in der Beziehung von Bond-Bondgirl einen Unterschied in LTK zu z.B. FYEO oder AVTAK? Da stehe ich momentan ein bisschen auf dem Schlauch. Davon ab empfinde ich die Liebesgeschichte in OHMSS inhaltlich zwar fraglos als von zentraler Bedeutung, in Bezug auf den kompletten Film aber nur von vergleichsweise untergeordnetem Stellenwert. Diese Einschätzung begründet sich bei mir dadurch, dass ein Grossteil des Films die Beziehung Bond/Tracy komplett ignoriert. Zumindest der große Mittelteil (beginnend mit der Gumboldszene bis zu Tracys Schlittschuhentreé) verzichtet hierauf komplett und unterscheidet sich nicht in besonders erwähnenswertem Maße von seinen Vorgängern und Nachfolgern. Auch im ersten Drittel finde ich, dass dem Konstrukt Bond-Tracy weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird, als es der Film auf der Oberfläche suggeriert…

GoldenProjectile hat geschrieben:Aber auch vom romantischen Element und dem unausweichlichen tragischen Ende abgesehen macht OHMSS einige Dinge anders als seine Serienkollegen. Bemerkenswert ist, dass sich der Film eine gute halbe Stunde Zeit nimmt, die Begegnung Bonds mit Tracy und Marc-Ange Draco zu schildern und erst dann daraus die Geschichte um Bonds Mission auf Piz Gloria abzuleiten. Das Drehbuch erlaubt sich somit eine gekonnte Variation des gewohnten Aufhängers, bei dem Bond üblicherweise deutlich schneller und direkter in seinen Auftrag hineingeworfen wird, während es sich in OHMSS fast schon zufällig aus einer eigenständigen Lebensepisode heraus entwickelt.
… denn wie du schon geschrieben hast ist der Aufbau der Handlungseinleitung lediglich eine Variation des bewährten Musters. Weder die PTS noch die anschliessende Episode im Hotel und auch nicht das Zusammentreffen zwischen Bond und Draco unterscheiden sich hier wirklich vom Aufbau früherer Filme wie beispielsweise FRWL oder GF, in welchem sich die genannten Filme auch sehr viel Zeit für vergleichsweise ruhige expositorische Szenen nehmen. Deine Beobachtung, dass Bond normalerweise deutlich schneller in seinen Auftrag hineingeworfen wird ist richtig, dies wird meiner Ansicht aber durch die variierte Briefingszene in Ms Büro wieder relativiert. Denn auch wenn M Bond keinen Auftrag erteilt, so führt diese Szene sehr direkt zu seinem eigentlichen Auftrag, nämlich der Ergreifung Blofelds (welche im Briefing ebenfalls – wenn auch strenggenommen als Entziehung des Auftrags – erwähnt und damit eingeführt wird).

GoldenProjectile hat geschrieben:Dass der Film im mittleren Akt eigentlich eine Kehrtwende vollführt, von der sich anbahnenden Romanze mit Tracy im freizeitlichen Portugal zu einer Undercover-Mission in der Alpenbastion des grössenwahnsinnigen Blofeld, fällt durch die elegante Narration kaum auf. Es ist sogar der Clou des Drehbuchs, diese beiden Teile des Films zunächst in separaten Bahnen zu lenken, und erst im letzten Drittel auf wundersame Weise zusammenzuführen und den Kreis zu schliessen. Strukturell ist OHMSS somit eine intelligente Variation des vertrauten Ermittlungsschemas und genau die richtige Grundlage für die wesentlich persönlichere Geschichte.
Das ist einer der Punkte, die sich in der Theorie sehr gut und einleuchtend lesen. Praktisch finde ich jedoch, dass die Bedeutung der Beziehung Bond-Tracy im ersten Drittel wie bereits erwähnt nicht wirklich von entscheidender Relevanz ist, da sie eher das Mittel zum Zweck ist die eigentliche Mission – Blofeld – einzuführen. Hunts mit Satchmo unterlegte Liebeskollage ist sicherlich effektiv, aber wirklichen Raum gibt OHMSS der Liebesgeschichte erst in Teilen des Schlussdrittels. Von daher sehe ich bei OHMSS die von dir angeführte Zweiteilung in deutlich geringerem Maße.

GoldenProjectile hat geschrieben:Der Film profitiert stark von dieser erfrischenden Dynamik der Handlung. So erhält Bonds Ermittlung als Ahnenforscher Sir Hilary Bray in der Höhle des Löwen durch den Umstand, dass sie im Kontrast zu den vorangegangenen Szenen mit Tracy und Draco steht und diese im Mittelteil nicht mehr auftreten, umso mehr Gewicht. Durch die direkte Gegenüberstellung mit der gefahrenlosen Episode (sieht man von einigen kleinen Missverständnissen mit Dracos Sicherheitsleuten, die zu diesem Zeitpunkt aber längst aufgeklärt sind, ab) zuvor wirkt die Mission deutlich gefährlicher und Bond stärker von seinem Leben ausserhalb des Geheimdienstes isoliert, etwas, was man in dieser Form in der Serie ansonsten kaum beobachten kann.
Auch das empfinde ich in der praktischen Umsetzung als nicht uneingeschränkt gelungen. Die von dir angesprochene Dynamik sehe ich hier eigentlich nur durch die eingeschobenen Suspense/Spannunsgmomente (Gumboldeinbruch/Bonds Kletterpartie am Stahlseil der Bergbahn), während das „Gefahrenmoment“ der Piz Gloria-Sequenz sich für mich auf keinem wesentlich höheren Niveau bewegt als die vorangehenden Szenen. Dies liegt vor allem an der launigen Art von Bonds „Ermittlungen“. Bonds Maskerade als falscher Sir Hillary ist wie hier vor einigen Posts schon einmal geschrieben kaum weniger abenteuerlich und unglaubwürdig als der japanische Connery im direkten Vorgänger. Wenn Lazenby im Schottenrock und Rüschenhemd den Gockel im Hühnerstall spielt ist das so dick aufgetragen (nicht nur schauspielerisch, sondern vor allem in Bezug auf Inszenierung und Dialoge), dass sich bei mir keine echte Spannung oder ein Gefahrenmoment einstellen kann. Dazu trägt auch bei, dass Bonds Ermittlungen oftmals mehr damit zu tun haben den Allergiegirls nachzusteigen, als seiner eigentlichen Mission nachzugehen (auch wenn am Ende das eine zum anderen führt). So entsteht für mich eher der Eindruck eines lustigen Wochenendurlaubs als einer tödlichen Undercover-Mission. Der Film versucht hier zwar gegenzusteuern durch die kurzen Momente mit Bonds blondem Kollegen, in Summe fällt dies aber nur wenig ins Gewicht und kann den amüsanten Gesamteindruck der Sir Hillary-Charade nicht ändern.

GoldenProjectile hat geschrieben:So gesehen ist OHMSS im Grossen und Ganzen vielmehr eine Geschichte über Bond und sein Leben als eine Geschichte über Bond und Tracy, respektive Bond und Blofeld, in denen das andere Element nur als Begleiterscheinung oder Störfaktor auftritt.
Das kann man sicher so sehen, allerdings ist gerade in der „Tracylosen“ Zeit OHMSS in meinen Augen zu sehr klassischer Bondfilm und folgt gerade hinischtlich Bedrohungsszenario und Schurkendarstellung (der Piz unterscheidet sich beispielsweise konzeptionell nicht wirklich vom ausgehöhlten Vulkan oder der schwimmenden Zapfsäule) seinen Vorgängern, als dass diese großen Teile des Films wirklich vom Serienstandard (zumindest dem der „klassichen“ Ära) abweichen würden.

GoldenProjectile hat geschrieben:Was danach folgt ist der ungewöhnliche Wendepunkt, in dem das Schicksal, bzw. das dramatische Finale des Films, seinen Lauf nimmt. Dieser Teil macht umso klarer, dass Bonds Romanze mit Tracy im ersten Akt des Films zwar wichtige dramaturgische und emotionale Vorarbeit geleistet hat, dieser Teil aber noch keineswegs über dieselbe romantische Gewichtung verfügte wie der Schlussakt, und auch Bonds und Dracos kurzes Gespräch über eine mögliche Zukunft mit Tracy noch sehr vage war und eher formeller Natur, um an Informationen zu gelangen. Stattdessen ist es dieses Aufeinandertreffen in einer ausweglosen Situation und die Verbindung durch gemeinsames Überleben, welche die Beziehung Bond-Tracy auf eine neue, nie zuvor dagewesene Ebene bringt.
Ja, das ist auch in meinen Augen die Schlüsselszene und genau hier verleiht der Film der Liebesgeschichte ihre Glaubwürdigkeit. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass dies eigentlich ausschliesslich über die Inszenierung erfolgt und nicht über die Dialoge. Und dazu passt dann auch, dass die deutlich offensichtlicher romantisch angelegte Szene im Heustall für mich weit weniger gut funktioniert, gerade weil Bonds Antrag hier etwas gestelzt und geschwätzig daher kommt (inklusive kurzem Sinnieren über das Wesen seines Jobs). Die Auflösung dieser Szene gehorcht dann auch wieder ganz dem Serienklischee, da Bond trotz aller vorangehender romantischer Reden am Ende dann doch wieder ganz profan das Bondgirl „flachlegt“.

GoldenProjectile hat geschrieben:Bonds abschliessende Schlittenverfolgung gegen Blofeld setzt im Prinzip die Skiszene fort und teilt deren Attribute der schier übermenschlichen Rasanz und Virtuosität, wobei lediglich einige kleine Zwischenschnitte mit offensichtlichen Rockprojektionen stören, im dynamischen Gesamtkontext der Szene aber auch nicht allzu schlimm sind.
Durch die schiere Menge an ganz offensichtlich im Studio gedrehtem Material wird dies meiner Ansicht nach aber schon zu einem kleinen Problem. Im Gegensatz zu ähnlich schwachen Rückprojektionen bis weit in die 80er hinein werden hier deutlich mehr Closeups verwendet, wodurch die real gedrehten Stuntszenen permanent durch die Studiotakes unterbrochen werden. Dadurch wirkt die Szene wie ich finde sehr unrund und inhomogen, was beispielsweise bei der konzeptionell ähnlichen Bobszene in FYEO nicht bzw. weit weniger der Fall ist, da Glen hier weitgehend auf das Stuntmaterial setzt und nur sporadische Closeups von Moore einbaut.
GoldenProjectile hat geschrieben: So sehr OHMSS heutzutage in Fankreisen als herausragender Serienvertreter gefeiert wird, so selten kommt es vor dass der Hauptdarsteller George Lazenby als bester Bonddarsteller Erwähnung findet, und das ist angesichts der Umstände auch sonnenklar. Im Vergleich mit der charismatischen Kinolegende Sean Connery, dem elegant-verschmitzten Sympathieträger Roger Moore, Vollblutschauspieler Timothy Dalton, Publikumsliebling Pierce Brosnan und der zeitgemässen Neuentdeckung Daniel Craig könnte sich keiner behaupten, schon gar nicht der Kerl, der von seinem Bond-Einstand abgesehen höchstens als Werbegesicht für Big-Fry-Schokolade bekannt geworden war.
Das ist mir dann etwas zu relativierend, denn Lazenbys Problem ist meiner Meinung nach nicht, dass er nicht so gut wie die fünf anderen Bonddarsteller ist, sondern dass er nicht als „strahlendes Zentrum“ des Films funktioniert. Ob es nun an mangelnder Erfahrung oder mangelndem Talent (bzw. Charisma) lag ist dabei eigentlich zweitrangig, ich denke aber eben schon, dass es seinerzeit diverse andere Alternativen gegeben hätte, bei denen ein Eindringen in die von dir angeführte Phalanx vermutlich alles andere als abwegig gewesen wäre. Wäre aber dann auf die eine oder andere Art sicher auch ein etwas härterer Weg für die Produzenten gewesen, die hier einen für sie scheinbar bequemen Weg wählten (was sie – und das ist dann wirklich interessant – im direkten Anschluss mit Gavin sogar nochmals wiederholen wollten), der sich schlussendlich als Sackgasse erwies.

GoldenProjectile hat geschrieben: Der Savalas-Blofeld (…) dessen Katze nicht andauernd umhergeschleppt und manisch gestreichelt, sondern nur beiläufig in einer frühen Szene gezeigt wird.
Das ist eine sehr gute Beobachtung, denn dieses Detail zeigt wie ich finde sehr schön, dass es durchaus möglich ist figürliche Klischees zu integrieren, ohne dabei sich sklavisch an fühere charakterliche Vorgaben halten zu müssen. Sehr schön, wie unverkrampft OHMSS hier mit der Blofeld-Vorgabe der Vorgänger umgeht, diese sehr deutlich neudefiniert ohne sie jedoch komplett zu brechen.

GoldenProjectile hat geschrieben: Auch die verbalen Auseinandersetzungen nehmen im Vergleich mit beispielsweise GF eine eher untergeordnete Rolle ein, wenn es sie aber gibt dann sprühen sie vor sprachlicher Eleganz und erfahren durch Savalas‘ Charisma eine weitere Belebung.
Savalas ist zusammen mit Rigg wirklich der ganz große schauspielerische Trumpf des Films und es ist beeindruckend, wie stark er in seinen gar nicht so vielen Szenen das Heft des darstellerischen Handelns an sich reisst.

GoldenProjectile hat geschrieben: Und so ist der damalige Tiefpunkt des goldenen Bondjahrzehnts, der 1960er, auf einmal dessen Höhepunkt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die „Wiederentdeckung“ von OHMSS sehr lange Zeit auf sich warten liess. So kann ich mich noch gut erinnern, dass der Film in den 80er Jahren immer noch weitgehend als der „obskure Aussenseiter“ angesehen wurde (dazu passt auch, dass die bereits erwähnte Serienneujustierung in dieser Zeit mit einigen Merkmalen von OHMSS ebenfalls eher verhaltenen Anklang fand, welche mit dem zu ähnlich „späten Ehren“ gekommenen LTK einen vorläufigen Endpunkt fand). Man darf gespannt sein, in wie weit der aktuelle zeitgenössische Geschmack, der die „Rehabilitation“ von OHMSS (wie auch vice versa die qualitative „Ächtung“ von Filmen wie DAF) erst ermöglichte, sich als dauerhaft oder gar endgültig erweist, oder ob ein erneuter Wandel des Massengeschmacks die Karten möglicherweise wieder neu mischen wird.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1168
Zuerst einmal vielen Dank für die positiven Rückmeldungen! Dass ich mit meiner positiven Beurteilung auf viel Gegenliebe stossen werde habe ich mir gedacht bzw. hätte ich mir denken sollen denn es war natürlich überhaupt nicht mein Hintergedanke.

Dass Anatol mit noch mehr "Schreibarbeit" für mich ums Eck kommt war mir dagegen von Anfang an sonnenklar. Als ob meine Finger nicht schon wund wären, nach gestern Nachmittag! :D Ich glaube bei DAF schreibe ich etwas kürzeres, der Drehbuchtext von Mr. Hinx aus SP sollte reichen und ist auch sehr zutreffend.
AnatolGogol hat geschrieben:Obwohl ich den Film in Summe deutlich kritischer sehe
Ich war selber sehr überrascht und habe mit einer 9 im Hinterkopf angefangen zu schreiben, aber beim dritten oder vierten Absatz als ich diesen ganzen erzählerischen Reichtum noch einmal habe Revue passieren lassen wurde mir klar, dass das eigentlich nicht reicht. Schon erstaunlich, welchen Sprung der Film gemacht hat. Es war damals der letzte Bond, den ich gesehen habe, und ich hatte ihn zwar inhaltlich noch perfekt auf dem Schirm, aber nicht, wie er auf mich wirkt.
AnatolGogol hat geschrieben:Wo konkret siehst du denn bezüglich der Ernsthaftigkeit in der Beziehung von Bond-Bondgirl einen Unterschied in LTK zu z.B. FYEO oder AVTAK? Da stehe ich momentan ein bisschen auf dem Schlauch.
Wenn unser allseits geliebter James seiner Gespielin einen Heiratsantrag im Heu macht ist das schon fraglos ernster als alles vorher oder nachher. :wink: Meine zwanzig Jahre waren da eher als grobe Orientierung gedacht und nicht ausschliesslich auf LTK bezogen. "Ernster" wurde es dann eigentlich erst bei Brosnan, wo man mit Paris und Elektra das Liebeselement wieder bewusster zu vertiefen versuchte, bei Craig dann noch später sowieso. Bei Dalton war es eher die Umsetzung der konzeptionell gewohnt oberflächlichen Bondgirls, die dem Ganzen etwas mehr Gravitas verleihen, Tim ist eben ein ganz grosser und seine Liebeleien in LTK aber auch schon TLD wirken durch die Darstellung und die Handlungsentwicklung wesentlich glaubhafter und schlüssiger als vieles was zuvor so abging. Mit FYEO hast du recht, der ist in dieser Hinsicht in Bezug auf Melinas Rachebackground auch etwas ernster. Wie du auf AVTAK kommst ist mir dagegen schleierhaft, ich weiss zwar nicht mehr wie der auf dem Papier genau war, aber die Stacey-Sutton-Rolle ist doch im fertigen Film so haarsträubend blöd dass ich grade auf zehn Schläuchen stehe.
AnatolGogol hat geschrieben:Diese Einschätzung begründet sich bei mir dadurch, dass ein Grossteil des Films die Beziehung Bond/Tracy komplett ignoriert. Zumindest der große Mittelteil (beginnend mit der Gumboldszene bis zu Tracys Schlittschuhentreé) verzichtet hierauf komplett und unterscheidet sich nicht in besonders erwähnenswertem Maße von seinen Vorgängern und Nachfolgern. Auch im ersten Drittel finde ich, dass dem Konstrukt Bond-Tracy weit weniger Aufmerksamkeit gewidmet wird, als es der Film auf der Oberfläche suggeriert…
Genau das meine ich ja, der erste Akt ist nicht die eigentliche Liebesgeschichte aber leistet die essentielle Vorarbeit (der Zuschauer erfährt erst einmal wer Tracy überhaupt ist und auch Bond darf sich ihr schon deutlich annähern). Im letzten Akt wird das dann weiterentwickelt, es ist zwar die Schlittschuh- und Fluchtszene, die dem ganzen den Kick gibt, ohne den Anfang wäre es aber nicht möglich oder sehr unglaubwürdig. Es wäre auch möglich gewesen, das erste Drittel später gar nicht mehr aufzugreifen, aber das wäre eine sehr merkwürdige um nicht zu sagen dumme Entscheidung gewesen. Dass Tracy im Mittelteil nicht auftaucht ist ja gerade der Clou: es fängt an mit einer längeren Romanze, über deren Begleitumstände Bond Informationen in Erfahrung bringt, anhand derer er später einem Bösewicht hinterherjagt und erst im dritten Teil wird der erste wieder aufgegriffen, durch einen kuriosen aber inszenatorisch starken Zufall wird beides zusammengebracht und in eine schlüssige, gemeinsame Klimax geführt.
AnatolGogol hat geschrieben:… denn wie du schon geschrieben hast ist der Aufbau der Handlungseinleitung lediglich eine Variation des bewährten Musters. Weder die PTS noch die anschliessende Episode im Hotel und auch nicht das Zusammentreffen zwischen Bond und Draco unterscheiden sich hier wirklich vom Aufbau früherer Filme wie beispielsweise FRWL oder GF, in welchem sich die genannten Filme auch sehr viel Zeit für vergleichsweise ruhige expositorische Szenen nehmen.
Ja, aber es ist schon bemerkenswert wie viel Zeit sich OHMSS nimmt, die Spionagehandlung einzuleiten. Bei GF ist es auch eine "freizeitliche" Zufallsepisode, die das Geschehen einleitet, in der Bond aber auch schon auf den Oberschurken trifft, bei FRWL sind einzelne Szenen sehr ruhig und ausführlich aber die Struktur als Ganzes kommt schneller auf den Punkt. Nicht so OHMSS, der die grundlegenden Elemente wie Faustkämpfe und One-Night-Stands bietet, diese aber in einen anderen Kontext stellt. In den ersten dreissig Minuten plus (ohne das jetzt nachgeprüft zu haben) geht es um Bond, Tracy und Draco, eine Episode aus Bonds Leben die wenig mit Geheimdienstarbeit zu tun hat und ihm lediglich nebenbei die Information bzgl. Blofeld/Gumbold liefert, die er benötigt um später (und ganz wichtig, die Tracy/Draco-Episode scheint an diesem Punkt vermeintlich abgeschlossen, da Bond sich jetzt wieder seinem Job zuwendet) dieser Sache nachzuspionieren.
AnatolGogol hat geschrieben:Praktisch finde ich jedoch, dass die Bedeutung der Beziehung Bond-Tracy im ersten Drittel wie bereits erwähnt nicht wirklich von entscheidender Relevanz ist, da sie eher das Mittel zum Zweck ist die eigentliche Mission – Blofeld – einzuführen. Hunts mit Satchmo unterlegte Liebeskollage ist sicherlich effektiv, aber wirklichen Raum gibt OHMSS der Liebesgeschichte erst in Teilen des Schlussdrittels.
Da widerspreche ich gar nicht, aber wie ich oben beschrieben habe ist es gerade der Witz der Sache dass dieses Einführungselement später wieder aufgegriffen wird und mit der Mission zu einem einheitlichen Schlussakt verschmilzt.
AnatolGogol hat geschrieben:ein muskelbepackter 1,90-Hüne ist als unsportlicher Bücherwurm in Punkto Glaubwürdigkeit doch ein sehr schwer zu lutschender Drops
AnatolGogol hat geschrieben:Bonds Maskerade als falscher Sir Hillary ist wie hier vor einigen Posts schon einmal geschrieben kaum weniger abenteuerlich und unglaubwürdig als der japanische Connery im direkten Vorgänger. Wenn Lazenby im Schottenrock und Rüschenhemd den Gockel im Hühnerstall spielt ist das so dick aufgetragen (nicht nur schauspielerisch, sondern vor allem in Bezug auf Inszenierung und Dialoge), dass sich bei mir keine echte Spannung oder ein Gefahrenmoment einstellen kann.
Da liegen für mich Welten dazwischen, Connerys geschminkter Faschingsjapaner ist einfach nur absurd, sowohl optisch als auch von der inhaltlichen Idee her. Lazenbys Körpergrösse oder physische Fitness beeinträchtigt für mich aber nicht seine Glaubwürdigkeit als Ahnenforscher. Du bist auch gross und trotzdem halte ich dich nicht für einen Undercover-Agenten (kann natürlich sein, dass ich mich irre...), auch ist Lazenby bei aller Fitness kein durchtrainierter, bulliger Muskelberg, mit Kleidern kann man wenig Rückschlüsse auf seine genaue körperliche Verfassung ziehen und die Allergiemädels, die ihn ohne Kleider sehen machen sich da denke ich keine grossen Gedanken. Ein junger und gutaussehender aber auch exzentrisch-verschrobener (sein etwas theatralisches Auftreten und die skurrile Garderobe) Genealoge ist für mich jedenfalls glaubwürdiger als ein hochgeschossener, behaarter und in schottischem Akzent parlierender Japaner.
AnatolGogol hat geschrieben:Das ist eine sehr gute Beobachtung, denn dieses Detail zeigt wie ich finde sehr schön, dass es durchaus möglich ist figürliche Klischees zu integrieren, ohne dabei sich sklavisch an fühere charakterliche Vorgaben halten zu müssen. Sehr schön, wie unverkrampft OHMSS hier mit der Blofeld-Vorgabe der Vorgänger umgeht, diese sehr deutlich neudefiniert ohne sie jedoch komplett zu brechen.
Ich war wirklich positiv überrascht wie wenig die Katze auftaucht. Übrigens integriert SP die Mieze ja ähnlich sparsam. Nur leider mit einem wesentlich schwächeren Blofeld als Begleitung.
We'll always have Marburg

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1169
GoldenProjectile hat geschrieben: Ich glaube bei DAF schreibe ich etwas kürzeres, der Drehbuchtext von Mr. Hinx aus SP sollte reichen und ist auch sehr zutreffend
Dabei bieten doch eigentlich gerade Filme mit vergleichsweise breiter Angriffsfläche viel mehr Ansatz für eine ausschweifende Review. Ich habs ja schonmal gesagt: schau ihn halt auf deutsch, dann noch ne Flasche Bier dazu und was zu knabbern und ab geht’s in den DAFschen Wahnsinn. :D

GoldenProjectile hat geschrieben: Bei Dalton war es eher die Umsetzung der konzeptionell gewohnt oberflächlichen Bondgirls, die dem Ganzen etwas mehr Gravitas verleihen, Tim ist eben ein ganz grosser und seine Liebeleien in LTK aber auch schon TLD wirken durch die Darstellung und die Handlungsentwicklung wesentlich glaubhafter und schlüssiger als vieles was zuvor so abging. Mit FYEO hast du recht, der ist in dieser Hinsicht in Bezug auf Melinas Rachebackground auch etwas ernster. Wie du auf AVTAK kommst ist mir dagegen schleierhaft, ich weiss zwar nicht mehr wie der auf dem Papier genau war, aber die Stacey-Sutton-Rolle ist doch im fertigen Film so haarsträubend blöd dass ich grade auf zehn Schläuchen stehe.
Dann will ich mal ein bisschen Entwirren: mir ging es bei AVTAK weniger um die Stacey-Rolle an sich (die man durchaus kritisch sehen kann), als mehr um die Beziehung von Bond zu ihr. Und da fällt auf, dass sich Bond hier erstaunlich stark als Kavallier aufspielt, etwa wenn er an ihrem Bett wache hält (man vergleiche diese Szene mal gegen sein Auftreten in Corines Schlafzimmer in MR!) oder ihr eine Quiche backt und beim Wein ernsthafte Gespräche auf rein platonischer Ebene führt. Dieses Verhalten ist – gerade weil recht ausführlich in Szene gesetzt – schon aussergewöhnlich und bis dato – sieht man mal vom „Ausnahmebond“ OHMSS ab – die reifste Beziehung von Bond/Bondgirl. Da kommen meiner Ansicht nach auch die Liebeleien von Uns Tim nicht ran. Wie schon in meiner direkten Replik auf deine Review geschrieben sehe ich den OHMSSschen Schatten hinsichtlich mehr Ernsthaftigkeit in der Bond/Bondgirl-Beziehung in den 80ern eigentlich durchgängig, was angesichts der Key Player Glen/Maibaum/Wilson auch nicht sonderlich verwunderlich ist (wie es auch nicht verwundert, dass diese Elemente in der Folgezeit sogar noch stärker erneut aufgegriffen wurden).
GoldenProjectile hat geschrieben:Genau das meine ich ja, der erste Akt ist nicht die eigentliche Liebesgeschichte aber leistet die essentielle Vorarbeit (der Zuschauer erfährt erst einmal wer Tracy überhaupt ist und auch Bond darf sich ihr schon deutlich annähern). Im letzten Akt wird das dann weiterentwickelt, es ist zwar die Schlittschuh- und Fluchtszene, die dem ganzen den Kick gibt, ohne den Anfang wäre es aber nicht möglich oder sehr unglaubwürdig. Es wäre auch möglich gewesen, das erste Drittel später gar nicht mehr aufzugreifen, aber das wäre eine sehr merkwürdige um nicht zu sagen dumme Entscheidung gewesen. Dass Tracy im Mittelteil nicht auftaucht ist ja gerade der Clou: es fängt an mit einer längeren Romanze, über deren Begleitumstände Bond Informationen in Erfahrung bringt, anhand derer er später einem Bösewicht hinterherjagt und erst im dritten Teil wird der erste wieder aufgegriffen, durch einen kuriosen aber inszenatorisch starken Zufall wird beides zusammengebracht und in eine schlüssige, gemeinsame Klimax geführt.
Hier sehe ich dennoch beim ersten Drittel den Schwerpunkt auf dem Blofeld-Plot, gerade weil die Tracy-Beziehung als „Handschlaggeschäft“ zwischen Bond und Draco geregelt wird, damit Bond den Aufenthaltsort des Möchtegern-Grafen erfährt. So wie das erste Drittel eingefädelt ist wäre es theoretisch sogar denkbar, dass Bond nur mit Tracy spielt, um an die Info zu gelangen (ähnlich wie mit Corine in MR, an welcher ihr zwar auch etwas liegt, dennoch bringt er sie aber in Gefahr, um seinen Auftrag zu erfüllen).
GoldenProjectile hat geschrieben:Ja, aber es ist schon bemerkenswert wie viel Zeit sich OHMSS nimmt, die Spionagehandlung einzuleiten. Bei GF ist es auch eine "freizeitliche" Zufallsepisode, die das Geschehen einleitet, in der Bond aber auch schon auf den Oberschurken trifft, bei FRWL sind einzelne Szenen sehr ruhig und ausführlich aber die Struktur als Ganzes kommt schneller auf den Punkt. Nicht so OHMSS, der die grundlegenden Elemente wie Faustkämpfe und One-Night-Stands bietet, diese aber in einen anderen Kontext stellt. In den ersten dreissig Minuten plus (ohne das jetzt nachgeprüft zu haben) geht es um Bond, Tracy und Draco, eine Episode aus Bonds Leben die wenig mit Geheimdienstarbeit zu tun hat und ihm lediglich nebenbei die Information bzgl. Blofeld/Gumbold liefert, die er benötigt um später (und ganz wichtig, die Tracy/Draco-Episode scheint an diesem Punkt vermeintlich abgeschlossen, da Bond sich jetzt wieder seinem Job zuwendet) dieser Sache nachzuspionieren.
Man darf dabei aber auch nicht übersehen, dass OHMSS dramaturgisch deutlich ausschweifender vorgeht als zB der diesbezüglich vergleichsweise straffe GF (OHMSS musste ja auch sehr stark runtergekürzt werden, um überhaupt auf eine vermarktbare Laufzeit zu kommen). Das ist auch in der Exposition so und man hätte das alles – in der gleichen Szenenstruktur – mit einigen Minuten weniger hinbekommen können. OHMSS ist schon in der Grundkonzeption ein eher ausladender Film, das spielt hier mit rein. Ich bin bei dir, dass der Film sein Publikum vergleichsweise lange im Unklaren darüber lässt, worauf er eigentlich hinauswill. Jedoch würde ich dies spätestens ab der M-Szene dann doch als typische Handlungsentwicklung sehen, wie wir sie aus anderen Serienbeiträgen kennen. M nennt Bonds Mission (Blofeld schnappen), Bond ermittelt nach Blofelds Aufenthaltsort (indem er das Geschäft mit Draco vollendet bzw. Tracy ihm das abnimmt). Im Anschluss geht alles seinen gewohnten Gang, bis Tracy wiederauftaucht und der Film dann wirklich in eine etwas andere Richtung geht.

GoldenProjectile hat geschrieben:Da liegen für mich Welten dazwischen, Connerys geschminkter Faschingsjapaner ist einfach nur absurd, sowohl optisch als auch von der inhaltlichen Idee her. Lazenbys Körpergrösse oder physische Fitness beeinträchtigt für mich aber nicht seine Glaubwürdigkeit als Ahnenforscher. Du bist auch gross und trotzdem halte ich dich nicht für einen Undercover-Agenten (kann natürlich sein, dass ich mich irre...), auch ist Lazenby bei aller Fitness kein durchtrainierter, bulliger Muskelberg, mit Kleidern kann man wenig Rückschlüsse auf seine genaue körperliche Verfassung ziehen und die Allergiemädels, die ihn ohne Kleider sehen machen sich da denke ich keine grossen Gedanken. Ein junger und gutaussehender aber auch exzentrisch-verschrobener (sein etwas theatralisches Auftreten und die skurrile Garderobe) Genealoge ist für mich jedenfalls glaubwürdiger als ein hochgeschossener, behaarter und in schottischem Akzent parlierender Japaner.
Ich wäre ein schlechter Geheimagent, wenn man mir das sofort ansehen würde (zumindest ausserhalb des Bond-Kosmos)… :007:

Ansonsten kommen wir in diesem Punkt dann tatsächlich nicht zusammen, da Lazenby für mich der mit Abstand bulligste und kräftigste aller Bonddarsteller ist. Ja, auch gegenüber Craig, da Lazenby einfach mehr Masse ins Spiel bringt und der halbe Kopf Unterschied an Körpergröße Lazenbys imposante Statur erst richtig zur Geltung bringt. Und ich muss dir auch widersprechen, dass man dies in seiner Sir Hillary-Verkleidung nicht sieht. Das mag bedingt für seine Ankunft in Mantel und Hut gelten, spätestens aber ab der Schottenrock-Szene sollte auch Fräulein Bunt klar sein, dass ihr hier jemand einen Bären aufbinden will. Einen muskelbepackten Ahnenforscher würde ich per se auch nicht unglaubwürdig finden, aber das Possenspiel um Höhenangst und betonte Unsportlichkeit (schon klar, die Muskeln sind ganz von alleine gewachsen…) ist dann doch äusserst starker Tobak.
GoldenProjectile hat geschrieben:Ich war wirklich positiv überrascht wie wenig die Katze auftaucht. Übrigens integriert SP die Mieze ja ähnlich sparsam. Nur leider mit einem wesentlich schwächeren Blofeld als Begleitung.
…wobei ich hier den schwarzen Peter deutlich mehr beim Drehbuch sehe als beim Darsteller…
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Filmbesprechung: "On Her Majesty's Secret Service (OHMSS)"

#1170
GoldenProjectile hat geschrieben:Der Savalas-Blofeld ist ein sehr physisch angelegter Schurke, der in Ski- und Actionszenen auch selbst Hand anlegt, im Gegensatz zum unsichtbaren Stubenhocker-Blofeld meistens stehend oder gehend angetroffen werden kann und dessen Katze nicht andauernd umhergeschleppt und manisch gestreichelt, sondern nur beiläufig in einer frühen Szene gezeigt wird.
Wichtiger noch: Als Blofeld am Telefon über Bonds Flucht per Ski informiert wird, klatscht er seine Muschi einfach schnell auf den Tisch, um Bond hinterher eilen zu können. Noch deutlicher kann Hunt eigentlich nicht werden. :D Ich für meinen Teil liebe die Blofeld-Interpretation von Telly Savalas, für mich ist er definitiv einer der allerbesten Bondschurken und ohne jede Frage mit Abstand die beste Blofeld-Inkarnation. Savalas füllt quasi das Loch auf, welches Lazenby mit seinen mit eingeschränkt noch sehr schmeichelhaft beschriebenen mimischen "Fähigkeiten" hinterlassen hätte. Ich weiß nicht mehr genau, wer es war, ob Peter Hunt selbst oder jemand anderes aus dem OHMSS Stab, aber auf jeden Fall meinte mal jemand, Savalas habe so viel Charisma und Bourgeoisie ausgestrahlt, dass er Bond eigentlich gleich selbst hätte spielen können. Ich finde, viel zutreffender kann man es eigentlich nicht ausdrücken - und darin ähnelt Savalas dann ja auch den ähnlich hochkarätigen Auftritten von Robert Shaw und Christopher Lee, auf die diese Attribute ebenfalls im besonderen Maße zutreffen. Savalas, Rigg und Ferzetti sind allesamt Gold wert und ich finde auch, dass gerade die Draco Rolle hervorragend funktioniert und das größtenteils über ihren Darsteller. Ferzetti, den wir wohl alle am ehesten durch "Once Upon a Time in the West" von Sergio Leone erinnern, braucht sich da hinter Ali Kerim Bey bestimmt nicht zu verstecken. Er hat aber auch den Vorteil, dass Draco schon im OHMSS-Roman von Fleming die interessanteste Person ist und damit für die Leinwand viel Futter da ist. Ilse Steppat finde ich ebenfalls wunderbar, zumal sie einen Rollentyp darstellt, den wir so in einem Bondfilm wohl nie wieder zu Gesicht kriegen werden (und wenn doch: Bitte mit Cate Blanchett besetzen).
GoldenProjectile hat geschrieben:Zumindest die ersten beiden Aspekte erfüllte Lazenby im fertigen Film dann auch zu grosser Zufriedenheit, darüber hinweggesehen ist es aber wenig überraschend, dass er schauspielerisch nicht wirklich grosse Akzente setzt.
Da bist du aber SEHR nett zum alten George. Um es mal hart auszudrücken - er liest hier ja hoffentlich nicht mit: Lazenby war ein Amateur, er spielt wie ein Amateur und er wirkt wie ein Amateur. Und alle Probleme, die ich mit OHMSS habe, gehen leider maßgeblich von seiner wirklich wirklich wirklich ganz wirklich nicht guten Performance aus. Natürlich hat er vor der Kamera eine bemerkbare Selbstsicherheit. Natürlich hat er eine wirklich beachtliche physische Präsenz, mit der er sogar den ähnlich körperlichen Craig leicht in den Schatten stellt. Natürlich rennt kein Bonddarsteller so schön und dynamisch wie er. Und natürlich hat seine unbeholfene Art im Umgang mit den Piz Gloria Girls etwas amüsantes an sich. Aber das ändert leider alles wenig daran, dass ich Lazenby bis auf die Schlussszene mit der toten Tracy keine einzige Szene zu keiner Sekunde ernsthaft abkaufe - und es hilft wenig, dass er nahezu alle seine Szenen sich mit Schwergewichten wie Ferzeitt, Steppat, Rigg und Savalas teilt, sodass er eigentlich den ganzen Film an die Wand gespielt seine Zeit mehr absitzt, als mich in irgendeiner Art und Weise zu unterhalten. Hier rettet ausnahmsweise mal die deutsche Synchro eine Menge, da der unsterbliche Gert Günther Hoffmann wirklich viel aus Lazenby stimmlich rausholt, wo im Originalton seine Stimme seine mangelnde Erfahrung nur umso mehr betont.
AnatolGogol hat geschrieben:Auch wenn nie wirklich langatmig, so macht sich vor allem in den Szenen auf dem Piz Gloria durchaus eine gewisse Länge bemerkbar. Man sieht über eine recht lange Zeit hinweg Bond bei dessen amourösen Bemühungen zu.
Ich denke, es ist diese 3 Akter Struktur, die auf dem Papier keine gute Idee ist, und über deren Güte die Umsetzung und das Empfinden der Umsetzung entscheidet. Rein auf dem Papier begründet halte ich diese Dreiteilung des OHMSS Plots für gar keine gute Idee. Der Film etabliert in seiner ersten Hälfte eine Liebesbeziehung (und allerspätestens in der Parallelmontage ist glasklar, was Hunt einem da erzählen will), um sie dann für 45 Minuten nicht nur zu unterbrechen, sondern auch noch so zu tun, als wäre nix gewesen. Krass ausgedrückt vögelt der gute James sich trotz seiner großen Liebe zu Tracy weiter durch die Weltgeschichte. Na klar: Ich bin genauso wie ihr absolut dankbar dafür, dass es da auf dem Piz Gloria keine Szene gibt, in der Bond nach dem nächsten Schäferstündchen traurig mit Schmollmund im Bett liegt und darüber grübelt, warum ihm der Fremdenverkehr ( :mrgreen: ) keinen Spaß mehr bereitet. Aber mal unabhängig davon was ich sehen will oder nicht, ist das komplette Auslassen der Tracy-Romanze für einen so langen Handlungszeitraum keine wirklich sinnvolle narrative Lösung. Aber: Angesichts dessen ist es in meinen Augen schon überraschend, wie treffsicher Hunt als Regisseur hier zusammenschweißt, was eigentlich nicht zusammen gehört. Natürlich ist die große Überraschung, als Tracy zu Bonds Rettung erscheint und das letzte Drittel einleitet, keine, denn es ist von Anfang an klar, dass sie noch mal eine Rolle spielt (ihr langer Aufbau war viel zu bedeutend im Vorfeld, als das sie dann einfach versanden würde). Dennoch gelingt es Hunt, den Film dramaturgisch sehr treibend zu erzählen und der Umschwung vom sehr untypischen Feeling der ersten Dreiviertelstunde hin zum klassischen Bondfilm auf Piz Gloria gelingt sehr schön. Vorbildlich auch, dass Hunt die große Knalleraction (alles, was auf Ski so abgeht) lange aufspart und vorher eher auf schnelle Faustkämpfe setzt, die bei Bond selten so gut inszeniert wurden.
GoldenProjectile hat geschrieben:die direkte Gegenüberstellung der beiden ist im Endresultat dramaturgisch wichtiger als der grössenwahnsinnige Plan, den Blofeld nebenbei noch ausheckt und der mehr eine eher austauschbare Ergänzung darstellt
Korrekt. Dieser ganze Hypnose-Blödsinn (So eindeutig 60er waren die 60er Jahre bei Bond wie nieder, als in dem Fantasy-Quark) und der Todesengel-Kram sind so lächerlich austauschbar, dass Blofeld genauso gut die Vereinten Nationen erpressen könnte, um eine neue Gurkenreform durchzusetzen. Hunt braucht diesen Superschurken-Plan nur, damit Bond etwas hat, dass er im Laufe der Handlung aufdecken kann und genau so wird dieser Plotstrang auch behandelt. Das funktioniert, obwohl es faul ist, imo sehr gut. Zumal besonders die Szene, in der Bond und Blofeld das erste Mal miteinander sprechen nach Bonds Enttarnung, wohl der in meinen Augen beste Moment des Films ist und vielleicht die beste Szene ihrer Art in der ganzen Serie (und auch in ihr zeigt sich Hunts sehr ungewöhnliche visuelle Aufmachung, beim wiederholten schnellen Zoomen auf den Weihnachtsengel). OHMSS zeigt sehr gut, wie man sich die Klischees der Reihe sehr sinnvoll zu eigen machen kann, um etwas eigenes daraus zu machen, ohne sie aber dafür aufgeben zu müssen.
AnatolGogol hat geschrieben:Die PTS von OHMSS stellt für mich neben der Ski-Verfolgung den eigentlichen Höhepunkt des Films dar
Die PTS von OHMSS dürfte eine der besten Pre Title Sequenzen der Bondgeschichte sein. Da stimmt wirklich alles, das ist ganz großes Bondkino und mündet zurecht in den absolut famosen Schlussgag. Ganz toll! Die Ski-Verfolgung sehe ich wie du mit absoluter Begeisterung, das ist ein so hoher Standard, dass die Reihe ihn danach nie wieder so wirklich erreichen konnte (TSWLM und AVTAK zeigen ja nur ein paar kurze Stunts, TWINE ist eher schwach gefilmt und FYEO ist aufwendig, aber eben nicht so visionär und kraftvoll wie OHMSS es vormacht). Überhaupt hat Hunt ein bemerkenswertes Gespür für Fäustkämpfe, Bonds Aufeinandertreffen mit dem Schläger in Tracys Zimmer oder seine schnelle Abfertigung der Männer, die ihn zu Draco bringen wollen, sind richtig begeisternd. Zu dem Thema Zeit, dass Eric und du ansprechen: Sicherlich ist das in OHMSS eine Art Leitmotiv, aber die vielen Anspielungen an frühere Bondfilme (sei es nun in der Sanduhr der TS, in der Szene in Bonds Büro, Ms Nennung der Goldfinger Affäre oder Bond in seinem Büro mit den Gegenständen und Melodien vergangener Abenteuer) sind sicherlich zu einem nicht geringen Teil vor allem der Tatsache geschuldet, dass man auf Nummer sicher gehen und dem Publikum vermitteln wollte, dass Lazenby eben immer noch denselben Bond spielt, den auch Connery verkörperte. Gerade bei der TS-Sanduhr gäbe es auch zu bemängeln, dass die gewählten Bildausschnitte da leider teils reichlich merkwürdig sind oder kann mir jemand erklären, warum als Rückschau auf YOLT unbedingt ein in die Kamera schreiender Ninja gezeigt werden musste, wo bei anderen Filmen auf wichtige Figuren zurückgegriffen wurde?
GoldenProjectile hat geschrieben:So gesehen ist OHMSS im Grossen und Ganzen vielmehr eine Geschichte über Bond und sein Leben
Das ist ein sehr schöner Satz. Er passt zu OHMSS, er passt zu Hunt, und er passt zu Fleming, den man in OHMSS mehr merkt als in jedem anderen Bondfilm (außer vielleicht noch in FRWL). Damit ist der emotionale Kern von OHMSS sehr gut erfasst und die Tragik, die das wirklich (für mich heute noch) harte Ende beinhaltet, weitgehend erklärt. Beachtlich finde ich hierbei manch eindeutige Parallele zwischen der Charakterzeichnung Bonds in OHMSS und der Charakterzeichnung Bonds in den Craig Filmen ab CR. Tatsächlich ist OHMSS in mehrerer Hinsicht der Vorläufer der Craig-Ära, und das mehr als es der ähnliche Außenseiter-Bondfilm LTK ist. LTK ist sicher vergleichbar emotional angelegt und in der Konzeption ähnlich, eine Geschichte über Bond als eine Geschichte mit Bond zu erzählen, dennoch verweigert er die Moralisierungen, von denen Anatol im Zusammenhang mit OHMSS spricht und die man definitiv auch in CR und Gefolge bemerken kann. Gleichzeitig hat OHMSS auch einen Hang zur Epik, den ansonsten ebenfalls nur die modernen Craig Bonds in der Form teilen. Wenn die Helikopter bei Sonnenaufgang zu Blofelds Festung stürmen, und Tracy ein altes Gedicht zitiert, könnte das direkt aus einem Mendes Film importiert sein.
GoldenProjectile hat geschrieben:Bonds abschliessende Schlittenverfolgung gegen Blofeld setzt im Prinzip die Skiszene fort und teilt deren Attribute der schier übermenschlichen Rasanz und Virtuosität
Da teile ich Anatols Ansicht: Zu wenig Stuntschau, zu viel Studioarbeit mit etwas kuriosen Rückprojektionen, die man 1969 definitiv viel besser hätte hinbekommen müssen. Dafür ist die Auflösung der Szene mit dem Hund aber nett, ein typischer Bondmoment. Trotzdem läuft OHMSS da im Schlussakkord etwas zu lange, eine kurze Verfolgungsjagd durch den Schnee zwischen Bond und Blofeld (die es ja auch gibt) hätte völlig ausgereicht, sofern man sie kreativ beendet hätte. Ganz unrecht hat unser General da schon nicht: Es ist teils etwas zu viel Action bei zu viel Laufzeit. Die Stock Car Crash Sache ist sicher überflüssig und auch etwas zu viel Slapstick in dieser ernsten Phase des Films. Was man aber auch mal loben muss, neben den tollen Bogner Stunts: Die Lawinenszene ist phänomenal getrickst, erst recht für das Veröffentlichungsdatum. Bin immer wieder erstaunt, wie gut das funktioniert und mit wie einfachen Mitteln man da so ein tolles Resultat geschaffen hat. Richtig cool auch im Showdown der Moment, als Bond auf der Curling Bahn mit dem Maschinengewehr richtung Kamera rutscht und dabei das Bond-Theme spielt. Super, ein richtig cooler Bond-Moment. Interessant ist, dass bis zu dieser Einstellung das OHMSS Theme so dominant ist, dass man fast glauben könne, Barry wolle damit die alte Norman Komposition gar ersetzen. In diesem Thema zeigt sich erneut Barrys unerreichbare Qualität: Das Thema hat alle dramatischen Töne des Films, aber auch so viel treibenden Suspense, dass es vielfach einsetzbar ist. Der alte Meister von Leitmotiven zeigt in OHMSS sehr schön, wie man mit nur 2-3 Themen einen ganzen Score rasant gestalten kann. Ausnahme ist hierbei die Gumboldt-Sequenz, die musikalisch ganz stark an den berüchtigten Laser Beam erinnert.
AnatolGogol hat geschrieben:Dieses Verhalten ist – gerade weil recht ausführlich in Szene gesetzt – schon aussergewöhnlich und bis dato – sieht man mal vom „Ausnahmebond“ OHMSS ab – die reifste Beziehung von Bond/Bondgirl.
Volle Zustimmung. Abgesehen von OHMSS hat AVTAK auch in meinen Augen die vermutlich reifste Beziehung zwischen Bond und Bondine im Zeitrahmen von 1962-1989. Das ist in AVTAK schon sehr auffällig gewollt, die lange Küchenszene etwa, die du erwähnst, kann da eigentlich gar nicht missverstanden werden. Das ist einer der Aspekte, die in AVTAK mit am schönsten sind und die den Film für mich dann doch interessant machen, obwohl ich ihn als Fan im von mir bevorzugten Zeitrahmen 62-99 als einen der schwächsten Beiträge der Reihe ansehe. Ja, schwächer als DAF, den man durchaus liebgewinnen kann.
AnatolGogol hat geschrieben:spätestens aber ab der Schottenrock-Szene sollte auch Fräulein Bunt klar sein, dass ihr hier jemand einen Bären aufbinden will
Jep, da bin ich bei dir und das ist auch ein ziemlicher Knackpunkt an der langen Piz Gloria Nummer. Wirklich glaubwürdig ist das überhaupt nicht und es ist eigentlich schlimmer als Connerys Tarnung in YOLT, da diese zwar die Handlung auffällt, aber immerhin später dann eigentlich auch komplett egal ist (streich die Szene raus und nix passiert). Der OHMSS Kniff ist aber schon eine ziemlich große Sache, die später auch durchgehend wichtig ist und nie so recht einleuchten will. Wahrlich ist das aber nichts, wofür der Film jetzt groß Schelte meinerseits einsteckt - das Kollege Moore 1979 mal eben so ohne viel Training ins All und zurück fliegt stört mich ja auch kaum, obwohl ich um die Unwahrscheinlichkeit dieses Ereignisses weiß.
AnatolGogol hat geschrieben:So wie das erste Drittel eingefädelt ist wäre es theoretisch sogar denkbar, dass Bond nur mit Tracy spielt, um an die Info zu gelangen
Dagegen spricht aber mehr als offensichtlich die Kitsch-Montage im ersten Drittel. Spätestens da ist klar, dass Tracy eine große Rolle spielt. Leider schiebt der Film sie DIREKT DANACH (!!!) aufs Abstellgleiß für knapp eine Stunde. Wie gesagt: Es ist schon beachtlich, wie gut Hunts Film funktioniert, obwohl da auf dem Papier einiges doofer klingt als es dann im Film wirkt. Übrigens: In CR ist das ganz ähnlich, funktioniert für mich aber deutlich weniger effektiv. Auch da ist die Handlung eigentlich ein Dreiakter, aber Hunt weiß mir das geschickter zu verschleieren als Campbell. Eric sprach im Zusammenhang mit Hunt von einer sehr visuellen Regie, was sich durchaus unterstreichen lässt. Tolle Überblenden, Jump Cuts, für Bond äußerst ungewöhnliche Stilisierungen (man denke nur an Tracy vor rotem Licht in der Scheune) oder die Skiszenen mit Bond und Tracy, bei denen Hunt nur über die Bilder und Actionchoreo mehr über die Verliebtheit der beiden erzählt, als es die Scheunen Szene (die dann eher eine Drehbuchszene ist) auch nur im Ansatz hinbekommen hätte (hier bin ich wieder bei dir: Das ist eine Szene, die ein Höhepunkt des Films sein müsste, aber dann doch zeigt, das Bondfilme nicht aus ihrer Haut können). Ich kann verstehen, dass man da gerade als Fan der etwas experimentelleren Herangehensweise an den klassischen Bondfilm gerade in OHMSS einen Höhepunkt sieht. Ich selbst schätze den Film ebenfalls sehr, gerade wegen seines Ausnahmestatus, wenngleich er nie mein Top-Favorit werden wird, was zu 90 Prozent an Lazenby und zu 10 Prozent am folgenden Anatol-Zitat liegt:
AnatolGogol hat geschrieben:Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass für mich das machohafte Auftreten des Connery-Bonds (und auch des Moore-Bonds) keine Fassade oder einen Schutzpanzer, sondern eben die Essenz des Charakters darstellt. Bond sehe ich als Genussmenschen, der das was er macht gern und bewusst macht und nicht als aus einem Trauma geborene Überschuss- oder Ersatzhandlung. Dieser Punkt stellt für mich dann auch einen essentiellen Unterschied zwischen der Bond-Darstellung der Connery- und Moore-Ära und dem der Craig-Ära dar – und in Teilen auch zu dem aus OHMSS.

Sehr schön, Anatol. Ich sehe immer wieder mit Freude, dass wir eine sehr ähnliche Sicht auf den Bond-Charakter haben - und witzigerweise hast du hiermit auch sehr gut erklärt, warum OHMSS mit der Craig Ära mehr gemein hat als der andere Ausnahme-Bond LTK, der trotz einem mehr an Emitionen weit weniger entmystifizierend im Bezug auf die Charakterzüge von 007 angelegt ist. Ich mag OHMSS wie erwähnt sehr, aber einige Darstellungen der Bondfigur (so Flemingesk sie sein mögen) widerstreben dann doch dem, was ich bei Bond sehen will. Da OHMSS das aber meist eher bei Andeutungen belässt, ist er für mich deutlich angenehmer als die "tieferschürfenden" Craig Filme...
Prejudice always obscures the truth.