Re: Zuletzt gesehener Film

#9648
Hat irgendjemand von euch (schon THE RHYTHYM-SEKTION (Zeit der Rache) mit Blake Lively gesehen? Ist ja in den USA megagefloppt.......aber hier will man es ja nun als VoD versuchen. Habe den Roman in der deutschen Übersetzung und mir gefällt das erste Stephanie Patrick-Abenteuer echt gut.

Würde mich nurmal interessieren wie so die Verfilmung lt. eurer Meinung geworden ist.
" Denn bei allen Dingen die den Tod betreffen ist SPECTRE strengstens unparteiisch !", Ernst Stavro Blofeld (Max von Sydow) in SAG NIEMALS NIE.

Re: Zuletzt gesehener Film

#9649
Otto e Mezzo (Fellini, 1963)

Nach vielen Jahren mal wieder gesehen, ich hatte ihn nach all der Zeit gar nicht mehr so genau auf dem Schirm. Fellini spielt elegant mit autobiographischen Zügen, Komödie, Selbstfindungsdrama und Traumsequenzen, und das alles in teils überwältigenden Schwarzweissbildern und mit teils überwältigenden Schauspielerinnen (Claudia Cardinale, sabber, hechel). Das ist so ein Film bei dem ich über einige Passagen hinweg dachte, in ein paar Jahren und mit ein paar weiteren Sichtungen könnte das einer meiner Lieblingsfilme sein, nur um dann in der nächsten Szene zu denken, ne das klappt nicht ganz. Trotzdem 8 Punkte, weil's insgesamt viel Spass macht in seiner verspielten, leichtfüssigen Art.

Um noch etwas gescheites loszuwerden: Was mir teilweise sehr aufgefallen ist, ist die merkwürdige Dissonanz zwischen Bild und Ton. Oft scheinen Stimmen, Gelächter, Ausrufe etc. gar nicht wirklich "aus dem Bild" zu kommen, nicht zuletzt weil fast nichts im gesamten Film lippensynchron ist (und ich rede von der italienischen Originalfassung). Vor allem in einigen der ruhigen, leisen Traumsequenzen scheint es dadurch manchmal mehr als würden Off-Erzähler die Szene nachspielen als wie ein "richtiger" Dialog, was den unwirklichen und entrückten Ton des Films noch verstärkt.
We'll always have Marburg

Re: Zuletzt gesehener Film

#9650
GoldenProjectile hat geschrieben:
11. Mai 2020 11:58


Um noch etwas gescheites loszuwerden: Was mir teilweise sehr aufgefallen ist, ist die merkwürdige Dissonanz zwischen Bild und Ton. Oft scheinen Stimmen, Gelächter, Ausrufe etc. gar nicht wirklich "aus dem Bild" zu kommen, nicht zuletzt weil fast nichts im gesamten Film lippensynchron ist (und ich rede von der italienischen Originalfassung).
Da damals die meisten italienischen Filme komplett stumm gedreht und dann synchronisiert wurden, könnte das die Ursache sein. Sergio Corbucci hat gar mal behauptet er ließe die Darsteller am Set deswegen nur Zahlen aufsagen, das habe ich ihm allerdings nie geglaubt, da das auch sehr, sehr viele ganz praktische Nachteile hätte, aber bei Fellini könnte ich mir sogar das vorstellen ...

Re: Zuletzt gesehener Film

#9651
Bei Corbucci würde das aber sogar noch Sinn machen, weil das vermutlich eh ein sprachliches Wirrwarr war und wie bei vielen Italowestern in verschiedenen Sprachen nachsynchronisiert wurde.

Bei Fellini kann ich es mir eher als Stilmittel vorstellen, besonders für die Traum-/Erinnerungsszenen, weil eben die häufige Stille, also das Fehlen von Nebengeräuschen zusammen mit den sehr "externen" Stimmen diesen entrückten Charakter noch unterstreichen. Im normalen Dialog ist es aber gewöhnungsbedürftig, ich schaue ja immer Original und fehlende Lippensynchronität springt durchaus ins Auge bzw. Ohr.
We'll always have Marburg

Re: Zuletzt gesehener Film

#9652
The Mission (Roland Joffé, 1986)

Unterhaltsames Konglomerat aus Kolonialabenteuer, Glaubensdrama, Politthriller und Actionfilm, angesiedelt vor der grossartigen Kulisse des südamerikanischen Regenwaldes und bildgewaltig in Szene gesetzt. Die Regie lässt zwar gelegentlich noch Raum nach oben, aber das ist Jammern auf einem hohen Niveau weil die visuelle Gestaltung der Natur doch meistens sehr gelungen ist und das Geschehen nur hin und wieder etwas zu klein wirken lässt. Die Charaktere mitsamt ihren Eigenschaften, Motivationen und Entwicklungen sind einfach aber sehr effektvoll herausgearbeitet, vor allem der zum Jesuitenpriester gewandelte Sklavenjäger, und da hilft es, dass De Niro durchaus noch auf dem Zenit seines Könnens agiert.

Wertung: 8 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

#9653
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@GoldenProjectile

Bei Roland Joffés THE MISSION (1986) hatte ich gestern noch darüber nachgedacht ob ich diesen in der Befragung als "Besten Film, der vor 1900 spielt", wähle.

Erwähnenswert ist sicherlich auch die Verpflichtung von Robert Bolt am Drehbuch, der schon einen gewichten Anteil bei mehreren monumentalen Epen David Leans hatte. Liam Neeson agiert in einer Nebenrolle als Jesuitenpriester und ist noch weit entfernt von seinem großen Durchbruch.
Jahrelang gab es in der Bundesrepublik nur eine geschnittene Fassung auf DVD, wobei größtenteils verschiedene Massaker-Szenen an den indigenen Bevölkerung herausgenommen gewesen sind. Ich bin mir nicht ganz sicher ob diese ursprünglich kürzere Variante damals so in den bundesdeutschen Kinos auch gelaufen ist.
Besonders hervorzuheben ist meines Erachtens der Soundtrack des Films, den Ennio Morricone beigesteuert hat, wobei das Thema GABRIEL'S OBOE zu den ganz großen Highlights zählt. Bei zahlreichen seiner aufgeführten Konzerte stellt seine Komposition zu THE MISSION den Abschluss dar, wobei das chorale ON EARTH AS IT IS IN HEAVEN besonders spektral in Erinnerung bleibt.

Kleine Anekdote am Rande:
Bei einer Rundreise durch Brasilien Anfang der Neunziger hatte ich auch die Möglichkeit die berühmten Iguazú-Wasserfälle, die in dem Film eine gewichtige Rolle spielen, zu besuchen. Auf der brasilianischen Seite befindet sich der umwerfende Panoramablick, während man auf der argentinischen Seite des Parks durch die Anlage wandern kann. Entsprechend amüsant war es, dort als erstes am Kioskeingang mit der Filmmusik aus THE MISSION begrüßt zu werden.

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Re: Zuletzt gesehener Film

#9654
Paris Can Wait (Coppola 2016)

Nicht Francis, nicht Sofia, sondern die Frau Gemahlin, die sich nach einigen Dokumentarfilmen auch mal im Spielfilm-Regiestuhl versuchte. Ein Roadmovie-RomCom-Geplänkel mit Arnaud Viard und Diane Lane in Frankreich, das sich in grossen Teilen als verfilmter kulinarischer Reiseführer präsentiert. Gediegene Einwegkost, die im letzten Drittel plötzlich überraschend an Charme gewinnt und mich dann doch ganz zufrieden zurückgelassen hat. Eleanor Coppolas Inszenierung zeugt von gewissem visuellem Talent, das erzähltechnisch teils noch etwas ungelenk eingesetzt wurde.

Wertung: 6 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

#9655
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (Wenders 1972)

Ein früher Film von Wim Wenders über einen Fussballer, der den Sport offenbar genau so langweilig und phlegmatisch findet wie ich und daher ziellos durch Österreich streift. Eigentlich passiert nicht viel, man sieht ihm anderthalb Stunden zu, wie er verschiedenen Leuten begegnet, eine Frau umbringt und weiter umherstreift, in einer ziellosen Monotonie, darauf wartend, was nun passiert. Ein sehr eigenwilliger Film, der den Charme der 70er, des Landes und des sehr merkwürdigen Zustandes zwischen Flucht und Eigenauslieferung versprüht. Schwierig, aber auch interessant.

Wertung: 7,5 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

#9656
Bei Wenders wartet man gerne mal länger auf Godot, und ähnlich wie bei Jarmusch ist er ein Meister der Entspannung. Der Tormann ist besonders schön und so rätselhaft in sich. Kennst du Im Lauf der Zeit?
Prejudice always obscures the truth.

Re: Zuletzt gesehener Film

#9658
Als deutscher Filmfan kommt man um den Film ja einfach nicht drumherum. "So wie es jetzt ist, ist es besser, es gibt kein Kino mehr, als dass es ein Kino gibt, wie es jetzt ist." Dicke Empfehlung, neben dem Tormann mutmaßlich der beste Wenders.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Zuletzt gesehener Film

#9659
Wobei ich ja gar kein deutscher Filmfan bin. :wink: Und der Tormann ist für mich auch nicht der beste Wenders... Aus der Erinnerung:

Angst des Tormanns 7,5 / 10
Alice in den Städten 9,5
Der amerikanische Freund 9
Der Stand der Dinge 8
Paris, Texas 9
Der Himmel über Berlin 8
We'll always have Marburg

Re: Zuletzt gesehener Film

#9660
Da ich vor wenigen Monaten schon ne Kritik zu Knives Out geschrieben habe kommt jetzt keine neue, sondern nur ein Zusatz, nach der ersten DVD-Sichtung im Originalton.

Wie die meisten richtig guten Filme wird auch Knives Out bei mehrmaligem Schauen immer besser. Und auch der Originalton lohnt sich. Zum einen hat sich mir der letzte Satz im Film jetzt erst richtig erschlossen (Ich habe ein "sie" für ein "Sie" gehalten...), vor allem verwandelt der extreme Südstaatenakzent Daniel Craigs den Film in eine Komödie. Speziell in der ersten Filmhälfte musste ich bei jedem zweiten Satz Craigs Lachen. Ich kann aber verstehen, wenn für manch einen die Glaubwürdigkeit darunter leidet. Die deutsche Version wäre dann eine gute Alternative, da fehlt der Akzent logischerweise. Auch nach der dritten Sichtung in viereinhalb Monaten hat der Film nichts an seiner Faszination verloren und steht nach wie vor bei 10/10 Punkten und lässt sogar die meisten anderen 10er Filme hinter sich.
Auch ein Blick ins Bonusmaterial lohnt sich. Nicht nur, weil man da zwei tolle zusätzliche Szenen zu sehen bekommt, die aber vollkommen zurecht geschnitten wurden, sondern auch, weil man die große Freude spürt mit der insbesondere Rian Johnson am Werk war.
"You only need to hang mean bastards, but mean bastards you need to hang."