Welcher ist der beste Film von Quentin Tarantino?

Reservoir Dogs
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
Pulp Fiction
Insgesamt abgegebene Stimmen: 3 (18%)
Jackie Brown
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
Kill Bill: Volume 1
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (12%)
Kill Bill: Volume 2
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
Death Proof: Todsicher
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (12%)
Inglourious Basterds
Insgesamt abgegebene Stimmen: 3 (18%)
Django Unchained
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (12%)
The Hateful Eight
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
Once Upon a Time... in Hollywood
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (6%)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 17

Re: Die Filme des Quentin Tarantino

#916
AnatolGogol hat geschrieben:
20. Januar 2020 10:02
Casino Hille hat geschrieben:
19. Januar 2020 02:05
In meinen Augen sind es Szenen wie diese, in denen Tarantino mehr leistet als mit seinem technischen Können zu überzeugen oder seinem filmenzyklopädischen Wissen anzugeben. Hier erweist er sich als intelligenter und mutiger Filmemacher, der nichts dem Zufall überlässt und sich mit einfachen Dingen nicht zufrieden gibt, der Schwarz-Weiß-Denken nicht gedankenlos bedient.
Ich bin mir da nicht ganz so sicher wie du. Denn dafür funktionieren viele von Tarantinos Film im Hinblick auf die gezeigte Moral am Ende doch zu eindeutig. Klar, in IB werden die Amis als tumbe Holzköpfe dargestellt und der Nazi-Protagonist als das intellektuell turmhoch überlegene Cleverle, aber Ende obsiegt dann ja doch wieder das „Gute“ im Sinne eines eher einfachen Schwarz-Weiss-Moraldenkens. Nix gegen das Ende von IB, das ist super und absolut perfekt, spiegelt aber eben auch eine einfache Moral wieder, die sich häufig bei Tarantino finden lässt. Ob das nun die bösen Skalvenhalter sind, die ultracool niedergemäht werden, die hinterhältig-bösartigen Hippies, denen ordentlich der zensiert versohlt wird oder eben ein sadistischer Frauen-Mörder, der eine Kostprobe seiner eigenen Medizin verabreicht bekommt. Am Ende behält hier immer die Gruppe die Oberhand, die die allgemein gültige Moral auf ihrer Seite weiss. Klar, Tarantino lässt sie alle auch böse und ambivalent handeln, aber die übergeordnete Moral ist bei ihm eigentlich eher simpel geprägt.
Also: Einerseits sehe ich deinen Standpunkt absolut als berechtigt an. Tarantino hat in Filmen wie IB oder DU sicherlich kein Interesse daran, sich auf die Seite der Nazis oder Sklavenhalter zu schlagen - dafür sind seine Filme auch zu revisionistisch angelegt, ihm geht es um eine Art cineastische Aufwertung der Realität, und darin steckt sicherlich auch eine Form von moralischer Erzählung. In den heiligen Hallen des Kinos hat er die Möglichkeit, "die Dinge richtig zu stellen"... Wenn man diese Haltung seinerseits verstanden hat, dann ist das Ende von beispielsweise "Once Upon a Time... in Hollywood" auch keine allzu große Überraschung. Muss es auch nicht sein. Zudem fällt auf, dass eigentlich in all seinen Filmen am Ende das "Gute" obsiegt; selbst in RD und H8 fällt das auf, obwohl diese verhältnismäßig fatalistisch enden.

Andererseits gibt es da mehr als nur diesen Aspekt, zumindest fällt es mir schwer, hier bloß "einfaches Schwarz-Weiß-Moraldenken" zu sehen. Zumindest nicht vom jeweiligen Ausgang seiner Filmhandlungen her betrachtet - zustimmen würde ich dir eher bei der Ausgangslage, also bei der Art Stoffe, die er wählt. Wenn man seine Filme aber vom Schluss her aufdröselt, dann würde dir jeder Erzähler sagen, dass es schwierig ist eine glückende Dramaturgie so zu arrangieren, wenn im finalen Akt die unterdrückende Partei gewinnt. Tarantino schlägt sich in seinen Filmen immer auf die Seite der Unterdrückten oder "Untergebenen" (in Stoffen wie PF oder JB). Und das setzt im Kern auch einen Sieg dieser Protagonisten voraus. In meinen Augen ist das auf die Filme an sich bezogen keine moralische Überlegung, sondern eine erzählerische. In Death Proof sind die Frauen des zweiten Teils alleine schon durch unser filmisches Vorwissen in einer vermeintlich schwächeren Position - der Twist ist dann ja, dass sie sich im Gegenteil als die stärkere Partei herausstellen.

Wenn ich bei QT eine moralische Grundhaltung erkenne, dann wie erwähnt in der Auswahl seiner Stoffe. Er dreht keinen "Steiner", sondern einen "Inglourious Basterds". Wobei auch "Steiner" auf eine Art Moral hinsteuert, die sich letztlich ebenfalls durch die erzählerische Notwendigkeit herauskristallisiert, nach der die schwächere Partei (Steiner und seine Männer) sich einer Übermacht (den Russen) konfrontiert sehen.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Die Filme des Quentin Tarantino

#917
GoldenProjectile hat geschrieben:
20. Januar 2020 15:58
Dann sollten sie ihr sagen, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollen und anderswo einen auf cool machen gehen. Ich hänge ja auch nicht mit Leuten rum die ich gar nicht mag und liefere sie an irgendwelche Vergewaltiger aus, wenn ich gerade nicht mit ihnen rumhängen will... Ich nehme das weder besonders ernst noch verändert oder beschädigt es den Film für mich nennenswert, aber nüchtern für sich gesehen find ich die Szene ziemlich daneben und blöd, sie bringt dem Film auch nichts, weder finde ich sie irgendeiner Form lustig noch hilft sie mir - wie von dir vorgeschlagen, oder war es Hille? - die drei Gören in Bezug auf ihre Rache an Mike figürlich zu interpretieren, bzw. halte ich letzteres nicht für nötig.
Das kann ich gut nachvollziehen, auch wenn ich persönlich die Situation im Kontext des Films tatsächlich witzig fand. Bei Tarantino ist halt alles möglich und eigentlich darf er in seinem ureigenen Genre und seinem Filmuniversum eigentlich auch alles und sei es noch so verwerflich „in der realen Welt“. Qunetins Filme sind tief verwurzelt im Exploitation- und Pulp-Kino und entsprechend laut, wüst, überzogen und jenseits von normalen Konventionen bewegen sich die Geschichten und Figuren dann auch. Betrachtet man Tarantinos Filme so, dann ist tatsächlich alles stimmig und es ist dann eher weniger zielführend einzlne Elemente auf dem Seziertisch mit der Realität zu vergleichen (wie z.B. alpenländische Akzente :) ). Aber wie gesagt kann ich dein Unbehagen in besagter Szene mit der cheerleadenden Mary Elizabeth gut nachvollziehen, so muss ich z.B. in IB beim Verhör von Richard Samel und angesichts Tarantinos Logik, wer alles als massakrierenswerter Nazi zu betrachten ist, auch etwas schlucken.
GoldenProjectile hat geschrieben:
20. Januar 2020 15:58
Und wurde er besonders abfällig behandelt? Er stand doch nach einer gewissen Zeit in der Kneipe eher positiv im Mittelpunkt und mindestens die blonde McGowan hat sich ihm gegenüber doch tadellos benommen.
Zumindest hat es sich die blonde Rose nicht nehmen lassen sich in dessen Hörweite eher unvorteilhaft über den ollen Mike zu äussern:

Jungle Julia: [to Arlene] I think you got Mike laid tonight.

[the two of them laugh]

Jungle Julia: [to Stuntman Mike] Looking good, Cannonball Run!

Pam: He's just giving me a ride.

Jungle Julia: Oh, no doubt.

Arlene: [waves to them] Have a nice ride.

[they go back to laughing]

Pam: Look, double-fucks...

[she approaches them]

Pam: ...I am not gonna fuck him!

Stuntman Mike: [as he lights a cigarette] I can hear you!

[Jungle Julia and Arlene laugh and Pam approaches even closer]

Pam: He's old enough to be my da...

Stuntman Mike: I can still hear you!



Davon ab machen sich doch die Hühner in einer Tour über Mikes Aussehen, Narbe, Alter und Tischmanieren lustig. Und die alten Shows in denen er gedoubelt hat kennt auch keine! :mrgreen:
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Die Filme des Quentin Tarantino

#918
Casino Hille hat geschrieben:
21. Januar 2020 10:55
Also: Einerseits sehe ich deinen Standpunkt absolut als berechtigt an. Tarantino hat in Filmen wie IB oder DU sicherlich kein Interesse daran, sich auf die Seite der Nazis oder Sklavenhalter zu schlagen - dafür sind seine Filme auch zu revisionistisch angelegt, ihm geht es um eine Art cineastische Aufwertung der Realität, und darin steckt sicherlich auch eine Form von moralischer Erzählung. In den heiligen Hallen des Kinos hat er die Möglichkeit, "die Dinge richtig zu stellen"... Wenn man diese Haltung seinerseits verstanden hat, dann ist das Ende von beispielsweise "Once Upon a Time... in Hollywood" auch keine allzu große Überraschung. Muss es auch nicht sein. Zudem fällt auf, dass eigentlich in all seinen Filmen am Ende das "Gute" obsiegt; selbst in RD und H8 fällt das auf, obwohl diese verhältnismäßig fatalistisch enden.

Andererseits gibt es da mehr als nur diesen Aspekt, zumindest fällt es mir schwer, hier bloß "einfaches Schwarz-Weiß-Moraldenken" zu sehen. Zumindest nicht vom jeweiligen Ausgang seiner Filmhandlungen her betrachtet - zustimmen würde ich dir eher bei der Ausgangslage, also bei der Art Stoffe, die er wählt. Wenn man seine Filme aber vom Schluss her aufdröselt, dann würde dir jeder Erzähler sagen, dass es schwierig ist eine glückende Dramaturgie so zu arrangieren, wenn im finalen Akt die unterdrückende Partei gewinnt. Tarantino schlägt sich in seinen Filmen immer auf die Seite der Unterdrückten oder "Untergebenen" (in Stoffen wie PF oder JB). Und das setzt im Kern auch einen Sieg dieser Protagonisten voraus. In meinen Augen ist das auf die Filme an sich bezogen keine moralische Überlegung, sondern eine erzählerische. In Death Proof sind die Frauen des zweiten Teils alleine schon durch unser filmisches Vorwissen in einer vermeintlich schwächeren Position - der Twist ist dann ja, dass sie sich im Gegenteil als die stärkere Partei herausstellen.

Wenn ich bei QT eine moralische Grundhaltung erkenne, dann wie erwähnt in der Auswahl seiner Stoffe. Er dreht keinen "Steiner", sondern einen "Inglourious Basterds". Wobei auch "Steiner" auf eine Art Moral hinsteuert, die sich letztlich ebenfalls durch die erzählerische Notwendigkeit herauskristallisiert, nach der die schwächere Partei (Steiner und seine Männer) sich einer Übermacht (den Russen) konfrontiert sehen.
Ich tue mich bei Tarantino halt wirklich schwer damit einzuschätzen, was in seinen Filmen jetzt wirklich kalkulierte Ambivalenz und was mehr oder weniger ein Abfallprodukt der stilisierten Coolness ist. Ich versuche es mal anhand eines Beispiels zu verdeutlichen: die geballte Mädelswelt in DP erfüllt ja fraglos die Aufgabe der Protagonisten und - wenn man in solch klassischen Kategorien bei einem Tarantino-Film überhaupt denken will - Identifikationsfiguren. Jetzt ist es aber so, dass die Mädels - und vor allem die in der ersten Hälfte - weissgott nicht die ganze Zeit positiv rüberkommen oder ich sage mal besser rüberkommen müssen. Denn neben der selbstbewussten Coolness mit der sie auftreten kann man durchaus auch eine ganze Menge Arroganz, Selbstverliebtheit, Überheblichkeit und Bösartigkeit (gerade beim so häufig zelebrierten "Ablästern") erkennen. Ähnlich verhält es sich auch in Hälfte 2 mit dem Höhepunkt in Form des von GP angeführten "Abschiebens" von Miss Winstead. Ist das jetzt von Tarantino Absicht, um bewusst eine klare schwarz/weiss bzw. gut/böse Charakterisierung zu vermeiden? Oder ist es eher so, dass Tarantino hier weitgehend bis ausschliesslich daran interessiert ist die Mädels möglichst cool und selbstbewusst in Szene zu setzen (ohne dass die negativ angeführten Punkte hier wirklich in seinem Sinn waren)? Für das Funktionieren des Films ist diese Frage unerheblich, aber im Zweifel tendiere ich eher in die Richtung, dass Tarantino in erster Linie an der Stilisierung seiner Figuren interessiert ist und das bedeutet Coolness rules. Kann sein dass ich ihm da Unrecht tue, aber die von dir ja auch angesprochene Auflösung seiner Filme im Sinne einer eher einfachen Moral passt für mich da besser dazu als zu einem durchorganisierten figürlichen grau in grau (wie z.B. beim Kollegen Verhoeven).
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"