Welches sind die drei besten Scorsese-Filme?

Who's that knocking at my door? (Keine Stimmen)
Boxcar Bertha (Keine Stimmen)
Mean Streets
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Alice doesn't live here anymore (Keine Stimmen)
Taxi Driver
Insgesamt abgegebene Stimmen: 5 (22%)
New York, New York (Keine Stimmen)
Raging Bull
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
The King of Comedy
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
After Hours
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
The Color of Money
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
The last temptation of Christ (Keine Stimmen)
Goodfellas
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (17%)
Cape Fear (Keine Stimmen)
Age of Innocence (Keine Stimmen)
Casino
Insgesamt abgegebene Stimmen: 4 (17%)
Kundun (Keine Stimmen)
Bringing out the Dead (Keine Stimmen)
Gangs of New York
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Aviator (Keine Stimmen)
The Departed
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Shutter Island
Insgesamt abgegebene Stimmen: 2 (9%)
Hugo Cabret (Keine Stimmen)
The Wolf of Wall Street
Insgesamt abgegebene Stimmen: 1 (4%)
Silence (Keine Stimmen)
The Irishman (Keine Stimmen)
Insgesamt abgegebene Stimmen: 23

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#31
Ungeachtet dessen was man als Einzelner über seine Filme denkt ist es wahrscheinlich unbestritten, dass Martin Scorsese zu den grössten Filmemachern der vergangenen 40 Jahre zählt. Viele seiner Werke gelten als Klassiker oder Meilensteine und auch ich mag seine Arbeiten sehr gerne, was Scorsese ohne Zweifel zu einem meiner Lieblingsregisseure macht.

Sein bester Film ist in meinen Augen die schonungslose Charakter- und Sozialstudie Taxi Driver, dicht gefolgt von der nicht minder harten Mafia-Ballade GoodFellas. Ebenso schätze ich das Boxer-Drama Raging Bull, obwohl dieses im Schlussakt ein wenig an Qualität verliert, wie ich finde. Trotzdem besticht Letztgenannter durch die unglaublich virtuose Bildgestaltung der Gewalteruptionen und Boxszenen und deren Kontrast zu den ruhigen, klassisch schwarz-weissen Erzählmomenten, welche den Zuschauer in der Filmgeschichte mehrere Jahrzehnte zurück mitnehmen. Ebenso stark ist der Einsatz der Musik aus Cavalleria rusticana.

Narrativ sind Scorseses Filme häufig unkonventionell, z.B. eben Raging Bull der streckenweise als eine Art Tagebuch konzipiert ist, aber auch GoodFellas, toll verpackt als semi-dokumentarische Autobiographie und zu grossen Teilen durch Voice-over erzählt. Das ist sicherlich speziell und man kann es mögen oder nicht; ich persönlich liebe die fast durchgehende Untermalung mit zeitgenössischen Songs und die unverblümte Milieu-Erzählung. Natürlich sind hier auch die Darsteller erstklassig; Joe Pesci als cholerische Ratte, De Niro als subtiler und eleganter Gangsterboss und Paul Sorvino als allmächtiger Pate. Andererseits; wenn Ray Liotta anfängt zu spielen kann sich eigentlich jeder renommierte Schauspielkollege im nächstbesten Wald verstecken. Gerade weil er in einzelnen Aspekten seiner Darstellung zum Chargieren neigt spielt er so lebendig, so eingehend, und die Figur des Henry Hill gibt ihm genau den nötigen Raum für eine tolle Performance.

Beachtlich ist auch, wie Scorsese das Konzept von GoodFellas als Casino gewissermassen wiederverwertet und dabei gleichwohl etwas Neues schafft. Nicht zuletzt durch den illustrierenden Charakter der Off-Kommentare nimmt Scorsese den Zuschauer mit auf eine Reise in das Glücksspiel-Milieu und dessen dunkelste Abgründe, und kann sich dabei während drei Stunden Filmlaufzeit immer an seine faszinierende Verbindung von Montage, Ausstattung, Musik, Kamera, Farben und Schnitt halten. Jede Einstellung ist ein Genuss. Kaum ein anderer Film den ich kenne hat Las Vegas mit seiner überladenen Opulenz so schön fotografiert wie Casino, umso erstaunlicher ist es dann, wenn Scorsese diese glamouröse Fassade aus Dekadenz nach und nach durchbricht und durch drastische Gewaltdarstellungen die rücksichtslose Welt der Mafia mit ihren gnadenlosen, gewinnorientierten Mechanismen offenlegt. Die Analogie dazu findet sich in den Charakteren, die ihre schillernden Oberflächen immer mehr verlieren und zu Figuren mit Konturen und Problemen werden, die kämpfen müssen um in diesem Sog aus Gewalt, Misstrauen und Korruption zu überleben, woran sie nahezu alle tragisch scheitern. Bewundernswert ist, dass sich Casino fast ausschliesslich auf die drei Hauptfiguren und ihre Beziehungen untereinander abstützt. De Niro war selten so gut wie hier, er portraitiert einen Manager, der ungeniert und egozentrisch vom System der Mafia profitiert, sich bei der Festigung seiner Macht aber selber mit seinen Skrupeln und Gefühlen im Weg steht. Ihm zur Seite steht ein ebenso heuchlerischer und herrlich grössenwahnsinniger Joe Pesci, und auch Sharon Stone muss sich vor den beiden keineswegs verstecken, sie schafft die Darstellung ihres tragischen Werdegangs ohne zu nerven. In Summe ist Casino für mich ein grossartiges Filmerlebnis und ein wahrer Genuss über drei Stunden.

Anders als Maibaum und Anatol teile ich die Meinung nicht, dass Scorseses Arbeit in seinen jüngeren Werken auffallend an Qualität verloren habe. Aviator mag einige Längen haben und ist sicherlich kein Meisterwerk, hinterlässt aber einen gewissen Eindruck und ist als Biopic flüssiger und unterhaltsamer als der stellenweise recht sperrige J. Edgar von Clint Eastwood, der ebenfalls mit DiCaprio aufwartet. Die Howard-Hughes-Biografie überzeugt durch die interessante Mischung aus dem Stil der 1920er/30er/40er und der überladenen, künstlichen Bildkomposition mit reichhaltigem Set-Design und kräftigen, schillernden Farben. Die ikonenhaft auf DiCaprios Hughes ausgerichtete Inszenierung federt dabei mögliche Mängel im Handlungskonzept mühelos ab.

Bezüglich Departed verstehe ich die teilweise eher harschen Bewertungen nun wirklich nicht, denn der Film steht GoodFellas und Casino in fast nichts nach. Die Besetzung ist mit Nicholson, DiCaprio, Sheen, Damon, Anderson, Winstone, Farmiga, Baldwin und Wahlberg absolut göttlich und überhaupt hat der Film eine überaus lebendige Figurenzeichnung und fesselnde Charakterkonstellationen. Auf darstellerischer und charakterlicher Ebene gibt es da für mich nichts zu auszusetzen. Die Art und Weise wie Scorsese die Geschichte sehr langsam durch die Erforschung eines Milieus bzw. einer bestimmten Situation entstehen lässt mag nicht jedermanns Sache sein, steht aber in bester Tradition seiner Mafiafilme. Ausserdem finde ich da das Ende immer noch sehr stark - nicht der Nachklapp vor dem Abspann sondern die gesamte Szene auf dem Dach und im Fahrstuhl. Da läuft es mir auch nach zahlreichen Sichtungen immer wieder aufs Neue kalt den Rücken hinunter.

In Zahlen:

1976: Taxi Driver 10 / 10
1980: Raging Bull 8,5 / 10
1990: Goodfellas 9,5 / 10
1995: Casino 9 / 10
2004: Aviator 7,5 /10
2006: Departed – Unter Feinden 9 / 10
2010: Shutter Island 7,5 / 10
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Re: Die Filme des Martin Scorsese

#33
Gestern habe ich nun endlich mal Taxi Driver gesehen. Nach all den Lobeshymnen waren meine Erwartungen entsprechend hoch und ich muss sagen das mir der Film sehr gut gefiel, auch wenn er vom Unterhaltungsfaktor nicht sooooo gut war wie z.B Goodfellas.

Über DeNiros Leistung gibt es keine zwei Meinungen. Er spielt diese Rolle.. nein, er IST der Taxi Driver. Es ist eine der besten Perfomances die ich bisher gesehen habe und definitiv eine großartige, exzellente und beinahe legendäre von DeNiro. "Redest du mit mir?" - ;)

Auch die Nebendarsteller sind super. Ich bin zwar nicht der größte Fan von Jodie Foster aber hier mag ich sie. Besonders umgehauen hat mit Harvey Keitel. Das der Mann klasse ist, steht ja sowieso außer Frage aber der Look und das Schauspiel hier - total abgefahren. Ne echt krasse Rolle, finde ich. Ebenso umgehauen hat mich der Auftritt von Scorsese selbst, bei dem ich im Film noch nicht zu 100% wusste das er es auch ist. Mein Freund der Eric hatte mich nachher drauf hingewiesen. Sehr, sehr cool. Zumal mir das Gesicht auch so bekannt vorkam. Natürlich sind auch die anderen Nebendarsteller gut besetzt und machen einen ordentlichen Job.

Soundtrack technisch stach der Film meiner Meinung nach nicht so heraus. Aber ich denke das ist bei jedem anders. Es passte zum Film aber es ist nichts, dass ich nun loben oder selber anhören würde. Optisch gefiel mir das ganze auch sehr. Vorallem aber sind die Dialoge klasse. (auch im deutschen)

Alles in allem bleibt zu sagen das ich den Film ziemlich gut fand, aber es für mich nicht der beste Scorsese ist. ;)

9*/10

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#34
Mean Streets (1973)

Wieder mal eine feine Nummer von einem meiner Lieblingsregisseure, in der sich auch schon deutlich Scorseses Handschrift zeigt. Mean Streets ist in mancher Hinsicht eine Art Blaupause von Scorseses späteren Filmen, vor allem Taxi Driver (Stil und Ausprägung) und Goodfellas (Thematik und Konzept). Auch hier geht es mehr um das Milieu der Mafia im New York Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und um die darin lebenden Charaktere als wirklich um eine klar umrissene Geschichte, und viele Kleinigkeiten versüssen den Film: Die Musik, die wieder eine tragende Rolle spielt und nahezu jede Szene mit peppigen oder melancholischen Songs untermalt, die Dialogperlen wie De Niros kleine Story am Anfang, die grellrote Ausleuchtung der alten Pubs und Restaurants, die langen Steady-Shots, zum Beispiel bei der etwas anderen Billardszene und, und, und. Darstellerisch liefert die Gruppe um Harvey Keitel laufend grundsolide Leistungen, obwohl De Niro der einzige ist, der wirklich hervorsticht.

8 / 10
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Re: Die Filme des Martin Scorsese

#36
Ich durfte vorhin in den Genuss von Hugo Cabret kommen. Ein wahrhaftig großer Film von Scorsese.

Der Film zelebriert das Kino förmlich und ist mehr oder minder sogar als Liebeserklärung an Film und Kino gerichtet. Großartig wie Scorsese die Geschichte um Hugo Cabret webt und diese immer weiter ausarbeitet. Stück für Stück kommen mehr Details zusammen, mehr wird offenbart und am Ende fügt sich alles so wunderbar zusammen. Großartig inszeniert.

Die Kamerafahrten sind wundervoll, die Optik absolut großartig und auch der Soundtrack passt super zum Französischen Umfeld des Films. Paris als Location für den Film zu nehmen kommt nur gut. Die Figuren sind allesamt großartig. Die Besetzungsliste kann sich mehr als nur sehen lassen. Der bis dahin noch unbekannte, aber stark spielende Asa Butterfield meistert die Hauptrolle großartig und geht an der Seite von Hit-Girl Chloe Grace Moretz entgegen meiner Erwartungen nicht unter. Neben diesen beiden toll zusammenspielenden hat man noch wahre Größen wie Sir Ben Kingsley oder Sir Cristopher Lee engagiert. Es ist nicht nur großartig, was die beiden mit ihren Rollen machen sondern auch großartig sie in einem solchen Film zu sehen. Scorsese hatte ja schon immer ein gutes Händchen für Darsteller. In weiteren Rollen sind Sacha Baron Cohen, Ray Winstone, Jude Law, Helen McCrory, Emily Motimer, Richard Griffiths (Rip) und Frances de la Tour zu sehen. Jeder trägt seinen Teil dazu bei, das diesen Film so wundervoll macht.

Liebevoll sind alle Details ausgearbeitet und teilweise wirkt das ganze wie ein großes Märchen. Vielleicht einer von Scorsese's wichtigsten Filmen. Im Kino, im Film kann man sich verlieren. Man kann Träume wahr werden lassen, sein wer man will. In eine andere Welt eintauchen und alles andere vergessen. Kino ist mehr als nur Unterhaltung. Der Beitrag den er hiermit leistet ist für Kinoliebhaber ganz groß. Leute die Filme der bloßen Unterhaltung wegen gucken, werden wohl gar nicht erst verstehen, welch Liebe dieser Film auszudrücken versucht. Dennoch sollte er auch so gut unterhalten.

Genug geschrieben. Kurz gesagt: Ein toller Film mit tollen Bildern, tollem Cast, schönem Soundtrack und einer wundervollen Liebeserklärung.

9,5/10

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#37
Nach meiner neuesten Liebeserklärung an die Kunst der bewegten Bilder in Form eines Tattoos mit verschnörkeltem Filmstreifen sollte ich dem auch gerecht werden und mal wieder etwas zum Thema Film schreiben.

Die Story: Max Cady, ein brutaler Schläger und Vergewaltiger kommt nach Jahren im Gefängnis frei und will sich an dem Anwalt rächen, dem er die Haftstrafe zu verdanken hat. In der Stadt angekommen beginnt er, dessen Frau und Tochter zu stalken und die Familie psychisch zu zermürben. Cady geht so geschickt vor, dass er juristisch nicht belangt werden kann und nachdem auch ein Privatdetektiv und ein Schlägertrupp daran gescheitert sind, ihn aufzuhalten, gerät das Duell ausser Kontrolle...

Ein Köder für die Bestie (1962, J. Lee Thompson)
Darsteller: Gregory Peck, Robert Mitchum, Polly Bergen, Telly Savalas, Martin Balsam, Lori Martin, Barrie Chase

Die erste Verfilmung des Romans ist in schönem Schwarzweiss und wurde von Thompson brillant als straffer und spannungsvoller Psychothriller im Hitchcock-Stil konzipiert. Auch die Darsteller sind durch die Bank gut, Mitchum macht aus seinem Max Cady einen animalischen, unbestechlichen und verdammt zähen Täter. Zunächst noch als unnahbarer Lebemann, der auf Bowdens Abwehrversuche mit purer Lässigkeit reagiert auftretend, wandelt er sich mehr und mehr zum unberechenbaren Tier, diese Steigerung ist wirklich beängstigend umgesetzt. Neben ihm sehen wir Martin Balsam als Polizeichef und Telly Savalas als Privatdetektiv.

Einige Szenen werden durch Kamera, Schnitt und Beleuchtung sehr spannend und wirkungsvoll aufgebaut. Natürlich kongenial unterstützt durch die Musik von Bernard Herrmann, der in Sachen Soundtrack mal wieder erstklassige Arbeit leistet. Was mir auch sehr gefällt und beim Remake ein wenig fehlt ist die anfänglich noch sehr undurchsichtige Positionierung der beiden Seiten: Scorsese baut den Anwalt von Anfang an als Opferlamm auf, während Thompson ihn und seinen Freund, den Polizeichef moralisch zweifelhaft agieren lässt: Cady wird von Anfang an unter diversen Vorwänden von der Polizei schikaniert und das Vorgehen der Justiz wird dabei ganz und gar nicht als gerecht und unvoreingenommen dargestellt.

Bis dahin ist das alles schön und gut und hätte 8,5 Punkte gegeben, aber dann kommt das Finale auf dem Flussschiff und in den umliegenden Sümpfen. Zwanzig Minuten lang nervenzerfetzende Spannung und ein unglaubliches Mitfiebern ohne Pause. Die Intensität und Brutalität des Films klettert hier noch einmal auf ein ganz anderes Niveau. Herrmann treibt seine Streicher-Attacken fast auf sein eigenes Psycho-Niveau, beim Zweikampf tut jeder Schlag weh und Gregory Peck, der zuvor den ganzen Film über etwas blass war, läuft zu absoluter Hochform auf und explodiert förmlich. Eine wahnsinnige Steigerung eines eh schon sehr guten Psychothrillers und die Wertung wird entsprechend nach oben korrigiert.

9,5 / 10

Kap der Angst (1991, Martin Scorsese)
Darsteller: Nick Nolte, Robert De Niro, Juliette Lewis, Joe Don Baker, Jessica Lange, Gregory Peck, Martin Balsam, Robert Mitchum

Scorseses Version von Cape Fear ist ehrlich gesagt etwas eindimensionaler als die Erstverfilmung, der Horror durch Max Cady wird an manchen Stellen mehr plakativ als subtil dargestellt. De Niro macht seine Sache gewohnt sehr gut; sein Killer ist insgesamt perfider als Mitchum, dafür aber auch perverser und gestörter. Diese Ausschmückungen sind es, die eben ein wenig plakativ daherkommen, da Cady im Original ja ohne Tattoos, Fetisch und Monologe sehr wirkungsvoll dargestellt wurde. Solche Übertreibungen in der Auslegung der Figuren hätte der Film nicht nötig gehabt, doch zum Glück weiss Scorsese ja immer noch, wie man einen guten Thriller dreht. Und so manövriert auch er sich ziemlich gekonnt durch die Story, klammert sich nicht zu sehr an den Vorgänger und übernimmt den tollen Herrmann-Score kurzerhand für das Remake.

Im Mittelteil gibt es eine sehr schräge Szenerie zwischen Cady und Bowdens Tochter in den Theaterkulissen, die ganz und gar nicht zum Geist des Vorgängers passt (die entsprechende Stelle ist bei Thompson übrigens ein Highlight, wenn auch völlig anders in Inhalt und Auslegung), aber trotzdem sehr schön aufgebaut wird. Dann wäre da noch die Szene mit den drei Rowdys, die ich bei Scorsese einfach besser finde. Bei Thompson war sie zu kurz, schlecht vorbereitet und zu wenig intensiv. Auch bei den hinzugedichteten Passagen in Bowdens Haus liefert Scorsese hervorragende Thrillerkost und einen extrem guten Schockmoment. Hier spielt übrigens erneut ein ehemaliger Bond-Gegner den Detektiv.

Bis zu diesem Punkt ist Cape Fear zwar oft anders, aber nicht wirklich schlechter als das Original. Der Showdown auf dem Boot kann dem 60er-Film dann aber leider nicht das Wasser reichen. Die Spannung verpufft fast in der Abfolge von plakativen Extremitäten und Effekten, die dem Konzept des verstörenden Stalking-Thrillers einfach nicht gerecht werden. Es scheint, als wollte Scorsese noch einmal um jeden Preis schockieren, dabei erreicht er aber nicht das nervenzerreissende Duell auf Leben und Tod aus dem Vorgänger.

Trotzdem ein guter Film von einem meiner Lieblingsregisseure.

7,5 / 10
We'll always have Marburg

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#38
Ich bin von beiden Versionen nicht so recht begeistert, sind beide ok aber mehr auch nicht. Das Original ist mir über weite Strecken etwas zu behäbig und obwohl ich Peck und Mitchum immer sehr gerne sehe und schätze find ich sie hier etwas verschenkt (obwohl Mitchum natürlich schön bösartig spielt und auch entsprechend effektiv in Szene gesetzt wird - vor allem durch die Unterstreichung seiner physischen Präsenz). Verwirrend fand ich Savalas mit Toupet zu sehen, diese filmische Obskurität blieb mir fast noch am meisten vom Original in Erinnerung. :mrgreen: Alles in allem fand ich Die Kanonen von Navarrone von Thompson viel überzeugender.

Das Remake hab ich damals im Kino gesehen und war da eigentlich auch recht angetan. De Niros Over-the-Top-Psychopath machte Laune, Nolte sah ich schon damals gern und die reisserisch plakative Inszenierung einerseits und die gelungene Spannungserzeugung vor allem in den ersten beiden Filmdritteln fesselten mich damals im Kinositz. Heute sehe ich den Film deutlich kritischer, mir ist die Inszenierung über einen Großteil des Films einfach zu zäh. Zwar wird das immer wieder aufgelockert durch nette, teilweise bizarre Szenen (zB der laut lachende Cady im Kino, Cady und die Schläger ("Aaaanwaaaalt!") oder die berühmte Daumenlutschszene) - was auch für mich nach wie vor eigentlich den Hauptreiz den der Film heute noch hat ausmacht - aber oft zieht sich der Film doch ganz schön. Vor allem das Ende finde ich heute nicht mehr gelungen, das ist weitgehend unspannend und deutlich zu lang und nicht endenwollend. Pluspunkte beim Remake sind der schön in die vollen gehende De Niro, die in ihrer naiv-unschuldigen Art phantastisch aufspielende Juliette Lewis und die launige Vorstellung von Joe Don Baker. Mittlerweile als völlig fehlbesetzt empfinde ich Nick Nolte - obwohl er trotzdem seine Sache ordentlich macht, aber die Rolle des Biedermanns will in meinen Augen nicht zu ihm passen. Lange fand ich schon bei Erstsichtung anstrengend und nervig - wobei das ja eigentlich perfekt zu ihrer Figur passt. Die Szenen mit ihr gehören für mich dennoch zu den Schwächsten des Films.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#39
Vielleicht solltest du Thompsons Version nochmal anschauen. Wenn sich Mitchum durch die Sümpfe anschleicht und mit Peck auf Leben und Tod kämpft ist das nämlich um Klassen spannender als das Toupet von Telly Savalas. :wink:

Was du zum Remake, besonders zum Showdown sagst, sehe ich ähnlich.
We'll always have Marburg

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#40
Anatol, da kann ich deinen eher seichten Kommentar zu Thompsons Original nun wirklich gar nicht nachvollziehen, ich bin da mehr bei GoldenProjectile, selten hat mich ein Thriller und noch seltener ein Showdown so gepackt und der Vergleich mit Hitchcock drängt sich an mehreren Stellen doch nahe zu auf, auch abseits von Bernard Herrmanns unfassbar atmosphärischem Soundtrack. Aus der Erinnerung würde ich Scorseses Version sogar sehr ähnlich bewerten, bin mir da aber aufgrund der Jahre die zwischen heute und der letzten Sichtung liegen mittlerweile etwas unsicher und werde dies sobald wie möglich korrigieren. :)
Prejudice always obscures the truth.

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#41
GoldenProjectile hat geschrieben:Vielleicht solltest du Thompsons Version nochmal anschauen. Wenn sich Mitchum durch die Sümpfe anschleicht und mit Peck auf Leben und Tod kämpft ist das nämlich um Klassen spannender als das Toupet von Telly Savalas. :wink:
Aber unbestreitbar ist Savalas Zweithaar die größere cineastische Besonderheit. :lol:
Der launige Vergleich war aber auch nicht so wirklich ernst gemeint. :wink:
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#42
Das Ende der Scorsese Version ist wirklich so einfallslos daß es den ganzen Film runterzieht. Beste Szene ist die in der De Niro das Mädchen verführt. Juliette Lewis spielt das klasse. Fast schon die einzige Szene die wirklich herausragend ist.

Dem alten Cape Fear hätte ein besserer Regisseur gut getan, auch wenn Thompson hier besser als üblich ist. Trotzdem ein starker Thriller. Aber wäre das wirklich ein potentieller Hitchcock? Wenn ja hätte der wahrscheinlich das Meisterwerk daraus geschaffen zu dem ein Durchschnittsregisseur wie Thompson nicht fähig ist.

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#43


Quentin Tarantino redet über Taxi Driver.

Recht hat er, seine Begründungen, warum Scorseses Meisterwerk für ihn - wie auch für mich - zu den besten Filmen aller Zeiten zählt sind nachvollziehbar, wie ich finde. In der Tat kann ich die Filme, die Taxi Driver in meinen Augen das Wasser reichen können, an einer Hand abzählen.
We'll always have Marburg

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#44
Gestern habe ich mir noch einmal Goodfellas angesehen.

Von wegen Star Selection! Die DVD spielt in einer ziemlich niedrigen Liga. Der Film wurde in zwei Hälften geschnitten und auf beide Seiten einer Dual Disc verteilt, so dass man zuerst einmal herausfinden muss, auf welcher Seite sich der erste Akt befindet, und dann in der Mitte nochmal aufzustehen hat um DJ für arme zu spielen. Ganz so unerwünscht kommt diese kleine Pause aber nicht, denn bis dahin haben De Niro und Konsorten schon so viel gequalmt und gepafft, dass man sich selber nicht mehr zurückhalten kann.

Ansonsten natürlich immer noch absolute Oberklasse wie gewohnt. Besonders gut finde ich Scorseses authentischen, fast schon dokumentarischen Weg, das Milieu zu bebildern und dass er trotzdem eine Vielzahl an ästhetischen Stilmitteln einsetzt. Nennenswert ist natürlich die Restaurant-Szene, die aus einem mehrminütigen Steadycam-Shot besteht. Ich wage kaum, mir den Aufwand dahinter vorzustellen, all diese Statisten und Komparsen zu koordinieren dass es eine perfekte Szene wird. Und die Szene ist perfekt.

Des Weiteren ist die im zeitlichen Kontext verhaftete Musikauswahl stets stimmig und Liotta einer der wenigen Schauspieler, der die "Kunst des Chargierens" überzeugend beherrscht. De Niros feinsinnige und ruhige Performance knüpft an seine Glanzzeiten in den 70ern an und bildet einen Kontrast zum rücksichtslosen, laut lachenden und in schnellem Italo-englisch quasselnden Joe Pesci.

Mit seiner dreckigen aber veredelten Art und seiner eigenständigen Konzipierung und Visualisierung ist Goodfellas der geborene Gegenpol zu Coppolas Trilogie und einer der besten seines Genres. 9,5 / 10
We'll always have Marburg

Re: Die Filme des Martin Scorsese

#45
The Color of Money
Ein weniger beachtetes Zwischenwerk von Martin, das sich aber trotz seiner überragenden Kollegen (Raging Bull, Taxi Driver, Goodfellas) keineswegs verstecken muss. Aus der einfachen und vergleichsweise "normalen" Geschichte um genau drei wichtige Charaktere zaubert Scorsese kurzerhand ein launiges und erfrischendes Roadmovie, welches in seiner gradlinigen Art um die Themen Poolbillard und Geldspiele kreist. Die verrauchten Spielhallen und das ständige Unterwegssein versprühen dabei einen zeitlosen Charme, der durch die Songs von Eric Clapton, Don Henley, Robert Palmer und B.B. King weiter verstärkt wird. Auch die Billardspiele wurden von Scorsese ungemein virtuos und originell fotografiert, während die drei Hauptakteure - Altstar Paul Newman, Tom Cruise im Teenager-Alter und Mary Elizabeth Mastrantonio, bekannt aus Scarface - reichlich Zeit, Gelegenheit und scharfzüngige Dialoge erhalten um ihre Figuren zu profilieren. Mein gestriger Abend verflog wie im nu.

9 / 10
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