Der Filmempfehlungen Thread

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AnatolGogol
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9. Juli 2019 07:31

Maibaum hat geschrieben:
8. Juli 2019 15:11
Ja, stimmt, das beißt sich. Er hatte als Drehbuchautor Meriten erlangt für klassische Komödien von Lubitsch, Leisen oder Hawks, und das scheint auch später noch durch.
Seine Filme stützen sich nun mal hauptsächlich auf den Dialog, von daher ist seine Regie natürlich maßgeblich von seiner Arbeit als Drehbuchautor geprägt. Ich sehe da generell aber keine Diskrepanz zwischen Regisseur und Autor auf der anderen Seite. Oder anders gesagt: ein Autor muss sich nicht zwangsläuftig transformieren, um als Regisseur künstlerisch erfolgreich zu sein. Sicherlich sind Filme visueller als Drehbücher, in denen unvermeidlicherweise mehr über Dialog und Beschreibung geregelt wird als in den bewegten Bildern. Das bedeutet aber für mein Empfinden nicht im Umkehrschluss, dass ein regieführender Autor nicht auch weiterhin dem geprochenen Text die Schlüsselrolle in seiner Inszenierung einräumen kann oder das dies eine minderwertigere Art der Regie gegenüber stark visuell arbeitenden Kollegen darstellt. Das ist aber natürlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.
Maibaum hat geschrieben:
8. Juli 2019 15:11
Aber in seinen eigenen Filmen wird dann oft zuviel geredet, es wiederholt sich, es beginnt sich zu ziehen.
(…)
Tatsächlich sehe ich beides in seinen Filmen, die Begabung für clevere Dialoge, aber auch den Hang zur Geschwätzigkeit.
Das finde ich überhaupt nicht, zumindest nicht in seinen besseren Filmen (die meiner Ansicht nach den Grossteil seines Werks ausmachen). Der Dialog ist eigentlich immer handlungs- und figurenrelevant, da ist selten bis nie was dabei nur der Freude am schönen Wort Willens. Das ist z.B. bei Tarantino anders, bei dem man häufig den Eindruck hat, er möchte seine cool-nerdigen Dialoge irgendwie unterbringen, auch ohne dass sie direkten Einfluss auf Dramaturgie und Figuren haben (letzteres stimmt so natürlich auch nicht ganz, da sie trotzdem in irgendeiner Form die Figuren weiter beleuchten). Bei Wilder hingegen empfinde ich dagegen zumeist alles inhaltlich legitimiert. Zumeist, weil bei Wilders schwächeren Filmen man solche Tendenzen auch feststellen kann und da funktioniert interessanterweise auch das Gesamtkonstrukt nicht. So bleiben beispielsweise die zentralen Figuren in Buddy, Buddy (vor allem die Lemmon-Figur) erstaunlich blass trotz all des mehr oder weniger gewitzten Dialog-Schnellfeuers und die ganze Sex-Klinik-Thematik wirkt merkwürdig aufgesetzt und müffelt sehr nach Altherren-Witz.

Maibaum hat geschrieben:
8. Juli 2019 15:11
Ein Zuviel an Dialoge bzw Monologen offenbart sich z.b. auch in Sunset Boulevard, wo zu oft das noch mal in Worten beschrieben wird was ohnehin gerade auf der Leinwand zu sehen ist.
Das finde ich nicht, da SB eben auch davon lebt, dass die Holden-Figur den Zuschauer direkt an seinem Innenleben teilhaben lässt. Der Off-Kommentar trägt viel zur Stimmung des Films bei (nicht zuletzt zur unheilschwangeren, unheimlichen Atmosphäre ím Dunstkreis der Swanson-Figur, was durch die Tatsache, dass Holden ja als Toter zum Publikum spricht (@GP: keine Sorge, ist kein Spoiler sondern die Ausgangsbasis des Films) kongenial unterstrichen wird) und ist allein daher schon unentbehrlich. Würde man die kommentieren Szenen ohne Text lassen, würde sich der Film deutlich leerer anfühlen, wie man auch weniger an die Holden-Figur gebunden würde.
Maibaum hat geschrieben:
8. Juli 2019 15:11
Wie überhaupt seine "Problemfilme", also die Filme die sich nicht komödiantisch mit ihren Inhalten beschäftigen, mir meist zu aufdringlich sind, und zu offensichtlich. Auch seinen klassischen Noir Double Indemnity fand ich nie so richtig überzeugend.
Auch das sehe ich ganz anders, gerade auch seine Nicht-Komödien finde ich sehr überzeugend und einen eindrucksvollen Beleg für seine Vielfältigkeit als Filmemacher. Als aufdringlich empfinde ich das nicht.
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Maibaum
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9. Juli 2019 09:10

AnatolGogol hat geschrieben:
9. Juli 2019 07:31

Das bedeutet aber für mein Empfinden nicht im Umkehrschluss, dass ein regieführender Autor nicht auch weiterhin dem geprochenen Text die Schlüsselrolle in seiner Inszenierung einräumen kann oder das dies eine minderwertigere Art der Regie gegenüber stark visuell arbeitenden Kollegen darstellt. Das ist aber natürlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.


Das sehe ich ja alles genau so, und es ist auch nicht so daß Wilder nicht auch visuelle Ideen hat, nur es ist für mich nicht so übermäßig interessant.
Und ich schätze ja durchaus auch andere Regisseure in deren Filmen auch viel geredet wird. Gerade der auch von dir genannte Tartantino hat da für mich Wunderwerk vollbracht. Oder Eric Rohmer, der mich immer wieder glücklich macht.

Meine Aussagen geben eine Grundrichtung vor, für das was ich bevorzuge, sind aber kein festes Regelwerk.

Das finde ich nicht, da SB eben auch davon lebt, dass die Holden-Figur den Zuschauer direkt an seinem Innenleben teilhaben lässt. Der Off-Kommentar trägt viel zur Stimmung des Films bei, und ist allein daher schon unentbehrlich. Würde man die kommentieren Szenen ohne Text lassen, würde sich der Film deutlich leerer anfühlen, wie man auch weniger an die Holden-Figur gebunden würde.
Sicher, das sein Toter hier der Erzähler ist, das ist auf jeden Fall eine hübsche Idee, und der noirige Off-Kommentar ist natürlich an sich wichtig, aber trotzdem gibt er oft nur das wieder was sowieso zu sehen ist, und das ist mir beim letzten Anschauen von SB oft negativ aufgefallen. Da traut Wilder den Bildern nicht, bzw möchte sicher gehen daß alles eindeutig ist, zu eindeutig. Da macht dann auch teils das gesprochene Wort die Stimmung kaputt.
SB ist insgesamt ein guter Film, aber noch so einiges von einem Großem entfernt.

Wilder ist auf jeden Fall ein Regisseur von dem ich immer wieder mal was schaue, von dem ich (glaube ich) auch jeden Film schon wenigstens einmal gesehen habe, aber auf dem Entertainometer kommt dann doch nur Some Like It Hot über 8/10 hinaus. Aber 8/10 ist ja bei mir auch schon eine starke Wertung.

Hmm, haben wir schon einen BW Thread?
Zuletzt geändert von Maibaum am 17. Juli 2019 19:03, insgesamt 1-mal geändert.
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GoldenProjectile
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17. Juli 2019 11:12

The Apartment war super, wir haben uns gestern köstlich amüsiert über den präzisen und messerscharfen Humor, der natürlich oft aber nicht nur in Dialogen geäussert wird, die pointierter und cleverer kaum sein könnten, und es harmoniert wunderbar mit dem Zeitgeist und den geradezu bittersüssen Schlüsselszenen zwischen Lemmon und MacLaine. Überhaupt ist Lemmon fantastisch in der Rolle des tragikomischen Eigenbrötlers, der unter den Ränkespielen und Affären seiner grossspurigen Vorgesetzten zu leiden hat. Ein Film, der die frühen 60er in allen Zügen atmet, aber doch irgendwie sehr modern wirkt. Und Adolph Deutschs Score war auch mal wieder sehr gelungen. Ich würde 8,5 vergeben.
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