Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

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GoldenProjectile
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4. Oktober 2015 19:16

James Bond 007: Dr. No (1962, Terence Young)

"Underneath the mango tree, me honey and me can watch for the moon, Underneath the mango tree, me honey and me make boolooloop soon"
- Diana Coupland

Mit Terence Youngs DN hielt vor über fünfzig Jahren eine der mittlerweile wohl bekanntesten Filmreihen aller Zeiten, basierend auf den Romanen des Ex-Spions und James Bonds geistigem Vater Ian Fleming, Einzug in die Kinosäle. Ausserhalb von leidenschaftlichen Fankreisen findet dieser Erstling in Bestenlisten häufig kaum Beachtung und wird nicht selten auf die Tatsache reduziert, dass es sich eben um den Auftakt der Reihe handelt. Schade, wie ich finde, denn der mit einem bescheidenen Budget von einer Million und ohne grossen Erwartungsdruck gedrehte DN ist auch nach mehr als zwanzig Fortsetzungen und diversen weiteren Highlights noch eine wahre Perle der filmischen Bondwelt und trotz seiner Einzigartigkeit bis heute prägend für die Missionen des berühmtesten Agenten ihrer Majestät.

Verglichen mit späteren Adaptionen ist DN noch relativ tief in Flemings Romanvorlage verwurzelt und lässt sich am besten als Synthese aus spannender Detektivgeschichte und fantasievollem Abenteuerfilm bezeichnen. Die erste Hälfte widerspiegelt dabei den Detektivfilmteil, in dem Bond wie so oft als Aufhänger einem dubiosen Mordfall nachgeht, was sich in DN aber noch um Einiges ausführlicher und damit spannender abspielt, als in den folgenden Werken der Reihe. Die zweite Hälfte, in der das Erkunden der Insel durch den Protagonisten im erzählerischen Fokus steht, repräsentiert den actionreicheren und findigeren Abenteuerfilm. Young lässt aber in seiner Inszenierung die Elemente dieser beiden Seiten derselben Medaille immer wieder ineinandergreifen und sorgt besonders im Mittelteil für einen fliessenden Übergang. Wie bereits angetönt sind Bonds Ermittlungen in und um Kingston nicht bloss der übliche einfache Anfangspunkt, sondern integraler Bestandteil der Handlung und deren dramaturgischer Entwicklung. Selten in über fünfzig Jahren wurde die Arbeit von 007 so reduziert und schlicht erzählt wie in der ersten Dreiviertelstunde von DN, allerdings sorgt auch hier eine ganze Palette an unterschiedlichen Faktoren für exzellenten und spannungsvollen Unterhaltungswert.

Kaum ein anderer Bondfilm hat eine so schöne und atmosphärische Kulisse aufzuweisen, wie der Erstling DN. Die faszinierende Symbiose aus dem exotischen und traumhaften Flair der karibischen Hafenstadt Kingston und dem alltäglichen Lebensstil der frühen 1960er-Jahre ist mehr als nur ein Hintergrund, sie ist ein Teil des Films. Der geografische und zeitliche Rahmen bedingen immer wieder, dass Bond auf eigene Faust vor Ort unterwegs ist, das Umfeld erkunden und seine Fantasie benutzen muss, um Informationen in Erfahrung zu bringen. Gleichzeitig werden Gefahrensituationen wie eingeschmuggelte Giftspinnen, lauernde Attentäter und verräterische Handlanger simpel und effektvoll in die Handlung mit eingebaut. Generell ist DN durchgehend straff, schnörkellos und zielgerichtet inszeniert, ohne sich mit Nebenhandlungen oder Ähnlichem aufzuhalten. Akzentuiert wird diese Stringenz durch den rasanten und auch heute noch sehr modern wirkenden Schnitt des späteren Bondregisseurs Peter Hunt, der Youngs traumhafte Bilder mit spielender Leichtigkeit arrangiert. Dazu kommen ein minutiöses und eindringliches Sounddesign sowie Musikgestaltung, die dafür sorgen dass die Spannung inmitten des visuellen Charmes nicht untergeht. Als musikalisches Leitmotiv dient nicht wie bei den anderen Serienbeiträgen ein Titelsong im Vorspann, sondern das launige und leichte Underneath the Mango Tree, das immer wieder eingespielt, variiert und sogar von den Charakteren gesungen wird, und das exotische Flair des Films perfekt unterstreicht.

DN ist das Ventil, das Flemings Romanbond adaptiert und daraus die Filmfigur James Bond geschaffen hat. Und für die darstellerische Umsetzung hätte man keinen besseren Mann verpflichten können, als Sean Connery. Der Schotte brilliert als Agent mit der Lizenz zum Töten, und verleiht ihm maskulinen Charme, energisches Auftreten und eine gehörige Portion Zynismus, aber auch weltmännischen und kultivierten Charakter. Egal ob er bei Gegner zuschlägt, bei Frauen zuschnappt oder sich einen Drink kredenzen lässt, Connery trifft stets den optimalen Ton und die haargenau richtige Geste, um seinen Bond zu formen und zu definieren. Er trägt den Film von seiner ikonographischen Vorstellung im Casino bis hin zum Kampf auf Leben und Tod gegen Dr. No. Ob Connery als Bond jemals wieder so gut war wie in seinem Debüt lässt sich schwer sagen, sicher ist, dass er nie wieder so kantig und cool war wie in DN.

Der von Joseph Wiseman verkörperte titelgebende Oberschurke ist für mich einer der drei besten Gegenspieler in der gesamten Bondreihe. Nicht obwohl, sondern gerade weil er erst kurz vor Schluss auftritt. Bis dahin wird Dr. No als geheimnisvoller und unsichtbarer Strippenzieher immer wirkungsvoller aufgebaut, sei es durch die merkwürdigen Gerüchte über seine Privatinsel und die darauf lauernden Gefahren, oder durch seinen indirekten ersten Auftritt als kalte Stimme, die Professor Dent in einem leeren Raum energische Anweisungen erteilt. Die Präsenz, die der Doktor den Film gewinnt, ohne dabei vor die Kamera zu treten, ist wahrlich bemerkenswert. Umso beeindruckender, dass Wiseman die Versprechungen dann auch einhalten kann. In seinen wenigen Minuten Screentime spielt er den hageren Chinesen mit dem maskenhaften Gesicht und den metallenen Händen mit einer solchen Kälte und Intensität, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Ein weiterer Höhepunkt sind hier auch die fantasievollen Dekors von Nos Appartement, entworfen vom legendären Setdesigner Ken Adam.

In der Besetzung und Gestaltung der Nebenrollen wartet DN mit einer ganzen Palette farbiger Charaktere auf, die rund um Connerys Bond arrangiert sind. Absolut ikonographisch und dazu noch über alle Massen erotisch ist Ursula Andress‘ Honey, das erste Bondgirl der Filmgeschichte. Andress‘ erster Auftritt wird nicht zu Unrecht regelmässig als eine der Sternstunden der Bond-Historie bezeichnet. Wie sie singend aus dem Wasser steigt, als wäre sie eine Kreatur des Meeres, ist mindestens genau so stark wie ihr Zusammenspiel mit Connery. Jack Lord als kumpelhafter und lässiger CIA-Kollege Felix Leiter zählt von den vielen Darstellern, die die Rolle gespielt haben, mit Sicherheit zu den passendsten und eindrücklichsten. Unvergesslich ist natürlich auch John Kitzmiller in der Rolle des abergläubischen aber todesmutigen Fischers Quarrel, der für Bond sein Leben lassen muss. Mit Bonds „Casino-Bekanntschaft“ Sylvia Trench und der ebenso verräterischen wie naiven Miss Taro wird bereits vor Honeys erstem Auftritt für den richtigen Schuss Erotik und Eye-Candy gesorgt. Und Bernard Lee legt als autoritärer und strenger Geheimdienstchef M den Grundstein für seine Darstellung in den darauffolgenden Filmen. Die respekt- und vertrauensvolle Beziehung zwischen dem zuweilen etwas von Bond genervten M und 007 selbst wurde hierfür direkt aus Flemings Romanen übernommen und erfährt durch Connery und Lee eine fantastische Belebung.

Es gibt für mich kaum etwas, das an DN auszusetzen ist. Natürlich könnte man sagen, dass der Film verglichen mit den späteren Bondabenteuern unspektakulär daherkomme, das wäre in meinen Augen aber der völlig falsche Denkansatz, da DN ein ausladendes Spektakel gar nicht nötig hat. Die ikonographische Location Jamaika, die Härte und Straffheit der Inszenierung, die richtige Portion trockener Witz und viel Charme, ein farbiges Figurenensemble, stimmungsvolle Filmmusik und nicht zuletzt eine Bombenleistung von Sean Connery als unverbrauchter Bond, wie er ihn cooler nie mehr zu spielen vermochte, all das macht Terence Youngs Auftakt der langlebigen Filmreihe zu einem schillernden Juwel, dem meiner Meinung nach nur noch ein kleiner Sprung zur Perfektion fehlt.

Wertung: 9 / 10
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10. November 2015 00:28

From Russia with Love (1963, Terence Young)

"From Russia with love I fly to you. Much wiser since my goodbye to you. I've travelled the world to learn I must return from Russia with love"
- Matt Monro

Nachdem Sean Connerys Einstand als mittlerweile berühmtester und beliebtester Agent der Filmgeschichte in DN anno 1962 zum Mega-Hit avancierte liess die Fortsetzung aus dem Hause EON der Produzenten Harry Saltzman und Albert R. Broccoli nicht lange auf sich warten. Mit FRWL, der Verfilmung von einem der populärsten Teile aus Flemings Romanreihe, verlegte Regisseur Terence Young das Spektakel von den idyllischen Stränden der Karibik an den Eisernen Vorhang und damit an den (damaligen) Puls der Zeit.

Bemerkenswert am zweiten Teil der langlebigen Filmreihe ist vor allem, dass Schauwerte und Spektakel im Vergleich zum fantasievollen Abenteuerreisser DN erheblich zurückgefahren und einer noch stringenteren und fokussierteren Inszenierung untergeordnet werden. Mit der exotischen Metropole Istanbul und einigen aufwändigen und charmanten Setbauten, darunter ein malerisches Zigeunerlager, muss sich FRWL zwar keineswegs vor den oftmals an "Sightseeing-Touren" erinnernden Serienkollegen verstecken, allerdings werden diese Schauplätze dennoch um Einiges nüchterner und dreckiger bebildert als noch die prachtvollen Landschaften Jamaikas im Vorgänger. Womit sich auch der Bogen zur Handlung schlagen lässt. Mit den fantastischen und bunten Abenteuerelementen von DN hat FRWL nur noch wenig gemein, die erfindungsreichen Over-the-top-Ingredienzen äussern sich lediglich im Detail. So zum Beispiel im ersten von Tüftler Q entwickelten Gadget der 007-Reihe, einem Aktenkoffer mit Tränengas-Sicherung und verstecktem Dolch. Über weite Strecken aber präsentiert Young seinen zweiten Beitrag zur Serie als straffen und geerdeten Agentenfilm. Hier bespitzeln sich Briten, Russen, Türken und Bulgaren während dem Höhepunkt des Kalten Krieges in den Strassen Istanbuls gegenseitig, hier werden ausgeklügelte Spionagepläne geschmiedet und jeder versucht, eine wertvolle Maschine zur Dechiffrierung von Geheimdienstcodes an sich zu reissen. Erstmals eingeführt wird als Dreh- und Angelpunkt der Handlung die geheimnisvolle Untergrundorganisation SPECTRE, die die verschiedenen Nachrichtendienste zu manipulieren versucht um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Sean Connery fährt genau dort fort, wo er in DN aufgehört hat und prägt seinen Bond wie gewohnt mit weltmännischer Eleganz, physischer Präsenz und herber Männlichkeit. Es macht den Anschein, als wäre der Schotte geboren worden nur um James Bond zu spielen. Allerdings scheinen die Konturen seiner Darstellung in FRWL etwas weicher gezeichnet zu sein, und er setzt nicht mehr ganz so viele prägnante Akzente wie noch in DN. Co-Star Daniela Bianchi als Bond-Girl Tatiana Romanova leistet quasi Pionierarbeit als die klassische unschuldige Blondine, die leicht und schnell dem Charme Bonds verfällt, jedoch ist ihr Charakter wesentlich essentieller und greifbarer ins Geschehen mit eingebunden als bei späteren Gespielinnen des Helden. Und Bianchi ist auch einfach nur bezaubernd. Den wohl stärksten Part des gesamten Films hat aber Pedro Armendáriz als türkischer Kontaktmann Ali Kerim Bey abgekriegt, den er mit solch einer starken Mischung aus kultivierter Weisheit und jovialem, spitzbübischem Charme verkörpert, dass es eine wahre Freude ist. Ali Kerim Bey und Bond nimmt man den gegenseitigen Respekt und die rasch entstehende Freundschaft jederzeit ab. Besonders beeindruckend ist seine fröhliche Darstellung, wenn man die damaligen gesundheitlichen Zustände des Darsteller kennt: Armendáriz litt an Krebs und setzte seinem Leben kurz nach Beendigung der Dreharbeiten ein Ende.

Kaum ein anderer Film der Serie hat eine derartig eigenständige Konstellation an Gegenspielern zu bieten. Bonds spätere Nemesis Ernst Stavro Blofeld tritt in FRWL zum ersten Mal in Erscheinung, hier noch als eiskalte, gesichtslose Graue Eminenz, die im Hintergrund alle Fäden in der Hand hält. Ausgeführt werden seine Befehle von der rüstigen Sowjetoffizierin Rosa Klebb, eine Rolle, die Darstellerin Lotte Lenya mit einer widerwärtigen Kratzbürstigkeit zum Besten gibt. Ganz vollständig will die Figur aber leider nie zünden, dafür wirkt sie trotz oder gerade wegen ihres rustikalen und groben Auftretens manchmal ein bisschen zu bieder. Bonds wahrer Erzfeind in diesem Film ist aber kein Geringerer als Red Grant, ein stoischer, blonder Muskelberg, der aber auch clever und gerissen vorgeht, und zunächst unerkannt im Schatten operiert, bevor er im richtigen Moment zuschlägt. Die Figur kann nicht nur als Vorreiter einer ganzen Armee von 007 nach dem Leben trachtenden Auftragskillern gewertet werden, sondern gehört in diesen Belangen auch problemlos zu den denkwürdigsten und besten Charakteren der Serie.

Terence Young inszeniert seine Agentengeschichte stilsicher und mit einer simplen Eleganz. Bei der Filmmontage arbeitet er mit einer straffen Schnittfrequenz und geschmacksvollen Kamerawinkeln, welche die Handlungen der Akteure besonders im Zusammenspiel mit der eindringlichen Ton- und Musikgestaltung dezent aber effektvoll akzentuieren. Was spektakuläre Actionsequenzen anbelangt hält sich FRWL auffallend stark zurück und ist von den über zwanzig Filmen der Reihe wohl derjenige, der sie inhaltlich und dramaturgisch am allerwenigsten nötig hat. Young macht den Fehler, dieses angebliche Manko kompensieren zu wollen und lädt die Erzählung mit zwei weitgehend redundanten Actionszenen unnötig auf. Wobei die grosse Zigeunercamp-Schiesserei im Kontext der Handlung zwar noch nicht unbedingt redundant erscheint, es durch die unpassende und auch etwas uninspirierte Inszenierung aber wird. Vollständig wegfallen sollte hingegen die reichlich schale Bootsverfolgung kurz vor dem Ende, die sich an dieser Stelle rhythmisch mir der wesentlich stimmigeren und besser inszenierten Helikopterattacke beisst. Dafür entschädigt aber die wahnsinnig intensive Keilerei zwischen Bond und Red Grant im Zug, deren wuchtige Choreographie und stramme filmische Umsetzung heute noch Ihresgleichen sucht.

FRWL ist nach DN eine weitere Perle der frühen Bondfilme. Obwohl er auch den ikonographischen Auftakt zur langlebigen Filmreihe inszeniert hat wagt Terence Young zumindest in Teilen einen völlig neuen Ansatz und treibt dieses Mal statt eines abenteuerlichen und bunten Detektivkrimis ein komprimiertes Katz-und-Maus-Spiel in den Ausläufen des Kalten Krieges, gespickt mit stringenten und wirkungsvollen Einzelszenen, die für die Bondreihe ungewöhnlich bodenständig und aufs Wesentliche fokussiert in Szene gesetzt werden. Der übergeordnete dramaturgische Rahmen der Geschichte hätte aber an manchen Stellen etwas mehr Feinschliff vertragen können und zögert das Ende im späteren Verlauf unnötig hinaus. Den damit verlorenen Boden macht FRWL mit den gut gespielten und denkwürdigen Charakteren und der gebündelten Atmosphäre zwar weitgehend wieder wett, zu einem Highlight der Reihe oder gar des Genres reicht es aber dennoch nicht ganz.

Wertung: 7,5 / 10
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25. November 2015 00:16

Goldfinger (1964, Guy Hamilton)

„Pretty girl, beware of his heart of gold. This heart is cold!”
- Shirley Bassey

Der 1964 entstandene Goldfinger gilt rückblickend als stilprägendes Phänomen der Popkultur und wird in der öffentlichen Wahrnehmung nahezu ausnahmslos als bester Film der Bondreihe tituliert. Umso interessanter wird es, dieses Werk genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei fällt sowohl auf, dass GF in vielerlei Hinsicht untypischer daherkommt als gemeinhin angenommen, als auch dass er seinem kolossalen Ruf nur sehr bedingt gerecht wird.

Unter der gewohnten Ägide des berühmten Produzentengespanns Saltzman und Broccoli führt der neue Regisseur Hamilton eine Vielzahl an kleineren Stilmitteln und Merkmalen ein, die in dieser Ausführung und Kombination als klassische Formel der Bondfilme bekannt wurden, unter genauer Betrachtung aber grösstenteils nur Variationen und Erweiterungen ähnlicher Elemente aus den ersten beiden Filmen darstellen. So untermalt der Titelsong ab GF nun den kunstvollen Vorspann und Bond verwendet ein breit gefächertes Arsenal an fantasievollen Waffen und Gadgets, dieses Mal als Teil seines Dienstwagen, des ikonographischen Aston Martin DB5. Weiter entfernt sich Hamilton von den spannenden Abenteuer- und Kriminalfilmelementen seines Vorgängers Terence Young und liefert vielmehr eine frühe Schablone des inhaltlich wenig raffinierten Schauwertspektakels, das von der Allgemeinheit so gerne mit Bond assoziiert wird und Jahre später in Filmen wie TSWLM und MR seinen ausladenden Höhepunkt fand.

Ob dieses Konzept in GF aber so gut aufgeht wie dem Film gemeinhin zugesprochen wird, ist eine andere Sache. Die erzählte Geschichte bleibt trotz ihrer spektakulären und einfallsreichen Ideen, wie zum Beispiel der nuklearen Verseuchung des US-Amerikanischen Golddepots Fort Knox, weitgehend zu flachbrüstig um die Schauwerte in der angestrebten Grösse und Kraft zu präsentieren. Viele der gutgemeinten Gadgets und absurden Spielereien wirken in ihrer Umsetzung im Vergleich zum exotischen Abenteuerthrill bzw. dem stimmungsvollen Spionagegeflecht der beiden Vorgänger fast schon merkwürdig bieder. Das liegt mitunter daran, dass die geographische Kulisse in einem Golfplatz und einer Schweizer Bergstrasse ihre wenig beeindruckenden Höhepunkte erreicht und dabei weder mit dem glamourösen und wilden Glanz von DN noch der atmosphärischen Dichte von FRWL auch nur ansatzweise mithalten kann. Die Inszenierung holt hier auch nicht mehr allzu viel heraus, die wenigen Actionszenen laufen relativ uninspiriert und tempoarm ab und in seinem sehr gemächlich vor sich hin dümpelnden Rhythmus erinnert GF mehr an einen gemütlichen Urlaubsausflug als an ein spritziges Feuerwerk. Nur gelegentlich schafft es der Film, sich visuell und dramaturgisch zu intensivieren und mit fesselnder Atmosphäre zu überraschen, wie beispielsweise in dem vom eigentlichen Geschehen völlig losgelösten Prolog und der berühmten Laserszene. Hier reisst sich auch John Barrys ansonsten eher unauffälliger Soundtrack von der Kette um das Geschehen wirkungsvoll zu akzentuieren.

Sean Connery ist wie gewohnt James Bond und meistert die Aufgabe, den berühmtesten Geheimagenten der Kinogeschichte zu portraitieren weiterhin mit Bravour, vor allem aber mit Eleganz und Stil. Seine Auslegung der Rolle wirkt absolut stimmig und sicher, auch wenn er dabei leider erneut an Ecken und Kanten eingebüsst hat und den herben Zynismus seines Debüts weiter vermissen lässt. Connery gegenüber steht mit Gert Fröbe als Goldfinger der berühmteste und auch – nicht zu Unrecht – beliebteste Bösewicht der gesamten Reihe. Fröbes Darbietung des jovialen, lauten Egomanen spielt in ihrer eigenen Liga und macht aus dem gigantomanischen Schmuggler Goldfinger eine Figur, die man so schnell nicht vergisst und die sich ohne Mühe ihren Platz auf meinem Podest der besten Gegenspieler der Bondhistorie sichert. Entsprechend setzt der Film immer dann Highlights, wenn er sich auf Fröbe und dessen clever zugespitzte Dialoggefechte mit Connery verlässt. Was der Kamera nicht gelingen will schaffen die beiden Hauptdarsteller mit Leichtigkeit, nämlich einen energetischen Strom der Unterhaltung zu formen. Wie sich die beiden immer wieder gegenseitig in Schlagfertigkeit und Überlegenheit zu übertrumpfen versuchen ist grossartig, allerdings treten als Nebeneffekt die Schwächen der Szenen, in denen Fröbe nicht oder nur am Rande auftaucht umso mehr zu Tage.

Durch das grandiose Sparring der beiden Hauptdarsteller rücken die übrigen Charaktere des Films etwas ins Abseits, eine besondere Erwähnung hat aber unbedingt noch Harold Sakata als Goldfinger ebenso stummer wie tödlicher Kammerdiener Oddjob verdient. In der Rolle des nahezu unverwüstlichen Handlangers setzt Sakata nicht nur einige markante Akzente, sondern ebnete auch den Weg für mehrere ähnliche Charaktere in späteren Bondfilmen. Bond-Girl Pussy Galore, gespielt von Honor Blackman, bietet zwar insofern nichts Neues indem sie wie die meisten ihrer Äquivalente früher oder später Bonds Charme erliegt, profiliert sich aber immerhin ein Stückweit durch ihre anfängliche Süffisanz. Als kompletten Fehlgriff kann die Neubesetzung von Bonds CIA-Kumpel gewertet werden. Von Jack Lords lässigem Cowboy-Charme ist in GF nichts mehr zu spüren, Cec Linder gibt stattdessen den netten Onkel von Nebenan.

GF, die Schablone des klassischen Bondfilms und das unantastbare Meisterwerk der Serie? Wohl eher ein Film, der seinem meilenweit vorauseilenden Ruf nur selten wirklich gerecht wird. Der dritte Bondfilm bietet eine ganze Palette an prägenden Einfällen, die aber grösstenteils nur in ihrem Grundgedanken funktionieren und bei der Ausführung und Inszenierung überraschend farblos und wenig imposant daherkommen, während andere frühe Bondfilme mit weniger ausgefallenen Aufhängern wesentlich stimmiger und spritziger umgesetzt wurden. Das feurige, bunte und fantasievolle Abenteuerspektakel, das GF hätte sein können, entpuppt sich vielmehr als wenig ausgeklügelter und tempoarmer Film, der hier und da mit netten Ideen gespickt ist. Was GF sehenswert macht sind in erster Linie aber seine Figuren und besonders die wunderbar gegeneinander aufspielenden Connery und Fröbe. Ob das zum Meisterwerk reicht ist aber eine andere Frage.

Wertung: 6 / 10
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30. November 2015 20:16

Thunderball (1965, Terence Young)

„He always runs while others walk, he acts while other men just talk, he looks at this world and wants it all, so he strikes like Thunderball.”
- Tom Jones

Nach dem exorbitanten Publikumserfolg des dritten James-Bond-Films GF war es für die Produzenten Broccoli und Saltzman an der Zeit, Das Filmphänomen Bond endgültig auf den Weg in neue Sphären der Produktions- und Schauwerte zu schicken. So ist die Verfilmung von Ian Flemings Roman TB in erster Linie ein üppiges und fantasievolles Kinospektakel, das sich aber zugleich auf die dramaturgischen Stärken und das Arbenteuerflair des Erstlings DN zurückbesinnt, und zu diesem Zwecke sogar den Regisseur Terence Young zurück ins Boot holt. Die Vermengung und gleichzeitige Weiterentwicklung verschiedener Stärken der Vorgänger macht TB zu einem frühen Highlight der langlebigen Kinoserie, vor allem aber zu einem sehr vergnüglichen Film.

Die Geschichte um den Raub zweier Atombomben als Druckmittel für die Erpressung der westlichen Grossmächte dient Young eigentlich nur als Aufhänger für seine visuellen Schauwerte, aus denen er sich effektvoll seine eigentliche Geschichte spinnt. Mehr hätte TB auch gar nicht nötig gehabt, auch wenn es bestimmt interessant gewesen wäre, dem Film in dieser Hinsicht etwas mehr Ernsthaftigkeit und Spannung zuzuführen. So stehen aber die Unterhaltungsmechanismen im narrativen Fokus, und die sind absolut superb! Der zentrale Drehort und Schauplatz Bahamas wird von Young spektakulär und sehr atmosphärisch eingefangen und kombiniert auf wunderbare Weise pittoreskes Urlaubsfeeling mit zeitlosem, verwegenem Abenteuercharme. Dazu dienen Young die karibischen Strände immer wieder als stimmungsvolle Kulisse für seine clever arrangierten Actionsetpieces sowohl über als auch unter Wasser, wobei die Geschichte stets in Schwung gehalten wird. Die spektakulären und oftmals atemberaubenden Tauchaufnahmen bilden den visuellen Rahmen, was schon lange vor Bonds Ankunft auf den Bahamas im malerischen Vorspann von Designer Maurice Binder zu Tom Jones‘ fantastischem Titelsong mehr als deutlich angekündigt wird. Der Score von John Barry ist bis dahin sein allerbester und kontrastiert die farbigen Bilder gekonnt mit einer Breite an ruhigen und eleganten Klängen.

Wo Guy Hamiltons Regiestil im Vorgänger GF oftmals noch etwas ideenlos wirkte und seine eigenen Over-the-Top-Ambitionen mehr schlecht als recht erfüllen konnte beweist der bonderprobte Terence Young ein glückliches Händchen dafür, seinen Film erzählerisch aufzurollen. Young lässt sich Zeit, um seine Geschichte in edle Bilder zu verpacken und die Atmosphäre wirken zu lassen. Gleichzeitig ist TB aber zu weiten Teilen von abwechslungsreicher Handlungsdichte und energetischer Dramaturgie erfüllt, viele Szenen funktionieren auch für sich gesehen sehr gut, sind aber dennoch solide mit dem Handlungsrahmen verzahnt. Dieser narrative Kontrast geht wunderbar auf und verleiht dem Film eine kraftvolle Ruhe, die selten bis kaum in Leerlauf abzugleiten droht. Das Zusammenspiel von Kamera und dem wiederum sehr effektvollen und modernen Schnitt spielt den Akteuren und Stuntverantwortlichen auf ebenso einfallsreiche wie unauffällige Weise die Bälle zu und akzentuiert zugleich den atmosphärischen Charme. Besonders gelungen sind in dieser Hinsicht die intelligent integrierten Kampfszenen, alleine die Keilerei in der PTS, eine rasante und wuchtige Choreographie von Akteuren und Montage ist pures Gold wert. Seinen Höhepunkt findet TB aber in der spektakulären und bekannten Unterwasserschlacht am Ende, in der zahlreiche einzelne Aktionen und Kampfhandlungen auf überschaubarem Raum in den Tiefen des Meeres flüssig und markant an- und ineinander geschnitten und von Barrys Soundtrack weiter angeheizt werden.

Genau wie seine Vorgänger ist auch TB wieder von einer Riege bunter Charaktere bevölkert, die dem Film neben den Stärken der Action und der Inszenierung zusätzlichen Esprit verleihen. Adolfo Celi mag sich zwar nicht im Kreis der allerbesten Schurkengestalten einreihen, spielt aber vorzüglich als energischer Spectre-Topagent Emilio Largo, der auf der einen Seite Vitalität beweist und selber mit anpackt, auf der anderen aber einen weltmännischen Charme zur Schau stellt, der sich vor demjenigen von Bond nicht zu verstecken braucht. Dazu gesellen sich mit Claudine Auger als Largos ausgenutztes Protegée Domino und Luciana Paluzzi als feurige Killerin Fiona Volpe die beiden für mich attraktivsten Damen der gesamten Bondserie. Die süsse Unschuld und Reinheit von Domino kontrastiert dabei optimal mit Fionas feuriger Erotik, beide Frauen stellen in meinen Augen die bis heute kaum erreichten Prototypen zweier unterschiedlicher Bond-Girls dar und werten den Film zusätzlich auf. Zusätzliche Erotik gibt es in Gestalt von Bonds Assistentin Martine Beswick und seiner Kurtherapeutin Molly Peters, zwei kleine aber durchaus zweckdienliche Rollen. Wenn es an den Stränden der Karibik zu einem Abenteuer kommt darf natürlich auch Bonds amerikanischer Kollege Felix nicht fehlen, und der wieder einmal neubesetzte Rik Van Nutter geht typmässig genau in die Richtung, in der ich mir den lässigen CIA-Mann vorstelle. Gekrönt wird dieses rundum ausgewogene Ensemble natürlich erneut von Sean Connery, der in TB vielleicht nicht seine beste 007-Interpretation zum besten gibt, aber die Figur in seiner männlichen und eleganten Art immer noch prägend und passend verkörpert.

In Summe lässt sich von meiner Seite wahrlich nur wenig Negatives über den vierten Streich in der Bondgeschichte sagen. Die hintergründigen Aufhänger bleiben für ihr Bedrohungspotential etwas zu sehr an der Oberfläche, sind aber um ehrlich zu sein auch kaum von Nöten. Die ansonsten so feinsinnige Inszenierung wird in der ersten Hälfte durch den unpassenden und häufigen Einsatz von Wischblenden anstelle harter Schnitte etwas getrübt und im späteren Verlauf ist es die längere Szene beim Junkanoo, die im Kontext des Films eher farblos daherkommt und der Figur der Fiona Volpe kein allzu einfallsreiches Ende zugesteht. Von diesen beiden Makeln und der einen oder anderen Kleinigkeit abgesehen präsentiert sich TB jedoch als bunter und atmosphärischer Abenteuerfilm voller grandios aufgelegter Akteure, origineller Actionmomente und zeitloser Bildsprache. Kein absolutes Meisterwerk, aber ein wahrlich grosses Vergnügen.

Wertung: 8 / 10
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1. Februar 2018 12:59

You Only Live Twice (1967, Lewis Gilbert)

"You only live twice, or so it seems. One life for yourself, and one for your dreams"
- Nancy Sinatra

Nachdem der vierte James-Bond-Beitrag TB in Sachen zügelloses Spektakel bereits eine Schippe draufgelegt hatte durfte der 1967 entstandene YOLT endgültig in die Vollen greifen und eine Weltzerstörungsgeschichte noch bombastischerer Ausmasse präsentieren, in der SPECTRE systematisch Raumkapseln der USA und der UdSSR entert um einen Krieg zwischen den beiden Supermächten zu provozieren. Sean Connerys - fürs Nächste - letzter Auftritt steht damit stellvertretend für all die absurden Bedrohungsszenarien die gemeinhin mit der Reihe assoziiert werden. In Wahrheit leistet YOLT im filmhistorischen Kontext der Bondreihe auf diesem Gebiet Pionierarbeit - zumindest in diesen Ausmassen. Leider wirkt das Endergebnis trotzdem nicht wie etwas Neues und Aufregendes, sondern mehr wie ein müder Nachhall der Vorgänger.

Zuallererst fällt auf, dass beim Drehbuch offenbar gar keinen Wert mehr auf schlüssige Struktur und Dramaturgie gelegt wurde. Zwar glänzten schon die Vorläufer nicht unbedingt mit ausgefeilten Plots, aber zumindest den ersten beiden Serienbeiträgen gelang es dennoch, die verschiedenen Szenen in einer stimmigen Abfolge zu verknüpfen. In YOLT fehlen sinnige Verknüpfungen gleich zuhauf oder sind bemerkenswert uninspiriert umgesetzt, das Meiste wirkt sprunghaft und lieblos aneinandergereiht. Die Geschichte entwickelt sich über unzählige konstruierte Zufälle und Formelhaftigkeiten und ist gespickt mit schauerlich banalen und stumpfen Erklärdialogen, die teils geradezu abenteuerlich einfallslos sind und bei der legendären Textpassage "Do you live here alone?" -- "Yes. My parents are dead. Have a seat." in ihren Höhepunkt gipfeln. Es mutet wie ein Scherz an, dass das alles auf dem Mist von Roald Dahl gewachsen sein soll, der neben seiner Arbeit als zweitklassiger Bond-Drehbuchautor vor allem mit seinen scharfsinnigen, makabren, intelligenten und schwarzhumorigen Kurzgeschichten Bekanntheit erlangte. Dahls Buch und Gilberts Regie bringen es auch nicht fertig, den Schauplatz Japan richtig auszunutzen. Immerhin spielt der Film fast ausnahmslos im Land der aufgehenden Sonne, welches im Kontext der Entstehungszeit ein dem Westen noch ziemlich fremdartiger Kosmos war. Das Erkunden der japanischen Kultur und Facetten durch den in dieser Welt noch fremden Bond wird zwar immer wieder angedeutet und kleinere Einblicke in die Volkstümlichkeit gewährt, richtig vertieft wird das Ganze allerdings kaum.

Lewis Gilbert gibt mit YOLT sein Bond-Debüt, noch ohne nennenswerte Akzente zu setzen. Seine Inszenierung schafft den paradoxen Spagat zwischen dröge-gemächlich und ruhelos-gehetzt und klappert die unterschiedlichen Stationen des Drehbuchs bieder ab, ohne Gespür für Timing und Rhythmus. Vor allem im Mittelteil bleiben Film und Handlung fast durchgehend in Bewegung, was aber keinem konkreten Konzept geschuldet ist sondern vielmehr der Tatsache, dass Gilbert die Szenen ohne Pausen oder Variationen im Tempo raushaut. Auch die Actionszenen bewegen sich durchgehend auf diesem Level. In der ersten Hälfte bekommt man lediglich eine Handvoll steifer Prügeleien und eine unfassbar lahm inszenierte Flugzeug-Bruchlandung geboten, erst später folgen mit der Little-Nellie-Szene und dem Krater-Showdown zwei gross angelegte Actionextravaganzen. Die Szene mit Little Nellie hat dabei für den Fortlauf des Films keinerlei Nutzen und präsentiert sich als belangloses Schaulaufen der just zuvor von Q erklärten Gadgets. Die grosse Schlussballerei setzt innerhalb der Reihe zwar neue Massstäbe in Sachen Aufwand, Spektakel und Pyrotechnik, überzeugt in ihrer Dramaturgie aber nicht so richtig. Es fehlt an Variationen und Spannungsbögen, abgesehen von Bonds finalem Vordringen in den Kommandoraum schaut man überwiegend zwei Privatarmeen dabei zu, wie sie sich mit allen verfügbaren Mitteln und Explosionseffekten gegenseitig ins Jenseits befördern möchten.

Recht unsinnig für die Geschichte und YOLT als Ganzes ist auch Bonds Tarnung in Form einer traditionellen japanischen Hochzeit. In einem Film, der ansonsten kaum eine Sekunde spart um auf irgendeine Weise voranzukommen wirkt diese sehr ausführliche Passage merkwürdig deplatziert. Aber es ist auch der einzige Moment, in dem der Film zur Ruhe kommen und atmen kann und Gilbert sich Zeit und Musse nimmt für die japanische Folklore. Auf einmal schwelgt seine Kamera in pittoresken Inselpanoramen und John Barry akzentuiert sie mit geheimnisvollen Saitenklängen. Mehr solcher Momente hätten YOLT als Kontrast zur eigentlichen Actiongeschichte gutgetan.

Sean Connery ist einer der charismatischsten Köpfe die je den Sprung auf die grosse Leinwand geschafft haben, aber YOLT bietet dem schottischen Urtier nur wenig um zu glänzen, gewiefte und scharfsinnige Dialogpassagen wie in GF oder Momente roher und zynischer Coolness wie in DN sucht man weitgehend vergebens. Ob Connery, wie oft behauptet, 1967 längst Lust und Freude an seiner Paraderolle verloren hatte sei also mal dahingestellt, da der Mangel an wirklichen Höhepunkten und Möglichkeiten in dieser Hinsicht sowieso schwerer wiegt. Es ist zumindest immer gut, den Schotten vor der Kamera beobachten zu dürfen, aber im Grossen und Ganzen ist sein Bond in YOLT leider doch nur "Connery-light". Am Ende wird dann auch seine Nemesis, SPECTRE-Mastermind Ernst Stavro Blofeld, in Gestalt von Charakterdarsteller Donald Pleasance enthüllt. Auch dieser Kniff geht leider nach hinten los, denn die Figur wirkt zu keiner Sekunde furchteinflössend sondern vielmehr wie ein generischer Bösewicht bzw. böser Wicht, der sich nicht entscheiden kann ob er Bond jetzt töten will oder nicht. Pleasance so verschenkt zu sehen ist schade, sein Blofeld so strikt auf böse getrimmt wie es nur geht, inklusive hin geschminkter Gesichtsnarbe und selbst Pleasances berühmter hypnotischer Blick ist kaum mehr als ein manisches Glotzen.

Die beiden japanischen Bondgirls, Akiko Wakabayashi als Aki und Mie Hama als Kissy Suzuki, sind nett anzusehen und bilden eine gelungene Abwechslung zu den kaukasischen Schönheiten in den vorherigen vier Filmen, jedoch bleiben beide Rollen völlig profil- und konturlos. Den dankbarsten Part hat noch Tetsurō Tamba als japanischer Geheimdienstler Tiger Tanaka, in dem Bond ohne Umschweife einen Seelenverwandten findet. Diese freundschaftliche Beziehung zwischen den beiden wird jedoch vom Film oft nur behauptet, aber im Gegensatz zu den früheren Bond-Kumpeln Quarrel und Kerim nie richtig entwickelt. Einen guten Ansatz bildet die Szene mit Bond und Tiger im Badehaus aber hier wäre mehr Aufwand seitens des Drehbuchs und der Inszenierung von Nöten gewesen, um wirklich eine Dynamik zwischen den beiden aufzubauen. Die Bondfilme haben in der Regel immer davon profitiert, wenn Bond glaubwürdig auf einen Gleichgesinnten trifft, daher ist es schade dass es mit dem Tiger nicht so ganz klappen will.

Gibt es an YOLT denn gar nichts, was man ohne Gemecker und Gemäkel so stehen lassen kann? Karin Dor ist wie immer eine Augenweide und ihre Szene mit Bond an Bord der Ning-Po sofern man alles andere ausblenden kann, der keck-erotische Höhepunkt des Films. Die Weltraumszenen haben dem Zahn der Zeit getrotzt und sehen abgesehen vom Wiedereintritt in den Orbit immer noch sehr gut aus, zumindest in Sachen Spezialeffekte. Natürlich ist Ken Adams berühmtes Krater-Set, das am Ende pulverisiert werden darf, absolut spektakulär und setzt Massstäbe im Szenenbild. Auch das von Frankie-Töchterchen Nancy Sinatra gesungene wehmütige Titellied ist betörend schön und wird von John Barry sparsam und nur an den passenden Stellen gekonnt zitiert. YOLT ist auch ein Film, der nie langweilig wird, da er zumindest immer irgendetwas zu bieten hat und mit wenigen Ausnahmen kaum stehen bleibt. Aber es ist ein Film, bei dem man einiges hätte besser machen können und der in vielen Belangen zumindest etwas enttäuscht.

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18. Februar 2018 18:24

On Her Majesty's Secret Service (1969, Peter R. Hunt)

"We have all the time in the world."
- Louis Armstrong

Der mittlerweile sechste James-Bond-Film von EON Productions wird gemeinhin als einer der stärksten Ausreisser in der Reihe wahrgenommen, und das auch völlig zurecht. Nicht nur unterbricht der Film bewusst die kontinuierliche Entwicklung der 60er-Bonds hin zu immer grösserem Spektakel, auch der Protagonist ist plötzlich ein anderer und wartet anstelle des Überbonds Sean Connery mit einem einmaligen Schauspiel-Intermezzo des australischen Models George Lazenby auf. Beide Komponenten, sowohl die präzise Adaption des ungewohnt emotionalen Romans von Ian Fleming in direkter Nachfolge zum überbordenden YOLT zwei Jahre zuvor, als auch die Entscheidung, den mit der Rolle zunehmend unzufriedenen Connery durch einen gleichermassen unbekannten wie unerfahrenen Neuling zu ersetzen, sind im historischen Kontext der Reihe mutige, wenn nicht sogar leichtsinnige Entscheidungen seitens der Produzenten. Das schlägt sich auch in der Resonanz des Films nieder, der seinerseits beim Publikum auf verhaltene und irritierte Reaktionen stiess. Zumindest langfristig aber hat sich das Experiment gelohnt, und so konnte sich OHMSS im Lauf der Zeit immer stärker die Achtung der Fans erarbeiten und gehört heute gerade aufgrund seiner Aussenseiterrolle zu den am meisten geschätzten Bondfilmen.

Gerade die ambitionierten Abweichungen zum etablierten Muster der Bondfilme verleihen OHMSS eine erfrischende Eigenständigkeit, die ihn innerhalb des Kanons hervorhebt. Der springende Punkt ist sicherlich die Liebesgeschichte zwischen Bond und Tracy di Vincenzo, die eine ganz neue Facette des notorischen Frauenverschleissers Bond zeigt. Dass es zwanzig Jahre dauern sollte, bevor der romantische Aspekt wieder mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit aufgegriffen wurde, und sogar über 35, bevor sich die Macher zu einer erneuten Beziehungsgeschichte getrauten, unterstreicht die Ausnahmeposition umso mehr. Aber auch vom romantischen Element und dem unausweichlichen tragischen Ende abgesehen macht OHMSS einige Dinge anders als seine Serienkollegen. Bemerkenswert ist, dass sich der Film eine gute halbe Stunde Zeit nimmt, die Begegnung Bonds mit Tracy und Marc-Ange Draco zu schildern und erst dann daraus die Geschichte um Bonds Mission auf Piz Gloria abzuleiten. Das Drehbuch erlaubt sich somit eine gekonnte Variation des gewohnten Aufhängers, bei dem Bond üblicherweise deutlich schneller und direkter in seinen Auftrag hineingeworfen wird, während es sich in OHMSS fast schon zufällig aus einer eigenständigen Lebensepisode heraus entwickelt. Dass der Film im mittleren Akt eigentlich eine Kehrtwende vollführt, von der sich anbahnenden Romanze mit Tracy im freizeitlichen Portugal zu einer Undercover-Mission in der Alpenbastion des grössenwahnsinnigen Blofeld, fällt durch die elegante Narration kaum auf. Es ist sogar der Clou des Drehbuchs, diese beiden Teile des Films zunächst in separaten Bahnen zu lenken, und erst im letzten Drittel auf wundersame Weise zusammenzuführen und den Kreis zu schliessen. Strukturell ist OHMSS somit eine intelligente Variation des vertrauten Ermittlungsschemas und genau die richtige Grundlage für die wesentlich persönlichere Geschichte.

Der Film profitiert stark von dieser erfrischenden Dynamik der Handlung. So erhält Bonds Ermittlung als Ahnenforscher Sir Hilary Bray in der Höhle des Löwen durch den Umstand, dass sie im Kontrast zu den vorangegangenen Szenen mit Tracy und Draco steht und diese im Mittelteil nicht mehr auftreten, umso mehr Gewicht. Durch die direkte Gegenüberstellung mit der gefahrenlosen Episode (sieht man von einigen kleinen Missverständnissen mit Dracos Sicherheitsleuten, die zu diesem Zeitpunkt aber längst aufgeklärt sind, ab) zuvor wirkt die Mission deutlich gefährlicher und Bond stärker von seinem Leben ausserhalb des Geheimdienstes isoliert, etwas, was man in dieser Form in der Serie ansonsten kaum beobachten kann. Auch die eigentliche Ermittlung in der Alpenklinik ist nahezu einzigartig in der Reihe. In Realität erstreckt sich der Zeitraum, in dem Bond unerkannt als Sir Hilary Bray unterwegs ist, nur auf knappe zwei Handlungstage, verglichen mit vielen anderen Serienvertretern, in denen Bond in der Regel praktisch von Anfang an seiner Tarnidentität beraubt wird, ist es aber aussergewöhnlich, ihn so lange in feindlichem Territorium zu begleiten, und das auch noch in einer vom echten Bond abweichenden vorgespielten Rolle.

OHMSS wird manchmal ausdrücklich für seine Liebesgeschichte gelobt oder für die Diskrepanz zwischen der Tracy- und der Blofeld-Handlung kritisiert. Beides ist in meinen Augen nicht ganz zutreffend, da wie bereits beschrieben die elegante Verknüpfung beider zunächst weitgehend voneinander losgelösten Teile dem Film seine eigenständige dramaturgische Dynamik einimpft und beide gleichermassen unentbehrlich sind. So gesehen ist OHMSS im Grossen und Ganzen vielmehr eine Geschichte über Bond und sein Leben als eine Geschichte über Bond und Tracy, respektive Bond und Blofeld, in denen das andere Element nur als Begleiterscheinung oder Störfaktor auftritt. Der Augenblick, in dem Bond nach seiner nervenaufreibenden Flucht vom Piz Gloria an der Mürrener Eisbahn auf Tracy trifft ist somit auch die Schlüsselszene des gesamten Films, in der die zuvor noch losen Enden zusammengeführt werden. Auch die emotionale Komponente ist in dieser Szene am stärksten, da sie den eigentlichen Beginn einer ernsthaften Beziehung zwischen Bond und Tracy darstellt und folgerichtig sowohl anrührender als auch tragischer, in Hinblick auf Tracys Ermordung, Natur ist. Umso mehr Gewicht erhält die Szene auch durch den vorherigen Moment, in dem Bond für eine kurze Zeit völlig am Ende seiner Kräfte scheint, nachdem er Blofelds und Bunts Schergen trotz einer langen und schweren Verfolgungsjagd immer noch nicht abschütteln konnte und sich am Rand der Eisbahn niederlässt, um, so scheint es fast, sein Schicksal zu akzeptieren, bevor Tracy in einer der schönsten Einstellungen des Films einem rettenden Engel auf Schlittschuhen gleich erscheint. Was danach folgt ist der ungewöhnliche Wendepunkt, in dem das Schicksal, bzw. das dramatische Finale des Films, seinen Lauf nimmt. Dieser Teil macht umso klarer, dass Bonds Romanze mit Tracy im ersten Akt des Films zwar wichtige dramaturgische und emotionale Vorarbeit geleistet hat, dieser Teil aber noch keineswegs über dieselbe romantische Gewichtung verfügte wie der Schlussakt, und auch Bonds und Dracos kurzes Gespräch über eine mögliche Zukunft mit Tracy noch sehr vage war und eher formeller Natur, um an Informationen zu gelangen. Stattdessen ist es dieses Aufeinandertreffen in einer ausweglosen Situation und die Verbindung durch gemeinsames Überleben, welche die Beziehung Bond-Tracy auf eine neue, nie zuvor dagewesene Ebene bringt.

Auch der Aspekt der Zusammenführung von der Liebes- und der Agentengeschichte erfährt somit eine noch weitaus grössere Bedeutung. OHMSS zeigt nicht nur eine Welt, in welcher eine rasante Verkettung von Flucht, Entführung und Befreiung den Bund fürs Leben besiegelt, es ist auch generell eine Welt in der sich persönlich-intim gezeichnete Geschichten über ausufernde Actionszenen und spektakuläre Szenarien definieren. Somit passt es wie die Faust aufs Auge (und Bond teilt deren reichlich aus), dass OHMSS mit die beeindruckendsten Actionsequenzen der gesamten Reihe präsentiert. Nur schon die Faustkämpfe sind schlicht spektakulär, nicht nur durch Lazenbys energische physische Präsenz, die jedem Schlag echt und knallhart wirken lässt, sondern auch durch Peter Hunts virtuose Actioninszenierung. Der durch seine langjährige Arbeit als Editor und Second-Unit-Director der Bondfilme geschulte Hunt setzt in seinem Regiedebüt erstmals bei Bond Montage und Schnitt als übergeordnetes Gestaltungsmittel ein. Seine Kampfszenen sind schnell, wild und rasant, wobei Hunt die Perspektive immer wieder wechselt und sogar einige Jump Cuts einbaut. Die PTS mit ihrer Prügelei am Strand, den Hunt als graublaues Zwielicht in majestätischer Weite inszeniert, ist eine der allerbesten der gesamten Bondreihe. Noch grösser und stilprägender sind lediglich die späteren Ski- und Wintersportszenen, allen voran natürlich Bonds spätabendliche Flucht vom Piz Gloria. Was Hunt und Kameramann/Koordinator Willy Bogner hier auf die Leinwand bringen ist nicht mehr von dieser Welt: In schier rasender Geschwindigkeit geht es die winterlichen, mythisch-blau angehauchten Steilhänge des Schilthorns hinab, wobei die Szene durchgängig gleichermassen atemlos-rasant wie auch kunstvoll-pittoresk bleibt. Bonds und Dracos Sturm auf Piz Gloria zeigt der grossen Endschlacht aus dem Vorgänger YOLT, wo es langgeht, da sie bei ähnlich spektakulären Ausmassen und praktisch identischer Ausgangslage um einiges knackiger und gezielter in Szene gesetzt wird und auch die inhaltliche Relevanz besser unterstreicht. Bonds abschliessende Schlittenverfolgung gegen Blofeld setzt im Prinzip die Skiszene fort und teilt deren Attribute der schier übermenschlichen Rasanz und Virtuosität, wobei lediglich einige kleine Zwischenschnitte mit offensichtlichen Rockprojektionen stören, im dynamischen Gesamtkontext der Szene aber auch nicht allzu schlimm sind.

Es ist aber nicht nur Hunts elegante Bebilderung und Inszenierung, auch ausserhalb der Actionszenen, die das clevere und eigenständig strukturierte Handlungskonstrukt zum Leben erweckt, sondern auch die Musik. John Barry liefert mit OHMSS eine seiner allerbesten Arbeiten und unterstreicht gekonnt Wirkung und Intention der verschiedenen Szenen. Einmalig in der Bondserie ist auch der Einsatz eines Instrumentalstücks als Titellied, und dennoch oder gerade deswegen ist das OHMSS-Theme in seinem schwungvollen Arrangement einer der allerbesten Vertreter dieser Sparte und findet später auch in den Actionszenen wunderbar Verwendung. Ähnlich stark mit dem Titellied als unverkennbares und identifizierendes Leitmotiv spielte später höchstens noch TMWTGG. Die vom gesundheitlich schwer angeschlagenen Louis Armstrong eingesungene Liebesballade We have all the time in the world ist ein weiterer anrührender Höhepunkt des Films und wenn Bond den Titel in der allerletzten Szene zitiert gibt dies dem Ende eine unglaubliche emotionale Gewichtung.

So sehr OHMSS heutzutage in Fankreisen als herausragender Serienvertreter gefeiert wird, so selten kommt es vor dass der Hauptdarsteller George Lazenby als bester Bonddarsteller Erwähnung findet, und das ist angesichts der Umstände auch sonnenklar. Im Vergleich mit der charismatischen Kinolegende Sean Connery, dem elegant-verschmitzten Sympathieträger Roger Moore, Vollblutschauspieler Timothy Dalton, Publikumsliebling Pierce Brosnan und der zeitgemässen Neuentdeckung Daniel Craig könnte sich keiner behaupten, schon gar nicht der Kerl, der von seinem Bond-Einstand abgesehen höchstens als Werbegesicht für Big-Fry-Schokolade bekannt geworden war. Lazenbys Verpflichtung als neuer 007 fusste in erster Linie wohl auf seiner optischen und typmässigen Ähnlichkeit zu Sean Connery, seiner überdurchschnittlichen physischen Präsenz in den Actionszenen und seiner von den Produzenten erwartete leichten Handhabung verglichen zum zunehmend eigensinnigen Star Connery. Zumindest die ersten beiden Aspekte erfüllte Lazenby im fertigen Film dann auch zu grosser Zufriedenheit, darüber hinweggesehen ist es aber wenig überraschend, dass er schauspielerisch nicht wirklich grosse Akzente setzt. Zwar ist er angesichts seines Anfängerstatus als gleichermassen sensibler wie mit allen Wassern gewaschener Geheimagent meist erstaunlich gut, einige Unsicherheiten in Bezug auf seine Rollenauslegung sind aber bemerkbar. Dass dies nicht negativ ins Gewicht fällt ist auch der Tatsache geschuldet dass OHMSS im Serienkontext stilistisch wie auch inhaltlich eine Ausnahmeposition einnimmt. Insgesamt ist es auch mehr der Film als Ganzes, und weniger der Darsteller Lazenby, der der Bondrolle hier einen neuen Stempel aufdrückt.

Zum Ausgleich sind es aber die Nebenrollen, die hervorragend besetzt sind und Lazenbys Bond ergänzen und ihn wie auch den Film bereichern. Avengers-Star Diana Rigg als Tracy di Vincenzo ist wohl eines der schauspielerisch besten Bond-Girls und meistert ihre verletzlich-toughe Figur mit Bravour. Ilse Stepatt als kratzbürstiger Wachhund Irma Bunt und Gabriele Ferzetti als verschmitzter korsischer Ganove Marc-Ange Draco stehen deutlich in der Tradition von Rosa Klebb und Ali Kerim Bey aus FRWL, bringen aber auch eigenständige Impulse in ihre Rollen mit ein. Der grösste Glücksgriff der Besetzung ist die Verpflichtung von Telly Savalas und damit einhergehend die Neuauslegung der Blofeld-Rolle. Savalas‘ Rolleninterpretation bricht zwar mit dem in den vorherigen Filmen etablierten Bild des Superschurken, passt aber perfekt in OHMSS und ist durch den sehr freien Umgang mit Kontinuitätsregeln auch gerechtfertigt. Der Savalas-Blofeld ist ein sehr physisch angelegter Schurke, der in Ski- und Actionszenen auch selbst Hand anlegt, im Gegensatz zum unsichtbaren Stubenhocker-Blofeld meistens stehend oder gehend angetroffen werden kann und dessen Katze nicht andauernd umhergeschleppt und manisch gestreichelt, sondern nur beiläufig in einer frühen Szene gezeigt wird. Auf sein Gefolge in Form penibel durchnummerierter SPECTRE-Agenten wird gleich ganz verzichtet. Bond wird mit Blofeld auch auf einer sehr physischen und aktiven Ebene konfrontiert, die direkte Gegenüberstellung der beiden ist im Endresultat dramaturgisch wichtiger als der grössenwahnsinnige Plan, den Blofeld nebenbei noch ausheckt und der mehr eine eher austauschbare Ergänzung darstellt als ein inhaltliches Kernelement. Auch die verbalen Auseinandersetzungen nehmen im Vergleich mit beispielsweise GF eine eher untergeordnete Rolle ein, wenn es sie aber gibt dann sprühen sie vor sprachlicher Eleganz und erfahren durch Savalas‘ Charisma eine weitere Belebung.

Das Warten hat sich gelohnt. Bei seiner Veröffentlichung vom Publikum eher mit Missfallen begutachtet erfährt OHMSS wenigstens heute die Resonanzen, die er schon lange verdient gehabt hätte. Der für eine lange Zeit grösste Ausreisser aus den bewährten Bond-Mustern ist ein furioser Actionfilm, der sein spektakuläres Geheimagenten-und-Superschurken-Szenario als Katalysator für eine persönliche Geschichte benutzt, die mit ihrem tragischen und endgültigen Ende in dieser Form einzigartig ist. Peter Hunts virtuose und sehr visuelle Regie bringt das starke Skript in einem Guss auf die Leinwand und variiert gekonnt festgefahrene erzählerische Merkmale der Bondserie, ohne den Charakter zu verleugnen. Dass Lazenby kein geborener Schauspieler ist und sowohl seinen Bond-Kollegen als auch seinen OHMSS-Co-Stars hinterherhinkt ist kein Geheimnis, so schlecht wie sie manchmal gemacht wird ist seine Interpretation aber bei weitem nicht und sie erfüllt ihren Zweck im Kontext des einen Films bei Weitem und passt auf eine sonderbare Art sogar richtig gut. Und so ist der damalige Tiefpunkt des goldenen Bondjahrzehnts, der 1960er, auf einmal dessen Höhepunkt.

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26. Februar 2018 00:12

Diamonds Are Forever (1971, Guy Hamilton)

"I don't need love - For what good will love do me? Diamonds never lie to me, for when love's gone they'll luster on."
- Shirley Bassey

Nachdem es sich abzeichnete, dass George Lazenby für den nächsten Film nicht mehr als Hauptdarsteller zur Verfügung stehen würde und das Gros des Publikums auf die in OHMSS neu eingeschlagene Marschrichtung eher verhalten reagierte, beschlossen die Produzenten Saltzman und Broccoli, bei ihrem siebten Bond-Abenteuer auf Nummer Sicher zu gehen und den Leuten vor allem das zu geben, was sie wollten. Anfangs der 1970er-Jahre bedeutete dies vor allem ein Mehr an feucht-fröhlichem, augenzwinkerndem Spektakel ohne allzu viele dramatische Untertöne. Man ging sogar so weit, den direkten Vorgänger inhaltlich und vor allem stilistisch weitgehend zu ignorieren und ein klassisch-fideles Abenteuer anzustreben, das sich am besten noch an der Linie des Publikumslieblings GF orientieren sollte. Und so holten die Produzenten mit Regisseur Guy Hamilton und Titelsong-Interpretin Shirley Bassey zwei von dessen prägendsten Talenten zurück an Bord und spielten in der Anfangsphase der Produktion sogar mit der Idee, Gert Fröbe als Goldfingers Zwillingsbruder auftauchen zu lassen, auch wenn dieser Einfall schlussendlich verworfen und die Bösewichts-Position zum wiederholten Male mit Blofeld besetzt wurde. EON’s grösster Trumpf war aber ohne Zweifel die erneute Besetzung der Titelrolle mit Sean Connery, der sich durch ein üppiges Gehalt inklusive Gewinnbeteiligung zu einer einmaligen Rückkehr überreden liess. Der vertraglich schon festgelegte ehemalige B-Star amerikanischer Kassenschlager wie Psycho und Spartacus, John Gavin, blieb den Bond-Fans damit erspart.

Hamilton und seine Mannschaften vor und hinter der Kamera trieben das augenzwinkernde Spektakel in DAF kurzerhand auf die Spitze. Von Ian Flemings gleichnamigem – und in Teilen nicht minder skurrilem – Schmuggelroman blieb abgesehen von der Ausgangslage wenig übrig. Stattdessen gipfelt das absurde Handlungsgerüst nach YOLT in einen neuerlichen Ausflug in Science-Fiction-Gefilde, ein diamantengespickter Blofeldscher Kampfsatellit zur Zerstörung von Atomraketen mit inbegriffen. Eine schlüssige Geschichte sucht man vergebens, fast eine Stunde lang räkelt sich DAF durch eine konfuse, von Bond infiltrierte Schmuggelkette ob deren Vielzahl an Zwischenstationen, Täuschungen, Verwechslungen und Edelsteintausche man lieber schnell kapituliert und sich stattdessen nur auf die einzelnen Szenen konzentriert. Zumal Guy Hamilton sowieso vielmehr daran interessiert scheint, eine kuriose Zirkusnummer nach der anderen abzufeuern. So ist in seinem zweiten Ausflug in die Bondwelt auch fast nie eine Gefahr, geschweige denn sowas wie Spannung spürbar, Bonds Arbeit ist hier mehr Urlaub als Mission, seine Konfrontationen mit Blofeld mehr lässige Plauderei als scharfzüngiges Gefecht zweier Egos. Im Vergleich mit dem direkten Vorgänger OHMSS ist der stilistische Kontrast umso grösser, und selbst neben den ersten fünf Bondfilmen macht der gebotene Irrsinn einem manchmal beinahe sprachlos.

Diese totale Skurrilität äussert sich in vielen kleineren und grösseren Details von Story und Inszenierung, provoziert aber vor allem mit dem Umstand, dass die Intentionen der Macher häufig im Verborgenen bleiben. Es scheinen sich ernstgemeinte aber oft auch missratene Passagen mit Szenen der totalen Eigenparodie abzuwechseln, und an vielen Stellen scheint beides durcheinander zu geraten. Ein Prachtbeispiel für die merkwürdige Mischung ist der Endkampf gegen Mr. Wint und Mr. Kidd, bei dem der eine in einem der brutalsten Bondmomente bei lebendigem Leib verbrennt und der andere entzückt juchzt wenn Bond ihn an den Kronjuwelen packt, alles in ultralangsamem Rhythmus, begleitet von John Barrys schrillen, überdramatischen Fanfaren und Tiffany Cases angewidertem Gequäke – grotesker geht’s nicht! Aber das ist noch lange nicht alles, nach dem noch einigermassen ernsten Anfang in Amsterdam folgen im Prinzip triviale Handlungsszenen und kauzige Rummelplatzmomente im Wechseltakt. Einiges davon ist unterhaltsam oder oft einfach nur unfreiwillig komisch, vieles dafür aber auch überhaupt nicht. Und ein zusammenhängender Stil oder gar eine Dramaturgie will sich nicht einstellen.

Budget- und Ausstattungstechnisch spielt DAF mal wieder in der obersten Liga, nur ist dieses Mal im fertigen Film nicht viel davon zu spüren. Die wenigen Actionszenen sind lahm und einfallslos inszeniert, die Moonbuggy-Jagd ist hierfür das beste Beispiel und wird nur noch von der schlechtesten Autoverfolgung in über fünfzig Jahren Bondgeschichte unterboten, wenn unser James und eine Handvoll unfähiger Polizisten auf einer Strasse und einem Parkplatz im Kreis fahren und Hamilton das Ganze dermassen schleppend und repetitiv inszeniert, dass man meinen könnte er spiele die gleichen fünf Einstellungen in der Endlosschleife. Hamilton bewies sich schon in seinem Bonddebüt GF nicht unbedingt als grosser Actionvirtuose, aber dort entschädigten immerhin die fantasievollen Gadgets des DB5 und das inhaltliche Gewicht für die einschläfernde Inszenierung der Verfolgungsjagd, in DAF fehlt beides. Auch der grosse Helikopterangriff auf Blofelds Bohrinsel ist nicht viel besser und hinkt den ähnlich gestrickten Showdowns in beiden Vorgängerfilmen deutlich hinterher, was neben der Regie auch am wenig attraktiven, geschweige denn aufregenden Schauplatz liegt. Gelungen ist lediglich die Keilerei in Aufzug und Treppenhaus gegen Peter Franks, die bemerkenswert ruppig und schlicht daherkommt und für einmal auch so etwas wie eine gewisse Grundspannung heraufbeschwört.

Auch ausserhalb der Actionszenen wird optisch nicht viel geboten. Sowohl Südafrika als auch Amsterdam bleiben kurzlebige Backdrops, so dass der Grossteil der Film im wenig spannenden Las Vegas spielt. Passend dazu hat der gesamte Film eine künstlich, kulissenhaft und vordergründig wirkende Ausstattung. Der Sprung vom Spieltisch zum Casino-Hinterausgang, vom von Leuchtreklamen überschwemmten Vegas-Strip zur langweiligen Seitenstrasse, vom Mondlandungssimulator zum Wüstengelände draussen oder vom Meerespanorama zur eintönigen Bohrinsel ist in der Regel nicht weit – immer wieder werden vordergründig protzige Sets buchstäblich oder gefühlt als billige Kulissen entlarvt, hinter denen sich nicht viel sehenswertes verbirgt, was man beinahe schon als zynischen Kommentar zum gesamten Film deuten könnte.

Sean Connery ist wieder James Bond, nur dieses Mal eine deutlich gealterte Variante, die nur noch entfernt an den schneidigen Agenten der 1960er erinnert. Der Schotte besticht zwar noch immer mit seiner Präsenz und bringt die ironischen Sprüchen, die ihm das Drehbuch in den Mund legt mit einer unnachahmlichen Lässigkeit rüber ("Alimentary, Dr. Leiter", "If you see a mad Professor in a minibus, just smile!"), witzelt sich aber so seicht durch den Film dass es ausser genereller Sympathie und ein paar Lachern wenig Reaktionen entlockt. Dass Bond den ganzen Film über fast ausnahmslos in festlichen Anzügen und Smokings zu sehen ist lässt ihn wie einer Parodie oder einem Cartoon entsprungen erscheinen. Es gilt wie immer: Connery ist die Königsklasse. Aber seine beste Vorstellung als Bond ist das definitiv nicht, alleine schon filmbedingt. Andere Rollen sind typmässig merkwürdig oder unpassend besetzt, dass man sich permanent fragt ob hier die erstbesten günstigen Kandidaten genommen oder das Casting mutwillig auf den Kopf gestellt wurde. Ein feister, etwas dümmlich aus der Wäsche schauender Leiter als Bond meilenweit unterlegenes Anhängsel? Ein feixender, graumelierter Onkeltyp als Nemesis Blofeld? Charles Gray setzt als Oberschurke keinerlei Akzente und scheint völlig fehl am Platz. Einige Nebenfiguren wie Bert Saxby oder Plenty O’Toole verschwinden aus dem Film, kaum dass sie aufgetaucht sind. Eine gelungene Idee ist das homosexuelle Killer-Duo Wint und Kidd, das von Bruce Glover und Putter Smith süffisant und mit schwarzem Humor gespielt wird, und einen besseren Film oder zumindest bessere Auftritte verdient hätte. In dieser Fassung hinterlassen sie zwar mit den meisten Eindruck, beschränken sich aber auf eine Handvoll Szenen, die nur durch die kuriose und abstruse Schmugglergeschichte mit dem Film verbunden sind. Für ihre letzte Szene hat DAF ausserdem keine wirkliche Motivation anzubieten.

EON’s siebter Streich macht den Eindruck als hätte man einen Haufen guter und weniger guter Ideen in einen grossen Topf geworfen und auf gut Glück abgewartet, was dabei rauskommt. Der Ansatz eines skurril-verschrobenen Bondfilms wäre prinzipiell zumindest schon mal gar nicht schlecht, nur schwankt Connerys 007-Comeback viel zu sehr zwischen den Stühlen. Schwarzhumorige Detektivgeschichte, burleske Bondparodie und exorbitantes Schauwertspektakel (oder dessen günstiges und weitaus weniger aufwändiges Las-Vegas-Studiopendant) verzetteln sich allesamt ineinander, in einer Geschichte die aus Versatzstücken der Romanvorlage und der Vorgängerfilme, Eigenkarikatur und einfallslosen Alibi-Storyfäden zusammengeschustert wurde. So bleibt DAF in der chronologischen Retrospektive in erster Linie als halbfertige Kuriosität in Erinnerung.

Wertung: 4 / 10
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1. März 2018 01:06

Live And Let Die (1973, Guy Hamilton)

"When you were young and your heart was an open book, you used to say live and let live. But if this ever-changing world in which we live in makes you give in and cry, say live and let die."
- Paul McCartney

Nachdem Connery nach DAF der Bondrolle endgültig den Rücken gekehrt hatte, standen die Produzenten aufs Neue vor der Frage, wer in die kolossalen Fussstapfen des Schotten treten und den berühmtesten Agenten ihrer Majestät in den nächsten Filmen verkörpern würde. Mit der Verpflichtung des TV-Stars und britischen Urcharmeurs Roger Moore, der schon zuvor immer wieder für die Rolle im Gespräch gewesen war, gelang ihnen schliesslich auch, was bei der Besetzung Lazenbys nicht geklappt hatte: Einen Bonddarsteller zu finden, der sich bewusst von Connery abhebt und trotzdem bzw. gerade deswegen die Fans für sich begeistern konnte. Moore liefert in LALD einen erstklassigen Einstand in einem der bis dato ungewöhnlichsten Filme der Reihe. Voodoo-Zauber, Alligatoren, verrauchte Jazzclubs und trübe Sümpfe? Wo war Blofeld, wo seine ausgefallen Schurkenbastion, wo die Casinos, die irrsinnigen Zerstörungspläne und die exotischen Hochglanzstrände? Das musste natürlich alles so sein, denn die bewussten Alleinstellungsmerkmale von LALD erlaubten Moore nicht nur einen idealen Einstieg in die Rolle ohne den Ballast der Conneryjahre, sie garantierten auch einen entschlackten und eigenständigen Film, der in den wesentlichen Punkten aber dennoch Bond pur ist.

Im Vergleich zu den immer schillernderen Bondfilmen der 1960er-Jahre kommt LALD wesentlich rauer und schlichter daher, alleine schon durch die Rückkehr zum kleineren Bildformat. Dazu gesellen sich die wild und dreckig eingefangenen Locations in den USA und der Karibik, in erster Linie Jamaika als San-Monique-Double. Versprühte die Insel elf Jahre zuvor in DN noch einen bunt-verwegenen Abenteuergeist so wird sie dieses Mal ausnahmslos von ihrer staubigen und dunklen Seite abseits touristischer Strandpanoramen inszeniert. Auch die Schurkenhandlung ist so simpel und nüchtern wie in kaum einem anderen Bondfilm, im Grunde geht es um ein schnödes Heroingeschäft, auch wenn es bondtypisch etwas ausgeschmückt wird. Mehr denn je ist dieser Plan aber kaum mehr als ein Aufhänger für eine flotte Abenteuergeschichte, die dieses Mal aber weniger mit grossen Schauwerten und trickreichen Spielereien punkten will als mit Stil und einem eigenständigen Flair. Das fängt schon im Vorspann an, der zu den besten Arbeiten des legendären Titeldesigners Maurice Binder zählt: Fackeln, Kriegsbemalung, brennende Totenköpfe, alles unterlegt mit einem brachialen und modernen Rocksong von Paul McCartney, dem bis heute besten Titellied der ganzen Reihe.

Diese Linie wird mit der Einbindung der afroamerikanischen und haitianischen Kulturen als stilgebendes Motiv konsequent weitergeführt. Bond trifft auf Drogenbanden in Harlem, Krokodilzüchter in Louisiana und einen mörderischen Inselkult auf San Monique. Diese ungewöhnlichen Hintergründe und Handlungselemente geben dem Film genau den richtigen Schuss finsterer Exotik, passend zum kleineren Rahmen des Geschehens. Gleichzeitig macht Bondveteran Hamilton immer wieder deutlich, dass man das Gesehene nicht bierernst nehmen sollte. Er verschwendet gar nicht erst zu viel Zeit daran, die Wahrsagerei mit Tarotkarten oder den finsteren Voodoo-Hexer als Scharlatane oder gegenteilig als übernatürliche Einschübe zu erklären, sondern geht völlig locker und in den richtigen Momenten auch augenzwinkernd mit ihnen um, wie es der Film gerade braucht. Die eigenständige und stimmige Atmosphäre des Films wird gekonnt betont von seinem Soundtrack. Der stammt zum ersten Mal in zehn Jahren nicht von John Barry, sondern von Beatles-Produzent George Martin, und Martin weiss sich von den orchestralen Epen seines Vorgängers abzuheben. Seine Musik ist an den passenden Stellen gefährlich, meist von bedrohlichen Trommeln untermalt, hat in anderen Szenen aber genau den richtigen Schwung und Pepp. Alleine wie er das altbekannte Bond-Theme in Jazzrock-Form neu auflegt oder McCartneys Song zitiert ist meisterhaft und gibt der Stimmung des Films den richtigen Schliff.

Auch die Actionszenen sind dieses Mal alle eine Nummer kleiner und in einem sehr ruhigen Tempo gehalten. Am meisten im Gedächtnis bleibt natürlich die grosse Bootsverfolgungsjagd in den Bayou-Sümpfen, die mit ihren spektakulären Weitsprüngen ebenso punktet wie mit ihrem sehr bedächtigen, ungewohnt langsamen Schnittrhythmus. Damit steht sie bestens in der Tradition der Busverfolgung früher im Film, die ähnlich locker und relaxt in Szene gesetzt wird, die Bootsszene geht aber noch einen Schritt weiter indem sie die Handlung immer wieder durch die Perspektive von Clifton James‘ kauzigem Sheriff Pepper aufbricht, der verzweifelt versucht, Recht und Ordnung in den Sümpfen zu wahren, was sich natürlich als äusserst schwierig herausstellt wenn Bond und Kanangas Schergen in ihren Schnellbooten allerhand Unruhe stiften. Die humoristischen Einlagen in Verbindung mit dem gemütlichen Tempo und der lockeren Attitüde, aber auch einigen deftigen Stunts, machen die Sequenz zu einem würdigen Actionhöhepunkt. Natürlich hätte man die Flughafenszene in New Orleans, in der Bond als angeblicher Vertretungslehrer an Seite einer betagten, kurz vor dem Herzkasper stehenden Flugschülerin allerhand Blech verschrottet, auch kürzen oder weglassen können, als kleinen lustig-absurden Einschub möchte ich sie aber nicht missen, vor allem in Kombination mit der anschliessenden Szene in der Leiter den erbosten Fluglehrer am Telefon beruhigen muss ("Your patriotism is beyond question, Mr. Bleeker, I'm sure you're a veteran!")

Mit Roger Moore als James Bond ist dem Produzentengespann ein wahrer Glücksgriff gelungen. Der mit seinen 46 Jahren nicht mehr ganz blutjunge Moore war damals schon kein unbeschriebenes Blatt, und es war durchaus klar, dass er keine reine Connery-Kopie sein, sondern seine eigenen Stärken in die Rolle mit einbringen würde. Mit seiner beschwingten und humorigen Art und seinem verschmitzten Charme hebt sich Moore von seinem überlebensgrossen Vorgänger ab und drückt Bond einen Stempel auf, der die Filme und ihren Protagonisten für die nächsten zwölf Jahre prägen sollte. Zwar gibt er sich in seinem Debüt noch etwas rauer und härter als in seinen späteren Auftritten, was zu LALD aber nur passt und die Kerndisziplinen seiner 007-Interpretation – Lockerheit, Charme und Witz – trotzdem schon deutlich genug herausarbeitet. Moores Rollenauslegung diktiert dann auch den Ton des Films, der sich selbst zwar immer genügend ernst nimmt, zugleich aber auch gehörig mit dem Auge zwinkert. Durch die kürzeren Haare und den Umstand dass er oft in Freizeitkleidung in der jamaikanischen Wildnis unterwegs ist wirkt Moore in LALD ausserdem jünger und körperlich vitaler als in jedem seiner anderen Bondauftritte. Eine wunderbare Ergänzung zu Moores Bond ist ausserdem der Auftritt von David Hedison als CIA-Kollege Felix Leiter, die Chemie zwischen Hedison und Moore ist perfekt und dass Leiter in LALD etwas aktiver agiert und aus seiner Stichwortgeberrolle hinauskommt lässt einen glauben, dass hier zwei eingeschworene Kumpels zu sehen sind.

Jane Seymour und Yaphet Kotto werden in ihren jeweiligen Rollen als Bondgirl bzw. Oberschurke in der Regel von den Fans mit Anerkennung bedacht, belegen aber selten die Spitzenplätze in den Ranglisten. Das ist ein Urteil, das ich unterschreiben kann, beide sind starke Vertreter ohne zu den absolut besten zu gehören. Seymour gibt die hinreissende Kartenlegerin anfangs forsch und kühl, später mit einer glaubhaften Verletzlichkeit. Eine gute Leistung und ein bezauberndes Aussehen, dennoch lässt ihre Rollenauslegung trotz aller Vorzüge ein Stückweit eine wirkliche eigene Note vermissen. Kotto ist als Dr. Kananga ein prächtiger Schurke, der gleichermassen kultiviert und humorvoll wie unberechenbar und unerbittlich auftritt und in seiner gemeinsamen Szene mit Solitaire nach deren Enttarnung sogar ebenfalls eine verletzte Seite zeigt, die bei Bondschen Gegenspielern eher ungewöhnlich ist. Weniger Akzente setzt dafür die Rolle der Rosie Carver, die mit Gloria Hendry schlicht zu wenig attraktiv und charismatisch besetzt ist und auch vom Drehbuch wenig Gelegenheit zur Entfaltung erhält, abgesehen von ihrem rigorosen Aberglauben. Umso mehr punkten kann dafür Kanangas glanzvolle Mannschaft an Verbündeten und Helfershelfern, vor allem auch da der Film auch hier seiner schlichteren Auslegung treu bleibt und statt einer anonymen Soldatenschar eine überschaubare und verschworene Bande zeigt. Geoffrey Holders diabolischer und sinisterer Voodoo-Priester Baron Samedi ist gerade wegen seiner wenigen und leicht kryptischen Auftritte einer der exzentrischsten Bondschurken, Julius W. Harris ist als mit Stahlklaue und Sonnenbrille ausgestatteter Leibwächter sowohl gefährlich und imposant als auch charismatisch und gewitzt. Auch Adam, Whisper, der Taxifahrer, der Mörder beim Begräbniszug oder der Kellner im Fillet of Soul haben alle mindestens einen unverkennbaren Auftritt und runden das schurkische Ensemble bestens ab.

LALD bewies zu seiner Entstehungszeit, dass James Bond nicht auf immer und ewig auf Sean Connery angewiesen ist, sondern dass auch andere Darsteller die Serie weiterführen und die Titelrolle mit ihren Stärken formen können. Aber auch heute noch ist Hamiltons dritter Serienbeitrag ein herrlich unterhaltsamer Film, der zwar die typischen Bond-Zutaten wahrt, aber seine Grössenordnung bewusst etwas zugunsten eigenständiger Atmosphären- und Handlungselemente zurückschraubt. Diese Elemente spielen hier wunderbar zusammen und verleihen LALD ein durchgängig konsequentes eigenes Flair. Moore spielt gekonnt seine Stärken aus und profiliert sich als anderer, aber Connery nahezu ebenbürtiger 007, eine Leistung, die er mit seinen folgenden Filmen noch weiter untermauern würde.

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17. Juli 2018 01:12

The Man with the Golden Gun (1974, Guy Hamilton)

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- Lulu

Nachdem Roger Moore mit LALD seinen furiosen Einstieg in die 007-Rolle gefeiert hatte sollte es nur ein Jahr dauern bis zum nächsten Film. Ob diese einmalige Rückkehr zum in den 70ern eigentlich schon in den Ruhestand gestellten Einjahres-Rhythmus der Qualität des neuen Bond-Spektakels geschadet hat ist eine berechtigte Frage. Die gesellige Mixtur aus Humor, Atmosphäre und Abenteuer des Vorgängers wurde nicht getoppt und heute wird TMWTGG rückblickend von vielen Fans als Tiefpunkt der Reihe eingestuft. Zumindest den zweiten Punkt kann und will ich aber so nicht unterschreiben, denn dafür macht TMWTGG insgesamt einfach noch zu viel Spass. Aber der Reihe nach.

Es ist schon erstaunlich, wie wechselhaft die frühen Bondfilme teilweise in Bezug auf die erzählerische und dramaturgische Funktionalität sind, wenn man bedenkt dass oftmals Stammautoren und -Regisseure am Werk waren. Einen Preis für Narration hat sich TMWTGG auf jeden Fall nicht verdient, sinnige Kausalität, Spannungsbögen oder Momente der Gefahr sucht man nämlich vergebens. Frappierend ist, dass sich fast alle Ansätze hinsichtlich Spannungsaufbau als falsche Fährten und leere Hüllen entpuppen, so stellt sich etwa in einer unverhältnismässig langen und im ganzen Film am stärksten auf Spannungserzeugung getrimmten Szene heraus, dass Bond lediglich zu M und Kollegen geführt werden soll. Auch im Gesamtkontext hat man sich keinen Gefallen damit getan, als Prämisse eine austauschbare Story um Solartechnologie einzubauen, die vom Film sowieso weitgehend stiefmütterlich behandelt wird und gar nicht richtig zum Rest passen will. Hier wäre es interessanter gewesen, sich stattdessen mehr auf den Killer Scaramanga als dunkles Spiegelbild Bonds und das Katz-und-Maus-Spiel der beiden zu fokussieren. Nicht nur wäre es die originellere Idee gewesen, die Inszenierung und Auslegung des fertigen Films scheint dem auch viel mehr in die Karten zu spielen, während die lahme Solex-Geschichte mehr einer Strichliste zu folgen scheint.

Ein als grosses Ganzes lahm erzählter Flickenteppich von einer Spionagehandlung und zwei nicht zueinander passende Grundprämissen, und was genau macht an TMWTGG denn nun so viel Spass? Der Film setzt praktisch dort fort wo DAF vor dem stimmigen und ausbalancierten LALD-Intermezzo aufgehört hat und suhlt sich zwischen seinen Ansätzen einer Storyentwicklung in selbstironischer Schauwertberieselung. Man muss sich also gar nicht erst die Mühe machen, nach einer gut erzählten Geschichte zu suchen sondern nur das Sammelsurium an mal mehr und mal weniger gut gelungenen, aber stets mit einem gewissen Charme ausgestatteten Ideen geniessen. Nach dem lahmenden Einstieg verbreitet vor allem der in und um Bangkok angelegte Mittelteil angenehmes Urlaubs- und Spassfeeling. Die Stadt wird gerade auch in ihren dreckigen Ecken und trüben Vorstadtkanälen sehr atmosphärisch gezeigt und bietet einen würdigen und stimmungsvollen Backdrop für Old Rogs Rummelplatz. Darüber hinaus ist TMWTGG vermutlich der Bondfilm mit den am meisten unterschätzten Sets, vor allem was einem in Form von Interieurs und Dekors geboten wird, sei es Scaramangas in die Felsbuchten eingebettetes Inseldomizil, das Schlafgemach der Dschunke, die Edelhotels in Bangkok und Hongkong, Hai Fats Prachtgarten oder das windschiefe Innere der HMS Queen Elizabeth, alles ist von einer bondtypisch überzeichneten Mondänität.

Actionszenen gibt es in Old Rogs All-Inclusive-Thailandurlaub vergleichsweise wenige, und die grosse Autoverfolgung durch Bangkok weckt anfangs durch die repetitiven Fahrmanöver und das Eingreifen der lokalen Behörden böse Erinnerungen an die lahme Blechverschrottung aus DAF, punktet später aber mit einigen rasanten Einstellungen und dem wohl gewagtesten Autostunt in der Filmgeschichte. Im Kontrast dazu steht die handlungsirrelevante, aber besonders für Hauptdarsteller Roger Moore ungewohnt harte und derbe Keilerei mit den libanesischen Sicherheitsleuten. Unzweifelhafter Höhepunkt ist aber Bonds geplante Schauhinrichtung in einer Karateschule. Wie da folkloristischer Zirkus, zeremonielles Brimborium und augenzwinkerndes Gekloppe im Gleichschritt geboten werden ist sagenhaft und wird von allen Beteiligten - inklusive dem erneut erstaunlich physisch agierenden Moore - absolut schmissig in Szene gesetzt. Nicht so ganz überzeugen wollen die Szenen in Scaramangas "Gruselkabinett", das in Sachen Überraschungen und Tricks arg überschaubare Szenario bleibt weitgehend eine interessante Idee, aus der man auf verschiedene Arten mehr hätte machen können. Interessant ist aber, wie im Showdown ab einem Punkt plötzlich Bonds Perspektive ausgeblendet wird und man das Geschehen mitsamt seiner Auflösung nur noch aus dem Blickwinkel des Bösewichts betrachtet, was dem Aufeinandertreffen der beiden etwas mehr Biss gibt.

Stammkomponist John Barry hat für die Bondreihe so einige ordentliche bis sehr gute Scores kreiert, aber was er in TMWTGG abliefert lässt manches davon fast schon verblassen. Barry setzt mehr denn ja auf Leitmotive und sich wiederholende Elemente, vieles ist eine Variation der Melodie, die auch im Titellied Verwendung findet. Die Variation macht hier den Genuss aus, mal erklingt die Musik ruhig und mystisch angehaucht wie etwa als Scaramanga Bond vor Hai Fats Anwesen via Fernglas identifiziert, mal explodiert sie so ungestüm dass man am liebsten auf seinem Sitz springen möchte wie bei der Flucht aus der Karateschule. Das übergreifende Motiv lautet Kontraste, auch in der Art wie Barry kurze Segmente in Abwechslung zueinander einsetzt. Der Score ist einprägsam und melodisch bis zum Gehtnichtmehr und passt wunderbar, sowohl zum goldenen Dreieck als auch zu der augenzwinkernden Märchenwelt, in der TMWTGG immer wieder rumtollt.

"Old Rog" Roger Moore wird in seiner Bond-Interpretation meistens für die Filme gelobt, die erst nach TMWTGG kamen, und tatsächlich variiert er hier noch die etwas härtere Gangart, die auch schon seinen ersten Auftritt prägten. Trotzdem wird bei seinem Bond auch der Humor sehr gross geschrieben, und in TMWTGG teils sogar mit Ausrufezeichen. Moore agiert hier teilweise mit fast schon debilem Chauvinismus und ist in vielen Momenten einfach urkomisch, man denke daran wie er vor den Augen des Sheriffs süffisant und stolz wie ein Gockel Ehrenrunden mit seinem Boot dreht oder welch Blödsinn er Goodnight beispielsweise beim gemeinsamen Abendessen in Form feierlicher vorgetragener Turteleien zumutet. Oder wie er über sich als Geheimagenten spricht als wäre er eine Art Popstar. Kurzum macht es einfach Spass, dem alten Roger bei seinen Eskapaden zuzuschauen und festzustellen, wie selbstironisch er die ganzen Faxen nimmt. In eine etwas andere Richtung schlägt die Besetzung des Bösewichts mit Horror-Ikone Christopher Lee. Der Schauspielveteran überzeugt mit seinem Wechselspiel zwischen jovialem Frohsinn und eiskalter Unnahbarkeit aber lässt dabei auch immer wieder durchschimmern, dass sein darstellerisches Potential und die Idee eines Bond gar nicht mal so unähnlichen Killers im Mano-a-Mano mit 007 vielmehr in einen anderen, ernsthafteren und ja, auch besseren Film gepasst hätten. Lee bekommt als Scaramanga nur an wenigen Stellen mehr Tiefe verliehen, etwa bei seinem Monolog über den Zirkuselefanten, hätte unter anderen Bedingungen bei ähnlicher Ausgangslage aber mühelos der beste Bond-Bösewicht aller Zeiten sein können. Trotzdem sind seine Auftritte gelungen und als Konterpart zu Moores Bond anständig eingebettet.

In der Besetzung der Nebenrollen wird weitgehend die Zirkuslinie weiterverfolgt, beispielsweise mit dem dümmlichen und unfähigen Lieutenant Hip, der oft als Sidekick herhalten darf bzw. muss. Noch blöder ist lediglich Mary Goodnight, die laut Drehbuch eine Agentin sein soll, sich aber so grenzdebil anstellt bei allem was sie tut, dass man abwechselnd vor Lachen am Boden liegt oder sich wünscht, Scaramanga würde ihr als nächstes den Garaus machen. Alleine wie sie Bond alle Naslang anschmachtet um im nächsten Moment wieder die beleidigte Leberwurst zu spielen ist sagenhaft. Als ob das nicht genug wäre darf auch noch Sheriff Pepper Urlaub in Thailand machen und in Bonds Abenteuer hineingezogen werden. Anders als bei seinem Auftritt in LALD will der Sheriff aber hier, losgelöst von seinem natürlichen Habitat, nicht so ganz passen, hat man sich aber damit abgefunden dass sogar dieser Idiot hier mit reingepackt wurde kann man auch mit ihm seinen Spass haben. Dafür wird aber Hervé Villechaize in der Rolle von Scaramangas kleinwüchsigem Diener Nick Nack an erstaunlich wenigen Stellen als Zwergenclown missbraucht und verkörpert meistens eine relativ zwielichtige und bei aller Skurrilität sogar überraschend würdevolle Figur.

Roger Moores zweiter Auftritt als 007 ist ein kurioser Fall, der natürlich leicht als schlechter Film abgestempelt werden kann. Die Story wird schwach entwickelt, die Charaktere darin sind teils dumm wie Bohnenstroh, viele Elemente passen nicht wirklich zueinander und die Figur des Scaramanga sowie ihr Darsteller Christopher Lee verweisen eigentlich auf ein viel grösseres Potential. Hat man sich aber damit abgefunden, dass TMWTGG nun mal kein weiterer Höhepunkt der Reihe ist, kann man mit dem Gebotenen durchaus auch Spass haben. Moores Darstellung des augenzwinkernden Ultra-Chauvinisten, Lees trotz allem sehr guter Auftritt, das oftmals mehr oder weniger bewusst in Komödienzirkus abgleitende Spektakel, das stimmungsvolle exotische Flair, der herausragende und fantasievolle Score und einiges an selbstironischem Charme können zwar die grundlegenden Schwächen nicht verschleiern, sorgen aber dafür, dass die zwei Stunden relativ schnell und auch ganz unterhaltsam verfliegen.

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25. Juli 2018 12:55

The Spy Who Loved Me (1977, Lewis Gilbert)

"Nobody does it better, makes me feel sad for the rest. Nobody does it half as good as you, Baby, you're the best."
- Carly Simon

Mit TSWLM wurde zum ersten Mal in der Bondreihe ein Jubiläum im grossen Stil gefeiert - zehn Filme und fünfzehn Jahre galt es zu zelebrieren - und Produzent Broccoli, nach dem Ausstieg seines Partners Harry Saltzman aufgrund finanzieller Schwierigkeiten alleine an der 007-Front, wollte den Fans etwas ganz besonderes bieten. So ist es nur verständlich, dass TSWLM eine Art "Best-of-Bond" geworden ist. Das Motto lautete: Noch mehr Spektakel, noch mehr Exotik, noch mehr Gadgets, noch mehr Humor und noch mehr Fantasie als je zuvor, nicht weniger als das ultimative Spasspaket, das maximale Vergnügen sollte es werden. Diese "ultimative" Herangehensweise gepaart mit der progressiven Zelebration von fünfzehn Jahren Tradition sind es wohl auch, die TSWLM zu einem rundum anerkannten Fanliebling und bis heute zu einem der besten Bondfilme machen.

Roger Moores drittes Outing als Gentleman-Spion ist der Beweis, dass es um einen richtig guten Film zu machen manchmal gar nicht eines besonders ausgefeilten oder Szene für Szene durchdachten Skripts bedarf. Die Handlung von TSWLM liesse sich sicher leicht zerpflücken, viele Szenen bauen nicht wirklich logisch aufeinander auf und sind vielmehr an ihrer eigenen Aussagekraft und den Schauwerten interessiert als an so etwas trivialem wie Kausalität. Der Witz an der ganzen Sache ist dass einem die von einem Höhepunkt zum nächsten springende und darum herum gestrickte Story gar nie wirklich negativ auffällt, weil alles einfach viel zu viel Spass macht. Der Regisseur heisst Lewis Gilbert, genau wie der Macher des zehn Jahre zuvor entstandenen YOLT, also erstaunlicherweise ein Namensvetter. Es kann sich nämlich gar nicht um denselben Regisseur handeln, der Connerys Japan-Mission einst so mechanisch und monoton inszeniert hat. Dieser Gilbert hier beherrscht seine Dramaturgie im Schlaf und lässt die Szenen geschmeidig ineinandergreifen, wählt kluge und einfallsreiche Bildausschnitte und schneidet dynamisch wie eh und je. Das unverkrampfte Spiel mit Spannung, Action, Abenteuer und Humor seitens der Inszenierung wirkt wie selbstverständlich und verleiht dem Film einen grossen Anteil seines erheblichen Charmes.

Visuell ist TSWLM ein absoluter Leckerbissen und macht ordentlich Gebrauch von der Rückkehr der 007-Reihe zum Scope-Format. Die Locations auf Sardinien, in Ägypten und den Alpen sind bildgewaltig und pittoresk eingefangen, noch besser sind höchstens die eigens für den Film angefertigten Sets. Produktionsdesigner Ken Adam übertrifft sich mit der ausgefeilten und üppigen Ausgestaltung des Liparus-Tankers und der trickreichen Unterwasserbasis Atlantis selber, was er da auf die Beine gestellt hat ist wahrlich nicht mehr von dieser Welt. Auch die Actionszenen können das hohe Niveau halten, sei es die schmissige Skiverfolgung zu Beginn, die rasante Autoverfolgung entlang der sardinischen Küste oder der ausladende Showdown in der Liparus, der zu den besten seiner Art gehört. Gilbert setzt in den Actionszenen allerhand Tricks und Wendungen ein, und sorgt damit immer wieder für Überraschungen. Etwa wie er Bonds aussichtslos scheinende Skiflucht mit dem Asgard-Stunt und dem Union-Jack-Fallschirm auflöst, oder den Lotus als "Wet Nellie" unter Wasser bringt. Oder all die Spannungsbögen im Finale mit der Demontage eines atomaren Sprengkopfes und Bonds anschliessendem Ritt auf einer Überwachungskamera. Von den harten aber humoristischen Zweikämpfen, die immer wieder eingestreut werden, ganz zu schweigen.

Als ob das alles nicht schon genug wäre setzt Marvin Hamlischs Score ein Ausrufezeichen unter viele Szenen, unter anderem in Form seiner schmissigen, elektronisch angehauchten Neuinterpretation des Bond-Themes alias "Bond 77" oder des mystisch-majestätisch anmutenden Atlantis-Stücks, das jedes Mal erklingt, wenn die sich die spinnenartige Meeresfestung aus dem Wasser erhebt oder anderweitig in die Handlung mit einbezogen wird. Hamlischs Arbeit rundet das stimmige Gesamtbild des Films zusätzlich ab und gibt der dynamischen Melange aus Spass und Abenteuer in vielen Momenten den letzten Schliff.

Roger Moore ist mit seinem dritten Abenteuer endgültig in der Bondrolle angekommen und liefert eine Interpretation, die sich vor Sean Connerys allerbesten Auftritten nicht zu verstecken braucht. Fieses Macho-Gehabe wie in den beiden Vorgängern gibt es keines mehr, stattdessen legt Moore noch mehr Wert auf Humor, Charisma und Heldentum und überzeugt damit auf ganzer Linie, völlig gleich ob in amourösen, witzigen oder ernsteren Momenten, wie seinem Austausch mit Anya über Sergejs Tod. Bei Moores leichtfüssigem und rundum gekonntem Spiel erscheint einem der Text zu Carly Simons melodischem Titelsong wie die in Stein gemeisselte Wahrheit über diesen Bond: Es gibt nichts, was dieser Mann nicht kann und niemand macht es besser. Mit Barbara Bach als russischer Agentin hat Moore glücklicherweise auch gleich noch eines der besten Bondgirls an seiner Seite. Bach begeistert nicht nur optisch, sondern überzeugt in der für einen Bondfilm erstaunlich differenzierten Rolle auch darstellerisch und hat darüber hinaus die perfekte Chemie mit Old Rog, wobei die Dynamik der beiden vor allem in der ersten Hälfte Züge einer launigen Screwball-Komödie aufweist und treffend eingesetzt wirkt.

Auch auf Seiten der Bösen ist alles im grünen Bereich, Curd Jürgens' Stromberg-Rolle hätte aufgrund ihrer Passivität auch schnell behäbig wirken können, aber der normannische Kleiderschrank legt die Figur dank sonorer Stimme und eiskaltem Blick stattdessen gleichermassen galant wie sinister an. Auch ist Bonds letzte Konfrontation mit Stromberg in all ihrer Härte, Kürze und Schlichtheit sehr gelungen und ein guter Kontrastpunkt zum ansonsten so extravaganten und ausladenden Finale. Der Höhepunkt ist natürlich Richard Kiels hünenhafter Killer Jaws, der sich seinen Status als populärster Handlanger der Bondreihe redlich verdient hat. Trotz oder gerade wegen seiner ständigen Missgeschicke und Niederlagen, die gerne auch mit trockenem Slapstick ausgeschmückt werden, verliert er in seiner stoischen Unbeirrbarkeit und Unbesiegbarkeit nie seinen Effekt als stetige Bedrohung.

TSWLM ist so etwas wie der feuchte Traum für Bondfans, ein gewitztes und grossangelegtes Spektakel das auf allen Ebenen zu überzeugen weiss und vermeintliche Handlungslücken auf der Fahrt zum nächsten Höhepunkt einfach mühelos überspringt. Gilberts stimmige und einfallsreiche Inszenierung verzahnt gekonnt Abenteuer, Action und Spass und liefert exotische, ausgefallene und spassige Setpieces am laufenden Bond. Roger Moore thront wie ein König über dem ganzen und beweist sich in einer makellosen Performance als furchtloser, charmanter und gewitzter Filmheld, vor allem aber als praktisch idealer James Bond.

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31. Juli 2018 22:35

Moonraker (1979, Lewis Gilbert)

"Where are you? When will we meet? Take my unfinished life and make it complete."
- Shirley Bassey

Nach dem exorbitanten Publikumserfolg von TSWLM lag es für Produzent Broccoli nur auf der Hand, bei seinem nächsten 007-Abenteuer derselben Formel zu folgen und so lautet das Erfolgsrezept einmal mehr: "Bigger, Better, Bond". Ein anderer ausschlaggebender Faktor für die grossangelegte und üppige Herangehensweise war aber die 1977er-Sensation Star Wars, die die Filmwelt auf einen Schlag in einen regelrechten Science-Fiction-Hype versetzte. Für Broccoli, mit seinem goldenen Riecher immer am Puls der Zeit, schien die Mission somit klar: James Bond muss in den Weltraum.

Trotzdem ist es in erster Linie der Vorgänger, der in MR den Ton diktierte, nicht zuletzt da mit Roger Moore, Lewis Gilbert und Christopher Wood auch dieselbe Erfolgsbrigade vor und hinter der Kamera waltete. Und da wundert es nicht, dass MR stellenweise grosse Mühen hat, die kolossalen Fussstapfen auszufüllen. Während in TSWLM die Symbiose aus Spannung, Abenteuer und Setpieces immer genau richtig war und den Machern mit einer unverschämten Leichtigkeit von der Hand ging, springt MR ohne greifbare Aufhänger von Episode zu Episode, bzw. von einem absurden Mordanschlag auf Bond zum nächsten. Dieser Ansatz zieht sich besonders durch die sehr lang anmutenden Episoden in Kalifornien und Venedig, in denen bis auf einige berechenbar platzierte Actionszenen nicht viel passiert und die Geschichte und die Gefahr keine spürbare Form annehmen, so dass das Abenteuer erst nach rund siebzig Minuten der Laufzeit wirklich in Schwung zu kommen scheint. Die Schwierigkeit dabei ist, dass die Reise in den Orbit so fantastisch und - im wahrsten Sinne des Wortes - abgehoben ist, dass ihre längere und sehr umständliche Aufbereitung auf Mutter Erde dem nicht wirklich gerecht werden kann. Wenn es dann endlich in Richtung Finale und Raumfahrt geht, passiert das so zügig und von den bisherigen kleinen Ermittlungsschritten unabhängig, dass man auf die längeren Handlungsteile zuvor eigentlich auch hätte verzichten können.

Dass Bond die Welt dieses Mal von einer Raumstation aus rettet ist beim Publikum bis heute eine sehr umstrittene Angelegenheit, und nicht wenige halten diesen Handlungsaspekt für zu absurd, selbst für 1970er-Bondverhältnisse. Dabei ist doch gerade dieser Teil der Höhepunkt des Films, der auch den exotischen und überlebensgrossen Abenteuergeist des Vorgängers atmet. Während sich in der ersten Filmhälfte trotz der übertrieben prunkvollen Interieurs in Venedig und auf Drax' Schloss noch kein so wirklich überzeugendes Flair einstellen will, nicht zuletzt aufgrund der teilweise etwas steifen Inszenierung, kommt im Schlussakt allerbeste Bond-Magie zum Zuge. Setdesigner Ken Adam hat mal wieder ganze Arbeit geleistet, sei es mit dem Pythonteich im Inneren des Maya-Tempels, der Abschussbasis der Space Shuttles oder nicht zuletzt Drax' gewaltiger Raumstation im Erdorbit. An diesen Stellen sprüht MR geradezu vor fantasievollem Zauber, auch in der märchenhaften Art, wie Gilbert das Gesehene in Szene setzt. Die Spezialeffekte sind schlicht atemberaubend und sehen bis heute makellos aus, die Anreise zur Station mit Gilberts ruhevoller, fast schwereloser Inszenierung und Barrys mächtig-majestätischen Klängen ist wohl der beste Moment des Films und spiegelt die Fremdartigkeit und das Aufeinandertreffen von Ehrfurcht und Entdeckergeist wunderbar wider.

Die Actionszenen in MR sind eine wechselhafte Angelegenheit. Die PTS wartet mit einem der wohl spektakulärsten Stunts der Filmgeschichte auf, die Intensität und die Echtheit der Kampfszenen im freien Fall sind einfach nur immens, auch wenn der Sequenz, gerade auch im Vergleich zur Eröffnungsszene von TSWLM, ein wenig die Einbettung in einen Kontext fehlt und sie etwas allzu sehr aus dem Nichts kommt. Die übrigen Actionszenen des terrestrischen Handlungsaktes bleiben wie auch das meiste Drumherum eher mau. MR hat gleich zwei Bootsverfolgungsjagden an Bord, die erste ist vorbei, kaum dass sie angefangen hat und setzt ihren Clou, Bonds Hovercraft-Gondel, nicht als Höhepunkt, sondern als nutzloses Anhängsel am Ende der Szene ein. Die zweite am Amazonas treibt es zum ersten Mal in der Reihe zu bunt mit den Rückprojektionen und macht interessanterweise Gebrauch vom 007-Theme, das zuletzt bei Connery verwendet wurde. Gerade deshalb mutet diese musikalische Zeitreise in die 60er aber etwas merkwürdig an, da Moore und seine Filme einen ganz anderen Zeitgeist ausstrahlen.

Die Aikido-Prügelei in der venezianischen Glaserei ist eine nette Idee und gut choreographiert, wenn auch bei Weitem kein Höhepunkt. Nicht zuletzt auch, weil Bonds Gegner Chang einer der profillosesten und langweiligsten Handlanger der Serie bleibt. Ähnlich verhält es sich mit den Attentaten auf Bond bei Drax' kalifornischem Schloss. Vor allem die Zentrifugenszene ist eine schöne Einzelepisode, von Moore gut gespielt und von Gilbert nett inszeniert mit den Erinnerungsfetzen an das pfeilschiessende Armband. Aber es will sich während Bonds dortigem Aufenthalt einfach keine dynamische Steigerung der Geschichte einstellen. Auch die behäbige Keilerei auf der Zuckerhut-Gondel schlägt in eine ähnliche Kerbe. Es läuft alles immer wieder auf das Schlussdrittel hinaus, sicherlich sind die dortigen Laser-Schiessereien gewöhnungsbedürftig, aber durch den Umstand, dass sie in ein vitales und stimmungsvolles Setpiece eingebettet sind, funktionieren auch sie. Eigentlich lässt sich dem Film ab Bonds Eintreffen im Tempel kein Vorwurf mehr machen, die Balance aus Action, Bildgewalt, Inszenierung und Spannungsbögen klappt von diesem Punkt an wunderbar und bringt MR schwung- und fantasievoll zu Ende.

Moore setzt absolut souverän seine Rollenauslegung aus TSWLM fort und führt als galanter Sympathieträger durch den Film. Ihm gegenüber steht mit Michael Lonsdale als Hugo Drax ein viel kritisierter Bösewicht, der nicht zu den allerbesten gehören mag, aber mit seiner konsequent blasiert-gelangweilten Art durchaus Akzente setzt, vor allem - wie könnte es anders sein - im Schlussakt, als sich der pure Wahnsinn seines Vorhabens endlich herauskristallisiert. Auch in der Ausgestaltung des Bondgirls folgt MR deutlich dem überlebensgrossen Vorbild TSWLM, und stellt 007 einmal mehr eine Agentin auf derselben Mission zur Seite. Verglichen mit Barbara Bachs Anya bleibt Lois Chiles' Holly Goodhead die schwächer entwickelte Rolle in Bezug auf ihre Beziehung zu Old Rog, spielt dafür aber vor allem stimmlich besser und darf im Finale nicht als Damsel in Distress, sondern als gleichwertige Akteurin mit anpacken.

Wichtigstes Element der Besetzung bleibt aber Richard Kiels Rückkehr als Publikumsliebling Jaws, der in seinem ersten Film die ideale Balance aus auflockernder Komik und pausenloser Gefahr dargestellt hatte. Sein erster richtiger Auftritt in MR bei einem Mordversuch inmitten des Karnevals von Rio steht in bester TSWLM-Manier und bildet einen seiner denkwürdigsten Auftritte. Im Anschluss schlägt seine Rolle natürlich einen anderen Weg ein, wobei seine Bekehrung zum Guten nur die logische Konsequenz darstellt. Nach anderthalb Filmen stoischer Rückkehr wäre sein Tod absolut witzlos gewesen und jedem, der ihn längst als Figur ins Herz geschlossen hat, sauer aufgestossen. Jaws' stummfilmartige Liebesgeschichte mit der kleinen Dolly ist ziemlich weit hergeholt und im ersten Augenblick ein dicker Brocken, unterm Strich aber eine anrührende Entwicklung und ein würdiger Abschluss der Rolle. Die letzten Szenen an Bord der zusammenstürzenden Raumstation und der Hinweis auf ein mögliches Überleben der beiden gehören auf ihre Art zu den schönsten Momenten der gesamten Bondreihe.

MR ist ein zweischneidiges Schwert. Das letzte Drittel meistert den heiklen Sprung ins Weltall mit Bravour und bietet herausregende Effekte und Szenenbauten in Kombination mit schwungvollem Abenteuermärchen und majestätisch-mythischer Stimmung. Bis dahin vergehen aber leider rund siebzig Minuten, in denen der Film nur sehr schwer in Bewegung kommt. Die Geschichte kann kein erzählerisches Eigenleben entwickeln und bleibt eine Aneinanderreihung von mal mehr, mal deutlich weniger gelungenen Versatzstücken, die Schwierigkeiten damit haben, inhaltlich wie auch dramaturgisch, auf den grossen Höhepunkt im All hinzuarbeiten. Dem unmittelbaren Vorgänger und häufig zum Vergleich herangezogenen grossen Bruder kann MR damit leider nur am Ende vollständig das Wasser reichen.

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7. August 2018 23:13

For Your Eyes Only (1981, John Glen)

"Maybe I'm an open book because I know you're mine, but you won't need to read between the lines."
- Sheena Easton

Roger Moores fünfter Einsatz als James Bond wird gerne in Bezug auf die genaue Verwendung von Begriffen wie "realistisch" und "bodenständig" kontrovers diskutiert. Weitgehend unbestritten ist aber, dass FYEO die Bondreihe nach dem ausser Rand und Band geratenen MR wieder verstärkt auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat und den Agenten ihrer Majestät ein vergleichsweise kleines und reelles Abenteuer erleben liess. Dass der Film trotz dieser gerade im direkten Vergleich mit den beiden Vorgängern relativ deutlichen Alleinstellungsmerkmale dennoch im Kern ein lupenreines Bond-Spektakel nach vertrauten Strukturen und Ingredienzen bietet, macht ihn umso sympathischer, zumal die Gratwanderung auf fast allen Gebieten sehr gut gelungen ist.

Zentraler Faktor für den partiellen Kurswechsel ist zweifelsohne Michael G. Wilsons kreative Mitarbeit als neuer Co-Autor. Wilsons Skript-Tätigkeiten lassen die gesamten 1980er-Jahre hindurch einen verstärkten Trend zu mehr Gravitas in der Handlungsentwicklung erkennen und FYEO bildet da keine Ausnahme. Der gesamte Kontext, in dem die Charaktere agieren, wirkt wesentlich greifbarer und die Art wie eine Szene zur nächsten führt ist nur schon auf dem Papier schlüssig und kohäsiv gelöst. Es sind eine ganze Menge kleinerer und grösserer Elemente, die das handfestere Szenario unterstützen. Angefangen bei der Geschichte, die absonderliche Weltbeherrschungsszenarien einem realeren Spionageauftrag vor dem Hintergrund des kalten Krieges weichen lässt, über den Verzicht auf Ken Adams üppige Setbauten, bis hin zu Bonds weitgehend alltäglicher und funktionaler Kleidung. Die ausschliesslich europäischen Locations in Cortina d'Ampezzo und auf Korfu werden zwar pittoresk eingefangen, aber deutlich weniger glanzvoll und strotzend in Szene gesetzt als etwa noch Ägypten und Brasilien in den beiden Vorgängern. All das und noch viel mehr trägt enorm dazu bei, dass sich FYEO erfrischend heimelig anfühlt, ohne dabei bieder zu sein.

Genau wie schon Peter R. Hunt vor ihm hat auch John Glen das Filmhandwerk als Editor und Second-Unit-Director der Bondfilme gelernt und durfte erstmals Regie führen. Glen wird von Fans gerne als der reizloseste aller Bondregisseure abgestempelt, was ich ein sehr hartes Urteil finde angesichts seiner durchgängig gelungenen Regie, gerade in FYEO. Die Inszenierung ist schwungvoll, grösstenteils aus einem Guss und bietet viele interessante kleine Einfälle, wie die wuchtige Totale im Zwielicht des an der Klippe hängenden Autos, die Enthüllung der schurkischen Übernahme von Melinas Schiff oder die Szene in der Bösewicht Locque Bond bei der Talstation abfangen möchte. Ungemein viel zur atmosphärischen Identität trägt auch die sehr natürliche und in den Abendszenen fast schon schummrige Lichtsetzung bei. Wenn Bond und die Gräfin sich auf dem Heimweg befinden, scheint es in manchen Einstellungen, als ob sich das Bild zu den Rändern hin ins Schwarze auflöst.

Nach LALD und TSWLM wird Stammkomponist John Barry ein drittes Mal abgelöst, dieses Mal durch Bill Conti. Ähnlich wie diejenige Glens hat es auch Contis Arbeit für die Bondreihe in der öffentlichen Wahrnehmung nicht immer leicht, aber sein Score ist gerade für einen Bondfilm erfrischend andersartig und unterstützt auf gelungene Weise das Flair des Films. Conti spielt mit folkloristisch-griechischen Klängen, treibenden Pop-Melodien, Frühachtziger-Discobeats und Synth-Drums, unterstützt passende Stellen aber auch mit der beinahe schon wehmütigen Melodie des von Sheena Easton gesungenen Titelliedes. Das ist alles mit Sicherheit nicht jedermanns Sache, hat aber eine wunderbar unverkennbare eigene Identität.

Trotz des vergleichsweise kleinen und handfesten Szenarios sind natürlich die Actionszenen weiterhin integrales Kernelement der Bondstruktur, und in FYEO bewegen sie sich auf unentwegt hohem Niveau. Die Autoverfolgung durch die spanischen Obstwälder - mit einem süssen Citroen 2CV anstelle des schnittigen Lotus Esprit - ist charmant, schmissig und gerade in Kombination mit Contis Musik trotz einiger deftiger Stunts eine prächtige Gute-Laune-Szene, die Tauchszenen zur St. Georges sind hingegen von nahezu gespenstischem Kolorit. Das Action-Highlight ist aber die abwechslungsreiche, da in mehrere kleine Teile gegliederte Ski- gegen Motorrad-Verfolgung im Wintersportgebiet Cortina d'Ampezzo und dessen olympischen Stätten. Auch hier bleibt FYEO stilistisch konsequent, indem er die Szene immer nahe an diesem belebten Skiort mit Flair der frühen Achtziger spielen lässt, elysisch bebilderte winterliche Traumlandschaften à la OHMSS, TSWLM oder später auch TWINE hätten da nicht gepasst. Erstaunlich ist der fast vollständige Verzicht auf wirkliche Action im Showdown der Handlung, Bonds Kletterei an der Klosterfelswand ist vielmehr eine Spannungs- als eine Actionszene und als solche auch stark strukturiert und in Szene gesetzt. Auch in diesem Punkt gilt, dass die Variation gut funktioniert und kontextuell passt, ohne dass der im Kern typische Bondcharakter des Films verleugnet wird.

Roger Moore fasst die Auslegung des Films sehr gut zusammen, auch er legt in erster Linie seine gewohnt entspannte und gewitzte Interpretation des Superagenten an den Tag, bereichert sie an den dafür vorgesehenen Stellen aber auch mit neuen Ecken und Kanten. Die schon in TSWLM erprobte ernsthaftere Thematisierung von Tod und Rache findet im regelmässigen Dialog mit Melina mehrfach Verwendung, der ungeschönte "Todestritt" Emil Locques ist einer der stärksten Momente. Moore zeigt unaufdringlich aber deutlich, dass er auch solche Szenen glaubwürdig ausspielen kann bietet in FYEO seine zusammen mit TSWLM beste Bonddarstellung. Carole Bouquet als Melina bleibt den ganzen Film über etwas zu kühl und distanziert, das passt zwar einerseits gut zur Rolle des abgestumpften Racheengels, ein bisschen mehr Ausdruck und Ausstrahlung hier und da hätte aber dennoch nicht geschadet. Trotzdem bleibt sie als drittes ernstzunehmendes Bondgirl in Folge in guter Erinnerung.

Ähnlich verhält es sich mit Julian Glovers Darstellung des Oberschurken Aristotle Kristatos. Selbstverständlich bleibt seine Rolle in diesem Sinne etwas blass und unscheinbar, was jedoch in erster Linie der Rolle und dem Gesamtkonzept geschuldet ist. Kristatos ist nun mal kein überlebensgrosser Schurke sondern ein kleiner und schmieriger Händler der Sowjets. Seine undurchsichtige und zwielichtige Art bleibt konsequent, die Tatsache dass er als vermeintlicher Verbündeter eingeführt wird stellt eine willkommene Abwechslung dar und passt soweit immerhin gut zur Rolle. Ein echter Höhepunkt hingegen ist Chaim Topol als Kristatos' Widersacher Columbo. Mit seinem rauen und jovialen Charme steht er in bester Tradition von Figuren wie Ali Kerim Bey und Marc-Ange Draco, seine Chemie mit Old Rog ist einfach nur herrlich anzuschauen.

Eklatante Schwachpunkte in FYEO sind eigentlich ausgerechnet nur die erste und letzte Szene. Die PTS dürfte glasklar eine der schwächsten in der gesamten Reihe sein und widerkäut das alte Blofeld-Thema gleichermassen unnötig wie uninspiriert. Höhe- oder Tiefpunkt ist dabei ein hilflos an der Helikopterkuve baumelnder Ernst, der Bond mit einer Delikatesse bestechen möchte. Die Schlussszene, die Margaret Thatcher samt Ehemann parodiert, erinnert an einen schlechten Late-Night-Satiresketch und mutet folglich mehr als merkwürdig für einen Bondfilm an. Hier hätte sich eine weitere Szene mit Columbo angeboten, der, ähnlich wie Tiger Tanaka in YOLT, zuvor etwas unehrenhaft und ohne richtigen Abschluss aus dem Film entlassen wird.

Von diesen Mängeln abgesehen ist FYEO ein wunderbar unterhaltender Bondfilm in seiner rustikalen und überschaubaren Ausprägung der gewohnten Bondformel. Die handgemachten Actionsequenzen, der etwas bodenständigere und schlüssig entwickelte Handlungsverlauf, die charakteristische Musik und Moores treffende Balance zwischen humorigem Womanizer und greifbarem Filmagenten tragen alle in nicht unerheblichem Masse dazu bei und machen aus dem zwölften Bondabenteuer einen packenden Film, der im grossen Kontext seiner Reihe oft zu Unrecht übersehen wird.

Wertung: 9 / 10
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15. August 2018 12:42

Octopussy (1983, John Glen)

"We´re an all time high, we´ll change all that´s gone before. Doing so much more than falling in love."
- Rita Coolidge

Die verwunschene Unglückszahl Dreizehn macht auch vor James Bond nicht Halt. Nur so ist es zu erklären, dass der dreizehnte Film der EON-Reihe und sage und schreibe sechste Auftritt von Roger Moore in der Hauptrolle selbst in hartgesottenen Fankreisen eher selten zum Gesprächsthema wird. Ein fataler Fehler, denn OP ist ein ausgesprochen vielschichtiger und zu Unrecht oft übersehener Film, in dem es Einiges zu entdecken gibt.

Unter der Ägide des Autorenteams Maibaum und Wilson wartet OP nach FYEO erneut mit einer vergleichsweise ausgefuchsten und in Teilen diesmal sogar regelrecht vertrackten Handlungsentwicklung auf. Die Prämisse, dass Bond in einem Netzwerk aus Schmugglern ermittelt und dabei schrittweise der wahren und weitaus gefährlicheren Verschwörung auf den Grund kommt gab es so ähnlich schon in DAF, nur ist der Wechsel zwischen den beiden Handlungssträngen in OP wesentlich eleganter gelöst und die Schmuggelgeschichte wirkt sich weniger ablenkend und verkomplizierend auf die tatsächliche Bedrohung aus. Zwar lässt die erste Filmhälfte, die fast ausnahmslos im abenteuerlichen Indien spielt, die Geschichte im Gesamtpaket ein wenig schwerfällig in die Gänge kommen, doch fällt es auf dass Bond schon hier ausgesprochen viel ermittelt und spioniert und damit die Hintergründe und Zusammenhänge der Handlung mehr und mehr etabliert werden.

Diese zunehmend eingestreuten Hinweise und Ermittlungsschritte werden allerdings von Drehbuch und Regie immer noch mit Bedacht eingesetzt, so dass der Höhepunkt des Films, seine nukleare Bedrohung, bei ihrer Enthüllung einen gewissen Überraschungseffekt beibehält. Der sich immer mehr zuspitzende Spannungsbogen in Deutschland ist dann auch schlicht sagenhaft. Die Gefahr einer nuklearen Bombe gab es in der Bondreihe zwar zur Genüge, aber nie wirkte die Bedrohung so real, so greifbar und so nahe an der gefährdeten Zivilbevölkerung wie in OP. Entsprechend wird Bonds Wettlauf gegen die Schurken, die Polizei und nicht zuletzt gegen die Zeit und den unaufhaltsamen Countdown der Bombe als anschwellende, nervenzerfetzende Hatz durch die tristen Grenzgebiete des geteilten Deutschland inszeniert. Dass die Klimax inmitten einer Zirkusvorstellung stattfindet und die Anwesenden Bond im Irrglauben, es handle sich um einen Scherz bis zur letzten Sekunde aufhalten, verstärkt die Wirkung nur umso mehr und sorgt unterm Strich für die vielleicht spannendste und härteste Sequenz aller Bondfilme.

Als Kontrast zu den Deutschland-Szenen ist OP vor allem im sehr langen Indien-Teil aber natürlich überwiegend ein leichtfüssiger Bondfilm wie man ihn kennt. Das mit viel Abenteuerromantik, glamouröser Exotik und stereotyper Folklore aufbereitete Indien bietet dabei einen wundervollen und bondtypischen Schauplatz, hält den Film wie eingangs erwähnt aber stellenweise auch zu sehr auf. Prinzipiell ist gegen eine Symbiose aus humoristischem Abenteuerspektakel und stärker auf Spannung und Härte getrimmten Handlungselementen, die mehr als je zuvor Gebrauch vom Ost-West-Konflikt machen, nichts einzuwenden, vor allem da OP sowieso nie den Anspruch stellt, ein realer Polit- und Kriegsthriller zu sein, sondern lediglich in den Ausprägungen und Gewichtungen verstärkt mit diesem Aspekt spielt. Dennoch hätte man die beiden grossen Fluchtszenen in Indien kürzen oder ändern können, da sie nicht organisch integriert sind und zu sehr wie eingeworfene Sketches wirken. Immerhin bietet die Dschungeljagd mit Tiger und Tarzan gleich zwei köstlich alberne Blödheiten und wird zusätzlich durch den besten Witz des Films aufgelöst ("No Ma'am, I'm with the economy tour."), die Taxi-Verfolgung über den indischen Basar kommt dagegen zu gestellt und unpassend daher und die volle Klischeebedienung hätte auch nicht sein müssen, vor allem da Glen inszenatorisch wenig daraus macht.

Was die anderen Actionszenen angeht hat Glen sich dafür allerdings nicht lumpen lassen, OP hat gleich zwei grossartige Flugsequenzen an Bord. Die vom Hauptfilm losgelöste Acrostar-Sequenz, in der Bond einen ganzen kubanischen Militärstützpunkt hochgehen lässt, ist eine wunderbare Finger- und Aufwärmübung für das folgende Spektakel, noch besser ist jedoch die abschliessende Keilerei auf Kamal Khans Privatflugzeug. Die Kombination aus halsbrecherischen Kletterstunts in luftiger Höhe und eindringlichen Kamerawinkeln ist schlicht spektakulär und braucht sich keineswegs vor den Fallschirmstunts aus MR zu verstecken, im Gegenteil, handelt es sich doch um eine der besten Actionszenen der gesamten Reihe. Stark ist auch die längere Szene mit dem Zirkuszug, mit allerlei Kletterei und Kämpfen auf, um und unter den Waggons, vor allem da sie gelungen in den übergreifenden Spannungsbogen der zweiten Filmhälfte eingegliedert ist. Viele kleinere Actionszenen wie das Attentat mit der Jo-Jo-Säge und das finale Eindringen in den Monsunpalast, runden das Gesamtbild ab.

Erstaunlich ist, dass für die Besetzung der Titel- und Schlüsselrolle die Darstellerin Maud Adams aus TMWTGG aufs Neue verpflichtet wurde. Zwar ist das Recyclen von Schauspielern in komplett anderen Rollen nichts Neues mehr für die Bondreihe, jedoch ist Adams wohl die einzige, die gleich zweimal in für den jeweiligen Film sehr zentralen Rollen besetzt wurde. Folglich ist es schade, dass aus ihrer titelgebenden Figur in OP nicht mehr gemacht wurde. Sie wird zwar sehr effektvoll und mysteriös eingeführt, in einer Szene, in der man ihr Gesicht nicht sieht, bleibt als Charakter aber trotz der behaupteten Verbindung ihres Vaters zu Bond eher blass und unscheinbar und schwankt auffällig zwischen abgebrühter Zirkusamazone auf der einen und ahnungsloser Damsel auf der anderen Seite. Umso toller ist dafür das zweite Bondgirl in Gestalt von Kristina Wayborn alias Magda, eine der enigmatischsten und verführerischsten Frauen der Serie. Dass Magda nach all ihren Schäkereien mit Bond nicht wie viele andere vergleichbare Rollen stirbt, überläuft oder aus dem Film verschwindet, sondern weiterhin bis zum Ende mit dabei ist, kommt in dieser Form in der Bondserie auch relativ selten vor, und wertet ihre Rolle, obwohl sie in der zweiten Hälfte mehr passiver Natur ist, zusätzlich auf.

Nahezu durch die Bank gelungen ist Glen und den Machern die Gestaltung der Schurkenriege. Steven Berkoffs sowjetischer Hardliner-General Orlov ist eine sehr intensive Rolle. Mit seinen zwar grössenwahnsinnigen, aber auch in den politischen und militärischen Aspekten des zeitgeschichtlichen Hintergrundes verankerten Motiven und seinen kriegslüsternen Plänen stellt er quasi die figürliche Verkörperung der martialischen Deutschland-Seite von OP dar. Famos gespielt sind seine wenigen Szenen im sowjetischen Warroom und an der innerdeutschen Grenze sowie seine leider sehr überschaubaren Konfrontationen mit General Gogol und vor allem mit Bond. Orlovs Darstellung greift die wahnsinnigen und nach Weltherrschaft trachtenden Züge typischer Bondgegenspieler auf und holt sie in einen etwas realeren Kontext, und das funktioniert durchgehend gut. Bösewicht Nummer zwei, Prinz Kamal Khan, wird gerne belächelt oder gleich ganz vergessen. Louis Jourdan aber spielt die Rolle gleichermassen blasiert, gewitzt, vornehm, gierig und grausam, dass er vielmehr in bester Tradition früherer Bösewichte steht und etwa als eine Art Kreuzung zwischen Scaramanga, Goldfinger und Hugo Drax beschrieben werden könnte. Höhepunkte sind auch hier seine typischen Konfrontationen mit unserem Helden, etwa beim gemeinsamen Abendessen, als er ganz banal über mögliche Foltermethoden plaudert, oder bei der Jagd auf Bond, wenn er Schurkensprüche par excellence abliefert ("Mister Bond is indeed a very rare breed. Soon to be made extinct."). Einziges Manko ist die schwammige Konstellation: Khan stellt durchgehend Bonds Gegenpol und direkte Nemesis dar, wird bei der zunehmenden Enthüllung Orlovs und seiner Pläne aber mehr und mehr zum gemeinen Erfüllungsgehilfen degradiert, was seiner Figur und ihrer Funktion ein wenig die Wirkung raubt. Die schurkischen Handlanger sind weitgehend gelungen. Khans Leibwächter Gobinda verfügt zwar nicht über die ikonographische Wirkung seiner Vorbilder Oddjob und Jaws, funktioniert aber gut und die messerwerfenden Zwillinge haben starke Momente bei der Ermordung von 009 und Bonds späterer Rache für eben diese Gräueltat.

Ja, es lohnt sich, den numerischen Unglücksbond etwas genauer zu betrachten. Erneut wird die klassische Bondformel vertraut, aber auch mit neuen und eigenständigen Aspekten und Ausprägungen umgesetzt. OP punktet gleichermassen mit exotischem und humoristischem Abenteuerflair als auch mit vergleichsweise harten Spannungspassagen, wobei die Entwicklung der Geschichte über Figuren und Actionszenen überwiegend gut aufgeht und funktioniert. Dass dennoch nicht alles reibungslos zusammen aufgeht und gewisse Stränge hätten gekürzt oder besser zu Ende gedacht werden können trübt zwar den Gesamteindruck, ändert jedoch nicht allzu viel daran, dass man mit dem Gebotenen durchaus auch eine Menge Spass haben kann.

Wertung: 7,5 / 10
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20. August 2018 17:48

Never Say Never Again (1983, Irvin Kershner)

"The message is clear, like nothing I've ever known. But the more that I hear, forget about long-range plans 'cause this man's got his own."
- Lani Hall

Verstehe einer die James-Bond-Reihe. Da wird auf einmal auf dem Hohepunkt der Ära Roger Moore (oder besser gesagt schon darüber hinaus) ein anderer Film dazwischengeschoben, in dem niemand Geringeres als der alte Sean Connery seine eigene TB-Story von 18 Jahren zuvor neu auflegt und parodiert. Hartgesottene Fans des Doppelnullagenten wissen natürlich um Kevin McClory, der die Geschichte schon 25 Jahre früher als gemeinsamen Drehbuchentwurf mit Ian Fleming geschrieben hat, um den rechtlichen Disput über Flemings Verwendung der Idee in seinem Roman, um McClorys Mitarbeit am ersten TB-Film als Teil des Eon-Bond-Kanons und um seine Option, den Stoff nach Ablauf von zehn Jahren weiter zu verwenden. Dass McClory und sein Team bei der hartnäckigen Umsetzung dieser Option aber ausgerechnet Connery dazu überreden konnten, doch noch einmal die Walther PPK umzuschnallen und in direkte Konkurrenz mit seinen alten Arbeitgebern zu treten hat dem Film nicht nur zu seinem ironischen Titel verholfen, sondern auch zu dem Umstand, dass er bis heute von vielen Fans trotz seines Sonderstatus' als fester Bestandteil des Bond-Phänomens akzeptiert wird.

Aufgrund der speziellen Rechtslage folgt Connerys letzter Bond-Auftritt (und gleichzeitig sein erster seit zwölf Jahren) natürlich der Romanvorlage, die bereits im 1965er-Kompromiss zwischen McClory und der Eon-Brigade weitgehend originalgetreu verfilmt wurde. Durch die grösstenteils neu gestaltete zweite Handlungshälfte, die anderen Gewichtungen von Szenen und Figuren und der damals zeitgemässen Generalüberholung in starkem Kontrast zum klassisch-mondänen TB wirkt NSNA aber glücklicherweise doch selten wie das Remake, das er im Prinzip ist. Der ganze Film ist wesentlich flippiger und ironischer angelegt, das fängt schon bei Hauptdarsteller und "Mittäter" Connery an, der nicht im Traum daran denkt, seinen zynischen und vitalen Jungagenten aus den 60ern neu aufzulegen. Vielmehr liefert er als gereifter und erfahrener Bond mit sympathisch schütterem Toupet eine verspielte und augenzwinkernde Performance, die sich stärker an Eon-Platzhirsch Roger Moore orientiert als an seinem eigenen Original. Connery lässt es sich nicht nehmen, die Bondrolle gleichermassen spielerisch zu erfüllen wie auch schamlos auf die Schippe zu nehmen, wenn er etwa in Unterhosen auf dem Fahrrad vor der Polizei flüchtet oder sein Zigarrenetui als gefährliche Bombe ausgibt. Connerys entspanntes und genüssliches Spiel ist Herz und Seele des Films und ohne ihn hätte NSNA wohl nur halb so gut funktioniert.

Auch die Schauplätze wurden im Gegensatz zu TB, bei dem die alleinige Fokussierung auf die Bahamas einen erheblichen Teil des Charmes ausgemacht hat, auf mehrere Länder aufgeteilt, wobei das stetige Location-Hopping in NSNA dramaturgisch und inhaltlich aber gar nie so recht zur Geltung kommt und jeweils lediglich ein paar Zwischenschnitten dient. So ist beispielsweise Bonds Ausflug auf die Bahamas von keinerlei Ermittlungsrelevanz und sorgt nur dafür, dass Bond auch noch in der Karibik mit einigen Frauen anbandeln kann. Generell ist NSNA in seiner vergnügten und ironischen Art mehr ein sommerlicher Spass als ein spannender Abenteuerfilm, was auch immer wieder durch Michel Legrands beschwingten, jazzigen Score untermalt wird. Die Bedrohung durch die entführten Atombomben ist noch weniger reell als im Eon-Original, ganz im Gegensatz zum gleichjährigen Konkurrenzfilm OP. Somit fühlt sich Connerys Abschiedsvorstellung unterm Strich eher wie ein heiterer Urlaubsausflug an, in dem Bond rein zufällig noch die Welt rettet.

In den Actionszenen kochen McClory und sein Regisseur Irvin Kershner ein kleineres Süppchen als die Broccoli-Produktionen der Zeit. Hauptattraktion ist die stürmische Motorradverfolgung durch Nizza, die es ironischerweise in einem Eon-Film so noch nie zu sehen gab. Darüber hinaus gibt es eine Ansammlung kleinerer Actionszenen, darunter eine Keilerei quer durch die Shrublands-Klinik, die sich nicht allzu ernst nimmt, eine Pferdeszene in Largos Festung, eine obligatorische Schlussballerei und eine gelungene Haiszene in der Bond den weissen Ungetümen in und um ein Schiffswrack ausweichen muss. Die kleinere und wenig mit ausladenden Höhepunkten protzende Auslegung der Action kommt dem Film entgegen, da sie so allesamt sehr flüssig in das Gesamtgeschehen integriert sind und nicht wie erzwungene Spektakelszenen anmuten, andererseits trägt dieser Punkt gleichzeitig auch zum Eindruck eines ohne grössere Spannungsbögen vor sich hin plätschernden Ferienausflugs bei.

In der Besetzung und Auslegung der Nebenrollen wagt NSNA gegenüber der Erstverfilmung einige kleine und grössere Neuerungen. Das jungenhafte Schlitzohr Largo, auf ausdrücklichen Wunsch Connerys mit Klaus Maria Brandauer besetzt, hat so gar nichts mehr mit Adolfo Celis rüstigem Südländer zu tun. Das ist aber auch die grösste Stärke, da Brandauer die Rolle folglich nach Lust und Laune neu gestalten kann, was er mit viel Schalk und mancherorts einer deftigen Prise Irrsinn tut. Brandauer ist zusammen mit Connery das darstellerische Schwergewicht des Films, vor allem da ihm auch wie dem Hauptdarsteller der Spass an der Rolle jederzeit anzusehen ist. Barbara Carrera hat die schwierige Aufgabe, in die Fussstapfen von Luciana Paluzzi zu treten. Ihr fehlt aber sowohl die gefährliche Eleganz von Fiona Volpe als auch die aggressive Kälte der späteren Xenia Onatopp, den erotischen Esprit beider Rollen lässt sie in ihrer hysterischen Art somit vermissen, wozu auch ihre stets ausgeflippte Garderobe beiträgt. Als Fehlgriff kann die Besetzung von Kim Basinger als Domino gewertet werden. Neben der Jahrtausendschönheit Claudine Auger würde wohl jede verblassen, aber Basinger kann keinerlei Akzente setzen und wirkt als anhängliches Aerobic-Protegé mehr wie eine Light-Version von Bibi Dahl.

Die vertrauten Figuren werden, abgesehen von Bernie Caseys erfreulich aktivem und charismatischem Felix Leiter, weitgehend als kleine und grosse Spitzen auf die altbekannten Vorbilder eingesetzt. Sei es Alec McCowens verschnupfter und quengeliger Q, Edward Fox' cholerischer junger M oder Rowan Atkinson in einem kleinen Auftritt als übermässig schusseliger Botschaftsangestellter. Während der gegen den Strich gebürstete und mit Bond befreundete Q ("I hope we're going to have some gratuitous sex and violence! ") eine nette Variation der vertrauten Rolle darstellt wird mit Fox und Atkinson insgesamt zu dick aufgetragen, da NSNA in erster Linie ein Connery-Spässchen ist welches den losgelösten zusätzlichen Klamauk der beiden nicht zwingend nötig gehabt hätte. Ein weiterer Coup McClorys ist die Verpflichtung von Max von Sydow als Blofeld. Von Sydow ist im Prinzip genau der richtige für eine aristokratische und erhabene Interpretation der wechselhaften Figur, geht durch seine überschaubare Leinwandzeit aber inmitten des Films total unter, da ihm auch ein ähnlicher denkwürdiger Auftritt wie Dawsons gesichtslosem Blofeld in TB verwehrt bleibt.

Durch die unvorhergesehenen rechtlichen Verstrickungen im Hintergrund der TB-Geschichte ist NSNA - abgesehen von zwei kuriosen und ziemlich grenzwertigen Adaptionen des CR-Stoffes - der einzige Film, der sich mit Fug und Recht James Bond nennen darf ohne zum regulären Eon-Kanon zu gehören. Während die gewohnten Strukturen kompetent erfüllt werden, erlauben sich Connery, McClory und Kershner im Subtext oft allerhand selbstironische bis leicht parodistische Untertöne, und als solcher Einzelfall kann der Film in erster Linie als eine Art charmanter Bonus zum Bond-Phänomen genossen werden. Der gewohnt starke und als Bond endlich wieder richtig zufriedene Connery, der spielfreudige und erfrischend anders angelegte Brandauer sowie diverse charmante Einzelszenen und Elemente machen aus NSNA einen netten Bondspass, auch wenn der Film weder seinem Vorbild TB noch der gesamten Reihe grossartige Neuerungen hinzuzufügen hat. Zwei Stunden rauschen eher als ironischer Urlaubsspass an einem vorbei, der teils fast schon zu leichtfüssig und unbeschwert anmutet. So bleibt NSNA am Ende das Tages doch nur im guten Bond-Mittelfeld hängen.

Wertung: 6,5 / 10
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29. August 2018 00:00

A View To A Kill (1985, John Glen)

"Dance into the fire, that fatal kiss is all we need. Dance into the fire, to fatal sounds of broken dreams."
- Duran Duran

Mit AVTAK ging anno 1985 wahrlich eine eigene Bond-Ära zu Ende. In nicht weniger als sieben Filmen prägte Roger Moore mit seiner 007-Interpretation als spitzbübischer Gentleman und Connaisseur eine ganze Generation an Zuschauern. Heute ist seine Darstellung gerade in Fankreisen nicht unumstritten. Für die einen ein wunderbar selbstironischer Filmheld der alten Garde, für die anderen ein zu grosser Verrat am härteren Original. Ähnlich verhält es sich erstaunlicherweise mit dem Film. Während viele in AVTAK einen Lückenfüller sehen, dem es an Eigenständigkeit und Esprit fehlt, so taucht er doch in vielen Bestenlisten bemerkenswert hoch auf.

Dazu kommt noch, dass Moores Darstellung in AVTAK gerne auf sein damals schon stattliches Alter von 57 Jahren reduziert wird. Das Thema ist in vielerlei Hinsicht ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite machen der eine Film, bzw. die zusätzlichen zwei Jahre, bei dem tendenziell immer etwas älteren Moore keinen grossen Unterschied, auf der anderen Seite wirkt er in AVTAK trotzdem deutlich hagerer als zuvor, trägt die Haare noch länger und kann die zwischenzeitlich chirurgisch gestraffte Augenpartie nicht ganz verbergen, wodurch er in seinem letzten Film dennoch einen Altherren-mässigeren Eindruck macht als noch im Vorgänger OP. Dass Moore Altersmässig an seine Grenzen kam (oder sie je nach Auslegung schon überschritten hatte) macht sich jedenfalls alleine dadurch bemerkbar, dass ihm seine Umgebung nicht mehr entgegenkommt, ganz gleich ob sie älter oder jünger ist. Wenn sich die MI6-Brigade mit den bejahrten Herren Moore, Brown, Keen, Llewelyn, Macnee und der ebenfalls nicht mehr taufrischen Lois Maxwell zur Observierung des Schurken versammelt, mutet das Ganze wie ein Ausflug des örtlichen Altersheimes an, wenn Bond einen wesentlich jüngeren und kleineren CIA-Mann trifft (David Yip setzt in der austauschbaren Rolle keinerlei Akzente), so sieht dieser neben Old Rog wie dessen Enkelsohn aus. Gleiches trifft auch auf Bonds amouröse Begegnungen mit nicht weniger als vier deutlich jüngeren Frauen zu, die allmählich etwas fehl am Platz scheinen.

Was Moore jedoch auch im höheren Alter nicht verloren hat sind der Sympathiebonus und die unnachahmlich elegante und verschmitzte Spielart, die schon immer Kerndisziplin seiner Bonddarstellung war. So macht sein Spiel auch - und mehr denn je zuvor - in AVTAK dann am meisten Spass, wenn er auf eben diese Stärken setzen kann, sei es in der Rolle eines überzeichneten Pferdedandys, der seinen Chauffeur schikaniert, oder im verbalen Gefecht mit dem Oberschurken. Moores Verkörperung des Agenten scheint im Verlauf des Films immer besser und konstanter zu werden, nicht zuletzt da er im actionreichen Schlussakt etwas rüstiger und handfester agieren darf, abseits der zuvor immer wieder eingestreuten Stunteinlagen mit offensichtlichen Doubles.

Der Film an sich ist über weite Strecken etwas betulich und hausbacken, anders als etwa FYEO, der sich bei aller vordergründiger Schlichtheit immer einen heimelig-rustikalen Abenteuercharme bewahrt. Grund dafür ist das Fehlen von besonders ausgefallenen Schauplätzen, sei es durch Kulissen oder exotische Schauplätze, aber auch der generelle zunehmende Altherren-Charme rund um Hauptdarsteller Moore, dessen abenteuerliche Eskapaden abseits der Galavorstellung als charmanter Detektiv immer wieder an die Grenzen von Stimmigkeit und Plausibilität stossen. Das wie gewohnt vergleichsweise mehrschichtige Drehbuch der Herren Maibaum und Wilson ist gleichzeitig auch ihr schwächstes, wenn schon die Kernhandlung nicht ganz so gut ist, dann sind es die Nebenstränge und falschen Fährten umso weniger. Die Geschichte um den KZ-Wissenschaftler hätte man sich in dieser Form auch sparen können, da sie sowieso nur lose angerissen wird, und auch die Szenen des KGB (inklusive eines im wartenden Wagen offensichtlich gedoubelten Walter Gotell) hätten einige Straffungen vertragen können. Insgesamt kommt AVTAK durch diese Probleme und die für John-Glen-Verhältnisse relativ belanglose Regie nur langsam und schwerfällig in die Gänge. So macht die gesamte erste Hälfte mehr den Eindruck eines neugierigen Opas auf dem Pferdehof und es dauert über eine Stunde, bis sich die umständliche Exposition auszahlt und Fahrt aufnimmt.

Musikalisch geht AVTAK durchaus einige überraschende Wege. Der Score des längst zum Inventar gehörenden John Barry ist merklich wuchtiger, besser und mit höherem Wiedererkennungswert ausgestattet als der zum Vorgänger OP. Besonders spektakulär ist das Stück "He's Dangerous" mit all seinen Variationen, in dem immer wieder eine elektrische Gitarre in Form eines fernen, langgezogenen Heulens aufklingt. Ähnlich gelungen sind auch die abwechslungsreichen instrumentalen Einsätze der Melodie des Titelliedes. Selbiges wird im mit grellen Neon-Elementen versehenen Vorspann von Duran Duran gesungen und hart-schnittig interpretiert. Die Musik weiss zu gefallen, nur leider ist sie insgesamt fast schon zu hart und triumphal für den betulichen Film.

Auf dem Gebiet der Actionszenen wird viel durchwachsenes geboten. Die Anfangssequenz mit den Skiern ist lahm und sieht durch die räumlich stark eingegrenzte Inszenierung zu Unrecht nach einem kleinen Studiogelände aus, von Skistuntprofi Willy Bogner ist man deutlich besseres gewohnt, nicht zuletzt von seiner letzten Zusammenarbeit mit Glen und Moore. Der mit allerhand einfallslosen Tricks ausstaffierte Reitparcours auf Zorins Gestüt ist womöglich in seiner Ausführung die schwächste Bond-Actionszene von allen - kurz, belanglos, mässig in Szene gesetzt und von Moore sogar schwach gespielt. Der gute Roger war immer dann phänomenal, wenn er die Lage im Griff hatte, aber schwächelte manchmal ein bisschen, wenn er beunruhigt spielen musste. Und in den Zwischenschnitten der Reiterszene schaut er besonders verängstigt aus. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch das biedere Reiterkostüm und die anschliessende Szene, in der Bond beim Anblick des toten Kameraden Tibbett eher einen schmollend-beleidigten Eindruck macht statt der kalten Härte, die er in den Vorgängern in vergleichbaren Momenten gegenüber Locque bzw. Grischka gezeigt hatte. Die Paris-Verfolgung mit entzwei geschnittenem Renault ist ein ähnlich liebloser Action-Einsprengsel mit überdeutlichen Stuntleuten, die Jagd auf das Feuerauto ist handwerklich besser und macht einen aufwändigen Eindruck, setzt aber auch keine neuen Massstäbe. Gut ist AVTAK dann, wenn er sich mehr auf Moore und eine inhaltliche oder figürliche Entwicklung verlässt, so etwa wenn Old Rog Einbrecher mit einer Salzflinte aus Staceys Villa verjagt oder in den finalen Minenszenen. In diesen kommt Peter Lamonts grosses Set zwar nicht so gut zur Geltung, wie es verdient hätte, durch den finalen Countdown der Bombe und die handgemachten Actionszenen bei der Kletterei oder im Wasser kommt aber trotzdem Schwung auf.

Die Besetzung der Nebenrollen scheint im Vergleich zu den unmittelbaren Eon-Vorgängern stark an den Konkurrenzfilm NSNA angelehnt: Ein junger und irrer Schurke, eine sexuell aggressive Handlangerin und ein blondes Girl, das ohne 007's Zutun vollkommen hilflos erscheint. Oscarpreisträger Christopher Walken ist der Besetzungscoup des Films, spielt als Max Zorin als wäre er der missratene Sohn von Goldfinger und hat einige herrliche darstellerische Momente, etwa gegenüber Bond und dem Stadtbeamten Howe im Rathaus von San Francisco, bevor er es in Flammen legt, oder im Zusammenspiel mit Gogol und dessen Leibwächter-Team (mitsamt - ausgerechnet - Dolph Lundgren). Beide Male lässt er die elegante Fassade zugunsten eines Anflugs von Wahnsinn aufbrechen, und sei es nur für die Dauer einer Mikrosekunde. Grace Jones als Walkens Gegenpart mutet auf dem Papier wie eine merkwürdige Wahl an, funktioniert aber relativ gut, auch wenn der grotesken Killeramazone einige zusätzliche charakterdefinierende Szenen gutgetan hätten, um den Kontrast zu ihrer "Bekehrung" die sie ehrlich von den Verbrechen ihres Partners aufgewühlt und erschrocken spielt, noch besser herauszuarbeiten. Bondgirl Stacey Sutton bleibt als Figur durchgehend etwas blass und beschränkt sich oft darauf, laut "James!" zu rufen, wenn auch nur der Hauch einer Gefahr droht. Erstaunlicherweise ist die finale Szene mit Stacey unter der Dusche fehl am Platz, da es sich um die erste amouröse Annäherung der beiden handelt und Bond ihr zuvor untypischerweise nicht mit glasklaren Absichten nachgestellt hatte. Vielmehr wird die Verbindung des Agenten zu Stacey in der zweiten Filmhälfte als die eines Mentors und guten Freundes entwickelt und nimmt sogar beinahe schon väterliche Züge an. AVTAK hätte auf diesem Gebiet der Vorreiter des Craig-Abenteuers QOS bleiben können, zumal Old Rog ja ausreichend viele romantische Begegnung als Ersatz hat. Zumindest abgerundet wird das Ensemble durch Patrick Macnees Auftritt als Sir Godfrey Tibbett, dessen humoristische gemeinsame Tarnung mit Bond den langatmigen Ermittlungen in der ersten Hälfte mehr Schwung verleiht. Dass es sich bei Tibbett um einen hauseigenen MI6-Experten statt um einen Feldagenten handelt ist angesichts Macnees Alter auch nur stimmig.

Ja, AVTAK ist ein Film, der wohl nur bei den wenigsten Bondfans auf dem Spitzenplatz landet - und bei mir schon gar nicht. Zu schwer wiegen die Schwächen in der Inszenierung, der Geschichte und den Actionszenen, die sich in erster Linie im Fernbleiben einer klaren Richtmarke und wirklich herausragender Elemente äussert. Besonders die langwierige erste Hälfte auf dem Ponyhof mit nicht zu wenig Altherren-Charme trägt Abenteuer und Konflikte lange vor sich hin, und erst der Schlussakt, in dem Zorins Plan verhindert wird, nimmt mehr Schwung auf. Die schmissige und gelungene Besetzung einiger Nebenrollen - in erster Linie Walken - tut dem nur sehr bedingt gelungenen Film gut. Roger Moore zelebriert ein letztes Mal seine längst zur Eigenmarke gewordene 007-Darstellung, ist aber in AVTAK endgültig an seinem Zenit angekommen und macht den Weg frei für ein neues Gesicht.

Wertung: 5,5 / 10
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