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Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 4. September 2018 16:41
von GoldenProjectile
The Living Daylights (1987, John Glen)

"Comes the morning and the headlights fade away, hundred thousand people, I'm the one they blame. I've been waiting long for one of us to say, save the darkness, let it never fade away."
- a-ha

Nachdem sich Roger Moore nach ganzen sieben Auftritten in der Doppelnull-Rolle endlich dem wohlverdienten 007-Ruhestand zugewandt hatte wurde mit TLD nach langer Zeit wieder ein neuer James Bond vorgestellt. Timothy Dalton kam mehrheitlich vom Theater und war ein grosser Fan der Fleming-Originalromane, und so sollte sich die Reihe unter seiner Ägide wieder verstärkt den Ursprüngen und realitätsnäheren Szenarien zuwenden. Dass der Bruch mit den Vorgängerfilmen dennoch weniger drastisch ausfiel als anzunehmen ist, ist dem Umstand zu verdanken, dass die 1980er-Brigade um Glen, Maibaum und Wilson hinter der Kamera unverändert blieb, ihr Faible für komplexere Geschichten und ausgefeilte Spannungsbögen hatten die drei schon in den letzten drei Moore-Filmen geprobt, wenn auch noch unter dem "Deckmantel" der heiteren Attitüde Old Rogs. So fügt sich TLD trotz neuem Darstellertypus bemerkenswert gut in den Bond-Kanon ein und ist lediglich die logische Folge bzw. Weiterentwicklung seiner unmittelbaren Vorgänger.

Als solche fühlt sich TLD zum ersten Mal seit FRWL in Teilen wie ein frappierend realer Spionagethriller vor dem Hintergrund des Kalten Krieges an. Das Drehbuch von Maibaum und Wilson bietet eine Fülle an verschlungenen Handlungsbögen um Doppelagenten, Täuschung, Attentate, West-Ost-Konflikt und schmutzige politische Interessen im Sowjetblock, die im ersten Moment gar nicht so leicht in all ihren Zusammenhängen zu durchschauen sind. Der mittlerweile altgediente John Glen fängt diese Szenarien wunderbar atmosphärisch ein wenn er seine Akteure an Schützenfenstern oder in geparkten Autos vor den tristen Häuserzeilen Bratislavas spionieren lässt und dem eigentlichen Inhalt mehr denn je dieselbe Gewichtung zukommen lässt wie dem ausfüllenden Spektakel. Serientypische Extravaganzen hätten in der Theorie leicht zum Stilbruch werden können, aber Glen schafft es, auch vermeintliche Kontrastpunkte wie das pittoreske und schwelgerisch inszenierte Afghanistan, in dem der martialische Showdown steigt, oder die längst vertrauten Q-Gadgets stimmig in den Film einzubetten. Die Vermischung aus härteren, deutlich handlungsorientierten Elementen mit den nötigsten abenteuerlichen Eskapaden steht in bester Tradition von Glens Debüt FYEO und gibt dem Film seine eigene, stimmige Handschrift.

Timothy Dalton erweist sich als idealer Bonddarsteller, vor allem in der Weise, wie er die Gangart des Films quasi in seiner Darstellung widerspiegelt. Daltons Bond ist härter und wirkt deutlich mehr wie ein Agent und Vollprofi als noch seine Vorgänger. Seine charmante und gewitzte Seite sowie die erstaunlich romantische Komponente seines Umgangs mit Kara kommen dagegen eher simpel-verschmitzt daher, so ist Dalton einer der ganz wenigen Doppelnullagenten der in einzelnen Momenten sogar spitzbübisch lachen darf. Daltons gesamte Darstellung erscheint stärker aus dem Leben gegriffen und dabei weniger überlebensgross, ohne typische Eigenschaften der Figur wie die weltmännischen Kenntnisse zu verleugnen. Dass sein Bonddebüt in der Planungsphase noch teils für Roger Moore, teils für Pierce Brosnan angedacht war und daher weniger auf den Hauptdarsteller zugeschnitten ist als dessen zweiter und leider dann auch schon letzter Auftritt erweist sich als wenig gravierend, da Dalton einerseits übriggebliebene Schwankungen in Richtung dieser anderen Darsteller sehr gut mit seiner eigenen Note auszufüllen vermag und andererseits wie schon gesagt der Bondfigur im Grossen und Ganzen trotzdem schon seinen individuellen Stempel verleiht.

TLD wird gerne für seinen Bösewicht bzw. das Fehlen einer eindeutigen Nemesis kritisiert. Auch hier führt der Film insofern das Erbe von FYEO fort, dass der oder die Schurken zwar keine überlebensgrossen, schillernden Charaktere sein mögen aber sich passend in das Szenario und den Handlungsverlauf einfügen. Georgi Koskov ist genau der richtige manipulative, zwielichtige und hinterhältige KGB-Überläufer für den Film und die Darstellung des Niederländers Jeroen Krabbé wechselt treffend zwischen rücksichtslosem Opportunismus, unterwürfiger Anbiederung, vorgespielter Freundlichkeit und eiskalter Gier. Koskov mag kein gewaltiger Superschurke im Sinne von Goldfinger und Stromberg sein, in TLD hätte ein solcher aber sowieso nicht gepasst. Er ist eine falsche Schlange, ein mieser kleiner Verräter und als solcher lässt er in Bezug auf Drehbuch und Darsteller keine Wünsche offen. Die Figur des kriegslüsternen und militärfanatischen "Westentaschengenerals" Brad Whitaker ist eher eine Ergänzung zum Koskov-Charakter und gibt der Geschichte eine angemessen kleine Portion überzeichneten Irrsinn in Form von Whitakers Macke und seinem trickreichen Armeemuseum. Mit Necros hat TLD zum ersten Mal seit Jaws wieder einen bondtypischen, mit hohem Wiedererkennungswert ausgestatteten Handlanger an Bord, in Necros' Fall ist das seine chamäleonartige Verkleidungskunst in Kombination mit seinem ganz eigenen musikalischen Leitmotiv. Insgesamt funktioniert die schurkische Dreimannbrigade und erfüllt mehr als nur ihren Zweck, etwas, was ihnen im Vergleich zu auf diesem Gebiet zugegebenermassen oft glanzvolleren Serienkollegen selten zugestanden wird.

Auch das Bondgirl erhält in TLD nur selten eine Würdigung aus Fankreisen, und wenn, dann meistens eine negativ behaftete. Zunächst einmal ist auffällig, dass Maryam D'Abos slowakische Cellistin Kara - vom Kurzauftritt einer gelangweilten Jachttouristin in der Eröffnungsszene und den üblichen Moneypenny-Spielereien abgesehen - das einzige Bondgirl des Films darstellt, im 007-Kanon fast schon ein Novum und zumindest eine erfrischende Abwechslung zum teilweise sehr oberflächlichen Frauenverschleiss der Moore-Ära. Die Kara-Figur verhält sich im Kontext des Films und der Serie ausserdem ähnlich wie die Bösewichte, sie mag nicht wirklich besonders erotisch oder intelligent wirken, ist aber durch ihre Alleinstellung die gesamte Geschichte über sehr präsent und essentiell für das Geschehen, zwar weniger aus aktiver Eigeninitiative - was zum Charakter der unschuldigen und über lange Strecken unwissenden Cellistin auch nicht gepasst hätte - aber als Spielball zwischen Bond und Koskov, der für den Fortgang der Handlung oft unerlässlich ist und die nötige Leinwandzeit erhält, um diese Funktion auch auszufüllen. Dass Bonds Beziehung zu Kara wie weiter oben angedeutet besonders durch die Wien-Szenen ungewohnt real wirkt und der Wechsel ihrer Loyalität ein Kernelement des Handlungsverlaufs bildet ist dem Film absolut angemessen.

Grandios gelungen ist die Figur des sowjetischen Geheimdienstchefs Leonid Pushkin, der den bewährten General Gogol ablöst. Obwohl ursprünglich eine Notlösung, aufgrund des schlechten gesundheitlichen Zustandes von Walter Gotell, erweist sich die neue Rolle als Glücksgriff. Obwohl bzw. gerade weil man als Zuschauer keinerlei Vorkenntnisse über ihn hat wie über Gogol kann John Rhys-Davies als Pushkin die Rolle von Grund auf formen und gibt ihr eine Mischung aus kühler Härte und starker Integrität, die beim väterlichen Gogol in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Das erste Aufeinandertreffen von Bond und Pushkin ist sogleich auch eine der besten Szenen des Films, in dem das verwinkelte Spionageflair seinen Höhepunkt erreichen kann. Dass Gogol in einem Cameo am Ende doch noch einmal auftreten kann, sowie der letzte Auftritt von Geoffrey Keen als britischer Verteidigungsminister, führt die personelle Konstante der 1970er- und 1980er-Bondfilme zu einem würdigen Ende und schlägt wiederum den Bogen zu den Moore-Filmen. Verschenkt ist der Auftritt von Felix Leiter, der zweimal kurz reinschaut und nichts zu tun hat. Vor allem seine erste Szene mit der wieder einmal sehr umständlichen "Entführung" Bonds hält den Film an dieser Stelle nur auf und man hätte besser daran getan, Leiter noch einmal zwei Jahre bis zu seinem gelungenen Auftritt in LTK ruhen zu lassen.

Die Actionszenen bewegen sich in TLD mal wieder auf höchstem Niveau. Zwar fehlt dem Film ein wirklich grosser Knall in Form eines einmaligen Stunts oder einer nie dagewesenen Idee, vielmehr fügen sich die Actionszenen allesamt vergleichsweise diskret in den Handlungsbogen ein, abgesehen vielleicht von der Verfolgungsjagd mit dem Aston Martin durch die winterlichen Grenzgebiete mit den üblichen "Tricks". Die PTS ist für mich die beste der gesamten Reihe. Von der gelungenen Wahl des Schauplatzes Gibraltar, über die Idee eines von einem Attentäter unterwanderten Übungsmanövers, die effektvolle und schrittweise Einführung des neuen Bonddarstellers an der Seite zwei seiner Kollegen (die Lazenby und Moore nicht unähnlich sehen), die handgemachte und wilde Autoszene entlang des "Affenfelsen" bis hin zu der abschliessenden Landung auf einer Mittelmeerjacht hat die Szene alles, was die Bondreihe ausmacht, ohne veraltet zu wirken und stimmt gleichzeitig passend in den darauf folgenden Hauptfilm ein. Viele kleinere Actioneinlagen begeistern durch ihre Gradlinigkeit, sei es der makellose Überfall des Chamäleons Necros auf den ländlichen MI6-Stützpunkt inklusive handfester Prügelei gegen Agent Green 4 in der Küche, oder Bonds Revolte gegen einen sadistischen Gefängniswärter, in der ein gefangener Mudschahed stellvertretend für das Publikum herzhaft über die Bestrafung des feisten Tyrannen lachen darf. Höhepunkt sind natürlich die agonalen Kämpfe auf und hoch über dem sowjetischen Luftwaffenstützpunkt mit allerhand Explosionen, nervenzerfetzenden Kletterstunts auf dem überhängenden Frachtnetz und tickender Zeitbombe. Hier wird TLD als bondtypischer Actionknaller von der Leine gelassen, ohne die handfestere Grundauslegung des vorherigen Films ad absurdum zu führen. Dass die letzte Konfrontation mit den Schurken fast schon intim klein ausfällt und Koskov sogar lediglich von seinen eigenen Leuten verhaftet wird ist wiederum nicht nur eine stimmige Abwechslung, sondern auch dem Tenor des Films absolut angemessen.

TLD stellt auch die Abschiedsvorstellung von Stammkomponist John Barry dar. In nicht weniger als elf Filmen der Serie hatte der Brite den Bond-Sound geprägt und in TLD verabschiedet er sich - ganz gleich ob er Bescheid wusste, dass dies sein letzter Bondfilm sein wird, oder nicht - mit einem Riesenknall. Barrys Score ist kalt, treibend, angespannt, romantisch, kurzum gelingt es ihm zu jeder Zeit, den Geist der Bilder zu unterstützen und auch zu verstärken. Besonders oft arbeitet Barry dieses Mal mit dynamisch treibenden Drumbeats, die von seinem für ihn typischen Orchester überlagert und akzentuiert werden. Der gesamte Score ist gleichermassen abwechslungsreich wie homogen-stimmig und hat eine Fülle an herausragenden Melodien auf Lager, sei es das wehmütig auf einer Flöte dahingehauchte Kara-Theme oder die Verwendung dreier Filmsongs - das klangvolle und triumphale Titellied von a-ha und die beiden Beiträge von The Pretenders, Necros' unheilvoll-lässiges Erkennungsmerkmal Where has everybody gone? und der beinahe elegische Abspannsong If there was a man, die alle immer wieder dezent in den Soundtrack mit einfliessen. Für mich gehört Barrys letzte Arbeit mit Abstand zu seinen besten und zu den stärksten Bondscores überhaupt.

TLD ist der Bondfilm, der fast ausnahmslos wunschlos glücklich macht. Der womöglich stärkste und interessanteste Bonddarsteller von allen liefert einen grandiosen Einstand, der gleichermassen typische Eigenschaften der Reihe erfüllt wie auch immer wieder in der Ausprägung eigene Wege geht, was auf den Film als Ganzes genauso zutrifft wie auf Daltons Verkörperung des Doppelnull-Agenten. Mit ihrem fünfzehnten Streich ist den Machern die herrliche und funktionierende Gratwanderung zwischen zeitgenössischem Spionagefilm auf der einen und symptomatischem Bond-Abenteuer auf der anderen Seite gelungen. Die Charaktere fügen sich trotz vergleichsweise wenigen oberflächlichen Alleinstellungsmerkmalen sehr gut in den Filmfluss ein und John Barry setzt dem Ganzen mit seinem möglicherweise besten Soundtrack die Krone auf. Viel mehr kann man doch fast nicht verlangen, oder?

Wertung: 9 / 10

Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 15. Juli 2019 14:30
von GoldenProjectile
Licence to Kill (1989, John Glen)

"Say that somebody tries to make a move on you, in the blink of an eye, I will be there too. And they better know why I'm gonna make them pay, till their dying day."
- Gladys Knight

Eons sechzehnter Bondfilm, sowie der zweite und leider auch schon letzte mit Timothy Dalton in der Hauptrolle, gilt bis heute als einer der kontroversen und heftig umstrittenen Vertreter der Serie. Nicht wenige Fans verschreckte die härtere Gangart, die Abweichungen von liebgewonnenem Humor, das schmutzige Latino-Flair, die ungewohnte Musik und die expliziten Darstellungen von Action und Gewalt. War LTK der ideale Film zum Abschluss der klassischen Bond-Ära, in einer Zeit von rückgängigen Einspielergebnissen und rechtlichen Querelen, zu Beginn einer mehrjährigen Pause und Umbruchsphase, nach der vieles nie mehr so sein sollte wie zuvor? Darüber lässt sich mit Sicherheit streiten. Aber es ist ein Film, der definitiv einen tieferen Blick Wert ist in Bezug auf die kleinen und neuen Dinge und die oft zu Unrecht übersehene Vielfalt der Bondreihe.

Dreh- und Angelpunkt ist, wie so oft in den 1980er-Jahren, das Drehbuch der Wunderpaarung aus Serienveteran Maibaum und Geschichtenerzähler Wilson, verwirklicht durch den bewährten und mit James Bond im Schlaf vertrauten John Glen. Das Trio bewies in seiner Schaffensphase immer wieder ein Händchen für ausgefeilte Storys und neue Ansätze innerhalb des gewohnten Rahmens. Aber in LTK ist es nicht ihr Lieblingsthema der Spionage und des kalten Krieges, welches den Ton angibt, vielmehr ist der Film ein beinharter und oftmals erschreckend erwachsener Abenteuerreisser, der mehr denn je die von Fleming erschaffene Romanfigur in den Mittelpunkt rückt. Müssig zu erwähnen, dass die Handlung, eine Rachegeschichte im südamerikanischen Drogenmilieu, makellos strukturiert ist und jede Szene ihre Bedeutung erfüllt sowie kohärent zur nächsten führt. Dies ist, obwohl für die 80er-Jahre nicht ungewohnt, zugleich der springende Punkt an LTK. In erster Linie wird eine gute und spannende Geschichte eindringlich und weitgehend kompromisslos erzählt, es gibt keine lose Abfolge von Actionszenen und Spielereien, nur rohes, starkes Storytelling. Parallel dazu agiert John Glens Regie unerhört effektvoll und zielgerichtet, wobei fast jede Einstellung im Dienst der Inszenierung steht und die Handlung ohne jegliche Umwege vorantreibt.

Kernelement ist dabei die hervorragend konzipierte Beziehung zwischen Bond und Sanchez, bzw. die Dynamik zwischen Dalton und Davi. Sanchez ist womöglich der komplexeste Bösewicht der gesamten Reihe. Auf den ersten Blick ist er noch ein grausamer und verbrecherischer Drogenhändler, aber unter der Fassade offenbaren sich mehr und mehr Züge einer stilvollen Lebensart und unerschütterlichen moralischen Grundsätzen, die beide der Figur Bond gar nicht mal so unähnlich sind. Sowohl Bond als auch Sanchez agieren in LTK konsequent nach den Prinzipien von Loyalität und Gegenreaktion. Sanchez' vergeltender Angriff auf Leiter ist im Kern nichts anderes als Bonds anschliessender Gegenangriff auf Sanchez, ein ständiges Wechselspiel aus Rache und Vergeltung. Die formidable Lagerhausszene, in der Bond das Bestechungsgeld des Verräters nicht nur ablehnt sondern gleich auch opfert, um den Übeltäter den Haien vorzuwerfen, wie dieser es zuvor mit Leiter getan hatte, entspricht genau dem wenige Minuten zuvor von Sanchez geäusserten Grundsatz "Loyalty is more important to me than money". So gesehen macht es nur Sinn, dass Sanchez im verdeckt operierenden Bond schon ab ihrem ersten richtigen Aufeinandertreffen, einer in allen Belangen absolut herausragenden Szene, einen potentiellen ebenbürtigen Freund, ja sogar Seelenverwandten zu entdecken glaubt, Bonds Verrat im blut- und bleigetränkten Finale aber wiederum konsequent und ohne jegliche Rücksicht auf Verluste zu bestrafen versucht. In dieser Hinsicht ist LTK der persönlichste und intimste Bondfilm von allen, vor allem bezogen auf die Konstellation und die Handlungen seiner Charaktere.

Bond ist hier Flemings Bond, und Timothy Dalton ist schlicht und einfach herausragend in der Rolle. Die energische und zornige Aura, die seine Rolle den Film über umgibt ist gleichermassen facettenreich wie überzeugend gespielt und dem Ton der Geschichte absolut angemessen. Dabei ist Daltons Bond aber auch weiterhin ein Mann von Welt, der stilsicher auftritt und häufig einen trockenen Spruch oder sogar ein verschmitztes Lachen zur Hand hat. Die Mischung bleibt absolut authentisch. Und Robert Davis Sanchez schlägt durch die Parallelen mit Bond in eine ähnliche Kerbe. Seine Grausamkeit und extreme Strenge im Umgang mit Feinden sind keineswegs sadistischer Natur, sondern seiner zielgerichteten Unnachgiebigkeit geschuldet, genauso sehr kann er aber auch jovial, elegant und gar freundlich auftreten. Sowohl Dalton als auch Davi arbeiten in LTK mit vielen subtilen Gesten und Blicken um ihrer paradoxen Beziehung zweier gleichgesinnter Feinde Leben einzuhauchen und werden dabei konsequent von Glens Inszenierung unterstützt.

Mit Carey Lowells Pam Bouvier und Talisa Sotos Lupe Lamora sind zwei prägnante Bondgirls an Bord, die ebenfalls einen nicht unerheblichen Anteil dazu beitragen, den Film sicher heimzubringen. Gerade Lowell als burschikose, mit allen Wassern gewaschene CIA-Kampfpilotin ist eine der besten Vertreterinnen ihres Rollentyps. Während sie Bond durch ihre starrköpfige Art gerne in seine Schranken verweist ist sie dennoch bereit, mit ihm durchs Feuer zu gehen und bekommt damit eine treffende Eigenständigkeit verliehen. Dagegen glänzt Soto als glamouröses, feuriges Opferlamm, das Bond schrittweise Einblick in Sanchez‘ Vorhaben gewährt. Ihre Bereitschaft, sich dem Fremden, der das Syndikat ihres Mannes von innen heraus zu Fall bringen will, anzuvertrauen wird vom Drehbuch dabei schlüssig entwickelt, ihre anfänglichen Ängste glaubhaft gespielt. Gleichzeitig spielt LTK lange mit der Frage, ob nun Pam oder Lupe die Frau sein wird, mit der sich Bond in den Abspann verabschiedet, vor allem durch die kleineren und grösseren Anfeindungen die vor allem von Pams Seite Lupe gegenüber eingestreut werden. Diese Frage wird dann auch schrittweise im Kleinen und endgültig in der Schlussszene zufriedenstellend beantwortet.

Eine Stärke des Films ist nicht zuletzt aber auch Sanchez‘ Drogensyndikat, bzw. die breit gefächerte Riege an Helfern und Partnern, die sowohl im Rauschgiftgeschäft als auch in der Filmhandlung verschiedene Rollen einnehmen. Den meisten Eindruck hinterlässt dabei Anthony Zerbe, dessen versoffener Hochseefischer Milton Krest ein schmierig-widerwärtiges Wrack ist, die ideale Figur für die clever umgesetzte Idee, einen Handlanger durch Bonds Manipulation der Bestrafung des Hauptgegenspielers auszuliefern. Neben ihm spielt Benicio Del Toro mit dem lässig-durchgeknallten "Psycho-Kid" Dario mal kurz den wohl coolsten Killer in der gesamten Bondreihe. Dazu kommen noch Don Stroud als mit seiner Loyalität hadernder Leibwächter, Anthony Starke als hibbeliger, kleinkarierter Buchhalter, Wayne Newton als grotesk überzeichneter Sektenguru und Everett McGill als hassenswerter DEA-Verräter Kilifer, die die illustre Galerie der Schurken weiter abrunden.

Ein häufig getätigter Vorwurf gegenüber LTK ist, dass die Rolle Leiters nicht für einen glaubwürdigen Racheakt ausreiche. Dies halte ich für einen verkehrten Denkansatz in Bezug auf Leiters und Bonds gemeinsame Filmhistorie, die sowieso von stetigen Darstellerwechseln und nicht vorhandener Kontinuität gezeichnet ist. Stattdessen etablieren die Szenen zwischen Bond, Leiter und Della bei Sanchez‘ Festnahme und der anschliessenden Hochzeit sowie das fehlende Verständnis des britischen Geheimdiensts und die Untätigkeit der amerikanischen Behörden alles, was innerhalb von LTK notwendig ist um die Handlungsidee eines komplett auf eigene Rechnung operierenden Bonds zu rechtfertigen. Dass mit David Hedison die bis dato beste Inkarnation der Leiter-Rolle zurückgeholt wurde ist nur unterstützender Bonus. Sein Leiter hat nicht mehr ganz die kumpelhaft-lockere Chemie wie einst mit Roger Moore, vermittelt aber Bond und auch seiner eigenen Frau gegenüber immer noch die kameradschaftliche Wärme, die der Film benötigt. Dazu kommt noch sein sehr energisches Auftreten in Bezug auf Sanchez, womit schön vermittelt wird, dass Leiter dem Drogenbaron womöglich schon seit Ewigkeiten das Handwerk legen wollte. Dadurch kann Bonds Feldzug auch als eine Art Beendigung von Leiters Arbeit angesehen werden. Eine schöne Zugabe ist Frank McRaes Auftritt als verlässlicher Freund Sharkey ("Chainsaw my ass!"). Seit Quarrel gab es wohl keinen Bond-Verbündeten mehr, der so taff und furchtlos, aber eben auch kein Profi war. Sharkeys Abgang erhält dafür umso mehr Gewicht.

Während sich LTK über weite Strecken durch seine Schauplätze und den raueren Stil etwas anders anfühlt schlägt der Auftritt von Q eine gelungene Brücke zu den klassischen Bondfilmen der letzten Jahrzehnte, und da macht es nur Sinn, dass Desmond Llewelyn hier seinen grössten und besten Auftritt abliefert. Q als Quasi-Feldagent in einer unautorisierten Mission an Bonds Seite passt stimmig ins Bild, und die Figur entwickelt gerade im Zusammenspiel mit Pam eine neue Seite abseits der üblichen Laborszene. Dazu gibt es einige herrlich trockene Gags wie Q’s Abklopfen der Betten in Bonds Suite, sein aufhellendes Gesicht als Bond ihn weiterhin dabeihaben will oder das allessagende Kopfschütteln, wenn Bond im Boot des Hafenmeisters davonfährt. Obwohl Q als einzige personelle Konstante noch bis in die 90er hinein erhalten bleiben sollte markiert sein Auftritt hier sinnbildlich auch den Abschluss eben dieser klassischen Bond-Ära.

LTK wird selten als einer der grossen Actionknaller innerhalb der Bondreihe hervorgehoben, verfügt aber über eine Vielzahl gelungener, meist eher kleinerer Actionszenen, die alle stimmig und schlüssig mit der Handlung verzahnt sind. Sei es die wagemutige Abschleppaktion am Flugzeug in der PTS, die kurze und knackige Schiesserei in Krests Lagerhaus, Bonds gescheitertes Attentat auf Sanchez in dessen Büro, Hellers Panzerangriff auf den Unterschlupf der Hongkonger Drogenpolizei und vor allem natürlich die sehr starke Sequenz rund um die Wavekrest, mit kleineren und grösseren Actionmomenten unter Wasser sowie hoch in der Luft und einer improvisierten Wasserskiszene in bester Bond-Manier. Die Krönung ist natürlich die wuchtige und rabiate Schlusssequenz mit den vier Tanklastzügen auf einer Bergstrasse an steilen Geröllhängen. Durch die vielen kleinen Variationen, derben Stunts und die zunehmende Zerstörungswut auf beiden Seiten ist die gesamte Sequenz exzellent strukturiert und vermittelt das Gefühl, dass es hier wirklich um Leben und Tod, und um alles oder nichts geht. Bemerkenswert ist auch hier, wie es Glen gelingt, die Intensität und Wucht der Szene kontinuierlich zu steigern, besonders dann, wenn die Musik einsetzt.

À propos Musik: Michael Kamen durfte wie Martin, Hamlisch und Conti vor ihm nur einen einzigen Bondscore beisteuern und seine Arbeit ist in Fankreisen nicht unumstritten, zumindest für mich aber einer der allerbesten Soundtracks bei Bond überhaupt. Kamen zeigt schon in der dunklen und mächtigen Vertonung der Gunbarrel-Sequenz, wo es die nächsten zwei Stunden langgehen wird und hält diesen Stil konstant bei. Seine Musik ist mal wuchtig, brachial und zerstörerisch wie der Film, zeigt aber auch immer wieder ein exzellentes Gespür für das besondere lateinamerikanische Flair und die ruhigeren Momente der Geschichte. Letztere entfalten bei Kamen oft eine gespenstische, schaurig-schöne Stimmung und unterstreichen so gekonnt die Vielfalt und Reife seiner Arbeit.

Mit LTK ging die klassische Bond-Ära nach fast dreissig Jahre zu Ende, aber nicht wie man hätte erwarten können mit einem spritzigen Best-of, sondern mit einem in seiner Ausprägung der liebgewonnen Elemente oft erstaunlich anderen und reiferen Film. Bond Nummer sechzehn brilliert mit einer harten und spannenden Abenteuergeschichte, die von Wilson und Maibaum ebenso klug strukturiert ist wie sie von Glen dicht und dynamisch bebildert wird. Timothy Dalton liefert eine rundum hervorragende Leistung als beinharter James Bond an der Seite des besten und spannendsten Schurken der gesamten Seriengeschichte, während Kamens ungewöhnlicher und prägnanter Score dem Gesehenen die Krone aufsetzt. James Bond has returned. James Bond will return.

Wertung: 10 / 10

Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 23. Juli 2019 21:17
von GoldenProjectile
GoldenEye (1995, Martin Campbell)

"See him move through smoke and mirrors, feel his presence in the crowd."
- Tina Turner

Sechs Jahre lang lag James Bond durch juristische Querelen und produktionstechnische Schwierigkeiten auf Eis, eine Zeit, in der sich so einiges veränderte. Während das altgediente Stammpersonal sowohl vor als auch hinter der Kamera mehr und mehr seinen Abschied nahm raubten der Zusammenbruch der UdSSR und damit das Ende des Kalten Krieges der Figur auf einen Schlag ihren ursprünglichen weltpolitischen Kontext und warfen folgerichtig verstärkt die Frage nach Bonds Zeitgemässheit auf. GE stellt somit die grösste Härteprobe für die Filmreihe seit dem Wechsel von Connery auf Moore dar, eine Prüfung, die der siebzehnte Film des Eon-Kanons glücklicherweise heil überstehen und die Figur somit in ein neues Zeitalter überführen konnte.

Stil und Story von GE wählten den Ansatz, die klassischen Ingredienzien der Reihe mit einem modernen, frischen Gewand zu kombinieren, um den nahtlosen Übergang in eine neue Bond-Ära zu gewährleisten. Die Mischung aus alt und neu ist weitgehend gelungen und bestätigt in ihrem Funktionieren auch sehr gut, dass die Bondfigur auch in dieser neuen Welt noch durchaus existieren kann. Auf der einen Seite wartet GE mit haufenweise bondtypischen Strukturen und Motiven auf, vom generellen Handlungsaufbau bis hin zu Casino- und Gadget-Szenen, auf der anderen Seite zeigen eine Reihe neuer Ideen und Veränderungen, dass die Reihe durchaus bereit ist, sich mit der Zeit zu entwickeln und nicht etwa in den Sechzigern steckengeblieben ist.

Die Frage nach Bonds Zeitgemässheit und die deutliche Bejahung der selbigen ist dann auch das zentrale Motiv des Films. So darf Bond in der überaus gelungenen PTS noch serientypisch mit flotten Sprüchen die bösen Machenschaften der Sowjets sabotieren und mit einem absurden Stunt, der an die knalligen Openings von TSWLM und MR erinnert entkommen, ehe im nach den zuletzt eher stagnierenden Binder-Sequenzen erfrischend eigenständigen Vorspann buchstäblich die Mauern des Kalten Krieges niedergerissen werden. Im Folgenden wird Bond in der neuen Ära auch kritisiert, teilweise regelrecht als Anachronismus verspottet, sei es auf sehr direkte Art im Dialog mit M, Zukovsky, Trevelyan oder dem Verteidigungsminister, aber auch auf der Metaebene durch den moderneren Handlungskontext, die Einbindung der Computertechnologie und die mit der Zeit gehenden Widersacher. Gleichzeitig drehen Drehbuch und Regie den Spiess aber auch wieder schrittweise um und beweisen, dass Bond nach wie vor in einem neuen Weltbild existieren und in bekannter Manier die Welt retten darf oder sogar muss, wobei der triumphale "Durchbruch" des Panzers sicherlich den deutlichsten Fingerzeig darstellt. Das mag nicht immer ganz subtil sein, nicht zuletzt in den überdeutlichen Aussagen der neuen M, passt aber die meiste Zeit gut und ist für mich sogar eleganter gelöst als die sehr ähnlichen Themen in SF, da sie in GE trotz allem mehr in die Handlung eingebettet sind und weniger aus dem Nichts kommen.

GE profitiert nicht zuletzt von Martin Campbells eleganter und eigenständiger Inszenierung, die dem Film gekonnt seinen modernen Touch verleiht. Campbell erzählt sehr fokussiert, mit präzise ausgerichteten Bildern und sehr direkten, meist in Nahaufnahmen gelösten Szenenübergängen. Sein gutes Auge zeigt sich in diversen gelungenen Einstellungen wie etwa beim sibirischen Hundeschlitten oder beim unheilvollen Auftauchen des Hubschraubers über dem kubanischen Dschungel. Dazu gesellt sich der energische, rasante Schnitt der Actionszenen. Der experimentelle Score von Éric Serra mag eine merkwürdige, gewagte Wahl sein, ohne ihn könnte ich mir GE aber längst nicht mehr vorstellen. Besonders in den stimmungsvoll düster ausgeleuchteten Russland-Szenen, zum Beispiel in der PTS, passt sein dumpfes, metallisches, rhythmisches Pochen wunderbar zur Kälte und Härte der Bilder. Genauso sehr gehören aber auch ruhige, wehmütige Streicher zu seinem Repertoire. Dass man Serras Musik in der Panzerszene ausgetauscht hat ist eine fragwürdige Entscheidung, wird aber insofern kaschiert dass die Szene in ihrem Subtext geradezu nach dem bekannten Bond-Theme verlangt. Es wäre mutiger und konsequenter gewesen, beim industriellen Synth-Sound zu bleiben, aber nicht zuletzt durch die Gewöhnung kann ich auch mit dem ersetzenden Bond-Theme gut leben.

Pierce Brosnan gibt einen soliden Einstand in der Bondrolle, ohne wirklich Brillantes zu leisten. Seine Interpretation des Doppelnullagenten kombiniert die zynische Abgebrühtheit von Sean Connery, den galanten Humor von Roger Moore und die emotionale Härte von Timothy Dalton, ohne in einer der Disziplinen das Original zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen. Brosnan profitiert in seinem Debüt von der noch teilweise an Dalton angelehnten Auslegung der Rolle sowie generell von dem Umstand, dass GE ihm unterschiedlichste Momente zugesteht, vom galanten Charmeur über den britischen Snob bis hin zum persönlich ins Geschehen involvierten Feldagenten. Damit folgt auf eine etwas hölzern gespielte Szene meistens sogleich eine gute Gelegenheit für Brosnan, seinen Bond gekonnt zu profilieren. Insgesamt bietet der fünfte Darsteller in der Rolle eine gute, zweckdienliche Vorstellung mit kleineren Schwächen, die aber jederzeit als Bond zu erkennen ist und das Erbe der grossen Vorgänger würdig weiterzuführen weiss.

Besonders auf der bösen Seite profitiert GE von einer Galerie illustrer, einfallsreicher Figuren, die mit viel Leinwandpräsenz und teils nahezu gleichberechtigter Gewichtung die Modernisierung des Spektakels weiter absichern. Eine echte Bereicherung für den Film ist Famke Janssen als masslos durchgeknallte Domina-Killerin Xenia, eine Figur, die in ihrer Extremität leicht zum albernen Softporno-Trash hätte verkommen können, aber von Janssen mit so viel teuflischem Charme, knisternder Erotik und glaubhafter physischer Präsenz verkörpert wird, dass es schlicht grossartig funktioniert. Gottfried John spielt den kalten General vorzüglich, das Wechselspiel zwischen seinem kontrollierten, geschniegelten Auftreten und der manischen Grausamkeit, wenn er die Kontrolle zu verlieren droht, ist schauspielerisch gut gelungen. Natürlich ist Super-Programmierer Boris Grischenko ein Russen- und Hackerklischee auf zwei Beinen und nicht selten nahe an der Grenze zur totalen Cartoon-Figur, macht in seinen wenigen Auftritten als hibbelig am Bildschirm klebender Komiker aber ordentlich Laune. Sean Beans Oberbösewicht Trevelyan ist ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Die Rolle des bösen Spiegelbildes transportiert er ausgesprochen gut, und man kauft es ihm ab, dass er Bond physisch gewachsen ist und ein sehr ähnlich angelegter Agent war, der mit 007 eine Vergangenheit teilte. Der alleinstehende Anführer des Janus-Syndikats fehlt ihm dagegen ein wenig, und seine furchterregenden Führungsqualitäten, gerade gegenüber dem meistens recht selbstsicher gezeichneten Ouromovs, bleiben mitunter Behauptung. Und Izabella Scorupcos Bondgirl gehört zwar nicht zu den allerbesten Vertreterinnen ihrer Rolle, passt aber absolut zweckdienlich zum Film und ist ausserdem bemerkenswert gut gespielt.

Die Erneuerung der MI6-Crew bietet natürlich durch den Übergang in ein neues Zeitalter eine konträre Auslegung der klassischen Rollen geradezu an, allerdings gehören weder Samantha Bonds Moneypenny noch Judi Denchs M zu den Höhepunkten des Films. Moneypenny war eine Rolle, die zu sehr mit ihrer ursprünglichen Darstellerin und dem altbekannten Vorzimmer-Konzept verwachsen war, als dass Samanthas farblose und gewollt auf emanzipiert gebürstete Neuinterpretation wirklich sinnvoll gewesen wäre, geschweige denn nennenswerte Akzente setzt. Eine weibliche M die ihren Topagenten etwas in seine Schranken weist ist prinzipiell eine gute Idee, die sich in späteren Filmen auch noch besser entwickeln durfte. In GE ist ihr Auftritt nicht zuletzt durch den saloppen Dialog, der obwohl zum Subtext des Films passend einfach zu dick aufgetragen ist, noch eher kratzbürstig und unsympathisch. Desmond Llewelyn ist das einzige personelle Überbleibsel aus den "alten" Bondfilmen und sein obligatorischer und nicht gross veränderter Auftritt schlägt eine sympathische Brücke. Nicht zuletzt schien Llewelyns Chemie und Charisma mit jedem neuen Bonddarsteller gewachsen zu sein und so harmoniert er mit Brosnan mindestens so gut wie zuletzt mit Dalton. Zwei Nebenrollen bleiben noch besonders im Gedächtnis: Tchéky Karyo spielt einen starken, integren Verteidigungsminister, dessen kurze Konfrontationen mit dem zwielichtigen Ouromov ein wenig den Geist des anderen starken Russen-Clashs zwischen den Generalen Gogol und Orlov in OP versprühen. Und Robbie Coltrane als alten Russenhasen und früheren Rivalen Bonds zu besetzen war eine tolle Idee, seine Figur bietet sich geradezu für gelegentliche Neuauftritte an, was in TWINE dann auch glücklicherweise der Fall war. Aber er hätte gern noch öfter auftreten können, vielleicht, wäre die Bondgeschichte anders verlaufen.

GE nutzt die lange Pause, die personellen Wechsel und den neuen Bonddarsteller sehr geschickt, um die Reihe zu entschlacken und zu modernisieren, ohne das Grundrezept gravierend zu verändern. Im Gegenteil, Pierce Brosnans Debüt ist in vielen Punkten und Strukturen Bond pur, wie man ihn kennt und liebt, zeigt sich in den Ausprägungen aber dennoch progressiv, frisch und mit dem Willen, die Serie ins neue Jahrtausend zu führen. Nicht zuletzt durch Campbells elegante und autarke Regie und die weitgehend geglückten Variationen klassischer Rollentypen, primär auf der bösen Seite, ist mit GE ein Film gelungen, der genauso eigenständig wie serientypisch ist. Operation geglückt, Bond lebt. Nicht im besten Film seines langen Lebens, aber in einem sehr guten.

Wertung: 8 / 10

Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 12. Dezember 2019 19:55
von GoldenProjectile
Tomorrow Never Dies (1997, Roger Spottiswoode)

"Your life is a story I’ve already written. The news is that I am in control."
- k.d. lang

Nachdem GE die Bondfigur für eine neue Ära aufgefrischt hatte lag es am nächsten Film, den ebenso gelungenen wie erfolgreichen Weg fortzusetzen. TND ging dabei aber noch einen Schritt weiter, indem er den Agenten ihrer Majestät endgültig in einen kühl stilisierten High-Tech-Actioner der 1990er überführte. Dabei ist die Grundidee so typisch wie eh und je; Ein Tycoon der Massenmedien, der für exklusive Senderechte einen Weltkrieg anzetteln will, ist auf dem Papier eine höchst gelungene, moderne Variation des Gilbert-Szenarios aus YOLT und TSWLM, eine weitere Parallele stellt der durchgängig präsente Navy-Hintergrund der Geschichte dar.

TND ist aber wie schon angedeutet noch etwas anderes als seine nächsten Verwandten im Bond-Kanon, und zwar der Serienbeitrag mit der – vermutlich mit Abstand – höchsten Actiondichte überhaupt. Alleine in der PTS wird bereits eine ausladende Materialschlacht geboten, wird geballert und gebombt was das Zeug hält. Weitere Actioneinlagen folgen mit energischer Regelmässigkeit, die ruhigen und handlungsdienlichen Szenen, die wie Inseln inmitten des Actionspektakels angelegt sind, wirken daher wie tickende Zeitbomben, die jederzeit in die Luft gehen können und es immer wieder auch tun. Dem Film gibt dies auf den ersten Blick zwar einerseits eine sehr straffe und temporeiche Dramaturgie, mehr und mehr fühlt sich der actiongeladene Ansatz aber auch eher umständlich an, da auch viele kleinere Szenen zu mindestens mittelgrossen Kampf- und Schiessszenen aufgeblasen werden. Am erstaunlichsten ist, dass sich die gesamte Geschichte ohne Prolog innerhalb von zwei Tagen abspielen soll, was den Action-Overkill noch einmal gehörig verstärkt, wenn man genauer darüber nachdenkt.

Die Actionszenen an sich sind handwerklich wie man es sich von Bond gewohnt ist absolut kompetent und kurzweilig aufgezogen, sei es nun die Auseinandersetzung in der Druckerei, die erstaunlich kleinteilig geschnittene Parkhaus-Verfolgung mit dem ferngesteuerten BMW, die Motorradjagd durch die ärmeren Viertel von Saigon (gerade im Vergleich zu den sehr kühl dargestellten Locations in Hamburg und auf hoher See der lebendigste Schauplatz des Films) oder viele weitere, dass man mit dem zählen kaum nachkommt. Was den Actionszenen etwas fehlt, gerade auch angesichts ihrer schier erdrückenden Menge, sind besondere Höhepunkte oder Spannungsbögen. Selbst die ausgefallenste Idee des Films, die Fernbedienung des BMWs, verpufft ein wenig inmitten von Explosion und Munition. Der noch bleihaltigere Showdown an Bord des Stealth-Schiffs ist eigentlich richtig gut gelungen – das Set ist zwar ein Witz verglichen mit der Liparus in TSWLM, wird aber gut in Szene gesetzt und die grosse Massenschlacht, obwohl es dieses Mal nur Bond und Wai Lin sind, die gegen eine Masse kämpfen, anfangs spannend entwickelt. Aber auch hier ermüdet sich das buchstäbliche Action-Dauerfeuer des Films mit der Zeit und hätte ein an den richtigen Stellen etwas subtilerer Ansatz durchaus Sinn ergeben.

Pierce Brosnan gibt wiederum eine gute Routinevorstellung als Bond, die in manchen Szenen zwar zu aalglatt und kantenlos angelegt ist, und sich zu sehr auf coole Blicke verlässt, andernorts, wie in den Szenen mit Paris oder den Konfrontationen mit Kaufman und Carver, aber richtig aufblüht. Am besten ist Brosnan immer dann, wenn er etwas aus der Rolle des steifen Snobs oder des Actionhelden rauskommen darf, was auf den gesamten Film bezogen aber leider nicht konstant genug der Fall ist. Michelle Yeoh als Bondgirl und chinesische Agentin zu besetzen kann durchaus als Glücksgriff gewertet werden. Ihre Rolle in TND zeigt oder entwickelt zwar kaum erotisches Potential, dafür aber verspieltes Charisma sowie glaubhafte physische Präsenz und weist in ihrer Beziehung zu Bond vor allem während der Motorradverfolgung und später im Unterschlupf launige Screwball-Züge auf, wie es sie zuletzt in TSWLM mit Anya Amasova gab. Teri Hatcher bleibt als Bonds alte Flamme Paris durch wenig Screentime und eine oberflächliche Rolle blass, erfüllt aber ihren Zweck und stört nicht. Daheim in London hat Judi Dench von allen Brosnan- und Craig-Filmen ihren kürzesten Auftritt und Desmond Llewelyn darf mit einer netten, aber auch etwas beiläufigen Gadgetszene aufwarten, so dass von der MI6-Brigade lediglich Samantha Bonds schreckliche Moneypenny-Interpretation im Gedächtnis bleibt.

Jonathan Pryce als Elliot Carver ist meilenweit davon entfernt, einer der allerbesten Bondschurken zu sein, aber ähnlich wie Louis Jourdains Kamal Khan ist seine Rolle ein dermassen urtypischer Bond-Widersacher, dass er alleine dadurch Spass macht. Die Idee des machthungrigen Medienbarons ist einem Bondfilm auf jeden Fall angemessen und wird schön dick aufgetragen wenn Carver fanatisch sensationsheischende Schlagzeilen tippt oder schwer atmend und theatralisch seine Allmachtfantasien schildert. Als psychotischer Obermotz erfüllt die Rolle Sinn und Zweck und hat ihre besten Momente in ihren verbalen Gefechten mit Bond, in denen sowohl Pryce als auch Brosnan zu Höchstform auflaufen. Ein kleiner Höhepunkt von TND ist der Auftritt von Vincent Schiavelli als Dr. Kaufman ("I kould shoot you from Stuttgart und still kreate ze propa effekt!"), eine wunderbar schräge Handlangerrolle die trotz, oder vielleicht gerade wegen ihres sehr kurzen Auftritts einen gelungenen Akzent setzt, vor allem natürlich in der auf jedem Gebiet völlig überzeichneten Art, wie Schiavelli den Doktor zum Besten gibt. Das gleiche Lob lässt sich auf den Rest der Helferbrigade leider nicht anwenden. Cyberterrorist Gupta ist nicht nur im Vergleich mit jemandem wie Boris Grishenko zum vergessen, und Götz Ottos tumber Haudrauf Stamper kann gar nichts ausser grimmig in die Welt zu starren. Sein schlecht gespielter Verweis darauf, dass Kaufman für ihn wie ein Vater war, ist dann auch der grosse Fremdschäm-Lacher des Films.

Weiter markiert TND die erste Mission von David Arnold, der in der Folgezeit zum vorübergehenden Stammkomponisten der Reihe avancieren sollte. Musikalisch übertrumpft wird sein Score aber vor allem vom ursprünglich angedachten Titelsong von k.d. lang, der mit der Verpflichtung Sheryl Crows in den Abspann verschoben wurde. Crows Song bietet zwar melodisch das Potential für eine wuchtige Vorspannnummer, verliert durch die zu laschen und gleichförmigen Arrangements und die Kürzung für den Film einiges an Wirkung. k.d. langs Variante Surrender ist schnörkelloser, aber auch stimmiger und mit mehr Power gesungen. Dass auch Arnold seinen Surrender immer wieder im Score zitiert macht noch deutlicher, dass langs Version im fertigen Film besser als Titelsong gepasst hätte. Arnolds Arbeit selber schwankt ansonsten zwischen gelungenen und weniger einprägsamen Passagen, ist unterm Strich aber absolut in Ordnung, wenn auch mit weniger Wiedererkennungswert ausgestattet als die besten Arbeiten seiner Vorgänger.

Mit TND vollführt Bond endgültig den Sprung in die actionreiche Welt der 1990er. Brosnans zweiter Einsatz ist ein wechselhafter, in Summe aber durchaus solider Beitrag zur langlebigen Reihe, der ähnlich wie GE vor allem durch die moderne Auffrischung urtypischer Bond-Muster überzeugt, hier vor allem die Einbindung zeitgemässer Medienthemen in die abgehobene Welt des Doppelnullagenten. Ebenso gelungen sind die schlagkräftige und lässige Paarung zwischen Bond und Yeoh sowie Pryces kurzweilige Interpretation des durchgeknallten Oberschurken in bester Serienmanier. Der Grund dass TND trotzdem nie wirklich aus dem guten Bond-Mittelfeld herausragen will ist schwer zu fassen, am ehesten aber liegt es an dem sehr kühlen und bis zum Exzess mit Actionbombast vollgepackten Ansatz von Spottiswoodes Inszenierung, der den Film auf Dauer etwas seelenlos und steril wirken lässt.

Wertung: 6 / 10

Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 30. Dezember 2019 23:17
von GoldenProjectile
The World Is Not Enough (1999, Michael Apted)

"The World is not enough, but it is such a perfect place to start, my love."
- Garbage

In Pierce Brosnans Lauf als James Bond schienen sich die Filme immer mehr vom teilerneuerten Klassiker zum grossangelegten, glattpolierten Actionspektakel zu steigern. TWINE, der letzte Serienbeitrag im alten Millennium, versuchte diese Entwicklung zumindest teilweise zu unterbrechen. Unter der Federführung des weitgehend ausserhalb vom Actionfach geschulten Michael Apted widmet sich der Film wieder mehr einem komplexeren, charakterorientierten Handlungsaufbau und der Kombination aus handfestem Agentenfilm und ausladendem Bond-Spektakel, wie es vor allem unter der Glen/Wilson-Ägide in den 1980ern gang und gäbe war. Dadurch ergibt sich mit TWINE nicht nur eine interessante Mischung, sondern auch der neben GE typischste und zeitloseste Bondfilm der Brosnan-Ära.

So ist es nicht verwunderlich, dass TWINE die Beziehung zwischen Bond und Bondgirl möglichst gut aufbauen möchte, mit dem Unterschied, dass sich das zentrale Bondgirl dieses Mal als teuflischer Gegenspieler entpuppt. Dieser Kniff ist Drehbuch und Regie weitgehend gut gelungen und variiert ziemlich geschickt die erwartbare Handlungs- und Figurenkonstellation eines typischen Bondabenteuers, weiter erlaubt die Idee Spielraum für einen Gewissenskonflikt Bonds im Kampf gegen eine Schurkin, für die er zuvor romantisches Interesse entwickelt hatte. Zwar geht der Film natürlich nicht so weit, Bond seine Mission oder gar seine Seite in Frage stellen zu lassen, aber alleine der Ansatz eines 007, der sich betrogen und benutzt fühlt und für einmal einen ganz anderen Blick auf seinen Gegenspieler hat, ist so naheliegend, dass man sich bei der Sichtung von TWINE fragen muss, wieso kein anderer Film in fast vierzig Jahren Bondgeschichte auf diese Idee gekommen ist. Zwar dämpft die Geschichte ein wenig die Wirkung und Intensität dieses Handlungskniffs, indem sie Bond selber Verdacht hegen lässt und die Enthüllung Elektras als Bösewicht so eher sachte in die Wege leitet, nimmt sich aber zuvor durch die Lawinenszene und die späteren Momente auf Elektras Anwesen in Baku genügend Zeit, ihre Charaktere für die weitere Entwicklung der Handlung aufzubauen.

Generell ist TWINE anders als sein direkter Vorgänger mehr als ausgewogenes Wechselspiel zwischen Action und ruhigeren, handlungsdienlichen Szenen strukturiert. Der Film startet zwar in der längsten PTS der Reihe mit einer furiosen Bootsverfolgungsjagd, durch die man förmlich ins Geschehen hineingeworfen wird, genauso einvernehmend agieren aber die ebenfalls direkt in den Raum bzw. Film geworfenen Handlungsstränge um Sir Kings Geld, das Attentat und die Entführung seiner Tochter. Apted nimmt sich aber dennoch Zeit, dem in vielen Dingen zweifelsohne sehr auf Bombast und Spektakel setzenden Abenteuer Sinn und einen stimmigen dramaturgischen Unterbau zu verleihen, so dauert es nach (und mit) dem knalligen Opening beispielsweise gefühlt eine eher längere Zeit, bis Bond wirklich aus dem MI6-Hauptquartier (notfallmässig nach Schottland verlegt) herauskommt und seine eigentliche Mission startet. Dass man durch Apteds Regie eher nahe an den Charakteren ist und die kleineren Handlungsbausteine auskosten darf verleiht TWINE gerade gegenüber seinem etwas anonym gebliebenen Hochglanz-Action-Vorgänger deutlich mehr Persönlichkeit.

TWINE wird auch gerne für seine Schauplätze kritisiert und mag weit weg von Postkarten- oder Reiseführerromantik sein, ich finde aber, dass gerade der Dreck und die Tristesse der meisten Handlungsorte dem Film seinen eigenen Charme verleihen. Zentralasiatische Länder wie Aserbaidschan und Kasachstan sind nun einmal keine besonders populären Reiseziele, besonders dann nicht, wenn noch Ölfelder und Atombunker ins Spiel kommen. Für TWINE sind die kargen Landschaften und der Geist der alten Sowjetunion aber gerade richtig und werden sehr stimmungsvoll eingefangen. Selbst vermeintliches Eye-Candy wie das mondäne Istanbul, Elektras Anwesen oder die in allerhand Brücken und Stegen verzweigte Kaviarfabrik Zukovskys behalten ihre raue und düstere Ausstrahlung. Zum Ausgleich gibt es in der Skiszene aber auch winterliche Bergpanoramen, wie man sie als Bondfans seit TSWLM nicht mehr gesehen hat.

Die Actiondichte des Films erscheint im Vergleich zum Vorgänger deutlich tiefer und die Geschichte mehr auf ruhige Szenen ausgerichtet, was erstaunlich ist, weil auch TWINE mühelos ein gutes halbes Dutzend mittelgrosser bis grosser Actionszenen auffahren kann. Einige davon wecken Erinnerungen an vergangene Bond-Abenteuer, so ist natürlich die fulminante Bootsverfolgung auf der Themse in der PTS eine Reminiszenz an LALD, nicht zuletzt durch die Zweckentfremdung des Bootes, welches auch abseits des Flusses einen ordentlichen Blechschaden anrichten darf. Die Skiszenen in Aserbaidschan wiederum ähneln der Piz-Gloria-Abfahrt aus OHMSS, wobei der Eingriff der bewaffneten Parahawks natürlich eine schöne Variation darstellt. Vom unterirdischen Atomwaffenlager bis zur Keilerei im U-Boot, von der Bombenentschärfung in der Pipeline bis zum Angriff der Riesensägen auf die Fabrik – die Actionszenen sind schmissig in Szene gesetzt, auch weil Apted mehr Variationen einbaut statt nur auf automatisches Dauerfeuer zu setzen und er die Stunts und Explosionen weitgehend elegant in den Bildaufbau einzubetten weiss. Zu den besten Actionszenen der Serie zählt für mich trotzdem keine einzige in TWINE, weil unterm Strich trotz aller Vorzüge immer ein wenig die zündende Idee oder der letzte grosse Schliff fehlt.

Die Besetzung ist weitgehend gelungen. Brosnan gibt in TWINE seinen bisher stimmigsten und rundesten Auftritt als Bond, seine etwas glatte und unnahbare Interpretation der Doppelnullrolle geht in vielen Szenen schön auf und droht nicht mehr in den gelackten Snobismus abzugleiten, mit dem mir Brosnan in manchen Szenen anderer Filme etwas zu sehr liebäugelt. Besonders die Todesszene von Elektra ist bemerkenswert gut gespielt, einer der schauspielerisch besten Momente eines Bond-Darstellers überhaupt, mehr sogar das unmittelbare "I never miss" als der anschliessende Moment. Elektra selber wird von Sophie Marceau natürlich vorzüglich zum Besten gegeben, die unterschiedlichen Facetten der Figur verkörpert sie meisterhaft, diese Mischung aus reizender Verführung und eiskalter Bosheit, die in der Folterszene eine geradezu widerwärtige Mischung eingehen. Robert Carlyles Renard taucht vergleichsweise wenig auf, aber wenn er auftritt wie in der Szene im kasachischen Atombunker, verleiht Carlyle ihm trotz oder gerade wegen seiner wenig eindrucksvollen Statur eine ungeheure Leinwandpräsenz. Erstaunlich ist auch, dass Carlyle gelingt, was mit Donald Pleasance viele Jahre zuvor überhaupt nicht geklappt hat: Seine fast kahl geschlagene Frisur und die narbigen Kratzer unterstützen das manische, eindringliche Mienenspiel und geben ihm den letzten Schliff.

Denise Richards‘ Auftritt als Dr. Christmas Jones wird natürlich gerne belächelt, und tatsächlich hätte man nur wenige Darstellerinnen finden können, die als neunmalkluge Atomphysikerin weniger glaubhaft wäre als die stupsnasige Richards im Lara-Croft-Outfit. Wen man TWINE aber nicht bierernster nimmt als einem Bondfilm guttut erfüllt Richards voll und ganz ihren Zweck. Sie sieht gut aus und bildet einen charmanten, einigermassen schlagkräftigen Sidekick für Bond und ist halt ein Bondgirl – get over it. Robbie Coltranes neuerlicher Auftritt als schmierig-charmanter Russengangster Zukowsky ist eine Bereicherung, hat sich die Rolle doch schon in GE für weitere Filme geradezu angeboten. Coltranes Charisma ist so einvernehmend, dass einige der "Gemeinheiten" des misstrauischen Bond fast empörend wirken. Umso schöner ist es, wenn Bond und Zukovsky am Ende voll und ganz aufeinander zählen können, was im von Elektra missverstandenen und gehässig kommentierten letzten Schuss Valentins einen wunderbaren Abschluss findet.

Mir gefällt die Einführung von John Cleese als neuer Q, bzw. dessen temporärer Assistent R. Klar ist das Ganze ein einziger Hieb mit der Kasper-Keule, und wer Cleese und seinen Humor nicht mag wird sich gehörig daran stören, aber es ist doch auch schön, die alte Doppelnull im komödiantischen Schlagabtausch mit einem der prägnantesten und eigenwilligsten Komiker Englands beobachten zu dürfen, vor allem auch weil Cleese später auf sehr versöhnliche Art zur Schlussszene beitragen darf wenn er insgeheim die Videoüberwachung Bonds durch den MI6 abbricht. Desmond Llewelyn hat für mich in TWINE seine neben LTK besten Szenen, alleine sein Kopfschütteln über einen alarmiert durch das MI6-Gebäude stürmenden Bond in der PTS ist Gold wert und könnte nach fast vierzig Jahren gemeinsamer Historie vielsagender nicht sein. Ein letztes Mal darf Desmond im Labor seine Erfindungen vorführen und Bond einen Rat mit auf den Weg geben, bevor er für immer verschwindet, und die Szene ist so schön, dass es kaum zu glauben ist dass sie nicht als allerletzter Auftritt von Llewelyn geplant war. Es passt einfach, dass Q von Bonddarsteller zu Bonddarsteller mehr und mehr eine zänkische und trockene aber doch irgendwie anrührende Freundschaft zu dem Doppelnullagenten entwickeln durfte, nachdem das Verhältnis anfangs bei Connery noch sehr distanziert war.

Ein paar Worte zur Musik: Der Titelsong von Garbage ist entgegen dem Bandnamen kein Müll sondern durchaus wuchtig und dramatisch geraten. Auch der Liedtext ist gelungen, obwohl in seinem Bezug auf die Filmhandlung nicht ganz klar wird ob er aus der Perspektive von Bond oder Elektra erzählt wird, was aber ein unbedeutendes Detail ist. David Arnolds Score ist okay und erfüllt seinen Sinn und Zweck, bleibt aber über das Filmende hinaus kaum nennenswert im Gedächtnis, ausser wenn er entweder das Bond-Theme oder den eigenen Titelsong zitiert.

TWINE ist ein ordentlicher Bondfilm und es hat der Serie zu diesem Zeitpunkt wirklich gutgetan, der knalligen und actionreichen Brosnan-Ära der 1990er etwas mehr Handlungs- und Figurentiefe zu verleihen, was schauspielerisch und dramaturgisch vor allem im Dreieck Bond-Elektra-Renard bzw. Brosnan-Marceau-Carlyle schön umgesetzt wurde. An die besten Bondfilme will TWINE zwar nicht wirklich heranreichen, aber das geht auch in Ordnung. Denn wie man den Songtext interpretieren kann: TWINE ist nicht ganz genug, aber es ist ein schöner, vielleicht sogar perfekter Ort, meine Lieben. Nicht jeder Bondfilm muss gleich der Beste sein, weder 1999 noch 2019. Das neue Jahrzehnt kann beginnen, damals wie heute. Frohes neues Jahr!

Wertung: 8 / 10

Re: Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

Verfasst: 14. Januar 2020 00:30
von GoldenProjectile
Die Another Day (2002, Lee Tamahori)

"I'm gonna avoid the cliché, I'm gonna suspend my senses, I'm gonna delay my pleasure, I'm gonna close my body now"
- Madonna

Fans und Kenner der Bondserie sind sich einig: Der nach TSWLM zweite grosse Jubiläumsbeitrag gehört weit ins hintere Drittel jeder Rangliste. Eine weitere weitgehend anerkannte Meinung ist aber auch, dass die erste Filmhälfte anders als die zweite sehr gelungen ist und bei manchen sogar als grandios gilt. Den ersten Punkt kann ich diskussionslos so unterschreiben, den zweiten zumindest bedingt. Es ist schon frappierend, dass die guten Ansätze und Szenen alle in der ersten Hälfte zu finden sind, bevor Regisseur Tamahori endgültig und ohne Rücksicht auf Verluste zu seiner kolossalen und lachhaften Bruchlandung ansetzt. Ob diese guten Ansätze in der Lage sind, den Film zu retten, ist aber eine andere Frage.

So beginnt DAD gleich einmal mit einer stilistischen Fremdartigkeit, wie es sie seit dem finsteren Voodoo-Ansatz in LALD nicht mehr gab: Die Szenen in Nordkorea wirken durch den politischen Kontext des Schauplatzes und die kalte, beängstigende Atmosphäre ungewohnt hart und bedrohlich, zumindest wenn Tamahori in seiner soliden aber austauschbaren Hovercraft-Verfolgung nicht gerade die Materialschlachten aus TND toppen möchte. Der Ansatz wird konsequent fortgesetzt mit Bonds Gefangennahme und monatelanger Folter im stilistisch verfremdeten Vorspann. Der Titelsong ist passend und in seinen kryptischen Strophen mit prägnanter Streicher-Untermalung sogar richtig gut, schwächelt aber im von Madonna merkwürdig abgehackt gesungenen Refrain. Bis hierhin bietet DAD nichts berauschendes, aber immerhin einen eigenständigen Ansatz mit Potential für einen guten Film.

Weiter geht’s mit den Szenen auf Kuba, in denen trotz der Schauplatz-Doubles in Spanien auch mal richtig Atmosphäre und karibisches Urlaubsfeeling aufkommen darf. Vom Flair her ist dieser Abschnitt mit Abstand das Beste am Film, aber auch hier zeigen sich durch uninteressante Charaktere wie Zao und Jinx schon die Schwachstellen des Films. Noch schwerer wiegt der Umstand, dass es dem Drehbuch nie so richtig gelingen will, den Aspekt des Verräters im Westen herauszukristallisieren. Diese ganze Ebene läuft so belanglos neben dem Rest des Films her, dass mich weder die Frage nach dem Doppelagenten noch die Antwort je so richtig interessiert hat. Das ist eigentlich sehr schade, weil die persönliche Motivation Bonds so statt wie in LTK ins Zentrum gerückt zu werden nur an der Oberfläche kratzt.

Irgendwann folgt dann die berüchtigte zweite Hälfte in Island, bei der man sich echt fragen muss, was hier schiefgelaufen ist. Ich würde mal sagen: Fast alles. Von der komplett beliebigen und wenig sinnvollen Handlungsentwicklung, über nervige Pappcharaktere bis hin zum reizüberflutenden Action-Overkill. Dazu wildert Bond plötzlich in tiefsten Science-Fiction-Fantasy-Gefilden. Mit der künstlich-surrealen Eislandschaft, aufdringlich digitaler Optik, futuristischen Super-Gadgets auf beiden Seiten und einem genmanipulierten Schurkenduo aus Cyborg und Albino-Zombie (Zao sieht aus wie eine Kreuzung aus Matrix und Voldemort) könnten diese Szenen genauso gut in einer weit entfernten Galaxie auf dem Planeten Hoth spielen. Die gesamte visuelle Aufmachung und das Selbstverständnis der vielen Gadgets und Actionszenen erinnern mehr an ein Science-Fiction-Videospiel als an einen 007-Abenteuerfilm. Auch dramaturgisch wird bald auf vieles gepfiffen und geht jedes Gefühl für zeitliche und erzählerische Kausalität verloren, wenn Bond beispielsweise sein Eindringen in die Mine für ein völlig sinnbefreites Schäferstündchen unterbricht, das der gesamten Miranda-Figur von Anfang bis Ende widerspricht und der Film im Anschluss plötzlich so tut, als wäre ein ganzer Tag vergangen. Nicht darüber nachdenken…

À propos Miranda: Rosamund Pike ist eine begabte und ausdrucksstarke Schauspielerin, auch wenn sie in DAD nicht wirklich viel davon zeigen darf. Dennoch weiss ihre sehr kalte und unnahbare Ausstrahlung in der Rolle anfangs zu überzeugen, aber ihr doppeltes Spiel wird wie bereits angedeutet wenig interessant entwickelt und ihre Funktion als Verräterin, bzw. deren Auflösung bleibt weit an der Oberfläche, gerade im Vergleich mit der Elektra-Rolle im Vorgänger. Unterm Strich eigentlich noch verheizter ist Halle Berrys Auftritt als Jinx: Mit ihrer gelinde gesagt wenig beeindruckenden Physis, der Mädchenstimme und der Goodnight-artigen Unbeholfenheit, mit der sie dem Agentengewerbe nachgeht wirkt sie auch nicht glaubwürdiger als Dr. Christmas Jones im letzten Film, eher im Gegenteil. Als Bonus darf sie im Austausch mit Bond eine ganze Reihe an Pseudoflirt-Zoten aufsagen, wie sie Purvis & Wade schrecklicher nicht hätten schreiben können. Die Beziehung der beiden bleibt oberflächlich und auf gewollt erotische Kalauer reduziert. Halle hätte Besseres verdient.

Sangjawa Tan-Sun Moon alias Gustav Gans (oder war es Graves?) ist als Bösewicht schon eine Nummer. Die Idee des ausländischen Extremisten der sich mittels Identitätswechsel in die britische High-Society einschleicht um Rache zu üben ist verglichen mit der offensichtlichen Vorlage aus Flemings Moonraker-Roman ziemlich schwach umgesetzt und der Supersatelliten-Aspekt reinster Humbug, und trotzdem ist die Rolle irgendwie so uncool, dass sie wieder cool wirkt. Hauptdarsteller Toby Stephens kann die eklige Überheblichkeit und Arroganz der vorgespielten Graves-Rolle sogar ziemlich gut verkörpern, wenn die Figur nur nicht so blass wäre. Das narrative Element der beiden Identitäten ist lahm, weil die ursprüngliche Inkarnation der Figur keinen grossen Eindruck hinterlässt und richtig albern wird es, wenn Moon einen auf RoboCop machen will und Blitze aus seinem Cyborg-Anzug verschiesst. Seine besten Momente hat Stephens dann auch in der Schwertkampf-Szene, in der er so richtig zornig und böse sein darf, nur um im letzten Moment doch wieder einen auf Schleimbeutel zu machen. Der Schwertkampf ist zugleich auch die beste Actionszene des Films, zwar kürzer als in Erinnerung aber eine tolle Idee und schön umgesetzt.

Judi Denchs Inkarnation von M ist nach ihrem dreiteiligen Probelauf endgültig ausgereift und zeigt in DAD sehr genau, was mir an ihrer Auslegung der Rolle immer schon missfallen hat. Wo die verschiedenen männlichen M’s ihren Agenten oft etwas in den Senkel gestellt, ihn aber als Profi immer sehr geschätzt haben, schwankt Dench in den meisten ihrer Filme oft zwischen blindem Vertrauen und totaler beruflicher Diskrepanz. DAD kann das inhaltlich zwar anfangs einigermassen rechtfertigen durch den Dialog an Bord des Krankenhaus-Boots im Hongkonger-Hafen, zementiert aber gleichzeitig Denchs bzw. M’s Bild als unsympathische und kalte Person, der Bond aus professioneller Sicht wenig bedeutet, nur um doch immer wieder auf Mutterfigur mit allerlei gewollt tiefsinniger Gespräche getrimmt zu werden. John Cleese ist Kraft seines Charismas ein Gewinn für jeden Film, muss sich aber durch eine gehetzte Gadgetszene sputen und sich dazu noch mit der blödsinnigen VR-Simulation herumschlagen. Währenddessen versucht Pierce Brosnan alles, um den Film noch irgendwie heimzubringen und hat in DAD seine lässigsten Bondszenen überhaupt, vor allem das Einchecken ins Nobelhotel im durchnässten Pyjama oder die unsanfte Rollstuhlbehandlung des nervigen Klinikpatienten. Brosnan wird nie mein liebster Bonddarsteller sein, aber er hat alles in allem doch einen versöhnlichen Bond dargeboten, über den sich nicht viel Schlechtes sagen lässt.

Lee Tamahori will seinen ausser Rand und Band geratenen Schwachsinn eigentlich sogar sehr ambitioniert verkaufen und experimentiert mit sich überlagernden Bildern, Low-Frame-Zeitlupen und digital beschleunigten Kameraschwenks und –zooms. Das Konzept hat anfangs noch seine Momente, wirkt in den Island-Szenen der zweiten Hälfte aber zunehmend nervig und albern, wenn Tamahori vor allem auf das drittgenannte Stilmittel setzt, was in Kombination mit der videospielartigen Sci-Fi-Aufmachung den anbiedernden, gewollt coolen Charakter des Films weiter unterstreicht. Konsequent mündet das pausenlose Aufgebot an miesen Effekten und absurden, seelenlosen Actionszenen zuletzt in ein weiteres Plastikgemetzel hoch über den Wolken, bei dem halb Korea im ausserirdischen Super-Strahl gebraten wird während Bond und sein mechanisierter Gegenspieler ein digitales Flugzeug zerlegen. Spätestens hier ist der Film nicht mehr zu retten.

Ist DAD also so schlecht, wie oft behauptet? Die spannendere Frage ist für mich: Ist die erste Hälfte so gut, wie manchmal behauptet? Als Antwort darauf ein klares Jein. Die erste Stunde bietet zwar eine Reihe solider Ansätze, wie den ungewohnten Eröffnungsakt, die weitgehend charmanten und atmosphärischen Szenen auf Kuba oder den ziemlich schmissigen Schwertkampf im Blades-Club, hier macht der Film kleinere Versprechen, ohne je in besonders herausragende Sphären vorzudringen. Spätestens mit dem Wechsel nach Island kippt die Stimmung aber gewaltig und werden interessante Handlungselemente wie Bonds persönliche Motivation im heillosen dramaturgischen Flickenteppich geopfert. Der Rest setzt sich aus einer Menge lärmigem Actionschrott zusammen, der sich nach der Gamer-Fantasie eines jugendlichen Sci-Fi-Nerds anfühlt und so knallhart auf hip und cool gebürstet ist, dass es teilweise wehtut. Der Film kann der Serie unterm Strich keine wirklich positiven Neuerungen hinzufügen, genauso wenig wie der Schreiber dieser Rezension der Diskussion um den Jubiläumsfilm eine neue Perspektive hinzufügen kann. Seinem Ruf als schlechtester Bondfilm hat DAD zumindest herzlich wenig entgegenzusetzen.

Wertung: 4 / 10