Kurzgeschichtenbandbesprechung: In tödlicher Mission - FYEO (Fleming)

Dieses Forum ist für die detailierte Diskussion und Userkritiken/Reviews über/zu den einzelnen James-Bond-Romanen gedacht.

Welche ist eure Lieblingskurzgeschichte aus dem Sammeland In tödlicher Mission?

Im Angesicht des Todes
1
17%
In tödlicher Mission
2
33%
Ein Quantum Trost
2
33%
Risiko
0
Keine Stimmen
Die Hildebrand-Rarität
1
17%
 
Insgesamt abgegebene Stimmen: 6
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Revoked
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Ich meinte nicht, dass es keine Anzeichen gibt, dass es jemand anderes war. Und dass es natürlich nicht sicher aus der Geschichte hervorgeht wer es war.
Aber ich bin beim Lesen sofort davon ausgegangen, dass es Liz war - die Annahme traf ich wohl offensichtlich ohne richtigen Grund 😊.
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Casino Hille
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GoldenProjectile hat geschrieben: 30. November 2020 19:22 Im englischen Forum gibt es einen interessanten Thread zum Thema "Who killed Milton Krest?".
Puuuh, ich müsste nochmal nachprüfen, aber ich meine, dass das Franz Sanchez gewesen ist…
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GoldenProjectile
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Revoked hat geschrieben: 1. Dezember 2020 08:41 Und dass es natürlich nicht sicher aus der Geschichte hervorgeht wer es war.
Das sowieso, das ist ja der Clou der Geschichte. Aber mich wundert es, dass viele eher Liz als Täterin zugeneigt sind, da die Indizien eben ungefähr 50-50 aufgeteilt sind.

https://www.mi6community.com/discussion ... lton-krest

Hier ist der fragliche Thread, und ich sehe gerade dass einige der Kollegen sogar meinen, Fleming wolle den Verdacht eindeutig auf Liz lenken. Sorry, das sehe ich nicht im Ansatz. Klar darf sich jeder seinen eigene Hauptverdächtigen bilden (ich finde die Vorstellung, dass Barbey der Mörder war sogar irgendwie interessanter und eben mindestens genauso glaubwürdig), aber dass Fleming Liz als Hauptverdächtige hinstellt sehe ich nicht, er liefert Argumente für beide und lässt es dann offen. Liegt es daran dass die meisten Leser vielleicht eher mit ihr und ihren Motiven als gepeinigte Ehefrau sympathisieren können, als mit einem makabren Ausraster von Barbey? Könnte sein.
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Ich habe die Geschichte jetzt extra heute nochmal gelesen, leider nur in der deutschen Übersetzung. Ich würde schon sagen, dass Fleming mit der Hinleitung schreibt, Liz habe ihren Mann ermordet. Das ist gewissermaßen die offensichtliche Lösung. Aber den Schluss hält er ambivalent, sodass die Möglichkeit offen im Raum steht, es könnte auch jeder andere gewesen sein. Ja, richtig gelesen: Jeder. Barbey ist sicherlich ein Kandidat, aber nicht der Einzige: So furchtbar und respektlos, wie Milton Krest sich gegenüber eigentlich jedem in dieser Geschichte verhält, käme (außer Bond) absolut jeder für den Mord in Frage. Bonds Verhalten Liz gegenüber macht aber deutlich, dass er sie verdächtigt – und James Bond kann sich eigentlich nicht irren oder?

Aber der Clou der Geschichte ist ja gar nicht, dass der Mörder nicht gefasst (oder überhaupt identifiziert) wird, sondern das Bond sich auch nicht groß anstrengt, den Mörder zu überführen, weil Krest den Tod verdient hat – zumindest in Flemings Fantasiewelt.
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Casino Hille hat geschrieben: 1. Dezember 2020 21:16 Ja, richtig gelesen: Jeder. Barbey ist sicherlich ein Kandidat, aber nicht der Einzige: So furchtbar und respektlos, wie Milton Krest sich gegenüber eigentlich jedem in dieser Geschichte verhält, käme (außer Bond) absolut jeder für den Mord in Frage. Bonds Verhalten Liz gegenüber macht aber deutlich, dass er sie verdächtigt – und James Bond kann sich eigentlich nicht irren oder?
"Jeder" schliesst aber nicht gerade viele ein, ausser Liz und Barbey (und Bond) sind ja nur noch die drei deutschen Seeleute an Bord, und die scheinen erstens eher Handlanger von Krest zu sein und sind zweitens als Charaktere praktisch null definiert. Kann sein dass Bond in den letzten Zügen der Geschichte eher Liz verdächtigt (als er sich überlegt, ob er mit ihr nach Mombasa reisen will) aber generell kann er sich ja eben nicht zwischen Liz und Barbey entscheiden - erstere hat eben das stärkere Motiv, aber die makabre Grausamkeit und auch die gewisse Symbolhaftigkeit der Tötungsart wäre eher Barbey zuzutrauen.
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GoldenProjectile hat geschrieben: 1. Dezember 2020 22:38 die gewisse Symbolhaftigkeit der Tötungsart wäre eher Barbey zuzutrauen
Wieso das? Passt gerade die Tötungsart nicht viel besser zum Motiv von Liz?
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Casino Hille hat geschrieben: 2. Dezember 2020 10:53 Wieso das? Passt gerade die Tötungsart nicht viel besser zum Motiv von Liz?
Krest erstickt an der Hildebrand-Rarität in seinem Hals. Das würde gut zu einem Ehemord passen, wenn die Ehe daran gescheitert wäre, dass Krest nur dem Fisch nachgejagt wäre und seine Frau dabei komplett ignoriert hätte. Im Sinne von "erstick an dem blöden Fisch, den du lieber magst als mich". Ist aber nicht der Fall, die Ehe scheitert an Krests genereller Grausamkeit und Rüpelhaftigkeit, der Fisch ist ihm eigentlich gar nicht besonders wichtig und dient nur der Finanzierung seiner Stiftung, er sammelt solche Artefakte ja zuhauf und wie er grossspurig erklärt, oft sehr schnell durch Bestechung. Eine symbolhafte Tötungsart die zu Liz passen würde hätte eher etwas mit dem "Korrektor", Krests Rochenschwanzpeitsche zu tun, mit der er sie regelmässig misshandelt.

Von daher wäre diese Symbolhaftigkeit des im Hals steckenden Fisches durchaus passender für Barbey, der ja immerhin nur des Fischfangs wegen an Bord ist (Bond auch, aber der ist nicht der Mörder). Im Sinne von: "Ich lass mich seit Tagen von dir beleidigen und herumkommandieren, wegen diesem blöden Fisch, den du unbedingt haben willst". Dass Liz bei Krest ist und entsprechend unter ihm zu leiden hat, hat nichts mit dem Fisch zu tun. Dass Barbey unter Krest zu leiden hat aber schon.

Auch die äusserst grausamen und makabren Todesumstände würde ich eher dem gutmütigen, aber dennoch undurchschaubaren und mir nicht besonders gut bekannten Barbey zutrauen (was weiss ich über den, ausser dass er ein Millionärssohn und Quasi-Regent auf den Seychellen ist? Und wie ticken denn Millionärssöhne und Quasi-Regenten auf den Seychellen) als der grauen Maus Liz. Nach Jahren der Misshandlung will sie sich an ihm rächen, und macht das dann gleich indem sie ihn an einem seltenen Fisch ersticken lässt? Klar, aufgestauter Zorn und so, aber ich traue das in dieser makabren und brutalen Art eher dem mysteriösen Einheimischen zu.


Fleming sieht das offenbar im Kern ähnlich, bei einem Detail aber etwas anders und beschreibt Bonds Verdacht wie folgt:

He went back and stood over the corpse. Which of the two had done this? These was a touch of fiendish spite in using the treasured prize as a weapon. That suggested the woman. She certainly had her reasons. (Na-ja, wie gesagt, mir hat der Fisch irgendwie zu wenig mit Liz und ihrem Leiden unter Krest zu tun, als dass die Tötungsart besonders symbolisch für sie wäre) But Fidele Barbey, with his creole blood, would have had the cruelty and at the same time the macabre humour. 'Je lui ai foutu son sacré poisson dans la gueule.' Bond could hear him say the words. If, after Bond had left the saloon, Mr Krest had needled the Seychellois just a little bit further--particularly about his family or his beloved islands--Fidele Barbey would not have hit him then and there, or used a knife, he would have waited and plotted.


Später sagt Barbey:

'You remember what I said about him from the beginning, James? A grand slam redoubled in bastards. Now do you agree with me? One of these days someone's going to shut that soft ugly mouth of his for ever.' (Das bevor offiziell bemerkt wird, dass Krest über Bord sein muss)


Und noch der hier:

But the tail of that fish sticking out of the mouth! Had she done it? Or had Fidele, who would know that his uncles and cousins on Mahe would somehow see that he came to no harm? If only one of them would make a slip.


Ich will damit nur sagen, dass Aussagen wie "auch wenn es nicht aufgelöst wird, alles deutet auf Liz als Mörderin hin und Fleming nährt diesen Verdacht gezielt" (natürlich stark vereinfachte und verallgemeinerte Aussage) so auf die Geschichte nicht wirklich zutreffen. Der Clou ist, dass der Mord nicht aufgelöst wird und dass die Indizien "objektiv" gesehen ungefähr 50:50 zwischen den beiden potentiellen Tätern aufgeteilt sind.
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GoldenProjectile hat geschrieben: 2. Dezember 2020 17:07
Casino Hille hat geschrieben: 2. Dezember 2020 10:53 Wieso das? Passt gerade die Tötungsart nicht viel besser zum Motiv von Liz?
Krest erstickt an der Hildebrand-Rarität in seinem Hals. Das würde gut zu einem Ehemord passen, wenn die Ehe daran gescheitert wäre, dass Krest nur dem Fisch nachgejagt wäre und seine Frau dabei komplett ignoriert hätte. Im Sinne von "erstick an dem blöden Fisch, den du lieber magst als mich". Ist aber nicht der Fall, die Ehe scheitert an Krests genereller Grausamkeit und Rüpelhaftigkeit, der Fisch ist ihm eigentlich gar nicht besonders wichtig und dient nur der Finanzierung seiner Stiftung, er sammelt solche Artefakte ja zuhauf und wie er grossspurig erklärt, oft sehr schnell durch Bestechung. Eine symbolhafte Tötungsart die zu Liz passen würde hätte eher etwas mit dem "Korrektor", Krests Rochenschwanzpeitsche zu tun, mit der er sie regelmässig misshandelt.
Oh Gott, so genau hab' ich da tatsächlich gar nicht drüber nachgedacht. Ich finde aber schon, dass man das viel einfacher sehen kann: Krest foltert Liz mit einem Fisch, und Liz bringt ihn mit einem Fisch um. Du hast natürlich völlig recht, wenn man das genauer aufdröselt, ist es schwierig (und letztlich unerschöpflich, denn Fleming löst es schlicht nicht auf!). Aber oberflächlich würde ich schon sagen, dass die Tötungsart sehr gut zu den Umständen von Liz passt.
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Casino Hille hat geschrieben: 2. Dezember 2020 20:07 Oh Gott, so genau hab' ich da tatsächlich gar nicht drüber nachgedacht. Ich finde aber schon, dass man das viel einfacher sehen kann
Immerhin ist hier endlich mal Leben in der Bude (bzw. dem Romanbesprechungs-Forum). :wink: Und mal eine Kurzgeschichte von Fleming so zu studieren wie man es sonst nur mit solchen von, was-weiss-ich, Robert L. Stevenson und Edgar Allan Poe tut ist ja auch mal spassig.

Wir sind uns jedoch einig, dass die fehlende Auflösung das zentrale Element ist. Ich finde das auch spannend: Bond handelt fast immer aus Loyalität zu M, Liebe zum Königreich und dem Bewusstsein im Kalten Krieg die "Bösen" aufhalten zu müssen, reiner Gerechtigkeitssinn als Antrieb für ein Abenteuer ist bei ihm weniger ausgeprägt als bei anderen Romanhelden wie z.B. Jack Reacher, aber durchaus vorhanden, als Beispiel präsent in TSWLM. Das macht es umso witziger - in der Geschichte aber eben auch treffend - dass er sich in der Hildebrand-Rarität eben nicht einmischt, und von sich aus die Leiche beseitigt um dann seelenruhig zu schlafen. Diese fehlende Auflösung funktioniert aber nur wenn eben Liz nicht die Hauptverdächtige ist, und darum mein Lobbying für Barbey als ebenso wahrscheinlichen Täter.
Casino Hille hat geschrieben: 30. November 2020 18:43 Vielleicht wäre so eine Serie von Bond-Kurzfilmen doch keine schlechte Idee. Nur allzu sehr an Fleming kann man sich dabei nicht orientieren, da MGW und Maibaum das alles in den 1980ern zu Genüge ausgebeutet haben.
Ja, ich könnte mir diese Kurzfilme wie - meine ich mich zu entsinnen - u.a. danielcc seit Jahren drüber spricht mittlerweile auch sehr gut vorstellen. Liegt vielleicht auch dran, dass ich aktuell, nicht zuletzt durch Fleming, generell eine gewisse Faszination für dieses Kurzgeschichtenformat entwickle. Da könnte man auch etwas experimentieren, wie es eben gerade auch Fleming getan hat mit Geschichten wie meinen beiden Podestplätzen Octopussy und Quantum of Solace. Eigentlich haben aber Maibaum und Wilson "nur" FYEO, R, TLD und POAL ausgeschlachtet, FAVTAK, QoS, THR, OP und 007INY sind doch noch einigermassen unangetastet (wobei letztere natürlich unverfilmbar ist, ausser man macht eine Kochsendung draus).

Witzigerweise hat Fleming ja vier der Kurzgeschichten aus Entwürfen für eine geplante James-Bond-Anthology-Serie mit solchen Kurzfilmen heraus entwickelt. QoS war eine Verbeugung vor dem Autoren W Somerset Maugham, POAL eine Art Werbegag für Sotherby's.
Revoked hat geschrieben: 29. November 2020 21:11 Na, ich bin mir nicht so sicher, hatte ich hier auch mal geschrieben: außer dem Spruch, dass das Gelaber schlimmer ist als die Qual selbst (und ganz eventuell noch die Verknüpfung von „wo der Mann ist“ und Schmerz) gibt es doch eine ganze Reihe Unterschiede zwischen den Folterszenen in CS und SP (zB einen überzeugenden Villain).
Siehst du üblicherweise nicht eher schnell Parallelen zwischen Roman und Film oder verwechsle ich das gerade? Weil dann würde mich erstaunen, dass du gerade hier die Unterschiede betonst, die natürlich vorhanden sind, aber das sind auch die Parallelen. Und wie ich gehört habe soll der Abspann zu SP eine Danksagung an Kingsley Amis beinhalten.
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GoldenProjectile hat geschrieben: 2. Dezember 2020 22:06 1. Siehst du üblicherweise nicht eher schnell Parallelen zwischen Roman und Film oder verwechsle ich das gerade? Weil dann würde mich erstaunen, dass du gerade hier die Unterschiede betonst, die natürlich vorhanden sind, aber das sind auch die Parallelen.
2. Und wie ich gehört habe soll der Abspann zu SP eine Danksagung an Kingsley Amis beinhalten.
1. Ich schwanke bekanntlich immer. Gerade ärgert mich, dass das miese Script von SP* auf den tollen CS Roman verweisen möchte.
2. wusste ich noch gar nicht - ärgert mich aber umso mehr.

*Nicht missverstehen, ich mag SP immer noch sehr, aber eben nicht mit dem Kopf 😀
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