2095
von AnatolGogol
Agent
The Abyss (Kinofassung) – James Cameron
Es gibt nur wenige Filme, dich mich nach über 20 Jahren noch genau so begeistern und packen wie bei der Erstsichtung – und Camerons Unterwasserspektakel gehört definitiv dazu. Cameron gelang mit dieser Mischung aus lupenreinem Actionkracher und philosophisch angehauchter ScFi-Mär wahrlich sein Meisterstück. Was mich an dem Film am meisten begeistert ist sein ungewöhnlicher, völlig eigenständiger Ansatz – sowohl was Story, Figuren als auch die generelle filmische Umsetzung anbelangt. Abyss verweigert sich in vielen Dingen den klassischen Genreregeln – um sie bei anderen Dingen wieder auf geniale Weise zu erfüllen. Ed Harris als Hauptdarsteller in einem Big-Budget-Actioner ist sicherlich nicht gerade die alltäglichste Wahl, ist aber ein Paradebeispiel für den eher ungewöhnlichen Ansatz des Films. Der Charaktermime ist die bestimmende Person des Films und überzeugt gleichermaßen durch fabelhaftes Spiel wie durch großartigen physischen Einsatz. Darüber hinaus war es ein kluger Zug von Cameron die Hauptrolle einem eher den Typus des „Normal Guy“ verkörpernden Schauspieler zu geben, da dies viel zur packend realistischen Atmosphäre des Films beiträgt (und das trotz des recht abgehobenen SciFi-Themas). Mit einem „Action-Standard“ wie Schwarzenegger hätte der Film jedenfalls eine komplett andere Richtung genommen. Die Hauptrollen sind eh außergewöhnlich gut besetzt, Mastrantonio steht Harris kaum nach. Die Chemie zwischen den beiden stimmt einfach, ihre emotionalen Szenen suchen schauspielerisch im Actiongenre so ziemlich ihresgleichen (Lindsays Sterbeszene!). Und Biehn liefert mit seiner zusehends dem Irrsinn entgegengleitenden Vorstellung die wohl beste Darstellung seiner Karriere ab. Die Action ist unglaublich effektiv inszeniert, da gibt es keine Hänger oder Längen – jede einzelne Szene ist ein kleines Genre-Meisterwerk. Vor allem gelang es Cameron in The Abyss letztmalig, seinem Film auch echte Spannung zu verleihen. Das war bereits in The Terminator und Aliens der Fall, aber The Abyss bietet hier noch einmal eine deutliche Steigerung. Der Tauchgang zum Moonpool, der Kampf zwischen den beiden U-Booten, der finale Abstieg in den Abgrund und vor allen Dingen natürlich Lindsays Tod und ihre Wiederbelebung sind nervenzerfetzendst inszeniert. Gerade letztere Szene ist in ihrer quälenden Länge schon richtig schmerzhaft – ein fast schon physisches Filmerlebnis. Die Effekte hatten den Oscar seinerzeit wahrlich verdient und sind trotz ihrer damaligen Innovativität sparsam genug eingesetzt, so dass sie auch heute noch zu überzeugen wissen. Alan Silvestris Score letztlich ist Herz und Seele des Films – ein absolutes Meisterwerk! Fazit: ein grandioses filmisches Erlebnis, ein einzigartiger Film – der mich jedoch gleichzeitig auch wehmütig stimmt angesichts des im Anschluss folgenden recht mediokren Outputs von Cameron.
Wertung: 10 / 10
Nachtrag: Meine Ausführungen beziehen sich auf die zweieinviertelstündige Kinoversion und – ich betone – NICHT auf den knapp dreistündigen Directors Cut. Als dieser Mitte der 90er raus kam freute ich mich wie Bolle – wer will nicht noch mehr sehen von einem seiner Lieblingsfilme. Doch die Ernüchterung war dann gleichermaßen groß: hatten die zusätzlichen Szenen in der ersten Filmhälfte durchaus noch Sinn gemacht und gerade der Beziehung zwischen Bud und Lindsay weitere Tiefe gegeben, so machte mir die komplett neu gestaltete zweite Filmhälfte fast den ganzen Film kaputt. Diese dummnaive Öko-Gutmenschen-Holzhammermoral mit ihrem klebrig süsslichen Ende nahm schon viel vorweg, was Cameron dann in Avatar weiter breitwalzen sollte. Auch die Erklärung für die Anwesenheit der Außerirdischen war erstens mit ihrer „Erhobener Zeigefinger“-Moral völlig an den Haaren herbeigezogen und machte auch atmosphärisch viel kaputt, da es ja gerade das Besondere an der ursprünglichen Fassung war, dass die Aliens eine geheimnisvolle Aura hatten und ihre Intentionen weitgehend im Dunkeln gelassen wurden. Durch das aufgefüllte und verlängerte Schlussdrittel verliert der Film zudem sein ganzes Tempo und wirkt dadurch weit weniger einheitlich als im Kinocut. Im Directors Cut würde ich dem Film höchstens eine 7,5 geben. Eine der seltenen Ausnahmen, in denen das Veto eines Studios gegenüber seinem Regisseur für den deutlich besseren Cut gesorgt hat.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"