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von Casino Hille
'Q Branch' - MODERATOR
The Revenant - Der Rückkehrer
Mit "Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)", der 2014 Kritiker und Publikum gleichermaßen zu Jubelchören werden ließ, begeisterten Regisseur Alejandro G. Iñárritu und Kameramann Emmanuel Lubezki mit der wohl experimentellsten und gleichermaßen bissigsten Mediensatire überhaupt. Ihr gemeinsames Nachfolgewerk "The Revenant" hätte derweil kaum unterschiedlicher ausfallen können: Den engen hypnotischen Gängen hinter der Bühne eines New Yorker Theaterhauses steht nun die Schönheit einer gewaltigen Winterlandschaft gegenüber. Und direkt hier offenbart sich die allergrößte Stärke des Revenanten. Erneut ist die Kameraführung Lubezkis ein absoluter Traum und die Panorama-Aufnahmen zeigen die Authenzität und vor allem die Dimensionen der Natur so ausführlich, ehrfurchtsvoll und wirksam, dass man sich im Saal direkt zurücklehnen und immerhin stolze 151 Minuten lang einfach nur die Schönheit der Locations genießen könnte... wäre da nicht das Grauen, dass sich in jener malerischen Kulisse für den Protagonisten abspielt.
Doch die Geschichte des Hugh Glass, die in Teilen auf wahren Begebenheiten beruht, dient Iñárritu nur als Aufhänger für eine Geschichte, die besonders durch die meisterhaften Aufnahmen Lubezkis profitiert. Selten war ein Film so voller Postermotive, selten drückte ein Film durch seine Bilder selbst so viel Handlung und Substanz aus. Die Besiedelung Amerikas scheint fortwährend als thematischer Rahmen über dem Geschehen zu liegen, doch darüber hinaus beeindruckt der geballte Pessimismus, den "The Revenant" ausstrahlt. Kaum eine Szene vergeht, in der kein Tier oder Mensch das Zeitliche segnen würde, die Grausam- und Endgültigkeit des Todes steht fast immer im direkten Kontrast zur Unvergänglich- und Anmutigkeit der Natur. So verwundert es kaum, dass "The Revenant" sich immer wieder Zeit nimmt, die äußeren Einflüsse, die Glass auf seinem Survival-Trip hemmen und behindern, mit aller Ruhe und Sicherheit einzufangen. Selbst, wenn es schneller gehen muss, wenn beispielsweise ein Indianerangriff das Geschehen beschleunigt, behält Lubezkis Kamera die volle Kontrolle. Wie bei "Birdman" arbeitet die Regie mit vielen Weitwinkeleinstellungen und langen Kamerafahrten und inszeniert selbst die großen Gefechte mit einer kühlen Distanz, die jede Emotionalität im Keim erstickt und das grausame Sterben von Siedlern und Ureinwohnern zum nüchternen Wirken von Mutter Natur werden lässt.
Dabei konzentriert der Film sich vollends auf Leonardo DiCaprio als Glass, der Ästhetik und Schrecken von Natur und Mensch in ihrer reinsten Form direkt erlebt und so schnauft, spuckt, blutet, schreit, robbt und ächzt sich DiCaprio durch eine Hölle von Landschaft, und gibt eine hervorragende Darstellung ab, die trotz mangelnder Dialogmöglichkeiten seinerseits aus handwerklicher Sicht absolut beeindruckend ist. Ebenfalls überzeugt Tom Hardy als antagonistische rassistische Partei mit einer tiefschwarzen Zurschaustellung allen menschlichen Übels. Doch auch diese beiden Figuren bleiben einem fremd, und wahre Sympathie oder Antipathie kommen selten auf, die nur relative persönliche Involvierung, die Iñárritu seinem Publikum gestattet, lässt die beiden zentralen Hauptpersonen zu Spielbällen, bloßen Akteuren, in einem überspannend uneindeutigem Spiel werden, aus dem nur DiCaprios Glass in wenigen Momenten ausbricht. Das erste Mal gelingt ihm dies im inszenatorischem und erzählerischem Höhepunkt der Erzählung, dem jetzt schon legendärem Angriff eines Bären. Hier siegt das Verlangen nach Rache und Vergeltung sowie der Wunsch zu Überleben über die Macht der Natur und das Drama von "The Revenant" entwickelt über die Personen hinaus eine Stellungnahme zum Wirken des Menschen als Naturwesen. Leider überspannt Iñárritu den Bogen später aber zu sehr, lässt Glass immer absurdere Gefahrensituationen beinahe ohne große physiologische Verletzungen überstehen, was Aussage und Authenzität des Geschehens negativ beeinträchtigen.
Überhaupt will Iñárritu hier leider desöfteren zu viel, dehnt den doch sehr dünnen und abwechslungsarmen Rachethriller-Plot teilweise endlos aus und findet erst in den letzten 15 Minuten wieder die nötige Stringenz, um eine Art Höhepunkt zu zelebrieren. Dabei scheinen gerade jene Szenen überflüssig, die das emotionale Treiben des Protagonisten in surrealistischen Traumsequenzen verdeutlichen wollen, damit am Ende aber nur an einer sehr dünnen Oberfläche kratzen. Die oft gewählte Metaphorik des unter stürmischen Einflüssen wankenden Baumes gerät dabei zu arg penetrant und wenn in einer Sequenz DiCaprio unter pathetischer Musikuntermalung einen Baum umarmt, können die dramatischen Bilder die unfreiwillige Komik nur bedingt verschleieren. So muss man allgemein festhalten, dass "The Revenant" insgesamt eine halbe Stunde zu lange, zu ausführlich, zu wiederholend aufgezogen wurde und das die ganz großen Ambitionen, die Iñárritu und Lubezki an ihre eigene Western-Odyssee hatten, am Ende mehr versprechen, als sie eigentlich einhalten können und das die beabsichtigten Längen im Mittelteil, die den Zuschauer näher an den Glass-Charakter heranführen sollen, ihn in Wahrheit ein gutes Stück zu weit von der Grundatmosphäre und Tiefenspannung des Abenteuers entfernen.
Fazit: "The Revenant" ist eine fast schon lähmende träumerische Reise durch impressionistisch verbildlichte Gefilde, die komatös Zeugnis von den zivilisatorischen Auflehnungen der menschlichen Natur gegen die einstigen Weiten der angedeuteten schöpferischen Errichtungen der weltlichen Ortschaften ablegt und in letzter Konsequenz abschließend genauso wenig eine tatsächliche Aussage oder Positionierung innehat, wie auch der Beginn ohne jede Exposition direkt das Geschehen präsentierte. Mit DiCaprio und Hardy exzellent besetzt, scheitert Iñárritus Film jedoch immer wieder an der eindimensionalen Handlung, die zwar durchaus passend erscheint, um nur vordergründig Oberflächenspannung zu halten, für dieses Vorhaben dann aber zu lange und in weiten Passagen zu zentral die Aufmerksamkeit fordert. So ist die bewusst gewählte Nürchternheit des Filmes gleichzeitig seine größte Stärke wie auch gewaltigste Schwäche, was den letztendlichen Unterhaltungswert des Revenanten zu einem proportional zum Zustand von Natur und Protagonisten mitgleitendem Wert macht. Eine Spiegelung, die für den Zuschauer ihren Tribut fordert, aber aus künstlerischer Sicht sicher nicht uninteressant ist.
7/10
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Let the sheep out, kid.