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iHaveCNit: Hijacking (2012) dänischer Originaltitel: Kapringen

Durch meine sehr guten Erfahrungen mit Tobias Lindholm, dessen Regiearbeit und Drehbücher mir bereits positiv in Erinnerung geblieben sind, vor allem mit „Die Jagd“ ; „A War“ ; „Die Kommune“ und „9.April“, habe ich auch „Hijacking“ sehen wollen, der nach seinem Trailer für mich so etwas wie den dänischen „Captain Philipps“ darstellt. Wobei „Captain Philipps“ mit mindestens einem Jahr Abstand später den Weg in die Lichtspielhäuser gefunden hat. CP ist für mich ein unglaublich spannendes Meisterwerk und ein moderner Piratenfilm mit zuspitzendem Kammerspiel geworden, welches ich vom Start weg mit einer 10/10 bewerten würde. Daher hatte ich an „Kapringen“ entsprechende Erwartungen, die der Film nur bedingt erfüllen konnte, auch wenn er im Erscheinungsjahr der große Sieger bei den Preisverleihungen Bodil und Robert gewesen ist.

In „Hijacking“ wird die Crew des Frachtschiffs MV Rozen von somalischen Piraten geentert, während in der dänischen Heimat der Chef der Reederei selbst die Verhandlungen mit den Piraten führen will, um seine Leute da raus zu holen. Gespielt werden die wichtigsten Figuren unter anderem von den bekannten Darstellern Sören Malling, Pilou Asbeak, Dar Salim und Roland Möller. Allen voran Sören Malling als Chef der Reederei und Pilou Asbeak als Schiffskoch überzeugen wirklich großartig in ihren Rollen. Während sich die Handlung von „Captain Philipps“ auf wenige Tage begrenzt, laufen hier die zähen Verhandlungen mindestens über mehrere Wochen bzw. Monate und die Handlung wechselt von dem täglichen Überlebenskampf und Auf und Ab der Crew auf dem Schiff und den zähen Verhandlungen in Dänemark, die dem Chef der Reederei einiges abverlangt. Gerade eine leichte Wackelkamera und die dreckige bzw. sterile Optik unterstützen den sehr realistischen Look des Films und sorgen für einen guten Eindruck – genau wie der fast vollkommene Verzicht auf Hintergrundmusik. Das einzige, was mich an dem Film stört ist, dass er durchaus hätte spannender sein können, da sich die Verhandlungen mit der Zeit wiederholen und für etwas Redundanz sorgen. Aber sonst ist der Film gut und definitiv was für jeden, der sich mit dem dänischen Film beschäftigen möchte.

„Hijacking“ - My First-Look – 8/10 Punkte.
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iHaveCNit: Silent Heart (2016) dänischer Originaltitel: Stille Hjerte

Im dänischen Film „Silent Heart“ aus dem Jahr 2014, der erst in diesem Jahr in unsere Kinos gekommen ist, geht es um die an ALS erkrankte Esther, die mit ihrem Ehemann Poul die beiden Töchter und die engsten Bekannten zu einem letzten Wochenende einlädt, um sich von ihnen vor der geplanten Sterbehilfe zu verabschieden. Doch die zerstrittenen Bande innerhalb der Familie und die damit verbundenen Konflikte stören diesen Plan.

Mit dem Thema der Sterbehilfe und der schweren Erkrankung wird in diesem Film sehr respektvoll und ohne jegliche Effekthascherei umgegangen. Die Inszenierung bleibt entsprechend ruhig und unaufgeregt. Der Film kann sich aber am meisten mit dem großartig aufspielenden Schauspielerensemble sehen lassen. Neben Ghita Nörby sehen wir auch Schauspieler wie Paprika Steen, Danica Curcic und Pilou Asbaek, der mit seinen Darstellungen aus seinen diesjährigen Filmen bereits zu einem meiner Favoriten aus diesem Jahr zählt. Aber auch Danica Curcic ist großartig. Ich kann nach der Erstsichtung des Films definitiv verstehen, warum der Film bei den großen dänischen Preisverleihungen Robert und Bodil entsprechend bei Nominierungen und auch Auszeichnungen berücksichtigt wurde.

Klassisches, dänisches Familiendrama der Marke „Harter Tobak“ mit tollem Cast, dessen emotionale Tragweite mich nicht so mitgenommen hat.

„Silent Heart“ - My First Look – 8/10 Punkte.
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Lieblingsfilmreview von HCN007 Nummer 5

In meiner Lieblingsfilmreview-Reihe habe ich bereits Filme wie „Edge of Tomorrow“ ; „Collateral“ ; „Don Jon“ und „The Last Samurai“ vorgestellt. Das Jahr 2013 war voll von großartigen Filmen, doch bei all den großen Hollywood-Produktionen sticht für mich aus 2013 ein kleiner, aber feiner dänischer Film hervor, der mir seit der Erstsichtung vor cirka 3 Jahren immer noch im Gedächtnis bleibt und für mich der beste Film des Jahres 2013 ist. Die Rede ist von ….

„Die Jagd“ (2013) – dänischer Originaltitel: Jagten

Regie: Thomas Vinterberg
Drehbuch: Thomas Vinterberg und Tobias Lindholm
Cast: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Annika Wedderkopp, und viele mehr.
Laufzeit: 111 Minuten (DVD-Fassung)

Worum geht es in „Die Jagd“ ?

Lucas ist 40 Jahre alt, muss seine Scheidung und den Verlust seines Jobs als Lehrer verarbeiten, weil die Schule geschlossen wurde und nun als Kindergärtner in seinem Heimatsdorf arbeiten.
Die Kinder lieben ihn für seine herzliche, menschliche und kindernahe Art. Die kleine Klara, die auch die Tochter seines besten Freundes ist, liebt ihn so sehr, dass sie ihm ein Geschenk macht, dass er jedoch ablehnt. Als sie gekränkt daraufhin ihn bezichtigt, ihr sein Geschlechtsteil gezeigt zu haben, nimmt die Hetzjagd der Gemeinde ihren Lauf und die Frage besteht – Ein Kind sagt doch immer die Wahrheit ? Und was ist wenn es sich um eine Notlüge handelt, die das Leben eines unschuldigen Mannes zerstört ?

Warum liebe ich „Die Jagd“ ?

Mads Mikkelsen ist bedingt durch die Tatsache, dass ich ihn seit meinem Lieblingsbondfilm „Casino Royale“ sehr stark im Gedächtnis geblieben und er hat mir auch unter anderem den kompletten filmischen Bereich des dänischen Kinos nahezu im Alleingang eröffnet und meine Faszination dazu ausgelöst. Mads Mikkelsen ist einer meiner Lieblingsschauspieler und wird es für Ewigkeiten auch so bleiben. Doch so verletzlich wie er hier dargestellt wird – als Kindergärtner mit Brille – und so gut wie er das verkörpert und in seiner Rolle aufgeht und das ganze Märtyrium durchmachen muss, ist wirklich meisterlich. Dafür wurde er zurecht im Jahre 2013 mit den großen dänischen Filmpreisen Robert, Bodil, Svend sowie auch dem Darstellerpreis der Filmfestspiele in Cannes 2012 ausgezeichnet.

Darüber hinaus war der Film und seine Beteiligten der große Gewinner bei vielen Preisverleihungen . Nicht nur in Dänemark, sondern auch weltweit. Für den Oscar 2013 in der Kategorie „bester fremdsprachiger Film“ war er im Feld der Nominierten und musste sich „La Grande Bellezza“ geschlagen geben. Auch wenn er in meinen Augen den Goldjungen verdient hätte. Im März 2013 – als der Film in die deutschen … und auch diversen anderen europäischen Kinos gekommen ist …. hatte ich einen Urlaub in Amsterdam und habe die Werbung zum Film außerhalb des Filmtheater De Uitkijk in Amsterdam hängen gesehen – Fast hätte ich mir diesen Film in meinem Amsterdam-Urlaub angesehen – Zwar nichts verstanden – aber das Ambiente eines Amsterdamer Kinos wahrgenommen.

Das Thema von „Jagten“ ist extrem mutig und psychologisch sowie gesellschaftlich hoch anspruchsvoll und wichtig. Kindesmissbrauch ist schon als Thema hoch komplex – doch wie sieht das aus, wenn der vermeintliche Täter definitiv unschuldig ist und Opfer eines gekränkten Kinderherzes geworden ist. Die Art, wie das Thema die Öffentlichkeit und die besten Freunde von Lucas immer mehr einnimmt und eine öffentliche Hetzjagd auf ihn vorgenommen wird, in der die soziale Ausgrenzung noch das geringste Übel für Lucas sein wird. Der Film geht in seiner minimalen und reduzierten Inszenierung extrem an die Nieren. Selbst als die kleine Klara ihrer Mutter von der Notlüge erzählt, wird das einfach als Verdrängung wahrgenommen.

Dadurch, dass ich mich dieses Jahr so extrem wie nie zuvor mit dem dänischen Film auseinandersetze ist mir klar, warum mir die Geschichten von Tobias Lindholm und Thomas Vinterberg so sehr gefallen und die angesprochenen Themen ihrer Dramen mich interessieren. Auslöser ist „Die Jagd“, der sich seit der Erstsichtung so unglaublich stark wie ein Parasit in meinem Hirn als „Mein Film des Jahres 2013“ hält wie der Gedanke in der dörflichen Gemeinschaft, dass Lucas sich tatsächlich an der kleinen Klara vergriffen hat.

Egal welches dänisches Drama den Weg in meine Sammlung findet – Der Weg, an „Die Jagd“ vorbeizukommen ist extrem hart und fast unmöglich.

„Die Jagd“ bekommt von mir 10/10 Punkte.
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Re: Das dänische bzw. skandinavische Kino

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iHaveCNit: Small Town Killers (2017)

Wer mich kennt, weiß, dass dänische Filme so eine kleine Nische sind, die mir in den letzten Jahren immer mehr gefallen haben und sich auch in mein Herz gespielt haben. Da ist es egal, ob es sich um historische Filme, Thriller, Dramen oder auch schwarze Komödien handelt. So ganz unter dem Radar hat sich „Small Town Killers“ des „Nightwatch“-Regisseurs Ole Bornedal nun in die Lichtspielhäuser geschlichen. Da mein Radar den Film aber eingefangen hat, habe ich mir den Film nun im Kino angesehen. Und es ist ein ganz amüsanter Filmabend geworden.

Ib und Edward sind Handwerker und schon länger mit Gritt und Ingrid verheiratet. Die Ehe der beiden sowie im Bett läuft es schon lange auf Sparflamme und es ist den beiden ein Dorn im Auge, dass die Damen scheinbar nur noch Augen für den schwulen Salsalehrer zu haben scheinen. Da eine Scheidung zuviel Geld kostet, kommt den Beiden betrunkenerweise die Idee, einen russischen Auftragskiller anzuheuern, um die Ehefrauen umzubringen. Als diese davon zufälligerweise Wind bekommen, besorgen diese sich dann umgehend auch noch eine britische Auftragskillerin. Doch als sie merken, dass sie zuweit gegangen sind, ist es bereits zu spät.

Eine solche Komödie hätte auch von Anders Thomas Jensen kommen können, aber diesmal ist es Ole Bornedal, der uns hier in kompakten und runden 85 Minuten eine sehr skurrile Geschichte erzählt. Wie es sich für dänische Komödien gehört, ist schon von der Location und des Milieus dänischer Provinzcharme garantiert. Für den politisch inkorrekten und sehr schwarzen Humor muss man gemacht sein – wenn z.B. Sexismus, russische Auftragskiller, trottelige Dorfpolizisten, arabische Taxifahrer, Scheidungsanwälte, Paartherapeuten und britische Gründlichkeit ihr Fett wegbekommen und uns diverse witzige und skurille Situationen geliefert werden. Teils geht die Darstellung schon etwas derbe ins trashige, passt aber zum Rest der Situation. Darstellerisch ist natürlich auch das damit verbundene Overacting des „ewig dümmlichen Dicken“ Nicolas Bro und Ulrich Thomsen sowie von Lene Maria Christansen, Mia Lhyne, Marcin Dorocinski, Sören Malling, Ole Thestrup und Gwen Taylor vollkommen passend. Auch wenn wir hier z.B nicht so erinnerungswürdige Szenen serviert bekommen, wie in Anders Thomas Jensens Komödien und bei all dem Witz dann doch alles was passieren kann, auch erwartbar passieren wird. Das mildert meinen Spaß mit diesem Film aber nicht großartig.

„Small Town Killers“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Das dänische bzw. skandinavische Kino

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iHaveCNit: Darkland (2017) dänischer Originaltitel „Underverden“

Trotz der Fülle an Filmen, die ich 2017 gesehen habe, gibt es doch noch wenige Filme, die ich aufgrund eines vollen Terminplans oder auch wie im hier vorliegenden Fall eines sehr begrenzten Kinoreleases nicht sehen konnte. „Darkland“ ist für mich damals am 12.10.2017 die erste Wahl im Kino gewesen und konnte diesen leider aufgrund einer geringen Veröffentlichungsreichweite des deutschen Verleihs nicht sehen. Umso gespannter war ich auf den Heimkinorelease des dänischen Rachethrillers, von dem auch einiges von Nicolas Winding Refn drin steckt, auch wenn Refn in keinster Weise daran beteiligt ist. Wer mich kennt, weiß, dass ich dänische Filme und auch Filme von Nicolas Winding Refn mag, weswegen „Darkland“ vom Regisseur Fenar Ahmad hier absolut meine Kragenweite gewesen ist.

Das Leben der in Kopenhagen lebenden Iraker Brüder Zaid und Yasin könnte nicht unterschiedlicher verlaufen sein. Während Yasin auf die schiefe Bahn geraten ist, ist Zaid ein erfolgreicher Chirurg mit toller Wohnung, toller Frau und kommenden Vaterglück geworden. Als Yasin eines Abends bei Zaid aufschlägt um ihn nach einem missglückten Banküberfall um Hilfe zu bitten, wird er von Zaid abgewiesen. Kurze Zeit später wird er schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert und er erliegt seinen Verletzungen. Zaid macht sich auf die Suche nach den Hintergründen für den Tod seines Bruders und begibt sich einen Strudel aus Rache, Gewalt und Gegengewalt, die auch sein komplettes Umfeld gefährdet.

„Darkland“ bzw. „Underverden“ ist ein dänischer Rachethriller der besten Sorte. Mit einem treibenden elektronischen Score, tollen Kamerafahrten und Einstellungen wird Fenar Ahmads Film audiovisuell richtig stark eingefangen. Und mit Dar Salim, den die meisten wohl aus der 1. Staffel Game of Thrones kennen werden, hat man eine richtig gute Besetzung gefunden. Der aus Irak stammende dänische Schauspieler, der hier einen aus dem Irak stammenden Dänen spielt, trägt den ganzen Film. Blut, Schweiß und Tränen sind die Folge dieses Rachefeldzugs, der dem klassischen Konstrukt folgt, aber auch teilweise moralische Fragen für Zaid aufwirft. Die präsentierte Action ist wohldosiert und konsequent blutig geworden. Hier wechseln sich Action und Drama immer wieder ab, bis zum starken Finale. Auch wenn die Wandlung vom Arzt zur rachegetriebenen Kampfmaschine in der Kürze der Zeit etwas unglaubwürdig und behauptet wirkt, ist „Darkland“ eine sehr gute dänische Produktion, die in Nebenrollen auch noch Stine Fischer Christensen und Roland Möller zu bieten hat. Schade, dass ich ihn nicht im Kino sehen konnte, denn im Kino hätte er noch eine stärkere Wirkung bei mir hinterlassen.

„Darkland“ - My First Look – 8/10 Punkte.
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Dänische Filme und Serien

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Hallo zusammen


Soweit ich das überblicke gibt es hier keinen Thread zu diesem Thema. Was ist der Anlass? In meinen Augen gehören dänische Filme und Serien mit zum besten was in Europa produziert wird. Das Spektrum an behandelten Themen ist sehr gross, die Qualität der schauspielerischen Leistungen sehr hoch. Es würde mich freuen, wenn wir hier die dänischen Produktionen zusammentragen könnten, die ihr bereits gesehen habt (mit einer kleinen Filmkritik) bzw. Tipps für die anderen. Gestern habe ich ein Thrillerdrama geschaut:

Darkland (2017)

In diesem Film von Ferad Ahmad geht es um den irakischstämmigen Chirurgen Zaid, der mit seiner schwangeren dänischen Frau ein gutes bürgerliches Leben führt. Zaid ist in der dänischen Gesellschaft gut integriert bzw. assimiliert, im Gegensatz zu seinen Eltern, zu denen er ein distanziertes Verhältnis hat. Als sein Bruder umkommt, der im kriminellen arabisch geprägten Milieu unterwegs, beschliesst Zaid sich auf der Suche nach Antworten in diese Unterwelt zu begeben. Doch je mehr er in diese Welt eintaucht, umso mehr entfernt er sich von sich selber. Zaid wird von Dar Salim dargestellt, der diese innere Zerrissenheit sehr gut ausdrücken kann. Allgemein wird die Stimmung in diesem Milieu gut getroffen und macht diesen Film zu einem sehenswerten Porträt der dunklen Seiten Kopenhagens.

8/10 Punkten

Re: Das dänische bzw. skandinavische Kino

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iHaveCNit: Der Rausch (2021) – Thomas Vinterberg – Weltkino
Deutscher Kinostart: 22.07.2021
gesehen am 23.07.2021
Arthouse Kinos Frankfurt – Cinema Lumiere – Reihe 9, Sitz 18 – 20:15 Uhr


Es war irgendwann im Jahre 2013, als ich die DVD von „Die Jagd“ von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen gesehen habe. Und „Die Jagd“ hat sich seitdem immer noch in meinem Gedächtnis eingebrannt. Umso gespannter war ich auf die nächste Zusammenarbeit von Vinterberg und Mikkelsen - „Druk“ in Dänemark , „Another Round“ im internationalen Raum bzw. „Der Rausch“ in Deutschland, für die Vinterberg selbst eine Oscarnominierung in der Kategorie „Bester Regisseur“ erhalten hat und der Film auch mit dem Oscar in der Kategorie „Bester Internationaler Film“ ausgezeichnet und damit der Nachfolger von Bong Joon-Hos „Parasite“ geworden ist. Sowohl „Die Jagd“ als auch „Parasite“ gehören für mich zu filmischen Highlights, in die sich „Der Rausch“ auch einreihen wird.

Martin ist Lehrer an einem Gymnasium. Er wirkt vom Leben ausgebrannt und gelangweilt, seine Ehe ist eingerostet und auch die Schüler sind von seinen Qualitäten als Lehrer nicht mehr überzeugt. Beim 40. Geburtstag seines guten Freundes und Kollegen Nicolaj sitzen die beiden weiteren Lehrerkollegen und Freund Peter und Tommy mit am runden Tisch und bei den Gesprächen wird der Fokus auf einmal auf die zwanzig Jahre alte und verschriene Theorie von Finn Skaderud gelegt, wonach der Mensch mit einem Blutalkoholgehalt von 0,5 Promille zu wenig auf die Welt gekommen ist. Das Quartett trifft gemeinsam die Entscheidung, diese Theorie auf ihre Tauglichkeit zu testen. Dass mit den durch Alkohol gelösten Problemen auch neue Probleme entstehen und die Situation irgendwann droht zu eskalieren, erklärt sich von selbst.

„Der Rausch“ ist ein zutiefst persönlicher Film für Regisseur Vinterberg, der diesen Film seiner bei einem Autounfall gestorbenen Tochter Ida widmet. Ida war Feuer und Flamme für das Projekt und sollte auch einen Part im Film übernehmen. Was so wie ich gelesen habe als eine filmische Ode an den Alkohol gedacht war, hat sich bei der Verarbeitung dieser persönlichen Tragödie als Ode an das Leben gewandelt – und welche Rolle der Genuss von Alkohol dabei spielt. Zumal auch die Jugend Dänemarks im internationalen Vergleich einen extrem hohen Alkoholkonsum pflegt. Dabei versteht sich der Rausch weder als Film, der Alkohol als Genuss- und Suchtmittel glorifiziert noch ihn hierbei verharmlost. Er spiegelt hier sowohl viele positive Facetten des Konsums, als auch viele negative Facetten auf eine sehr subtile, detailgetreue und komplexe Art und Weise wieder. Dabei kann sich auch Vinterberg voll und ganz auf sein darstellerisches Quartett verlassen. Magnus Millang, Lars Ranthe und Thomas Bo Larsen sind eine wundervoll passende Ergänzung für Mads Mikkelsen. Die Dynamik und die Chemie dieses Quartetts ist einfach großartig und es macht Freude sie bei diesem Experiment zu begleiten. Vor allem bei Mads Mikkelsen fällt mir immer wieder auf, was für ein großartiger Darsteller er ist, wenn er bodenständige, menschliche, zerbrechliche Charakter spielt und es ist ein wahrhaftiger Rausch ihn in allen Nuancen und Details zu erleben, die er hier als Martin an den Tag legt. Der Film bietet in seinem Verlauf für jeden der Charaktere eine interessante Entwicklung, die allesamt glaubwürdig ausgearbeitet worden sind. Im Laufe des Films bekommen wir viele Momente geliefert, die die gesamte Bandbreite von Humor bis Tragik abbilden und sowohl urkomisch als auch tieftragisch sind. Inszenatorisch bleibt der Film sehr bodenständig, aber gerade bei der Wirkung des Alkoholkonsums arbeitet die Kamera dabei mit Hektik, Unruhe, Unschärfe und fehlendem Fokus, so dass der Film hierbei auch zu einem immersiven Erlebnis wird. Gepaart mit einer grandiosen Musikauswahl mündet der Film in eine extrem virtuos inszenierte, berauschende und gelöste Schlusssequenz, die diese Ode an das Leben großartig abschließt – und damit eines meiner großen Filmhighlights des Jahres 2021 beendet, der für mich wieder einmal der Beweis ist, warum ich Mads Mikkelsen und das dänische Kino so sehr liebe.

„Der Rausch“ - My First Look – 10/10 Punkte.
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Re: Das dänische bzw. skandinavische Kino

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iHaveCNit: Riders Of Justice – Helden der Wahrscheinlichkeit (2021) – Anders Thomas Jensen – Neue Visionen Filmverleih
Deutscher Kinostart: 23.09.2021
gesehen am 20.08.2021 in Dänisch mit deutschen Untertiteln
Freiluftkino Frankfurt – Alte Polizeiwache – 21:30 Uhr – Freie Platzwahl


Der Gang ins Kino ist immer wieder eine neue Erfahrung und so gibt es Erfahrungen, die sich bei dem ein oder anderen auf einer „Bucket List“ wiederfinden. Bei mir hat sich komplett unterbewusst auch der Gang und Besuch eines Freiluftkinos auf der „Bucket List“ befunden. Seit 4 Jahren gibt es einen Veranstalter, der in wechselnden Locations innerhalb von Frankfurt – meist alte, vorm Abriss befindliche historische Bauwerke und Locations – ein Freiluftkino auf die Beine stellt und dort in den Monaten vom Juli bis August viele große Hollywood- und Arthouse-Filme ins Programm nimmt. Da der „Lost Place“ der alten Polizeiwache Frankfurt nahe des Frankfurter Hauptbahnhofs liegt, war das für mich auch kein Thema, einfach mal einen Besuch in diesem Kino einzulegen. Ganz abenteuerlich, wenn der Filmbeginn vom Einsetzen der natürlichen Dunkelheit abhängt und durchaus die Kulisse audiell durch Fluglärm und Martinshörnern von Rettungsfahrzeugen ergänzt wird. Neben einem kleinen Angebot an Snacks und Getränken war auch der Crépés-Stand ganz interessant – genauso wie die Biotoiletten und die durch Fußpumpe angetriebene Wasserversorgung des Waschbeckens sehr abenteuerlich gewesen ist. Der Film, der für mich auch Antrieb gewesen ist, diese Kinoerfahrung in 2021 zu machen ist der neue Film von Anders Thomas Jensen „Riders Of Justice – Helden der Wahrscheinlichkeit“, den es hier in der dänischen Fassung mit deutschen Untertiteln in einer Premierenvorstellung knapp 1 Monat vor dem Deutschlandstart zu sehen gab und die Stimmung unter den Zuschauern war großartig.

„Flickering Lights“ ; „Dänische Delikatessen“ ; „Adams Äpfel“ ; „Men & Chicken“ und nun „Riders of Justice – Helden der Wahrscheinlichkeit“ - Anders Thomas Jensens Filmografie in seiner Rolle als Regisseur gehört für mich zu einer Reihe großartiger Filme des dänischen Kinos in den letzten Jahrzehnten. Die Mischung aus skurrillen Geschichten und sehr schwarzem, teils sehr politisch inkorrekten Humors hat mich genau wie das gecastete Ensemble mit allen voran dem Duo aus zwei meiner Lieblingsschauspieler des dänischen Films, Mads Mikkelsen und Nikolaj Lie Kaas, immer wieder begeistert, überrascht und emotional herausgefordert. Da macht sein neuer Film auch keine Ausnahme, auch wenn er sich unter den 5 Filmen definitiv im Mittelfeld befindet.

Bei einem Zugunglück müssen der Mathematiker Otto Hofmann und die junge Mathilde Hansen mit ansehen, wie Mathildes Mutter Emma aus dem Leben gerissen wird. Das führt dazu, dass ihr Vater und Soldat Markus Hansen zurück nach Dänemark berufen wird. Markus will eigentlich nur in Ruhe trauern, doch der von Schuldgefühlen geplagte Otto kommt mit einer Theorie um die Ecke, dass es sich hier nicht um einen Unfall, sondern eine geplante Aktion der Rockergruppierung „Riders Of Justice“ handelt. So ermitteln Otto, Markus und Ottos Bekannte Lennart und Emmenthaler eigenmächtig in der Sache und planen einen Racheakt gegen die „Riders of Justice“.

Eingeordnet in die Filmografie von Anders Thomas Jensen habe ich ja erwähnt, dass sich „Riders Of Justice“ für mich im Mittelfeld befindet. „Flickering Lights“ war ein wenig zu harm- und zahnlos, „Men & Chicken“ ein wenig zu skurril und verrückt. Da ist „Riders Of Justice“ ein wenig konsequenter und zugänglicher, bleibt aber hinter den für mich großartigen „Dänische Delikatessen“ und „Adams Äpfel“ zurück. Die Mischung aus harter Actionkomödie mit schwarzem, politisch inkorrektem Humor und tragischem Vater-Tochter-Drama hat mir richtig gut gefallen. Das Ensemble aus Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Andrea Heick Gadeberg, Nicolas Bro und Lars Brygmann macht die Sache richtig gut. Vor allem, wenn man sich den Kontrast anschaut zwischen den beiden Charakteren Markus und Martin – Mads Mikkelsens Rolle in Vinterbergs „Der Rausch“ - dann ist die Darstellung von Mads allein etwas, was diesen Film so großartig macht. Aber die gesamte Dynamik des ganzen Ensembles ist großartig mit anzusehen und welche skurrilen, verschrobenen Charaktere wir hier geliefert bekommen. Darüber hinaus liefert jeder Charakter mit seinen Eigenarten auch noch im Bereich von Wahrscheinlichkeiten, Zufällen, Statistiken und Algorithmen einen extrem witzigen Unterbau, der den Humor des Films großartig ergänzt und auch dort ein wenig politisch inkorrekt daherkommt und emotional herausfordern kann, gerade wenn es um die Themen Rache, Trauerverarbeitung und auch in Folge von psychischen Folgen der Trauerverarbeitung geht. Insgesamt großartig. Auch wenn mir die dänischen Sprachkenntnisse fehlen, so konnte ich mit deutschen Untertiteln ganz gut folgen und werde mir den Film in einem Monat auch nochmal in der deutschen Fassung ansehen.

„Riders Of Justice – Helden der Wahrscheinlichkeit “ - My First Look – 8/10 Punkte.
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