Re: Zuletzt gesehener Film

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Die werden dir weniger zusagen, da bin ich sicher. Sie werden zunehmend konventioneller und Harry immer mehr zur ikonischen bis mythischen Actionfigur (vor allem im dritten Film). Dennoch ist die Reihe an sich sehr interessant. Alle Sequels haben unterschiedliche Facetten und reagieren entweder auf den Vorgänger und/oder auf den sich verändernden Zeitgeist. Den Unterhaltungswert würde ich keinem von ihnen absprechen, wie du schon sagtest ist Eastwood vor der Kamera immer sehenswert ;), aber Teil 1 ragt in seiner perfekten Mischung aus Genrefilm, Gesellschaftskritik bzw. -kommentar und filmischer Präzision definitiv heraus. Ich persönlich mag dennoch alle Harry-Filme, wenn auch abgestuft.
http://www.vodkasreviews.de


https://www.ofdb.de/autor/reviews/45039/

Re: Zuletzt gesehener Film

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GoldenProjectile hat geschrieben: 25. April 2022 23:32
Maibaum hat geschrieben: 24. April 2022 13:03 Und was Eastwood betrifft, so ist DH 1 neben Coogan's Bluff der Film in dem er seine limitierte Schauspielerei zum Trotz charismatisch am besten rüber kommt.
Wurde Leone da übersehen oder bewusst ausgeklammert? Charismatischer als die Kombi Leone/Eastwood geht doch eigentlich kaum, auch wenn Siegel/Eastwood und für mich auch Eastwood/Eastwood nahe kommen, was den Einsatz des Schauspielers Clint angeht. Ach, eigentlich ist Clint vor der Kamera immer super :D (sogar in Where Eagles Dare... :wink: )
Clint ist sehr wirkungsvoll bei Leone, ganz sicher, aber schauspielerisch kann ich ihn in den beiden Cop-Western mehr genießen. Bei Leone hat er auch nicht viel zu spielen, und das kommt seinen Fähigkeiten entgegen. Siegel dagegen holt das Maximum heraus.
In einer Rolle wie The Beguiled ist Eastwood dagegen ein wenig überfordert. Der Film ist zwar wichtig für Eastwood, als eine Möglichkeit sein eigenes Image zu hinterfragen, aber wirklich geglückt ist das nicht, auch nicht für die Regie Siegels.

Re: Zuletzt gesehener Film

10083
Das ist aber sicher nicht Clints darstellerischer Zenit. In Erbarmungslos, Brücken am Fluss oder Million Dollar Baby (um nur einige zu nennen) bietet er schauspielerisch wesentlich reifere und komplexere Leistungen. Auch in den 70ern war er in Josey Wales darstellerisch schon weiter als in Dirty Harry. Das mag alles nicht an den Coolness-Grad und die Ikonisierung von Siegels erstem Harry heranreichen, ist schauspielerisch aber eine erkennbare und auch deutliche Weiterentwicklung. Von daher würde ich vehement widersprechen, dass Siegel das Maximum aus Clints schauspielerischen Fähigkeiten rausgeholt hat. Das könnte nur dann der Fall sein, wenn Eastwood als Schauspieler tatsächlich der stark limitierte darstellerische Monolith wäre. Dafür hat er im Laufe seiner Karriere aber zuviele anspruchsrolle Rollen überzeugend verkörpert, als dass ich dieser Interpretation seiner Fähigkeit folgen könnte. :wink:
Zuletzt geändert von AnatolGogol am 26. April 2022 13:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10084
Nein, das finde ich nicht, da sehe ich eher seine Begrenzungen. Er konnte sehr überzeugend sein in einer bestimmten Art von Rollen, und die hat er ausgiebig gespielt, aber in Rollen die mehr verlangen fand ich ihn nie so wirklich überzeugend. Ich habe auch immer vermutet daß er deswegen lange in seinen selbstproduzierten Filmen keine wirklich guten Schauspieler an seiner Seite gelassen hat. In Unforgiven sind seine Co-Stars dann auch die für mich klar charismatischeren, was dem Film aber eher nützt als schadet.

Ich mag Eastwood sehr, aber die Anzahl seiner Filme die mir wirklich Spaß machen, ist gemessen an seiner Gesamtzahl relativ gering.

Re: Zuletzt gesehener Film

10085
Was Eastwood in "Million Dollar Baby", "Erbarmungslos", "Die Brücken am Fluss" oder den (von mir gehassten) "Gran Torino" spielt, ist reif, stark und berührend. Das sehe ich alles weit vor seinen Auftritten bei Leone und Siegel, wenn wir noch von der schauspielerischen Qualität als solche sprechen.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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Casino Hille hat geschrieben: 26. April 2022 11:08 Was Eastwood in "Million Dollar Baby", "Erbarmungslos", "Die Brücken am Fluss" oder den (von mir gehassten) "Gran Torino" spielt, ist reif, stark und berührend. Das sehe ich alles weit vor seinen Auftritten bei Leone und Siegel, wenn wir noch von der schauspielerischen Qualität als solche sprechen.
Und diese Entwicklung sieht man ja auch bereits früher. Den texanischen Waliser aus Missouri hatte ich ja bereits angesprochen, aber auch in den 80ern hatte er mit Honkytonk Man, Heartbreak Ridge und Weisser Jäger, schwarzes Herz richtig starke Charakterrollen im Angebot, in denen er allesamt zu überzeugen wusste (und auch von der Kritik dafür gelobt wurde). Wie gesagt, die Gleichsetzung des Schauspielers Eastwood als Coolness-Ikone und darstellerischem Monolith (der einfach nur da zu sein braucht, quasi als schauspielerisches Äquivalent zu Peter Sellers' Mr. Chance) greift mir viel zu kurz. Ich frage mich, ob Eastwood als Schauspieler nicht anders eingestuft würde, wenn er nicht mit seinen Westernrollen und Dirty Harry derart zur überlebensgroßen Ikone geworden wäre. Quasi das "Stallone-Syndrom".
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Re: Zuletzt gesehener Film

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Casino Hille hat geschrieben: 26. April 2022 11:08 Was Eastwood in "Million Dollar Baby", "Erbarmungslos", "Die Brücken am Fluss" oder den (von mir gehassten) "Gran Torino" spielt, ist reif, stark und berührend. Das sehe ich alles weit vor seinen Auftritten bei Leone und Siegel, wenn wir noch von der schauspielerischen Qualität als solche sprechen.
Nein, nein, gerade in Million Dollar Baby fand ich ihn sehr schwach, wie auch den ganzen etwas öden Film. In Gran Torino ist er ok, und den Brückenfilm habe ich allerdings nie gesehen.

Re: Zuletzt gesehener Film

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Maibaum hat geschrieben: 26. April 2022 13:10 den Brückenfilm habe ich allerdings nie gesehen.
Für mich Eastwoods schauspielerischer Höhepunkt. Die Schluss-Szene im Regen ist einfach grossartig, wie Clint mit mimischen Nuancen da die ganze Dramatik der Situation abbildet. Das ist dann schon beeindruckend, wie selbstverständlich und ebenbürtig sich Eastwood neben dem schauspielerischen Schwergewicht Meryl Streep behauptet.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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AnatolGogol hat geschrieben: 26. April 2022 13:15
Maibaum hat geschrieben: 26. April 2022 13:10 den Brückenfilm habe ich allerdings nie gesehen.
Für mich Eastwoods schauspielerischer Höhepunkt. Die Schluss-Szene im Regen ist einfach grossartig, wie Clint mit mimischen Nuancen da die ganze Dramatik der Situation abbildet. Das ist dann schon beeindruckend, wie selbstverständlich und ebenbürtig sich Eastwood neben dem schauspielerischen Schwergewicht Meryl Streep behauptet.
Absolut, und natürlich auch sein regisseurischer Höhepunkt. Aktuell liefert Eastwood ja pünktlich wie ein Uhrwerk jedes Jahr einen verlässlichen, guten 7er-Film, der manchmal etwas daneben geht, dann kann es auch schon mal nur ein 5er sein. Aber dabei darf man nicht vergessen, dass er hin und wieder auch deutlich höher getroffen hat. Unforgiven hat mich bei der letzten Sichtung in seiner Schlichtheit wieder richtig beeindruckt und der Brückenfilm war mehr Emotionen als zwanzig Sichtungen von NTTD zusammen. Den müsste ich unbedingt mal wieder sehen, alleine Clint im Regen sind die 10 Punkte wert.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10090
Dirty Harry 2 - Callahan

Habe mich direkt an das Sequel gemacht und bin doch sehr enttäuscht. Der Film macht in allerbester Sequel Tradition alles falsch, was im Original so gut funktioniert hat. Der Film ist viel langsamer, ausschweifender, übertriebener, und dabei viel weniger spannend und auf den Punkt. Schon der Aufbau ist sehr dröge und unnötig kompliziert. Es dauert rund 40min des zu langen Films bis man überhaupt man richtig weiß, auf welche Story sich der Film konzentrieren will. Davor gibt es allerlei Episoden die wohl zur Charakterbildung dienen sollen (etwa die Flughafenszene), doch das ist eigentlich nach dem Erstling gar nicht mehr nötig.

Kamera, Action, Musik, Drehbuch - eigentlich ist alles an Callahan uninspirierter als im Vorgänger.
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

10092
iHaveCNit: Die wundersame Welt des Louis Wain (2022) – Will Sharpe – Studiocanal
Deutscher Kinostart: 21.04.2022
gesehen am 26.04.2022
Arthouse-Kinos Frankfurt – Cinema – Studio – Reihe 3, Platz 1 – 20:15 Uhr


Der dritte, für mich interessante Film aus dem aktuellen Startwochenende war das von Will Sharpe inszenierte Biopic über den Maler Louis Wain, der mich sowohl aufgrund des Trailers als auch der Besetzung von vor allem Benedict Cumberbatch interessiert hat, auch ohne in das Leben und die Kunst von Louis Wain investiert zu sein.

Nach dem Tod des Vaters ist der eigensinnige Querkopf Louis Wain der älteste Mann im Haus und heillos überfordert, die notwendige finanzielle Grundlage für seine Mutter, seine Schwestern und sich zu schaffen. In dieser Zeit lernt er die im Haus angestellte und ebenfalls etwas eigensinnige Lehrerin Emily Richards kennen und lieben. Der Querkopf, der schon immer ein ganz eigenes Verständnis für Illustrationen von Tieren zu haben scheint dann mit Bildern von vermenschlichten Katzen seinen Platz in der Gesellschaft gefunden zu haben, auch wenn ihn Dämonen aus der Vergangenheit immer wieder scheinbar daran hindern.

Benedict Cumberbatch hat mir hier sehr gut gefallen und auch das allgemeine, wenngleich auch etwas steril wirkende viktorianische Setting hat mir in Setdesign, Kostümdesign und auch was Haare und Make-Up angeht ebenfalls sehr gut gefallen. Der Film hat wie allgemein typisch historische Biopics die Angewohnheit natürlich Lebensstationen abzuhaken und mal mehr oder weniger tief in dieser Lebensstation zu verweilen. Darüber hinaus ist es natürlich wichtig neben dem Leben auch dem Charakter des Künstlers und auch seiner Kunst Rechnung zu tragen, dass dem Film trotz leichter Oberflächlichkeiten doch relativ gut gelingt und auch in der visuellen und optisch interessanten Aufmachung des Films ist das zu spüren, auch wenn man nicht ganz nah in den Charakter und die Art wie dieser die Welt gesehen hat herankommt und sich einem der Charakter und die Faszination nicht ganz erschließt. Wobei sicherlich Louis Wain seiner Zeit weit voraus war und heutzutage für Katzen-Memes und Katzenvideos mit verantwortlich wäre.

„Die wundersame Welt des Louis Wain“ - My First Look – 7/10 Punkte.
"Weiter rechts, weiter rechts ! ..... "

Re: Zuletzt gesehener Film

10093
danielcc hat geschrieben: 26. April 2022 22:42 Dirty Harry 2 - Callahan

Habe mich direkt an das Sequel gemacht und bin doch sehr enttäuscht.
So wirklich überrascht mich das nicht. Teil 2 mag der konventionellere Film gegenüber Teil 1 sein, aber er ist halt auch weit weg von modernen Actionfilmen und Sehgewohnheiten. Er steht da sehr deutlich in einer Reihe mit diversen anderen Actionfilmen aus der ersten Hälfte der 70er Jahre, die stilistisch sehr ähnlich funktionieren, vor allem über eine recht entschleunigte Dramaturgie (z.B. Frankenheimers French Connection Sequel oder Peckinpahs Killer Elite). Ich stimme dir in folgendem Punkt daher auch nicht wirklich zu:
danielcc hat geschrieben: 26. April 2022 22:42Der Film macht in allerbester Sequel Tradition alles falsch, was im Original so gut funktioniert hat.
Im Gegenteil würde ich sogar sagen, dass Teil 2 den entscheidenden Kardinalfehler vieler Sequels gerade nicht macht, nämlich sich sklavisch am Original zu orientieren und so zur uninspirierten Kopie zu werden. Man kann Teil 2 daher sicherlich viel vorwerfen, aber sicher nicht, dass er nicht sehr bewusst versucht sich von Teil 1 abzugrenzen und eigene Wege zu beschreiten. Eben z.B. durch eine ausführlichere Dramaturgie. Oder, durch einen deutlich anderen inhaltlichen Ansatz, in welchem die Konstellation aus Teil 1 recht clever gedreht wird, in dem man den Rebellen und Polizeiaussenseiter Dirty Harry, welcher bewusst gesetzliche Grenzen im Zuge seiner Arbeit überschritten hat, quasi gegen die nächste Generation bzw. Entwicklungsstufe dieser Gattung Polizist antreten lässt und so sein eigenes Vorgehen so zwangläufig hinterfrägt. Passend dazu beleuchtet Teil 2 dann auch die Figur Harry Callahan so tief kein anderer Serienbeitrag und man sieht Harry auch häufig in privaten Situationen. Man mag das hinsichtlich der Haupthandlung als überflüssig empfinden, ich würde hier aber entgegnen, dass gerade dadurch Harrys letztliche Entscheidung gegen seine jüngeren Kollegen und ihren Hintermann anzutreten erst richtig motiviert wird (er ist eben ein Einzelgänger, welcher sich seine eigenen Prinzipien selbst aufgestellt hat und lebt getreu dieser Linie, während seine jungen Kollegen eigentlich nur in der Gruppe Stärke zeigen und letztlich unter der Kontrolle von Halbrooks Figur stehen).
Martin007 hat geschrieben: 26. April 2022 23:21 Interessant, ich wollte mir die Harry-Sequels ja auch bald noch anschauen, nachdem mir der erste Teil überraschend gut gefiel. Anscheinend gibt es aber offenbar grosse Uneinigkeiten darüber, welches die besseren Sequels sind.
Entscheidend ist halt, was für Erwartungshaltung man an die Sequels hat. Wenn man einen zweiten Teil 1 erwartet, dann wird man zwangsläufig enttäuscht werden. Eine solche Erwartungshaltung ist aber eigentlich auch von vorneherein ungerecht, da wie gesagt weder Teil 2 noch die restlichen drei Filme ein wirkliches Interesse daran hatten eine Kopie von Teil 1 zu sein. Das ist dann eigentlich auch eine der ganz großen Stärken der Reihe, nämlich ihre Heterogenität. Denn kein Teil ist wirklich stilistisch oder inhaltlich mit den anderen vergleichbar. Das wird noch durch die lange Produktionszeit der Reihe (1971-1988) verstärkt, wodurch der Stil natürlich automatisch sich verändert hat. Aber auch von dieser zeitlichen Komponente abgesehen ist es schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Film die Figur Dirty Harry beleuchten. Von daher: wenn du generell Spass an Filmen aus den 70er Jahren hast (auch außerhalb des New Hollywood), dann ist Teil 2 vermutlich durchaus interessant für dich. Wenn du mehr Spass an kurzweiligen, knalligen Actionern hast, dann würde ich eher zu Teil 3 und vor allem Teil 5 raten. Teil 4 wiederum ist für eine Mainstream-Produktion etwas sperrig und altmodisch geraten und steht diesbezüglich eher in einer Reihe mit anderen Eastwood-Produktionen aus der damaligen Zeit (Der Wolf hetzt die Meute, Pale Rider, City Heat) als dass man ihn mit typischen Actionern aus den 80ern vergleichen könnte. Lohnend sind aus meiner Sicht letztlich alle Sequels, aber man muss halt Spass an den unterschiedlichen Ansätzen haben bzw. sich darauf einlassen.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10094
Ich gebe Anatol in allen Punkten recht. Ich mag auch das Sequel sehr gerne und es schaue es immer wieder an. Der Einfachheit poste ich mal ein paar Absätze meines Reviews, da sind die Kernaussagen drin wie ich den Film sehe, auch im Vergleich zum Original:

Callahan ist insgesamt ein weitaus gefälligerer und bequemerer Film als das umstrittene Original. Weit weniger düster, zynisch und polarisierend, ist Dirty Harrys zweiter Fall eine eindeutige Reaktion auf die harschen Vorwürfe gegenüber dem Vorgänger. Die Actionszenen sind zwar brutaler ausgefallen, wurden aber auch erheblich publikumswirksamer und krachiger inszeniert. Im Unterschied zum ersten Film bekommen sie teilweise unterhaltenden Charakter und erfüllen damit eines der wesentlichen Kriterien des Genres. Auch die Bilder San Franciscos - Callahan entstand ebenfalls ausschließlich an Originalschauplätzen - wirken freundlicher und heller als in Dirty Harry. Wiederholt wird beispielsweise die Golden Gate Bridge in Postkartenmanier in Szene gesetzt.

An atmosphärischer Dichte, hinsichtlich seiner düster-bedrohlichen Grundstimmung sowie was das provokant-kontroverse Aufgreifen unbequemer gesellschaftspolitischer Themen anbelangt, bleibt Don Siegels Film allerdings unerreicht. Ted Posts Regie ist zu gefällig, Michael Ciminos und John Milius Drehbuch zu publikumsanbiedernd, um die teilweise verstörende Wirkung des Vorgängers wiederholen zu können. Das war aber scheinbar auch gar nicht beabsichtigt.
Das offenkundige Bemühen die umstrittene Titelfigur zu vermenschlichen und teilweise aus der Schusslinie liberaler Kritik zu nehmen ohne dabei deren Grundeinstellung zu verraten bzw. zu opfern, kann hier als durchschlagender Erfolg gewertet werden. Eastwoods aufgeräumteres Spiel und ganz wesentlich das in dieser Hinsicht überaus clevere Script sind dafür hauptverantwortlich. Und der Publikumserfolg gab den Machern recht. Der nicht mehr ganz so dirty Harry übertraf den bereits äußerst profitablen Originalfilm an der Kinokasse noch um ein Vielfaches.

Wie sein Vorgänger produzierte auch Callahan einen markanten Oneliner, der Teil der (zumindest amerikanischen) Popkultur werden sollte: „A man hast to know his limitations." Obgleich an seinen bornierten Vorgesetzten gerichtet, kann dieses Motto aber ebenso gut auf den Filmcharakter des Dirty Harry selbst angewendet werden. In gewisser Weise steht es als zentrales Leitmotiv über dem zweiten Teil der Reihe, der vordergründig eindeutig Zündstoff aus der kontroversen Figur herausnahm, nur um am Ende noch triumphaler zurückzukehren und die scheinbar von außen gesetzten Grenzen zu sprengen.
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Re: Zuletzt gesehener Film

10095
Super interessante Diskussion. Vor allem auch weil ich nicht so voreingenommen bin wie bei einem Bondfilm...

Was ich mit meiner Aussage zu Sequels meinte: Es mag im Widerspruch zu deiner Aussage stehen, aber ich glaube das tut es gar nicht. Für mich sind die Sequels, die nicht funktionieren oft die, die nur das Kopieren und Verstärken was das Original auf OBERFLÄCHLICHE Weise betrachtet zum Erfolg gemacht hat, aber die Feinheiten hinter dem Erfolg nicht verstanden haben. Was man dann oft sieht ist: mehr Action, mehr Sprüche, mehr Gewalt, mehr Sex, (mehr CGI), längere Laufzeit.
Was Callahan angeht, da weiß ich nun nicht genug aus der Zeit, um zu sagen, ob das, was du in dem Film siehst eine bewusste Entscheidung war oder einfach nur „passiert“ ist. Die Vermenschlichung des Charakters sehe ich schon als etwas Bewusstes an. Es hat aber teilweise auch die von mir kritisierten Sequelzüge. Szenen wie in den ersten 30 Minuten, insbesondere die lange Sequenz am Flughafen sind reiner, falsch verstandener „Original-Fan Service“. Andere Szenen im privaten Umfeld sind dann wohl eher eine bewusste Entscheidung, um die Figur zu erweitern auch im Hinblick auf das (spätere) Thema des Films.
Aber in Summe fällt mir auf: Der Film ist brutaler, er ist länger, er hat mehr Nacktszenen, es gibt mehr Sprüche, mehr von den Auseinandersetzungen mit den „Höherrangingen“. Das wirkt viel wie „Sequelitis“. Schlimmer aber für mich ist, dass das Original die Charakterzeichnung „en passant“ gemacht hat. Man erfährt wer Harry ist in dem man ihm durch die Haupthandlung folgt. In Teil 2 hingegen erfährt man mehr über ihn, in Szenen, die abseits der Haupthandlung stehen, wohingegen sein späteres agieren in der Haupthandlung entgegen seinem bis dato gezeichneten Charakter steht (mal ehrlich: zumindest mal hätte es einen echten inneren Konflikt gebraucht, denn de facto tun die jungen Cops ja genau das was er in den Filmen bis dato propagiert hat).
Was mir aber auch so deutlich schlechter gefällt ist die tatsächliche Inszenierung des Hauptplots. Im Original sind da die ersten 5-10 Minuten wahnsinnig entscheidend. Man wird förmlich in die Handlung reingezogen, und von da an ist man immer an Harrys Seite wenn er ermittelt und sich immer wieder direkt mit dem (tollen) Bösewicht misst. Ja, Harry IST zu großen Teilen die Haupthandlung. Im Sequel ist das gar nicht so. Harry kommt den eigentlichen Taten nie nahe, er ist nie nahe dran. Es sind immer andere Polizisten, die da involviert sind. Harry ermittelt nur, weil und in dem er zufällig diese Truppe von jungen Polizisten kennenlernt, und seine ganze Ermittlung findet von deren Taten losgelöst statt (zB die entscheidende Szene auf den Schießständen).
Man könnte sagen: Die Handlung läuft an Callahan vorbei, daher bekommt er mehr Szenen, die davon losgelöst sind.
Was für den Anfang gilt das gilt auch fürs Ende. Bei Teil 2 ist man gar nicht happy am Ende, denn es gibt ja niemanden mehr, mit dem Harry den Erfolg „teilen“ kann. Er ist nur noch alleine. Ja auch das sicherlich bewusst, aber doch irgendwie unbefriedigend – zumal der vorausgegangene Showdown sehr lang und langatmig ist.
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