Re: Senses of Wonder – Die Filme des Steven Spielberg

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Mal was anderes. Spielbergs Stern scheint langsam aber sicher rapide zu sinken. West Side Story war ein Flop, vor allem für seine Verhältnisse, wurde aber noch irgendwie mit der Pandemie schön geredet. Aber dass aktuell sein hoch gelobter "The Fabelmans" abschmiert, ist ein eindeutiges Signal.
Den Massenappeal hat er definitiv verloren, aber irgendwann passiert das allen Stars. Für die Jugend ist er schlicht nicht mehr relevant und die machen das Gros der Zuschauer aus. Sein früheres Stamm- und Fanpublikum ist mindestens 50+ und bleibt lieber auf der Couch. Der letzte Indy war imo der erste deutliche Beleg, dass er sein goldenes Händchen verloren hatte, auch wenn der Nostalgie- und Neugierde-Faktor noch einmal für starke Zahlen sorgte.

So gesehen bin ich froh, dass er Teil 5 nicht mehr gemacht hat, was nicht heißt, dass Mangold es besser hin bekommt.
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Re: Senses of Wonder – Die Filme des Steven Spielberg

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vodkamartini hat geschrieben: 4. Dezember 2022 18:27 Mal was anderes. Spielbergs Stern scheint langsam aber sicher rapide zu sinken. West Side Story war ein Flop, vor allem für seine Verhältnisse, wurde aber noch irgendwie mit der Pandemie schön geredet. Aber dass aktuell sein hoch gelobter "The Fabelmans" abschmiert, ist ein eindeutiges Signal.
Den Massenappeal hat er definitiv verloren, aber irgendwann passiert das allen Stars. Für die Jugend ist er schlicht nicht mehr relevant und die machen das Gros der Zuschauer aus. Sein früheres Stamm- und Fanpublikum ist mindestens 50+ und bleibt lieber auf der Couch. Der letzte Indy war imo der erste deutliche Beleg, dass er sein goldenes Händchen verloren hatte, auch wenn der Nostalgie- und Neugierde-Faktor noch einmal für starke Zahlen sorgte.

So gesehen bin ich froh, dass er Teil 5 nicht mehr gemacht hat, was nicht heißt, dass Mangold es besser hin bekommt.
Deiner Argumentation zurfolge liegt sein absteigender Stern doch eher am fehlenden Jungpublikum und weniger an der mangelnden Qualität seiner Filme (was aber insgesamt betrachtet mit Sicherheit der Fall ist). Dass alle Stars irgendwann an Massenappeal verlieren, ist meiner Ansicht nach noch zu prüfen. Hätte Spielberg einen Superheldenfilm der Marken DC/Marvel gemacht - und das könnte er jederzeit problemlos aus dem FF - dann sähe die Geschichte doch ganz anders aus.

When You Wish Upon A Starship

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Unheimliche Begegnung der dritten Art

Gab es für das Sci-Fi-Kino ein wichtigeres Jahr als 1977? George Lucas hatte gerade seinen Mega-Erfolg „Star Wars“ lanciert, da startete ein weiterer Film des Genres, der zum Meilenstein der Kinogeschichte werden sollte: „Unheimliche Begegnung der dritten Art“. Es war zwei Jahre nach „Der weiße Hai“ der nächste große Kinoerfolg von Steven Spielberg und zementierte den damals jungen Regisseur als neue tonangebende Stimme in Hollywood. Lichtschwerter gab es bei ihm aber keine. Stattdessen geht es um das Konzept der ersten Begegnung der Menschheit mit außerirdischen Lebewesen – besser gesagt darum, wie einzelne Menschen reagieren würden, sähen sie sich mit der Möglichkeit einer solchen Begegnung konfrontiert.

Erzählt wird dies in zwei Handlungssträngen, die erst im dritten Akt zusammenlaufen. Der Film beginnt in der Sonora-Wüste, in der über Nacht plötzlich verschwundene Kriegsflugzeuge von 1945 aufgetaucht sind – völlig unversehrt, nur die Besatzung fehlt. Der französische Wissenschaftler Lacombe beginnt mit seinem Team Nachforschungen, die ihn um die ganze Welt bis zu einer mysteriösen Fünf-Ton-Musik führen, welche laut einer Gruppe strenggläubiger Inder vom Himmel ertönte. Lacombe vermutet, dass die kurze Melodie die Grundlage dafür bilden könnte, Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen.

Parallel spielt „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ in Indiana. Dort ist es der gewöhnliche Familienvater und Elektriker Roy Neary, der eines Nachts während eines Stromausfalls plötzlichen Kontakt mit einem UFO hat. Gleich mehrere Flugobjekte zischen an ihm vorbei. Kurz nach dieser verhängnisvollen Begegnung erhält er rätselhafte Visionen, die ihn, seine Frau und die gemeinsamen drei Kinder in den Wahnsinn treiben. Er sieht immer wieder einen mysteriösen Berg vor seinem inneren Auge, der ihn magisch anzieht. Als er scheinbar vollends den Verstand verliert, wird es seiner Frau zu bunt: Sie verlässt ihn, und nimmt die Kinder mit.

Neary aber verbündet sich mit der aus der Nachbarschaft stammenden Jillian, einer alleinerziehenden Mutter, deren 3-jähriger Sohn nach einer wahrlich unheimlichen Begegnung mit Lichtern am Himmel spurlos verschwunden ist. Gemeinsam machen sie den Berg aus seinen Visionen ausfindig. Gerade rechtzeitig, um mitanzusehen, wie ein gigantisches UFO dort landet und Lacombe tatsächlich mittels der Musik Kontakt aufnimmt. Doch Neary ist damit nicht am Ziel angelangt. Nachdem die Außerirdischen all jene unbeschadet wieder zur Erde zurückbringen, die sie einst für Kontaktversuche entwendet haben (neben Jillians Sohn auch die Piloten der Flugzeuge), beschließt er, als Botschafter mit ihnen ins All zu fliegen.

„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ist ein sensationeller, ein großartiger Film. Obwohl es erst Spielbergs dritter Kinofilm war, inszeniert er ihn mit dem Können eines langerfahrenen Künstlers. Phänomenal wird der erste Kontakt von Neary mit einem Raumschiff in Szene gesetzt: Er sitzt in seinem Auto auf einer dunklen Landstraße, hinter ihm rasen zwei Lichter heran. Ein Auto, so denkt er, doch als er sich auf den Stadtplan vor sich konzentriert, zeigt die Kamera, wie diese Lichter im Hintergrund plötzlich abheben, davonschweben. Neary bemerkt die fliegenden Untertassen und jagt ihnen mit seinem Auto nach. Verblüfft, erschrocken, verzaubert – ein Gefühlschaos, das Hauptdarsteller Richard Dreyfuss eindringlich darzustellen weiß.

Keine Frage: Spielberg ist schon hier auf dem Höhepunkt seines Könnens. Mühelos navigiert er durch beide Handlungsstränge, verliert nie Tempo und Dramaturgie aus den Augen. Zudem gelingen ihm fantastische Spannungsmomente: Die „Entführung“ des kleinen Sohns von Jillian etwa ist astreines Horrorfilm-Material. Mitten in der Nacht ist das gemütliche Landhaus plötzlich von allen Seiten grell durchleuchtet, elektronische Geräte springen von selbst an, wie bei einem Erdbeben wird sämtliches Mobiliar durchgeschüttelt.

Besonders das letzte Drittel ist voll von kinematografischer Brillanz. Die Effekte, die der „2001: Odyssee im Weltraum“-Veteran Douglas Trumbull für das Erscheinen der Raumschiffe nutzt, suchen noch Jahrzehnte nach Veröffentlichung ihresgleichen. Kameramann Vilmos Zsigmond gewann für seine bemerkenswerten Aufnahmen von oft schlichter Schönheit einen Oscar. Die Filmmusik, die John Willams für „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ schrieb, gehört zum besten Material seiner Karriere – erst recht, da durch die melodische Kommunikation mit den Besuchern aus dem All seine Musik sogar Teil der Handlung wird.

Spielberg ist ein Film gelungen, der über die vollen 134 Minuten seine Talente als Geschichtenerzähler unter Beweis stellt. Es geht ihm nicht um Paranoia oder einen möglichen Schrecken aus dem All, wie ihn das B-Kino der 50er zelebrierte, sondern um friedliche Kommunikation, Neugierde und Offenheit für das Neue. Die Außerirdischen kommen in friedlicher Absicht und wollen sich mit uns verständigen. „Wenn wir in ‚Unheimliche Begegnung der dritten Art‘ mit Aliens reden können, warum nicht mit den Roten im Kalten Krieg?“, erklärte er seine Motive.

„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ ist einer von Spielbergs persönlichsten Filmen – und das nicht nur, weil er mit dem französischen Regisseur François Truffaut eines seiner großen Idole in der Rolle des Wissenschaftlers Lacombe besetzte. Inspiriert zu einer UFO-Geschichte wurde er durch seinen Vater, der ihn als Kind häufig mitnahm, um sich Meteoritenschauer anzusehen. Man kann den Film als eine Auseinandersetzung Spielbergs mit seiner Kindheit interpretieren: Seine Eltern ließen sich scheiden, ein Ereignis, das ihn eigenen Aussagen nach nie losließ.

Umso erstaunlicher also, wie er Roy Neary portraitiert: Der Film zeigt Verständnis für diesen vom Alltagsleben gelangweilten Mann, der durch eine quasi-religiöse Erfahrung seine Berufung findet, die er um jeden Preis erfüllen will – selbst wenn er dafür seine Familie verlassen muss. Gleich seine erste Szene etabliert ihn als Träumer: Er spielt mit einer Modelleisenbahn, während dazu aus einer Spieluhr das Lied „When You Wish Upon A Star“ aus dem Disney-Zeichentrickfilm „Pinocchio“ ertönt. Bald schon wird er sogar ganz wörtlich von einem Stern träumen, von einem Raumschiff – und sein Traum wird in Erfüllung gehen.

Er durchleidet keine Midlife-Crisis, sondern findet seine wahre Bestimmung. Nicht umsonst läuft in Nearys Arbeitszimmer in einer Szene der Film „Die zehn Gebote“ im Fernsehen: Der Berg, den Neary erklimmen muss, um die Botschaft der Außerirdischen aus dem Himmel zu erfahren, ist der metaphorische Berg Sinai, auf den Moses im Alten Testament stieg, um Gottes Wort verbreiten zu können. Als Neary seinen Berg schließlich besteigt und seine Bestimmung erfüllt, spielt Williams für all die, die ganz genau hinhören, kurz die ersten Töne von „When You Wish Upon A Star“.

Der berührende Kern von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ liegt nicht in der Idee, dass es friedliche Lebewesen aus fernen Welten geben könnte. Er liegt in der Vorstellung, dass sogar das Verlassen des eigenen Vaters aus einem höheren Grund geschehen könnte. Scheidungskind Spielberg drehte diesen Sci-Fi-Film als großen Versuch der Versöhnung mit seinen Eltern. Seine Mutter war eine leidenschaftliche Klavierspielerin, sein Vater ein analytischer Computeringenieur. In diesem Film werden ihre Professionen zur Symbiose, denn ausgerechnet von Computern gespielte Musik wird das Mittel zur Kommunikation mit den extraterrestrischen Lebensformen.

Zu Motiven aus „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ kehrte Steven Spielberg in seiner Karriere mehrfach zurück. Aliens gab es bei ihm häufiger zu sehen, ob sie nun gutmütig waren wie „E.T. – Der Außerirdische“ oder einen „Krieg der Welten“ begannen. Abwesende Väter, zerrüttete Familiendynamiken und die Suche nach Bestimmung blieben seine zentralen Themen, etwa in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“, „Hook“ oder „Catch Me If You Can“. Die Pinocchio-Analogie nahm er 2001 in „A.I. – Künstliche Intelligenz“ noch einmal auf. Genau 45 Jahre nach seinem UFO-Film wurde er dann erneut ganz persönlich – und verfilmte 2022 seine eigene Kindheit im semi-autobiografischen Drama „Die Fabelmans“.

Über die Jahre ließ Spielberg noch zwei weitere Schnittfassungen von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ anfertigen, die sich im Großen und Ganzen kaum unterscheiden. Einzelne verworfene Szenen wurden wieder eingefügt, andere dafür geschnitten, und für eine der drei Fassungen drehte er nochmal ein erweitertes Ende, in dem das Innere des Mutterschiffs gezeigt wird. Letztlich aber ist es die Kinofassung, die Filmgeschichte schrieb.

„Unheimliche Begegnung der dritten Art“ fällt auch aufgrund seiner majestätischen Ruhe und Geduld in genau jene Kategorie der Filmklassiker, über die man später gerne sagt: „So etwas wird heute nicht mehr gedreht“. Zumindest in diesem Fall ist allerdings Fakt: Steven Spielberg würde den Film in der Form heute tatsächlich nicht mehr drehen. 2005 sagte er in einem Interview, als er am Sci-Fi-Drama arbeitete sei er selbst noch Junggeselle gewesen und habe das Drehbuch daher „unbekümmert“ schreiben können. Doch mittlerweile war er bereits mehrfacher Vater und empfand: „Heute würde ich niemals zulassen, dass der Mann seine Familie verlässt und auf das Mutterschiff geht.“
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Re: When You Wish Upon A Starship

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Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40 Neary bemerkt die fliegenden Untertassen und jagt ihnen mit seinem Auto nach. Verblüfft, erschrocken, verzaubert – ein Gefühlschaos, das Hauptdarsteller Richard Dreyfuss eindringlich darzustellen weiß.
Absolut und der Film bestätigt auch, dass Dreyfuss in vielerlei Hinsicht der perfekte Hauptdarsteller für einen Spielberg-Film ist. Vermutlich auch, weil er in seiner oft etwas linkisch-ungeschickten Art (zumindest bei seiner Screen-Persona) Spielberg selber recht nahe kommt und damit das schauspielerische Alter Ego des Regisseurs darstellt.
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40Keine Frage: Spielberg ist schon hier auf dem Höhepunkt seines Könnens. Mühelos navigiert er durch beide Handlungsstränge, verliert nie Tempo und Dramaturgie aus den Augen. Zudem gelingen ihm fantastische Spannungsmomente: Die „Entführung“ des kleinen Sohns von Jillian etwa ist astreines Horrorfilm-Material. Mitten in der Nacht ist das gemütliche Landhaus plötzlich von allen Seiten grell durchleuchtet, elektronische Geräte springen von selbst an, wie bei einem Erdbeben wird sämtliches Mobiliar durchgeschüttelt.
Ja, das ist eine der stärksten Szenen des Films, die auch enorm davon profitiert, dass Spielberg zuvor die Beziehung der alleinerziehenden Mutter zu ihrem kleinen Sohn so effektiv wie anrührend etabliert hat - und das weitgehend ohne Dialog und nur mit filmischen Mitteln. Entsprechend herzzerreissend und schockierend ist dann die Entführung des kleinen Barry ( aka H7-25 :D).
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40Besonders das letzte Drittel ist voll von kinematografischer Brillanz.
Ja und nein. Auf der einen Seite sehe ich es genau so, weil es natürlich ein bemerkenswertes Stück Überwältigungskino ist. Auf der anderen Seite bricht es das zuvor dramaturgisch wie filmisch weitgehend konventionell ablaufenden Werk natürlich in zwei Teile, da das nahezu dialoglose Schlussdrittel ganz auf audiovisuelle Schauwerte setzt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann verliert der Film genau in diesem Teil für mich dann schon erkennbar an Fahrt. So eindrucksvoll und schön das Spektakel auch ist, mich überzeugen die ersten zwei Drittel doch deutlich mehr.
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40 Umso erstaunlicher also, wie er Roy Neary portraitiert: Der Film zeigt Verständnis für diesen vom Alltagsleben gelangweilten Mann, der durch eine quasi-religiöse Erfahrung seine Berufung findet, die er um jeden Preis erfüllen will – selbst wenn er dafür seine Familie verlassen muss.
Auch hier profitiert der Impact von Nearys letztlicher Entscheidung enorm von Spielbergs Vorarbeit, also der detaillierten Schilderung von Neds Familienleben. So gut war Spielberg vermutlich nie wieder Beziehungen auf persönlicher Ebene filmisch herauszuarbeiten (edit: ich korrigiere mich, in E.T. gelang ihm das sogar noch besser). Die Probleme der Nearys sind das Gegenstück zur Beziehung von Jillian und Barry und bei beiden gelingt es Spielberg perfekt diese für den Zuschauer nachvollziehbar und greifbar zu machen.
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40 Über die Jahre ließ Spielberg noch zwei weitere Schnittfassungen von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ anfertigen, die sich im Großen und Ganzen kaum unterscheiden. Einzelne verworfene Szenen wurden wieder eingefügt, andere dafür geschnitten, und für eine der drei Fassungen drehte er nochmal ein erweitertes Ende, in dem das Innere des Mutterschiffs gezeigt wird. Letztlich aber ist es die Kinofassung, die Filmgeschichte schrieb.
Das mit der Filmgeschichte würde ich so unterschreiben, dennoch ist die zweite Version von 1980 ("Special Edition") für mich die insgesamt gelungenste. Weniger wegen der Szenen im Raumschiff (welche ich vermutlich auch lieber gar nicht sehen würde), sondern eher da hier die Szenenauswahl für mich etwas stimmiger ist als in der Kinofassung und das neue Material den Film aufwertet (die Gobi-Szene).

Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:402005 sagte er in einem Interview, als er am Sci-Fi-Drama arbeitete sei er selbst noch Junggeselle gewesen und habe das Drehbuch daher „unbekümmert“ schreiben können. Doch mittlerweile war er bereits mehrfacher Vater und empfand: „Heute würde ich niemals zulassen, dass der Mann seine Familie verlässt und auf das Mutterschiff geht.“
Und das ist auch wohl genau der Grund, warum Spielberg heute nicht mehr solche Filme wie bis Mitte der 80er drehen kann. Das mag den Fan seines frühen Werks (zurecht!) betrüben, aber es zeigt halt auch, dass ein Künstler letztlich nur das geben kann, was in ihm ist.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Senses of Wonder – Die Filme des Steven Spielberg

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AnatolGogol hat geschrieben: 2. Februar 2023 08:01
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40Die „Entführung“ des kleinen Sohns von Jillian etwa ist astreines Horrorfilm-Material. Mitten in der Nacht ist das gemütliche Landhaus plötzlich von allen Seiten grell durchleuchtet, elektronische Geräte springen von selbst an, wie bei einem Erdbeben wird sämtliches Mobiliar durchgeschüttelt.
Ja, das ist eine der stärksten Szenen des Films, die auch enorm davon profitiert, dass Spielberg zuvor die Beziehung der alleinerziehenden Mutter zu ihrem kleinen Sohn so effektiv wie anrührend etabliert hat - und das weitgehend ohne Dialog und nur mit filmischen Mitteln. Entsprechend herzzerreissend und schockierend ist dann die Entführung des kleinen Barry ( aka H7-25 :D).
Ja, die Szene nimmt ja in gewisser Form auch schon "Poltergeist" vorweg, der dann fünf Jahre später kam und offiziell vielleicht kein Spielberg-Film sein mag, aber dennoch recht unzweifelhaft ein größtenteils von Spielberg kontrollierter Film ist. Die Szene ist für mich Spielberg in seiner reinsten Form: Einerseits herrscht da das pure Chaos, aber er lässt einen nie die Übersicht verlieren, die Geografie der Szene bleibt immer klar erhalten und verständlich. Andererseits ist das ganze nicht nur stimmungsvoll gefilmt und sensationell geschnitten, sondern hat auch in sich einen kleinen Twist – der kleine H7-25 nimmt seine Entführung ja sehr locker und reagiert überhaupt nicht so, wie es eigentlich angemessen wäre und erst der Kontrast zwischen seiner Attitüde und dem Schreien und Wimmern seiner Mutter macht aus dieser Szene dann ein kleines Meisterwerk. Ganz großartig. Die Kameraeinstellung, wenn Barry die Tür öffnet und alles in orangenes Licht gehüllt wird, als brenne draußen der gesamte Globus, das ist vielleicht meine liebste Einstellung in einem Spielberg-Film.
AnatolGogol hat geschrieben: 2. Februar 2023 08:01
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40Besonders das letzte Drittel ist voll von kinematografischer Brillanz.
Ja und nein. Auf der einen Seite sehe ich es genau so, weil es natürlich ein bemerkenswertes Stück Überwältigungskino ist. Auf der anderen Seite bricht es das zuvor dramaturgisch wie filmisch weitgehend konventionell ablaufenden Werk natürlich in zwei Teile, da das nahezu dialoglose Schlussdrittel ganz auf audiovisuelle Schauwerte setzt. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann verliert der Film genau in diesem Teil für mich dann schon erkennbar an Fahrt. So eindrucksvoll und schön das Spektakel auch ist, mich überzeugen die ersten zwei Drittel doch deutlich mehr.
Den Ansatz verstehe ich, aber letztlich funktionieren die ersten zwei Drittel meiner Ansicht nach nur mit dem, was dann folgt. Wie bei keinem anderen Film in seiner Karriere ist "Unheimliche Begegnung der dritten Art" eigentlich eine über 100 Minuten ansteigende Zuspitzung von Antizipation. Mit jeder Szene verstärkt Spielberg eine Erwartungshaltung, selbst die "Actionszenen" (die Autojagd mit den UFOS) bauen Spannung auf. Wenn dann endlich das UFO auftaucht und ins Bild kommt, das riesige Mutterschiff, dann ist das der Moment, für den wir fast zwei Stunden auf unserem Platz gesessen haben. Für mich ist das der ganze Film: Erwartungshaltung ins Unendliche steigern und dann so gut sein, dieses Versprechen durch ein audiovisuelles Feuerwerk der Extraklasse (wie du sagst: Überwältigungskino) einhalten zu können. Immer, wenn es um Spielberg geht, wird sein "Sense of Wonder" zitiert, und nie war der so ausgeprägt wie im Finale der unheimlichen Begegnung (die dann natürlich gar keine unheimliche Begegnung ist).
AnatolGogol hat geschrieben: 2. Februar 2023 08:01
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:40 Über die Jahre ließ Spielberg noch zwei weitere Schnittfassungen von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ anfertigen, die sich im Großen und Ganzen kaum unterscheiden. Einzelne verworfene Szenen wurden wieder eingefügt, andere dafür geschnitten, und für eine der drei Fassungen drehte er nochmal ein erweitertes Ende, in dem das Innere des Mutterschiffs gezeigt wird. Letztlich aber ist es die Kinofassung, die Filmgeschichte schrieb.
Das mit der Filmgeschichte würde ich so unterschreiben, dennoch ist die zweite Version von 1980 ("Special Edition") für mich die insgesamt gelungenste. Weniger wegen der Szenen im Raumschiff (welche ich vermutlich auch lieber gar nicht sehen würde), sondern eher da hier die Szenenauswahl für mich etwas stimmiger ist als in der Kinofassung und das neue Material den Film aufwertet (die Gobi-Szene).
Ich habe mir für meinen Text extra alle drei Fassungen angesehen. Ursprünglich wollte ich den nämlich über diese Unterschiede aufziehen, aber am Ende fand ich sie schlicht nicht allzu gewichtig. Das Innere des Raumschiffs zu zeigen ist doof, überflüssig, aber sonst habe ich zu vielen der Ergänzungen keine starke Meinung. Ich mag die Pressekonferenz, die rauszuschneiden ist also doof, aber nicht spielentscheidend. Ich mag den Mini-Auftritt von Carl Weathers, aber der Film ist ohne nicht schlechter als mit. Ich mag die Gobi-Szene, aber sie ist irgendwo redundant, da wir darin nur Dinge erfahren, die wir schon wissen. Ich mag sowohl den Ausraster im Garten als auch den unter der Dusche, aber beide in einer Fassung zu haben ist zu viel des Guten und im Zweifel ist die Garten-Szene sogar noch besser gespielt. Ich liebe die "Pinocchio"-Anspielungen (wenn die Aliens am Ende aus dem Raumschiff kommen, leuchtet auch alles babyblau, analog zur blauen Fee), aber das Dreyfuss dann in der erweiterten Fassung sogar über den Film redet, ist vielleicht zu on the nose, schwer zu sagen. Am Ende ist das für mich in allen Schnittfassungen ein super Film, aber wenn es drauf ankäme, würde ich wohl im Zweifel trotzdem für die Kinofassung votieren.
AnatolGogol hat geschrieben: 2. Februar 2023 08:01
Casino Hille hat geschrieben: 1. Februar 2023 20:402005 sagte er in einem Interview, als er am Sci-Fi-Drama arbeitete sei er selbst noch Junggeselle gewesen und habe das Drehbuch daher „unbekümmert“ schreiben können. Doch mittlerweile war er bereits mehrfacher Vater und empfand: „Heute würde ich niemals zulassen, dass der Mann seine Familie verlässt und auf das Mutterschiff geht.“
Und das ist auch wohl genau der Grund, warum Spielberg heute nicht mehr solche Filme wie bis Mitte der 80er drehen kann. Das mag den Fan seines frühen Werks (zurecht!) betrüben, aber es zeigt halt auch, dass ein Künstler letztlich nur das geben kann, was in ihm ist.
Zweifellos, ich finde das aber auch okay. Man entwickelt sich als Mensch weiter und dann denkt man über Dinge anders als vorher, fühlt sie anders. Spielberg hat den Film als Sohn gemacht, und dann später als Vater draufgeguckt. Dass das gerade bei so persönlichen Stoffen dann zu einer Perspektivverschiebung führt – klar. Ich finde es tatsächlich sympathisch, dass er das so offen sagt – es fiel ja auch im Zusammenhang mit einem Interview zu "Krieg der Welten" und er hat sich damit deshalb auch u.a. darauf bezogen, dass er in "Krieg der Welten" dieses Mal tatsächlich böse Aliens zeigt und einen Vater im Mittelpunkt hat, der alles tut, um bei seiner Familie zu bleiben. Quasi die Gegenreaktion auf "Unheimliche Begegnung der dritten Art".
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Re: Senses of Wonder – Die Filme des Steven Spielberg

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Sehr schöner Text, ich habe den sehr lange nicht mehr gesehen und kann deshalb nicht ins Detail gehen. Aber immerhin bin ich nun motiviert, ihn schnellstens mal wieder zu sichten. Die Beobachtung mit der "anderen familiären Sichtweise" stimmt definitiv. Aber ist das nicht oft so, dass man Filme später anders drehen würde, zumindest in Teilen? Umgekehrt ist es ja auch beim Rezensenten oder Konsumenten so, dass man bestimmte Aspekte im Abstand anders empfindet oder bewertet. Da macht das Medium ja auch irgendwie spannend und lebendig.
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