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von Casino Hille
'Q Branch' - MODERATOR
Die Quintessenz aller postmodernen Variationen von Boy meets Girl. Ausgehend von der Begegnung zweier Mittzwanziger in einem Zug und ihrem spontanen Entschluss, eine Nacht gemeinsam bei einem Spaziergang durch Wien zu verbringen, fängt Before Sunrise die Naivität junger Liebe so makellos ein, dass es fast weh tut. Es ist ein sanftes Meisterwerk ohne eigentliche Handlung, das ausschließlich aus tiefgründigen und alltäglichen Gesprächen besteht. Beflügelt von der Begeisterung über ihre unmittelbare Verbindung lassen sich Jesse und Céline voll und ganz auf einen gemeinsamen Augenblick ein – sei es nur, um sich später nicht fragen zu müssen: „Was wäre gewesen, wenn..?“
Richard Linklaters für eine ganze Generation prägender Liebesfilm lebt voll und ganz von seinen Hauptdarstellern Ethan Hawke und Julie Delpy, nein, mehr noch: Linklater nimmt sich als Inszenierer zurück und überlässt ihnen das Reden. Eine kluge Wahl: Ihre Chemie ist unwiderstehlich. In ihren endlosen, lebensnahen Unterhaltungen um Sex, Liebe, Kunst, Spiritualität, persönliche Ängste und vergangenen Liebeskummer (eben all die Themen, die bei Dates in dem Alter auf den Tisch kommen) offenbaren sie ihr Innerstes. Schüchternheit, Befangenheit, Zögern, Sehnsucht – und der Wunsch, sich selbst authentisch und selbstbewusst zu zeigen, dominieren ihre Blickkontakte. Linklater fängt perfekt das Gefühl des Verliebtseins ein, assoziiert es mit dem Empfinden, die einzigen beiden Menschen auf der Welt zu sein. Fast jede Einstellung konzentriert sich ausschließlich auf Jesse und Céline, sie sind immer gemeinsam im Bild. Die Sprache des Films setzt nicht auf Shot-/Reverse Shot, sondern begreift die beiden sofort als Einheit. Die idyllische, fast menschenleere österreichische Hauptstadt im Hintergrund verschwimmt immer stärker je länger die Nacht andauert.
Das Ganze ist reinstes Kinos: Naturalistisch in der harmonischen Verbindung von visueller Poesie und fließenden Dialogen, zugleich von betörender Schönheit als bittersüße Erkundung einer vernichtenden Gegenwarts-Nostalgie. Die Liebenden begreifen beide die niederschmetternde Gewissheit, dass ihr nächtliches Abenteuer etwas Einmaliges, Flüchtiges ist. Am Ende der Nacht müssen sie sich trennen und in ihre eigentlichen Leben zurückkehren. Ihre wachsende Intimität ist von kurzer Dauer – ein letzter Moment unbeschwerter, idealistischer Jugend vor dem Eintritt ins Erwachsenenleben. Und genau das macht sie so wahrhaft romantisch. Doch Linklater gab ihrer Liebe die Chance zu wachsen: Gemeinsam mit Hawke und Delpy realisierte er neun und achtzehn Jahre später zwei ebenso brillante Fortsetzungen und schuf damit wohl die authentischste Liebesgeschichte der Filmgeschichte. 10/10
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Let the sheep out, kid.