Re: Zuletzt gesehener Film

11376
Alles aus John Steinbecks Jahrhundert-Roman Jenseits von Eden in einem einzigen Film zu adaptieren wäre unmöglich gewesen. Sein Magnum Opus ist eine epische Familiensaga, die sich vom Bürgerkrieg bis zum Ersten Weltkrieg erstreckt und drei Generationen zweier Familien umfasst, dafür mehrfach die Chronologie verlässt oder die Perspektive wechselt (sogar eine klare Hauptfigur zu benennen fällt schwer). Angesichts dieser also schier unmöglichen Aufgabe, sechshundert Seiten in zwei Stunden zu pressen, entschied sich Regisseur Elia Kazan für eine radikale Vereinfachung. Kühn konzentrierte er sich in seinem tiefgründigen Melodram hauptsächlich auf das letzte Viertel von Steinbecks Roman: eine Neuinterpretation der biblischen Geschichte von Kain und Abel als Allegorie der zerfallenden "Nuclear Family" der Vereinigten Staaten.

Kazans Film, der 1917 an der kalifornischen Küste spielt, wurde wie der Roman zu einem Klassiker. Einen großen Anteil daran hat ein eigentlich trauriger Umstand. Es ist der erste von nur drei großen Filmen, die James Dean vor seinem tragischen Tod drehte (die anderen beiden sind "Rebel Without a Cause" und "Giants"). Und er ist gleich in seiner ersten Hauptrolle bereits absolut brillant! Als eigensinniger junger Mann, der mit seinem Bruder um die Zuneigung ihres religiösen Vaters ringt (und das alles vor dem Hintergrund der schockierenden Enthüllung, dass seine totgeglaubte Mutter noch lebt und im Nachbarort einen Puff leitet), erreicht seine schonungslos emotionale Darstellung männlicher Verletzlichkeit eine ergreifende Intensität. Ebenso fesselnd ist Kazans Meisterschaft, jede Szene mit einer kraftvollen, düsteren Romantik zu durchdringen. Häufig verwendet er Dutch Angles oder nicht-zentrierte Kameraeinstellungen, um eine Welt emotionaler Unausgewogenheit, moralischer Verirrung und jugendlicher Entfremdung zu vermitteln.

Gleichzeitig überflutet er die Leinwand mit eindrucksvoll barocken Bildern der Landschaft des Salinas Valley und nutzt dabei die damals revolutionäre CinemaScope-Fotografie meisterhaft. Seine malerischen, sonnendurchfluteten Technicolor-Außenaufnahmen verströmen eine nostalgische Zärtlichkeit, und heute noch poppen die Farben aus dem Bildschirm heraus. Steinbecks Schatten ist dennoch groß. Sein weltliterarischer Triumph erforschte eingehend einen manichäischen Dualismus, die generationenübergreifende Vererbung von Schuld und die erdrückende Last der Kriegsängste. Kazan hat nicht ansatzweise die Zeit, all diesen Aspekten gerecht zu werden. Seine fiebrige, expressionistische Poesie ist aber nicht weniger eindringlich und unmittelbar als Steinbecks Prosa. 8/10
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Re: Zuletzt gesehener Film

11377
Gerade

Michael

nachgeholt.

So wie ich erwartet hatte. Folgt streng der lang etablierten Formel für (Musiker) Biopics. Routiniert montierte, mit Musik unterlegte Passagen wechseln sich ab mit recht klischeehaft und holzschnittartig geschriebenen Dialogen. Es werden die allseits bekannten Episoden aus Kindheit und früher Karriere erzählt. Man lernt da wenig bis gar nichts neues (wie auch!), aber auch versteht es Autor John Logan nicht, der bekannten Geschichte eine neue Dimension zu verleihen.

Spaß macht Colman Domingo als Vater Jackson, weil er den einzig interessanten Charakter spielt, und dabei einigermaßen erfolgreich nicht zur Karikatur verfällt.
Jaafar Jackson macht seine unmögliche Aufgabe vor allem in den Gesangs- und Tanzeinlagen respektabel, er sieht aber halt auch wirklich ganz anders aus.

Etwas fragwürdig ist das letzte Drittel in dem Victory- und Bad-Tournee lieblos aneinander geklatscht werden, nur damit es eine Art Happy End gibt, mit "Bad" als "Befreiung", wobei man inszenatorisch auch dem Vorbild Bohemian Rhapsody nacheifert, indem man einen lange Passage "live" zeigt.
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Zuletzt gesehener Film

11378
Casino Hille hat geschrieben: 12. Oktober 2026 00:21 Kazan hat nicht ansatzweise die Zeit, all diesen Aspekten gerecht zu werden.
Dafür gibt es dann ja die hervorragende Netflix-Serie "East of Eden" von Kazan-Enkelin Zoe. Den James-Dean-Film muss ich unbedingt nachholen.
"Der Baggersee war Ozean, die Ente war ein Schwan, ein Topf ein Hut, damals hinterm Mond."

Re: Zuletzt gesehener Film

11379
Die Enkelin wird den meisten Aspekten leider auch nicht gerecht, weil sie aus einer pseudo post-modernen und woken Sichtweise den Roman um "problematische Inhalte" erleichtern will. Man kann Steinbeck veraltet finden, aber sich zu erdreisten, sein Werk optimieren zu wollen, ist dann doch eine immense Hybris. Gerade den gnostisch-dualistischen Manichäismus der Vorlage, sozusagen die philosophische Kernthese des Romans, schmeißt Enkelin Kazan zugunsten einer vermeintlich aufgeklärteren Girlboss-Feminismus-Logik aus dem Fenster. Nicht schön, und wie viel Beifall das jetzt selbst von denen erhält, die es besser wissen müssten, betrübt mich.
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Re: Zuletzt gesehener Film

11380
Hab gerade spontan "Linda Linda Linda" (2005) von Nobuhiro Yamashita auf Mubi geschaut. Eine japanische Schülerinnenband ist wenige Tage vor dem Schulfest noch unvollständig besetzt, rekrutiert kurzerhand eine koreanische Austauschschülerin als neue Sängerin und muss irgendwie ihren Auftritt mit drei Songs auf die Reihe kriegen.

Wenn ich etwas entdecke was so viel Herz und Persönlichkeit mitbringt, so charmant ist und ein solches Gespür dafür hat, einem die Charaktere und ihre kleine Welt für einen Abend ans Herz zu legen, dann ist mir das viel lieber als all die Clips von Marvel und die durchkommerzialiserten Popstar-Biopics, die ich seit Jahren beherzt verpasse. Einfach ein schönes, kleines, völlig unerwartetes Juwel.
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