Die Murnau-Version ist auch nicht so wirklich meins. Atmosphärisch sicherlich toll, aber darüberhinaus konnte ich da wenig begeisterndes rausziehen, obwohl ich mit Stummfilmen durchaus etwas anzufangen weiss. 6 Punkte klingt auch in meiner Welt fair.GoldenProjectile hat geschrieben: 23. Oktober 2022 22:45 Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens (F.W. Murnau, 1922)
HahahaGoldenProjectile hat geschrieben: 23. Oktober 2022 22:45Nosferatu - Phantom der Nacht (Werner Herzog, 1979)
(...)
Einzig das zwei- oder dreimal wiederkehrende Traumbild (?) eines Kindes mit Geige regt eher zum Lachen an (nicht zuletzt weil mich der Dreikäsehoch mit seinen dürftigen Geigenkünsten immer an den obligatorischen, alljährlichen Musikauftritt meines jüngsten Cousins am Weihnachtsfest erinnert).
Der Geigenjunge ist für mich gleichzeitig das lächerlichste wie auch das in seiner Absurdität coolste Element des Films. Es soll wohl tatsächlch eine Art Harker quälenden Traum darstellen, aber das ist inhaltlich und inszenatorisch so bizarr, dass man wirklich nur lachend den Kopf schütteln kann. Die laienhafte Integration lässt mich jedesmal aufs neue an Herzogs Professionalität zweifeln. Aber es ist halt wie gesagt irgendwie mittlerweile auch absolut kultverdächtig, obwohl der Film ja sicherlich nicht darauf abzielen möchte sein Publikum zu erheitern.AnatolGogol hat geschrieben: 19. Oktober 2022 07:49Das ist etwas, was ich bei Herzog sehr häufig wahrnehme, gerade auch in seinem Kernwerk. Es gibt in seinen Filmen immer wieder entsprechende Elemente (wir werden bei Nosferatu nochmal darauf zurückkommen müssenGoldenProjectile hat geschrieben: 18. Oktober 2022 23:17 Anfangs schien Aguirre nämlich trotz des eindrucksvollen Dschungelbackgrounds immer ein bisschen wie ein ziemlich ordentlicher Laienfilm auszusehen),
Sehe ich genau so. Vor allem Adjanis Overacting ist irritierend, wobei ich auch hier von einem bewussten Stilmittel (vermutlich als Hommage ans sehr theatralische Stummfilmschauspiel) ausgehe. Da sie aber die Einzige ist, die sich dieses Stilmittels bedient, ragt ihr Spiel etwas unangenehm heraus. Ganz ist ok, vor allem in den Teilen, in denen er den ausgebrannten Harker gibt. Aber auch bei seinem Spiel nehme ich etwas amateurhaftes wahr (er spielt oft auffallend teilnahmslos), was ich so nicht von ihm kenne und daher auch eher auf die Regie zurückführen würde.GoldenProjectile hat geschrieben: 23. Oktober 2022 22:45Darstellerisch tritt Isabelle Adjani ziemlich hölzern und theaterhaft auf, und Bruno Ganz verrichtet eher Dienst nach Vorschrift, von dem bin ich deutlich besseres gewohnt.
A propos: wenn wir schon bei ungewöhnlichem Schauspiel sind muss ich unbedingt noch zwei meiner Lieblingsakteure in Herzogs Nosferatu erwähnen: zum einen Roland Topor, der einen hinreissend irrsinnigen Renfield zum besten gibt, zum anderen Walter Ladengast, dessen spröde und desinteressierte Darstellung des Van Helsing in nicht unwesentlichem Maße zu dystopischen Grundstimmung der zweiten Filmhälfte beiträgt (nach dem Motto: bevor man sich von dem retten lässt, dann lieber gleich den Gang vor die Hunde antreten).
Nanu, findest du den rattigen Nosferatu-Look tatsächlich betörend?GoldenProjectile hat geschrieben: 23. Oktober 2022 22:45 Den besten Auftritt hat Kinski, der den betörenden Grafenlook aus dem Murnau-Film zur Schau stellen, dabei aber verglichen mit seinem Vorgänger Max Schreck auch viel mehr schauspielern und zwischendurch sogar die verletzlichen Seiten des Schreckgespenstes aufzeigen darf.
Das ging mir früher ähnlich, also dass ich die zweite Hälfte als weniger gut wie die erste empfand. Mittlerweile aber eigentlich nicht mehr, da mir Herzogs elegische Darstellung der in sich verfallenden Stadt sehr gut gefällt. Er trifft die Stimmung zwischen Angst, Verzweiflung und letztem Aufbäumen wie ich finde atmosphärisch sehr gut und bringt auch die Geschichte um Nosferatu inhaltlich stimmig zu Ende.GoldenProjectile hat geschrieben: 23. Oktober 2022 22:45 In der zweiten Hälfte bestätigt der Film dann, dass das Problem wohl beim Stoff liegen muss, denn auch Herzogs "Hommage" verliert mit der Schiffsreise und der Rückkehr nach *Name der Stadt einfügen* zumindest teilweise mein Interesse - hier kann ich wiederholen, was schon weiter oben steht: Es zieht sich alles ein bisschen und die spannende Prämisse der vom Vampirfluch heimgesuchten und dahinsiechenden Stadt kann die zweite Hälfte einer Geschichte nicht mehr ganz tragen. Da ist die erste Hälfte auf dem Schloss des Grafen, mit einvernehmender Gruselatmosphäre und einem sinistren, dem Wolfsgeheul lauschenden Kinski einfach die bessere. Herzog darf heute aber 6,5 Punkte von mir mitnehmen.
Insgesamt hat die Herzog-Version bei mir im Laufe der Jahre immer mehr gewonnen, auch weil ich mich mit den vielen bizarren (vermeintlichen/vermutlichen) Stilmitteln mittlerweile gut arrangieren kann bzw. diese - zumindest in Teilen - durchaus zu schätzen weiss. Phantom der Nacht ist für mich ein schöne Mixtur aus Charakterfilm und atmosphärischer Reise in den Untergang, wobei sich diese beiden Elemente nie zweifelsfrei voneinander trennen lassen (da ja auch die Charaktere ihrem ganz persönlichen Untergang entgegen gehen). Punktemäßig irgendwo bei 7,5 Punkten mit einer leichten Tendenz nach oben.