Re: Der Michael Cimino Thread
Verfasst: 14. März 2016 10:06
Im Jahr des Drachen (1985) – Michael Cimino
Es dauerte fünf Jahre, bis Michael Cimino nach seinem von der Kritik verrissenen und vom (US-amerikanischen) Publikum verschmähten Meisterwerk Heaven‘s Gate mit dem 1985 erschienenen Year of the Dragon wieder einen Film realisieren konnte. Mit der erstaunlichen Mixtur aus Crimethriller, Action, Drama, Charakterstudie und Epos gelang es dem zweimaligen Oscar-Preisträger zwar wieder etwas Boden bei Kritik und Publikum gutzumachen, nicht ohne dass jedoch auch sein vierter Kinofilm wieder für eine handfeste Kontroverse sorgte. Dieses Mal war es vor allem die chinesisch-stämmige Bevölkerungsgruppe der USA, die angesichts Ciminos schonungsloser Abhandlung der Triaden-Machenschaften sich in Verruf gebracht sah. Nachdem Cimino bei The Deer Hunter als Reaktionär und bei Heaven’s Gate als Marxist gebrandmarkt wurde, wurde er nun als Rassist abgeurteilt. Ähnlich wie bei seinen vorangegangenen Filmen zeugt diese obeflächliche Einschätzung jedoch eher von fehlendem Verständnis für Ciminos filmische Arbeit, als dass sie wirklich begründet wäre. Aber der Reihe nach.
Stanley White ist der am höchsten dekorierte Polizist New Yorks und hat es sich zur Aufgabe gemacht die mafiösen Strukturen in Chinatown zu bekämpfen und auszumerzen. Der traumatisierte Vietnam-Veteran wird bei seinen Bemühungen nicht zuletzt dadurch angetrieben, dass er in seinem Kampf gegen die chinesische Mafia eine Art Fortführung oder Stellvertreterkrieg seiner militärischen Einsätze in Vietnam sieht. Den New Yorker Triaden, die lange Zeit aufgrund eines „Arrangements“ mit der Polizei weitgehend unbehindert ihren Macheschaften nachgehen konnten, ist der neue „Marshal“ ein Dorn im Auge und entsprechend wird White zusehends zur Zielscheibe. Gleichzeitig findet innerhalb der chinesischen Mafia ein Verdängungskrieg statt, bei welchem sich der junge Joey Tai mit skrupellosen Methoden an die Spitze setzt und so zum direkten Gegenspieler von White avanciert. Zwischen den beiden charismatischen Führungspersönlichkeiten entbrennt ein brutaler Zweikampf, aus welchem keiner der beiden Kontrahenten letztlich unbeschadet hervorgeht.
Year of the Dragon ist in Bezug auf sein Genre gar nicht so einfach einzuordnen. Auf den ersten Blick ein typischer Crimethriller mit hohem Gewaltpegel, entpuppt er sich bei näherer Betrachtung aber auch als fein herausgearbeitete Charakterstudie, welche sich viel Zeit nimmt für die Sezierung ihrer Figuren. Die Charakterisierung erfolgt dabei zu einem Großteil durch das Agieren der Figuren innerhalb ihrer sozialen Strukturen. Entsprechend nimmt sich der Film sehr viel Zeit, die Dickköpfigkeit und die Unbelehrbarkeit wie auch die manische Besessenheit seines Protagonisten Stanley White in der Interaktion mit seiner entfremdeten Ehefrau und seinen zunehmend auf Distanz gehenden Polizeikollegen zu zeigen. Die Ausführlichkeit dieser Szenen ist für einen Polizeithriller schon bemerkenswert und verleiht Year of the Dragon deutlich mehr Tiefgang als vielen seiner Genrekollegen. Wobei wie gesagt eine schubladengerechte Genreeinordnung bei diesem Film eh nicht wirklich zielführend ist, da er dafür einfach zu vielschichtig ist.
Nach seinen beiden visuell atemberaubenden Vorgängern brennt Cimino auch dieses Mal wieder ein bildgewaltiges Feuerwerk sondergleichen ab. So verfügt der Film über eine Vielzahl an eindrucksvollen und erinnerungswürdigen Einstellungen, in welchen es dem Regisseur auf meisterliche Art und Weise gelingt seine Locations mit Licht und Schatten zu kombinieren. Die farbenprächtigen Neujahrsfeierlichkeiten, der elegische Trauerzug, die dunklen Keller der Unterwelt, das verschwenderisch ausgestattete Restaurant von „Onkel Harry“, der Blick von Tracys Loft auf die nächtliche Skyline, die Verfolgungsjagd durch die nächtliche Hochhaus-Metropole, Joeys Einritt in die Bergwelt des goldenen Dreieck und natürlich der finale, grandios ausgeleuchtete Showdown zwischen White und Tai auf einer Bahnbrücke: der Film ist in den genannten Szenen (und in vielen mehr) geradezu eine Lehrstunde für meisterliche Bildinszenierung und sorgt durch die geradezu inflationäre Anzahl an „Eyecandy“ nicht nur für offene Münder bei Fans visuell edel gestalteter Filme, sondern auch für ein enormes Maß an Atmosphäre.
Zusätzlich gelingt es Cimino seinen Film jederzeit spannend und kurzweilig zu halten (Lauflänge: 135 Minuten). Das vom Regisseur zusammen mit keinem geringeren als Oliver Stone verfasste Drehbuch ist dabei durchdacht und entwickelt sowohl die Figuren als auch die Geschichte logisch und aufeinanderaufbauend. So kommt dann auch bei keiner Szene der Verdacht der Redundanz auf, jede Szene erfüllt ihren Zweck und bringt Charaktere und Story weiter voran auf dem Weg zum finalen Klimax. Die Dialoge sind geschliffen und ausdrucksstark, gerade auch durch die oftmals sehr ausschmückenden chinesischen Formulierungen (Anmerkung: rund ein Viertel des Films ist in untertiteltem Chinesisch).
Auch wenn Year of the Dragon kein reinrassiger Actionfilm ist, so verfügt er dennoch über eine Reihe an rasant und spektakuär inszenierten Actionsequenzen, von denen vor allem der ungemein wuchtige und destruktive Angriff auf Onkel Harrys Restaurant herausragt. Gerade in diesen Szenen, wie aber auch generell im ganzen Film, ist Cimino wenig zimperlich in Bezug auf die Darstellung von Gewalt. Diese ungeschönte Darstellung leistet ihrerseits einen effektiven Beitrag zur hohen atmosphärischen Dichte des Films wie auch zu seiner eindringlichen Wirkung.
Kronjuwel von Ciminos Film ist fraglos die darstellerische Leistung von Mickey Rourke als Stanley White. Mit enormer Bandbreite bedient Rourkes Spiel nahezu die gesamte Palette menschlicher Emotionen. Rourke ist knallhart, aufbrausend, unberechenbar, zynisch bis hin zur Menschenverachtung und auf der anderen Seite aber auch sensibel, gebrochen, melancholisch, ja geradezu verloren. Wie wohl kaum einem anderen Darsteller seiner Generation gelingt es Rourke auch hier wieder einen Charakter aus Fleisch und Blut zu portraitieren und seinen Stanley White letztlich dann doch zum Sympathieträger des Films zu machen – was erstaunlich genug ist angesichts der sich oftmals nur sehr wenig von den Handlungen seiner kriminellen Gegenüber unterscheidenden Aktionen. Hier ist Rourkes Charisma gefragt und Rourke liefert. Und wie, für mich ist Rourkes Stanley White eine der besten schauspielerischen Leistungen der 80er Jahre. John Lones beachtliche Performance als Antagonist Joey Tai macht den Film dann endgültig zu einer darstellerischen Sternstunde. Zwei Jahre vor seinem Karrierhöhepunkt in Bernardo Bertoluccis Der letzte Kaiser liefert auch Lone eine bärenstarke Vorstellung als aufstrebender Triaden-Juniorchef. Mit einer ganz eigenartigen, aber sehr effektiven Mischung aus Charme und Widerwärtigkeit spielt er seinen über Leichen gehenden Joey Tai, der oftmals wie eine noch skrupellosere Variante von Michael Corleone wirkt. Unterstützt werden die beiden zentralen Darsteller des Films von einem zwar wenig namhaften, aber durch die Bank hochklassig agierenden Supporting Cast, aus welchem vor allem Caroline Kava als Whites Frau und Raymond Barry als Whites Freund und Kollege herausragen.
Mit Year of the Dragon gelang Michael Cimino der dritte ganz große Wurf in Folge. Ein Film, der gerade innerhalb der Thriller und Actionfilme der 80er Jahre allein schon aufgrund seines Tiefgangs und seiner Figurenzeichnung herausragt. Den Ritterschlag verleihen dem Film die jederzeit durchdachte und ausgefeilte Bildinszenierung sowie ein auf allerhöchstem Niveau agierendes Darstellerensemble (inklusive des seinerzeit wohl besten Schauspielers der Welt), abgerundet durch einen fabelhaften und einprägsamen Soundtrack von David Mansfield. Der Verwurf des Rassismus erweist sich dagegen als haltlos, da einerseits der Film seine weißen Figuren (in erster Linie in Person von Protagonist White) letztlich nicht besser darstellt wie seine chinesischen Antagonisten und er andererseits über eine ganze Reihe an positiven chinesischen Figuren (Herbert, der alte Soja-Züchter, Tracy) verfügt. Der Protagonist des Films mag als Rassist durchgehen, der Film selber ist es aber sicherlich nicht.
Wertung: 9,5 / 10
Es dauerte fünf Jahre, bis Michael Cimino nach seinem von der Kritik verrissenen und vom (US-amerikanischen) Publikum verschmähten Meisterwerk Heaven‘s Gate mit dem 1985 erschienenen Year of the Dragon wieder einen Film realisieren konnte. Mit der erstaunlichen Mixtur aus Crimethriller, Action, Drama, Charakterstudie und Epos gelang es dem zweimaligen Oscar-Preisträger zwar wieder etwas Boden bei Kritik und Publikum gutzumachen, nicht ohne dass jedoch auch sein vierter Kinofilm wieder für eine handfeste Kontroverse sorgte. Dieses Mal war es vor allem die chinesisch-stämmige Bevölkerungsgruppe der USA, die angesichts Ciminos schonungsloser Abhandlung der Triaden-Machenschaften sich in Verruf gebracht sah. Nachdem Cimino bei The Deer Hunter als Reaktionär und bei Heaven’s Gate als Marxist gebrandmarkt wurde, wurde er nun als Rassist abgeurteilt. Ähnlich wie bei seinen vorangegangenen Filmen zeugt diese obeflächliche Einschätzung jedoch eher von fehlendem Verständnis für Ciminos filmische Arbeit, als dass sie wirklich begründet wäre. Aber der Reihe nach.
Stanley White ist der am höchsten dekorierte Polizist New Yorks und hat es sich zur Aufgabe gemacht die mafiösen Strukturen in Chinatown zu bekämpfen und auszumerzen. Der traumatisierte Vietnam-Veteran wird bei seinen Bemühungen nicht zuletzt dadurch angetrieben, dass er in seinem Kampf gegen die chinesische Mafia eine Art Fortführung oder Stellvertreterkrieg seiner militärischen Einsätze in Vietnam sieht. Den New Yorker Triaden, die lange Zeit aufgrund eines „Arrangements“ mit der Polizei weitgehend unbehindert ihren Macheschaften nachgehen konnten, ist der neue „Marshal“ ein Dorn im Auge und entsprechend wird White zusehends zur Zielscheibe. Gleichzeitig findet innerhalb der chinesischen Mafia ein Verdängungskrieg statt, bei welchem sich der junge Joey Tai mit skrupellosen Methoden an die Spitze setzt und so zum direkten Gegenspieler von White avanciert. Zwischen den beiden charismatischen Führungspersönlichkeiten entbrennt ein brutaler Zweikampf, aus welchem keiner der beiden Kontrahenten letztlich unbeschadet hervorgeht.
Year of the Dragon ist in Bezug auf sein Genre gar nicht so einfach einzuordnen. Auf den ersten Blick ein typischer Crimethriller mit hohem Gewaltpegel, entpuppt er sich bei näherer Betrachtung aber auch als fein herausgearbeitete Charakterstudie, welche sich viel Zeit nimmt für die Sezierung ihrer Figuren. Die Charakterisierung erfolgt dabei zu einem Großteil durch das Agieren der Figuren innerhalb ihrer sozialen Strukturen. Entsprechend nimmt sich der Film sehr viel Zeit, die Dickköpfigkeit und die Unbelehrbarkeit wie auch die manische Besessenheit seines Protagonisten Stanley White in der Interaktion mit seiner entfremdeten Ehefrau und seinen zunehmend auf Distanz gehenden Polizeikollegen zu zeigen. Die Ausführlichkeit dieser Szenen ist für einen Polizeithriller schon bemerkenswert und verleiht Year of the Dragon deutlich mehr Tiefgang als vielen seiner Genrekollegen. Wobei wie gesagt eine schubladengerechte Genreeinordnung bei diesem Film eh nicht wirklich zielführend ist, da er dafür einfach zu vielschichtig ist.
Nach seinen beiden visuell atemberaubenden Vorgängern brennt Cimino auch dieses Mal wieder ein bildgewaltiges Feuerwerk sondergleichen ab. So verfügt der Film über eine Vielzahl an eindrucksvollen und erinnerungswürdigen Einstellungen, in welchen es dem Regisseur auf meisterliche Art und Weise gelingt seine Locations mit Licht und Schatten zu kombinieren. Die farbenprächtigen Neujahrsfeierlichkeiten, der elegische Trauerzug, die dunklen Keller der Unterwelt, das verschwenderisch ausgestattete Restaurant von „Onkel Harry“, der Blick von Tracys Loft auf die nächtliche Skyline, die Verfolgungsjagd durch die nächtliche Hochhaus-Metropole, Joeys Einritt in die Bergwelt des goldenen Dreieck und natürlich der finale, grandios ausgeleuchtete Showdown zwischen White und Tai auf einer Bahnbrücke: der Film ist in den genannten Szenen (und in vielen mehr) geradezu eine Lehrstunde für meisterliche Bildinszenierung und sorgt durch die geradezu inflationäre Anzahl an „Eyecandy“ nicht nur für offene Münder bei Fans visuell edel gestalteter Filme, sondern auch für ein enormes Maß an Atmosphäre.
Zusätzlich gelingt es Cimino seinen Film jederzeit spannend und kurzweilig zu halten (Lauflänge: 135 Minuten). Das vom Regisseur zusammen mit keinem geringeren als Oliver Stone verfasste Drehbuch ist dabei durchdacht und entwickelt sowohl die Figuren als auch die Geschichte logisch und aufeinanderaufbauend. So kommt dann auch bei keiner Szene der Verdacht der Redundanz auf, jede Szene erfüllt ihren Zweck und bringt Charaktere und Story weiter voran auf dem Weg zum finalen Klimax. Die Dialoge sind geschliffen und ausdrucksstark, gerade auch durch die oftmals sehr ausschmückenden chinesischen Formulierungen (Anmerkung: rund ein Viertel des Films ist in untertiteltem Chinesisch).
Auch wenn Year of the Dragon kein reinrassiger Actionfilm ist, so verfügt er dennoch über eine Reihe an rasant und spektakuär inszenierten Actionsequenzen, von denen vor allem der ungemein wuchtige und destruktive Angriff auf Onkel Harrys Restaurant herausragt. Gerade in diesen Szenen, wie aber auch generell im ganzen Film, ist Cimino wenig zimperlich in Bezug auf die Darstellung von Gewalt. Diese ungeschönte Darstellung leistet ihrerseits einen effektiven Beitrag zur hohen atmosphärischen Dichte des Films wie auch zu seiner eindringlichen Wirkung.
Kronjuwel von Ciminos Film ist fraglos die darstellerische Leistung von Mickey Rourke als Stanley White. Mit enormer Bandbreite bedient Rourkes Spiel nahezu die gesamte Palette menschlicher Emotionen. Rourke ist knallhart, aufbrausend, unberechenbar, zynisch bis hin zur Menschenverachtung und auf der anderen Seite aber auch sensibel, gebrochen, melancholisch, ja geradezu verloren. Wie wohl kaum einem anderen Darsteller seiner Generation gelingt es Rourke auch hier wieder einen Charakter aus Fleisch und Blut zu portraitieren und seinen Stanley White letztlich dann doch zum Sympathieträger des Films zu machen – was erstaunlich genug ist angesichts der sich oftmals nur sehr wenig von den Handlungen seiner kriminellen Gegenüber unterscheidenden Aktionen. Hier ist Rourkes Charisma gefragt und Rourke liefert. Und wie, für mich ist Rourkes Stanley White eine der besten schauspielerischen Leistungen der 80er Jahre. John Lones beachtliche Performance als Antagonist Joey Tai macht den Film dann endgültig zu einer darstellerischen Sternstunde. Zwei Jahre vor seinem Karrierhöhepunkt in Bernardo Bertoluccis Der letzte Kaiser liefert auch Lone eine bärenstarke Vorstellung als aufstrebender Triaden-Juniorchef. Mit einer ganz eigenartigen, aber sehr effektiven Mischung aus Charme und Widerwärtigkeit spielt er seinen über Leichen gehenden Joey Tai, der oftmals wie eine noch skrupellosere Variante von Michael Corleone wirkt. Unterstützt werden die beiden zentralen Darsteller des Films von einem zwar wenig namhaften, aber durch die Bank hochklassig agierenden Supporting Cast, aus welchem vor allem Caroline Kava als Whites Frau und Raymond Barry als Whites Freund und Kollege herausragen.
Mit Year of the Dragon gelang Michael Cimino der dritte ganz große Wurf in Folge. Ein Film, der gerade innerhalb der Thriller und Actionfilme der 80er Jahre allein schon aufgrund seines Tiefgangs und seiner Figurenzeichnung herausragt. Den Ritterschlag verleihen dem Film die jederzeit durchdachte und ausgefeilte Bildinszenierung sowie ein auf allerhöchstem Niveau agierendes Darstellerensemble (inklusive des seinerzeit wohl besten Schauspielers der Welt), abgerundet durch einen fabelhaften und einprägsamen Soundtrack von David Mansfield. Der Verwurf des Rassismus erweist sich dagegen als haltlos, da einerseits der Film seine weißen Figuren (in erster Linie in Person von Protagonist White) letztlich nicht besser darstellt wie seine chinesischen Antagonisten und er andererseits über eine ganze Reihe an positiven chinesischen Figuren (Herbert, der alte Soja-Züchter, Tracy) verfügt. Der Protagonist des Films mag als Rassist durchgehen, der Film selber ist es aber sicherlich nicht.
Wertung: 9,5 / 10