Das ist mir etwas zu pauschal. Ja, das "Nach Hause kommen" ist ein sehr wichtiges Thema der Odyssee, aber es ist nicht das einzige und je nach Übersetzung auch nicht unbedingt das Bestimmende. Genauso lässt sich die gesamte Erzählung als eine Allegorie auf Theoxenie, die altgriechische Idealvorstellung von tugendhafter Gastfreundschaft deuten.00T hat geschrieben: 6. Mai 2026 00:44 Eigentlich ist die Odyssee die Geschichte eines Spätheimkehrers, der sich fragen muss, ob er in seiner Heimat überhaupt noch erkannt und angenommen wird, und sich letztlich seinen Platz zurückkämpfen muss.
Man muss vielleicht auch dazu sagen, dass sich über die Odyssee nicht so sprechen lässt wie über heutige Romane. Es gibt die Odyssee und es gibt die Odyssee. Das Homer'sche Gesamtwerk "Odyssee" ist - wie du beschrieben hast - in 24 Bücher bzw. Gesänge aufgeteilt, wobei nur die Bücher 9 bis 12 tatsächlich Odysseus Irrfahrten beschreiben. Die acht Bücher zuvor schildern hauptsächlich das Wirken der Götter, Telemachos nach seinen Vater suchen zu lassen und Odysseus von der Insel Ogygia loskommen zu lassen. Die Bücher 13 bis 24 behandeln dann die Heimkehr Odysseus nach Ithaka, und seine Rückeroberung der verlorenen Heimat.
Das Kernwerk der Odyssee, die von vielen Forschern als der zentrale Mythos gesehen wird, ist aber die Erzählung der Bücher 9 bis 12, also die tatsächliche Geschichte der Irrfahrten. Man geht in der Regel davon aus, dass dieses Märchen (es ist schon im Werk selbst als ein solches codiert, da Odysseus es selbst als Geschichte erzählt) das ursprüngliche Epos ist, welches später um weitere Elemente erweitert wurde. Die ersten vier einleitenden Bücher etwa über seinen Sohn Telemachos werden daher oft auch als die Telemachie bezeichnet, also wie ein eigener vorangestellter inhaltlicher Brocken behandelt. Die Rückkehr nach Ithaka samt Freiermord (auch als Mnesterophonia bekannt) ist dann für sich wieder angereichert durch verschiedene Einzelgeschichten, so bestehen mehrere Bücher hauptsächlich daraus, dass Odysseus in der Gestalt eines Bettlers namens Aithon auf Ithaka unterschiedliche Märchen über seine Herkunft erzählt, um seine wahre Identität zu verschleiern.
Man geht davon aus, dass der Mythos um den Heimkehrer Odysseus - also die Ithaka Geschichte - als Erzählung bereits lange vor der Odyssee in der jetzigen Form existierte, und dort nur im Zusammenhang mit anderen Kurzepen (deren Zusammenschluss die Irrfahrten bilden) sozusagen kanonisiert wurde. Die Telemachie kam wahrscheinlich erst deutlich später dazu.
Doch, die homerische Odyssee ist letztlich eben doch ein Abenteuer-Stoff, sogar einer der ursprünglichen Abenteuer-Stoffe. Womit du aber recht hast ist, dass die Heimkehr und die desillusionierende Wirkung der Heimkehr aufgrund der Unwiederbringlichkeit alter Zeiten (nach Heraklit: "Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss") in einer Adaption nicht ausbleiben dürfen, zumindest in einer heutigen, die den Spagat schaffen muss, in der Odyssee Themen zu identifizieren, die heute noch mit Menschen räsonieren.00T hat geschrieben: 6. Mai 2026 00:44 Die homerische Odyssee ist jedenfalls nicht wirklich ein Abenteuer-Stoff, auch wenn ihr Name mittlerweile synonym damit geworden ist.
Hat hier eigentlich jemand "Rückkehr nach Ithaka" mit Ralph Fiennes als Odysseus gesehen? Dieser Low-Budget-Film konzentriert sich nur auf den zweiten Teil der Homer'schen Odyssee, überspringt die Irrfahrten komplett und zeigt ausschließlich die Zeit ab Odysseus erfolgreicher titelgebender Rückkehr. Durchaus eine Empfehlung für am Stoff Interessierte: