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von 00T
Agent
The Hateful Eight(2015)
Quentin Tarantino, berüchtigt für seine meist sehr erfolgreichen Filme mit seinem ganz eigenen Stil, hatte bereits 2012 seinen ersten Film in Wild-West-Manier „Django Unchained“ vorgelegt. 2015 nun folgte direkt sein zweiter Streich aus diesem Genre – und das, obwohl er ursprünglich überhaupt nicht vorgehabt hatte, diesen Film zu drehe, nachdem das Drehbuch illegal verbreitet worden war. Schließlich entschloss er sich aber dennoch zu diesem Projekt, was nur befürwortet werden kann im Angesicht des Filmes, den er schlussendlich präsentierte.
Trotz seiner beachtlichen Länge weist „The Hateful Eight“ erstaunlich wenige Ortswechsel auf. Trotz der eindrucksvollen Panorama-Aufnahmen zu Beginn verlagert Tarantino das Geschehen sehr schnell in die beengten Räumlichkeiten einer Kutsche und eines Wirtshauses. Mehr braucht es jedoch auch nicht, da sich die Kameraführung auch lieber auf die Handlung und Mimik der einzelnen Akteuere konzentriert. Dass der Film dazu, wie bei Tarantions Filmen oft üblich, in mehrere Akte unterteilt ist, macht den Eindruck eines gefilmten Kammerspiels komplett. Denn vor allem in den ersten zwei Dritteln ist der Film sehr Dialog-belastet, was schnell in die gefürchtete Langeweile übergehen könnte, jedoch nicht zuletzt dank der Schauspieler kein einziges Mal der Fall ist und es durchaus unterhaltsam ist, den Männern zuzusehen, die von einer Frau an der Nase herumgeführt zu werden scheinen. Und auch die Musik des Western-Komponisten schlechthin, Ennio Morricone, trägt gehörig etwas dazu bei und ist alleine schon ein Grund, den Film zu genießen.
Tarantino nutzt die lange Laufzeit genüsslich aus, um sein Kammerspiel langsam, aber stetig zu entwickeln und auf das unvermeidliche Ende hinzuführen. In den teilweise sehr ausschweifenden Dialogen und auch Monologen der Figuren werden alle möglichen Themen angerissen, die teilweise mit dem eigentlichen Geschehen kaum einen Zusammenhang zu haben scheinen und doch allesamt zusammenhängen, insbesondere bei dem Thema, das der Titel bereits andeutet: Dem Hass. Lauter Konflikte aus der amerikanischen Geschichte werden gemeinsam in einen Topf geworfen, egal ob zwischen weiß und schwarz, den Nord- oder Südstaaten oder Männern und Frauen. Im Hass entwickelt Tarantino seine in einer Blockhütte zusammen eingepferchten Charaktere weiter, die alle nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Und so entwickeln sich auch unaufhaltsam die Kriminalgeschichte und die damit verbundene Spannung, erst noch unscheinbar und gewöhnlich, bis sich der Spannungsbogen immer mehr zuspitzt. Dabei benutzt er alle Mittel, die ihm zur Verfügung stehen. Durch humoristische Einlagen wird das Geschehen aufgelockert, um den Spannungsbogen dann durch bestimmte Dialoge wieder so auszureizen, dass man meint, die Spannung mit den Händen greifen zu können. Noch mehr geschieht das, wenn auf einmal surreale Elemente ihren Einzug finden, wie das Ergänzen eines auktorialen Erzählers oder effektiv gesetzte Rückblenden, bis die aufgebaute Spannung sich im blutigen Enddrittel so entlädt, wie sie es unweigerlich muss.
Dazu kommt noch, dass keine der handelnden Personen wirklich als Identifikationsfigur erscheint. So gut wie niemand, der sich in der engen Blockhütte befindet, ist wirklich der, der er zu sein scheint. Selbst die am ehesten als Sympathieträger taugenden Figuren von Kurt Russell und Samuel L. Jackson entpuppen sich im Laufe des Filmes als moralisch genauso wenig überlegen wie der Rest des Ensembles. Und doch kann der Zuschauer sich insbesondere im letzten Drittel nicht daran hindern, bei gewissen Gräueltaten bestimmter Personen heimlich zuzustimmen, da er die Handlungsweise irgendwie doch verstehen kann und so vielleicht auch mal über sich selbst nachdenkt.
Das liegt natürlich auch an den Leistungen der Schauspieler, die den Film teilweise komplett auf den eigenen Schultern tragen müssen. Von dem Ensemble in der Hütte kann jeder der Darsteller doppelt und dreifach überzeugen, wobei ganz besonders die unfassbar agierenden Samuel L. Jackson und Jennifer Janet Leigh herausstechen. Jackson liefert als Kopfgeldjäger Warren womöglich die beste schauspielerische Leistung seiner Karriere ab und Leigh als barbarische Mörderin ist herrlich abscheulich und übertrifft in ihrer Grausamkeit jeden einzelnen ihrer männlichen Mitgefangenen in der Hütte. Allerdings sichern sich auch Kurt Russell und Walton Gobbins ihren Platz neben diesen beiden mit Bravour und bleiben keinesfalls hinter den erstgenannten zurück. Die anderen Charaktere mögen vielleicht etwas weniger im Vordergrund stehen, machen ihre Sache allerdings mehr als nur gut, egal ob es sich um Demian Bichir, Tim Roth, Michael Madsen, Bruce Dern, James Parks oder Channing Tatum handelt. Ohne ihre schillernden Charaktere wäre Tarantino sein Stück garantiert nicht so bravurös gelungen, wie es der Fall ist.
In Tarantinos neuestem Werk verweben sich perfekt grandiose schauspielerische Leistungen, eine wunderbare Themenverflechtung, Spannung und ein umwerfender Soundtrack. Selten war, selbst für Tarantinos Verhältnisse, einer seiner Filme düsterer und verstörender, selten waren die einzelnen Elemente besser aufeinander abgestimmt. Und wenn das fast schon deprimierende und beunruhigend absolute Ende der beinahe wie im Flug vergehenden 160 Minuten eintritt, gefolgt vom Abspann, ist das durchaus schockierende Resultat der „hasserfüllten Acht(oder doch eher neun?)“ für den Zuschauer: Es gibt keine Helden, es gibt keine Sieger... und Hoffnung schon gar nicht.
Punkte: (10/10)
"East, West, just points of the compass, each as stupid as the other."
(Joseph Wiseman in Dr. No)