Re: Filmbesprechung: "Goldfinger (GF)"
Verfasst: 23. September 2017 11:43
Gerade AVTAK (hab ich grad neulich wieder gesehen, hervorragender Film!) ist doch total amerikanisch...
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Si, allen voran Staceys Haus, die Feuerwehrwagen-Jagd, die Golden Gate und Roger Moores Kleidungsstil.Nico hat geschrieben:Gerade AVTAK (hab ich grad neulich wieder gesehen, hervorragender Film!) ist doch total amerikanisch...
TheManFromUNCLE hat geschrieben: Sie [Pussy] setze damals ebenfalls neue Maßstäbe, was moderne selbstbewusste Frauen unserer Gesellschaft heute noch auszeichnen.
Es ist ohnehin erstaunlich, wie einfallsreich GF in Bezug auf ungewöhnliche Tötungsarten daherkommt. In die gleiche Kerbe wie die von dir exemplarisch genannte „Golden Girl“-Szene schlagen auch Odd Jobs ungewöhnliche Verwendung seines Bowlers, der von dir im weiteren Verlauf deines Textes noch angeführte aus dem Flugzeug gesaugte Goldfinger, der elektrisch „gegrillte“ PTS-Angreifer oder die „pressante“ Entsorgung des Mr. Solo. Und natürlich – auch wenn formal letztlich ja gerade keine Tötung – das Einschläfern einer ganzen Stadt und am ikonographischsten Bonds Beinahe-Zerteilung. Auch wenn das Thema ungewöhnliche Tötungsarten weder innerhalb der Bondserie noch generell in der Filmwelt etwas gänzlich Neues darstellt, so macht die dritte Bond-Verfilmung tatsächlich regelrecht eine Kunstform daraus.photographer hat geschrieben:Schon die Todesszene des Golden Girls als "abstrahiert, pervertierter Kunstakt" – scheinbar der Zirkuswelt entliehen – dürfte den Zuschauer mit offenen Mund dastehen lassen haben, der in seiner Eigenwahrnehmung dann auch noch überzeugt war, neues zum Thema ungewöhnliche Tötungsarten dazugelernt zu haben.
Das ist ein sehr guter Punkt, da Goldfingers Ausführungen zur Operation Grand Slam leicht den Eindruck erwecken könnten, es würde sich um einen konstruierten Drehbuchkniff handeln, um dem Zuschauer den Plan zu erläutern und bei welchem die dramaturgische Kette „Inkenntnissetzung-Liquidierung“ keinen Sinn ergäbe. Als charakterdefinierende Szene ergibt das Ganze aber tatsächlich vollkommenen Sinn, gerade auch in Kombination mit der anschliessenden Szene zwischen Goldfinger und Bond beim Mint Julep, in welcher es dem Superschurken geradezu diebische Freude bereitet, wie der Geheimagent peu-a-peu die Brillanz seines Plans erkennt. Dazu passt auch, dass Goldfinger Bond bei der Beinahe-Kastration am Leben lässt, weil dieser – zumindest in Teilen – den Grand Slam-Plan entdeckt hat. Spinnt man das weiter, so lässt Goldfinger Bond nicht leben, weil er eine Gefahr für sein Unternehmen darstellt, sondern weil er in ihm ein adäquates „Publikum“ für sein Genie sieht.photographer hat geschrieben:Dabei sehnte Auric Goldfinger sich, wie jeder normale Mensch, nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Leider verbot sein mörderisches Konzept jede Mitwisserschaft Außenstehender, so dass allein das Eingeweihtsein schon den sicheren Tod bedeutete. So stellte er selbstverliebt seinen Masterplan einer ausgesuchten Gruppe von Verbrechern vor, deren Schicksal besiedelt war, nachdem sie wie Mäuse den dargebotenen Käse gerochen und für gut befunden hatten.
Man könnte den Kontrast zwischen Destruktion und Protektion auch noch auf ein eine weitere Ebene projizieren: das Kino der 50er und frühen 60er war immer noch stark geprägt durch den vorangegangenen 2. Weltkrieg, in welchem Destruktion für einen Großteil der Weltbevölkerung das bestimmende Element im täglichen Leben war. Berücksichtigt man desweiteren, dass der 2. Weltkrieg in letzter Konsequenz von den Allierten nur durch Zerstörung gewonnen werden konnte (kulminierend mit den atomaren Bombenabwürfen in Japan, welche die Zerstörung auf ein ganz neues Level hoben), so erscheint es nur als sinnig, dass auch Hollywood als Abbild der realen Welt auf eine „Sieg-durch-Destruktion“-Moral setzte. Das in GF zugrunde liegende Motiv „Sieg-durch-Protektion“ hingegen ist sicherlich auch der damaligen Entwicklung im kalten Krieg geschuldet. Die Kuba-Krise hatte den Menschen weltweit sehr eindringlich vor Augen geführt, wie nah man einer kollektiven Vernichtung war. Durch die massenhafte Aufrüstung atomarer Waffen war die Devise „Sieg-durch-Zerstörung“ praktisch sinnlos geworden, da ein solcher Sieg mit hoher Wahrscheinlichkeit mit der eigenen Vernichtung – zumindest in großen Teilen – einhergehen würde. Vor diesem Hintergrund entpuppt sich GF auch in seiner dramaturgischen Konzeption ganz eng am Puls seiner Zeit.photographer hat geschrieben:Während andere Filmspektakel jener Tage auf Destruktion als Lösungsprämisse hinausliefen – etwa die Zerstörung einer Eisenbahnbrücke in »Die Brücke am Kwai« (1957) oder die blutige Eroberung einer Stadt in »Lawrence von Arabien« (1962) – waren diese Helden alles Archetypen (aus) der Vergangenheit, wie beispielsweise auch Ben Hur (1959) und der Militärtrupp, der »Die Kanonen von Navarone« (1961) in die Luft sprengte.
James Bond war dagegen etwas Neues: Ein Held der Jetztzeit, der etwas zu bewahren hatte, statt es zu zerstören. Den Supergau, hervorgerufen durch die ultimative Schreckenswaffe der Neuzeit, den es abzuwenden galt! Die Auslösung eines atomaren Sprengsatzes als größtmögliches Schreckensszenario in einer ernst gemeinten Rahmenhandlung erschien hier erstmalig auf der Leinwand. Der damalige neue Held einer westlichen Zivilisationsgesellschaft kam auf einer zweiten Meta-Ebene die Aufgabe zu, die Werte des kapitalistischen Systems zu bewahren. Dabei stellte der schnöde Mammon »Gold« in Form US-amerikanischer Goldreserven die perfekte Replik für das Wohlstandskonzepts des Kapitalismus jener Tage dar.
Ein erfreulicher Nebenaspekt des im Bondkosmos immer wieder angewendeten „Geist-über-Gewalt“-Musters ist eine dadurch erreichte höhere Identifikation mit der Bondfigur. Auch wenn der Superagent für uns Normalsterbliche so oder so eine unerreichbare Projektionsfigur bleibt, so macht die Tatsache, dass auch er irgendwo seine Grenzen hat und gerade auf physischem Gebiet zuweilen unterlegen ist ihn für das gemeine Publikum deutlich greifbarer, nicht zuletzt, da auch die meisten von uns sich körperlich eher im „Mittelfeld“ bewegen.photographer hat geschrieben:Der Zweikampf zwischen Bond und Oddjob in den Stahlkammern gehört für mich persönlich zu den intelligent umgesetzten Passagen der Filmreihe. Schon in der Buchvorlage war das Faktotum nicht durch alleinige Kraftanstrengungen des Helden zu besiegen, sondern erst die Prämisse Geistesverstand siegt über rohe Gewalt zeigte eine der innovativsten Lösungen von Seiten der Drehbuchautoren.
Absolut, zudem schlug man mit dieser Klappe zwei weitere Fliegen: erneut erhöhte man so die Identifikation des Zuschauers (der genau so ratlos vor dem Gewirr aus bewegenden Elementen und Kabeln steht wie Bond) und gleichzeitig natürlich auch die Spannung, da während die Sekunden verrinnen man dem rat- und tatlosen Bond genauso gelähmt zuschauen muss.photographer hat geschrieben:So möchte ich abschliessend anmerken: Während der Agent 1964 in diesem Film noch überfordert war, die Bombe selbst zu deaktivieren, hätte das Publikum dies im umgekehrten Falle als unglaubwürdig empfunden, wenn er dies gekonnt hätte. Sie erlebten mit diesem Helden zusammen erstmalig diesen Vorgang, während es heute in genügend Genrebeiträgen zum Einmaleins des Agentenhandwerks gehört, eine solche entschärfen zu können.
In Zeiten von politcal correctness und #metoo wird es so etwas sicherlich nie wieder geben. Und das ist sehr schade, da es nur zeigt wie wenig die öffentliche Meinung zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann bzw. will. Ein omnipotenter sexueller Superman, dem ALLE Frauen nach mehr oder weniger kurzer Zeit in die Arme sinken ist genau so weit hergeholt wie ein alleswissender, alleskönnender Superagent, der es noch nicht einmal nötig hat seine Identität geheimzuhalten. Akzeptiert man das eine (obwohl man es rational besser weiss, also dass es eben nicht real ist), so erscheint es widersinnig das andere als moralisch verwerflich zu brandmarken, weil es ein schlechtes Vorbild geben könnte – warum sollte Fiktion überhaupt gezwungenermaßen als Vorbild dienen? Die Faszination am Kino kam nicht zuletzt auch durch die Möglichkeit über die Leinwand in Parallelwelten abtauchen zu können. Im zeitgenössischen Kino geht hingegen die Tendenz immer mehr zu reiner Fantasie, die als solche auch jederzeit erkennbar ist (exemplarisch seien die Marvel-Filme genannt) oder Filmen, deren Anspruch es ist die Realität wiederzugeben. Parallelwelten, die sich zwischen beiden Ansätzen bewegen, gibt es hingegen kaum noch.photographer hat geschrieben:Die größte Trumpfkarte in der Verpflichtung Sean Connerys in der Rolle als James Bond war in den ersten vier Leinwandverfilmungen seine schiere sexuelle magnetische Ausstrahlung, die sich als wahres Leinwand-Viagra entpuppte, welche auch bei absurdesten Vorgaben eines Drehbuchs jeden noch so groben Unfug kaschieren konnte. Dabei dürfte die Umkehrung einer lesbischen Pussy Galore, die sich einem heterosexuellen Mann in einem Moment sexueller Nötigung in einem Heuschober hingab, das absolute i-Tüpfelchen in dieser Verfilmung sein. Gerade Sean Connery konnte diese Szene so kolportieren, dass sie - auch beim weiblichen Publikum – nicht abartig und verwerflich wirkte und der Darsteller als widerlicher Vergewaltiger wahrgenommen würde. In der heutigen Zeit wäre diese Form von Lösungsansatz nicht im geringsten mehr tragbar.
Völlig richtig und daher vermutlich auch die sinnigste und adäquateste Missionsentscheidung innerhalb der gesamten Bondserie, da gerade beim Connery-Bond der 60er sein Sex-Apeal die mit Abstand größte Waffe in seinem umfangreichen Arsenal ist, weit vor allen anderen noch so ausgetüftelten Gadgets von Q.photographer hat geschrieben:So könnte man meinen: Liebe macht frei (= der sexuelle Eros überschreitet alle Grenzen) und (ein) "Casanova" schafft es, das Böse in der Welt (immer wieder auf Zeit) zu besiegen.
Anders gefragt: Welcher Bondfilm danach hat denn die gesamte Filmlandschaft mehr geprägt als GF?Casino Hille hat geschrieben:Toller und persönlicher Text, photographer. Muss Maibaum aber insofern zustimmen: Die "Neuerungen", die GF gebracht haben soll, sehe ich nicht bzw wenn nur in sehr abgeschwächter Form.