Angetrieben von den überschwänglichen Kritiken kam ich einfach nicht drum herum, mir „Toni Erdmann“ anzusehen. Der deutsche Film an sich spaltet sich für mich in 3 grundlegende Bereiche, 1. Der Mainstream mit Komödien und Dramen (vorzugsweise bei Schauspielern wie Schweiger, Schweighöfer und M´Barek anzutreffen) 2. Das Genrekino (z.B. „Stereo“ oder auch „Who am I“) oder auch 3. Den Arthouse-Film, zu dem nun auch „Toni Erdmann“ sich dazugesellen darf. Wohingegen die Tragikomödien des Mainstreams mit platten, übertrieben geschriebenen Figuren aufwarten, die Aktionen machen, die in der Realität nie passieren würden, nicht zu vergessen hin und wieder Schnittgewitter bei Dialogen oder auch eine Sepia-Überflutung, kommt Toni Erdmann als krasser Gegenentwurf daher und liefert für mich einen der besten deutschen Filme seit „Victoria“ aus dem letzten Jahr.
Es geht hier zum einen um den 65-jährigen Winfried Conradi, seines Zeichen Musiklehrer, sehr verkannt und einfühlsam. Und zum anderen um seine Tochter Ines Conradi, die in Bukarest als Unternehmensberaterin gerade an einem großen Projekt arbeitet. Beide sehen sich nur noch sporadisch. Doch als Winfrieds Hund stirbt entschließt er sich, seine Tochter in Bukarest zu besuchen. In Folge skurriler Ereignisse tritt Winfrieds Alter Ego „Toni Erdmann“ auf den Plan und wirft das ganze Bild vor Ort durcheinander.
Regisseurin Maren Ade ist immer sehr nah an den beiden Protagonisten Ines und Winfried, die perfekt von Peter Simonischek und Sandra Hüller gespielt werden. Die Chemie der Beiden gibt dem Film die nötige Würze und macht das Vater-Tochter-Drama so unglaublich gut. Der Kontrast vom menschlichen Winfried zur unmenschlichen Karrieristin Ines und die durch die Annäherung aufkommende Charakterentwicklung ist bis zum Ende hin wirklich treffend. Die Beziehung der Beiden wird durch einen Mix aus alltäglichen und skurrilen Momenten, in dem genug Peinliche Situationen für beide entstehen auf eine Probe gestellt, der Spiegel vorgehalten und mit sehr viel Taktgefühl herrlich unaufgeregt herausgearbeitet. Einziges Problem für mich ist die Hammerlaufzeit von 162 Minuten, die für mich nach der Erstsichtung die Frage aufwirft: War jetzt jede Szene wichtig, um die Beziehung der Beiden auch glaubhaft darzustellen oder hätte man hier und da den Film straffen können ? Das hindert den Film leider, die Höchstwertung zu bekommen.
„Toni Erdmann“ - My First Look – 9/10 Punkte.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 00:12
von Maibaum
Toni Erdmann hat übrigens den europäischen Filmpreis, einen der anspruchsvolleren Filmpreise, gleich in 5 Kategorien gewonnen, und zwar den wichtigsten: Bester Film, Regie, Drehbuch und beide Hauptdarsteller
Wenn er Pech hat kriegt er auch noch den Auslands-Oscar hinterhergeschmissen, aber das wird schon irgendein bewegendes zeitgeschichtliches Drama vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges verhindern.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 00:16
von HCN007
Du meinst sicherlich den auch von mir gesehenen und mit ebenfalls 9 Punkten bewertete "Under Sandet" aus Dänemark ?
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 11:13
von Maibaum
HCN007 hat geschrieben:Du meinst sicherlich den auch von mir gesehenen und mit ebenfalls 9 Punkten bewertete "Under Sandet" aus Dänemark ?
Nein, das war eine allgemein gehaltene Aussage ohne irgendeinen bestimmten Film im Hinterkopf zu haben.
Den habe ich auch noch nicht gesehen, aber vom Lesen her schien das kein typischer Oscar Film zu sein.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 11:16
von GoldenProjectile
Across the Universe (2007, Julie Taymor)
Julie Taymors Across the Universe ist ein Musical, ein Beatles-Musical, um genau zu sein. Über dreissig Lieder der erfolgreichsten Band aller Zeiten, hauptsächlich aus der Spätphase, prägen nicht nur den Soundtrack, sondern auch die Narration und ziehen sich wie ein roter Faden durch die gut zweistündige Geschichte. Für den Film wurden die altbekannten Stücke allesamt neu produziert und eingespielt und von den Darstellern gesungen. Die Ergebnisse weichen daher häufig etwas von den Lennon/Harrison/McCartney-Originalen ab oder variieren diese, besonders im Gesang, der um einiges einfacher und "freier" wirkt, aber auch in der teilweise experimentiell modernisierten Instrumentalisierung. Insgesamt lässt sich festhalten, dass die musikalische Untermalung (die aber eigentlich viel mehr ist als nur das) die Vertrautheit der Lieder bewahrt, den wundervollen Klassikern aber auch einige erfrischend neue Seiten abgewinnt.
Zwischen und auch während seiner Lieder erzählt Across the Universe aber auch eine Geschichte. Die Geschichte eines Liverpooler Dockarbeiters, Jude, der Ende der 1960er-Jahre nach Amerika reist, um seinen unehelichen Vater ausfindig zu machen. Aber natürlich kommt alles anders als erwartet und bald lebt Jude in einer wild zusammengewürfelten Wohngemeinschaft in New York mit Jojo, Sadie, Prudence, Maxwell und dessen Schwester Lucy, in die er sich verliebt. Kenner werden sofort bemerken, dass diese Charaktere, bzw. ihre Namen, ebenfalls den Liedtexten der Beatles entliehen sind. Dasselbe trifft auch auf kleinere Nebenrollen und einzelne Dialogzeilen zu. Und schliesslich kämpft Jude im New York der Swinging Sixties um und gegen die beiden Drama-Archetypen in ihrer besten Form: Die Liebe und das Leben.
Across the Universe ist quasi das filmische Äquivalent zu der Psychedelic Rock Phase der Fab Four, und setzt deren Songtexte absolut mühelos und ohne Scheuklappen zu seiner eigenen Welt zusammen. Genauso sehr ist der Film aber eine komplexe und tiefsinnige Auseinandersetzung mit den historischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der späten 1960er, Anti-Vietnam-Protesten, Martin Luther King, Kriegstrauma und Pazifismus. Taymor gelingt es dabei, ohne allzu viele Dialoge oder Exposition eine Tiefe aufzubauen, die einen mit den Charakteren mitfiebern und -fühlen lässt, so dass die emotionale Tragweite der Handlung gewährt ist und das Ende, das genau wie die "Vorlage" in der Realität bei einem Konzert auf dem Dach eines Wohnblocks stattfindet, seine volle Wirkung entfalten kann.
Taymors wundervolle Inszenierung strotzt vor ausdrucksstarker Stilisierung, sie holt wirklich das Maximum aus Farben, Formen, Match Cuts und kunstvollen Montagen heraus. Nur selten sind Filme visuell im wahrsten Sinne des Wortes so berauschend, ohne dass sich je das Gefühl erschleicht, die Stilisierung würde nur um ihrer Selbst Willen erfolgen. Im Gegenteil; Bildmontagen, Musik, Songtexte und Inhalt gehen Hand in Hand und verschmelzen zu einer Einheit, dass es einfach nur Spass macht. Einige Momente sind in der Kombination von Musik, Ästhetik und Narration schlicht umwerfend (Come Together, I Am the Walrus, A Day in the Life...).
Across the Universe ist einer dieser Filme, denen Visionen zugrunde liegen, die mit voller Wucht und ohne Kompromisse umgesetzt werden. Die visuell atemberaubend gestaltete, eigensinnige und extravagante Vermengung neuinterpretierter Beatles-Klassiker zu einem emotional tiefschürenden Geschichtsdrama weiss zu gefallen, zu unterhalten, zu faszinieren. Ein fantastischer Film.
Wertung: 9,5 / 10
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 11:44
von Maibaum
Den mochte ich auch sehr.
Die Neuinterpretationen der Lieder ist auch sehr stark, und der Soundtrack eine echte Empfehlung.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 13:55
von Casino Hille
GoldenProjectile hat geschrieben:Across the Universe ist quasi das filmische Äquivalent zu der Psychedelic Rock Phase der Fab Four
Wunderbar. Noch einfacher on point ist der Film mit einem Satz wahrlich nicht zu beschreiben. Für Beatles-Fans ist der Film ein wahrliches Sammelsurium aus Fan-Geschenken, tollen Referenzen, cleveren Anspielungen etc. usw. Zudem der seltene Glücksfall, in dem die Ästhetik die Töne der Handlung wirklich bereichert, statt ihnen nur zu entsprechen. Und besonders Evan Rachel Wood, ohnehin fraglos eine famose Schauspielerin, hat es mir dort angetan, und sie ist eine ungemein wichtige Stütze für den Film, wie empfandest du ihre Leistung?
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 14:01
von GoldenProjectile
Casino Hille hat geschrieben:
GoldenProjectile hat geschrieben:Across the Universe ist quasi das filmische Äquivalent zu der Psychedelic Rock Phase der Fab Four
Wunderbar. Noch einfacher on point ist der Film mit einem Satz wahrlich nicht zu beschreiben. Für Beatles-Fans ist der Film ein wahrliches Sammelsurium aus Fan-Geschenken, tollen Referenzen, cleveren Anspielungen etc. usw. Zudem der seltene Glücksfall, in dem die Ästhetik die Töne der Handlung wirklich bereichert, statt ihnen nur zu entsprechen. Und besonders Evan Rachel Wood, ohnehin fraglos eine famose Schauspielerin, hat es mir dort angetan, und sie ist eine ungemein wichtige Stütze für den Film, wie empfandest du ihre Leistung?
Wirklich intensiv habe ich die Darsteller im Film eigentlich nicht wahrgenommen, das war einer dieser Fälle, in denen die Figuren lebendig und ihre Darsteller treffend sind, ohne dass konkrete schauspielerische Leistungen hervorstechen. Amüsant empfand ich die schrägen, kleineren Auftritte bekannter Darsteller bzw. Beatles-Figuren, also U2's Bono als Doctor Robert oder Eddie Izzard als Mr. Kite. Und der Jojo-Darsteller ist einer von denen, die in der Ecke einer Bar sitzen und "gently" Harrisons While my Guitar gently weeps "weepen" können, und dabei in Zusammenspiel mit der Inszenierung mehr ausdrücken als so mancher Oscargewinner in seinen hochgelobtesten Rollen.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 14:41
von Samedi
Hab mir gestern "Plötzlich Papa" angesehen. Wirklich ein hammer Film und einer der besten Filme des Jahres. Auch wenn es eine Komödie ist, hat der Film unglaublich viel Tiefgang und vor allem Gloria Colston überzeugt als lebenslustige Tochter von Omar Sy. Wenn sie will, steht ihr noch eine große Karriere bevor.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 16:39
von Casino Hille
GoldenProjectile hat geschrieben:Wirklich intensiv habe ich die Darsteller im Film eigentlich nicht wahrgenommen
Ok, ja. Das kann ich bis zu einem gewissen Grad sogar nachvollziehen, gerade in diesem Film. Ich fand aber schon, dass Wood besonders stark war, dass sie über ihre Rolle hinaus Eindruck gemacht hat. Allerdings ist Wood auch eine Schauspielerin, die mir immer besonders auffällt, die sehr angenehm aus einem Cast hervorzustechen weiß. Und das nicht mal immer nur in großen Rollen.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 29. Dezember 2016 22:58
von GoldenProjectile
Hier ist noch eine exzellente Szene aus Across the Universe. Ich glaube spätestens hier habe ich mich in den Film verliebt. Und die Variation des altbekannten Hit-Songs ist fantastisch. Übermenschlich. Gigantisch. Unendlich schön. Kaum zu fassen, dass die Milchstrasse nach diesen 2 Minuten 44 noch steht. Und das Mädchen ist auch bezaubernd.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 30. Dezember 2016 11:47
von Maibaum
Viel schöner als der Original Song. Die frühen Beatles interessieren mich ohnehin nicht so sehr.
Die blonde Cheerleaderin kommt mir irgendwie bekannt vor. Wer ist das?
Albern war allerdings die Drogenszene am Anfang, bei der sie angeblich (wegen PG13?) nicht richtig zeigen durften daß die kiffen.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 30. Dezember 2016 11:55
von GoldenProjectile
Maibaum hat geschrieben:Viel schöner als der Original Song. Die frühen Beatles interessieren mich ohnehin nicht so sehr.
Die blonde Cheerleaderin kommt mir irgendwie bekannt vor. Wer ist das?
Albern war allerdings die Drogenszene am Anfang, bei der sie angeblich (wegen PG13?) nicht richtig zeigen durften daß die kiffen.
Ja, das langsame Tempo und die sehr reduzierte aber klangvolle Instrumentalisierung passen besser als der konventionellere Ansatz des Originals, wobei ich Lennon & MCCartney aber natürlich dennoch Respekt zolle für ihre Arbeit, die dieses tolle Cover überhaupt erst möglich gemacht habe. Und das Original mag ich im Prinzip auch.
Die frühen Beatles finde ich gut, aber eben auch nicht wirklich interessant. Die Songs machen Spass und es sind auch einige Perlen dabei, aber stundenlang zuhören würde ich ihnen da auch nicht. Ab Help, spätestens ab Rubber Soul wurde es dann aber grossartig.
Keine Ahnung, wer das Blondchen ist und welche Kiffszene du meinst. Bei With a Little Help from my Friend sieht man einen Joint, wenn ich mich nicht irre.
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 30. Dezember 2016 12:01
von Maibaum
GoldenProjectile hat geschrieben:
Keine Ahnung, wer das Blondchen ist und welche Kiffszene du meinst. Bei With a Little Help from my Friend sieht man einen Joint, wenn ich mich nicht irre.
Am Anfang, als Dings in den USA gelandet ist, auf dem College, da ist so eine Szene wo die Party machen, und nur so tun als ob sie etwas rauchen, und das sah lächerlich aus, bzw sehr seltsam, und im Audiokommentar wird gesagt daß sie das aus Zensurgründen nur andeuten durften. Ich wusste natürlich was gemeint war, konnte mir aber nicht vorstellen warum das so gedreht wurde.
Und das Gesicht der Blonden kommt mir verdammt vertraut vor, aber ich komme nicht drauf. Die taucht nur in dieser Szene auf?
Re: Zuletzt gesehener Film
Verfasst: 30. Dezember 2016 12:06
von GoldenProjectile
Potzlblitz, du hast recht. Und nein, ich bin mir gerade ziemlich sicher dass Blondchen später nicht mehr auftaucht.