AnatolGogol hat geschrieben:Schön geschrieben und vor allem so, dass man deine Einschätzung bestens nachvollziehen kann.
Danke dir und Daniel im Vorpost, ja, ich hab bei Star Trek wohl warum auch immer eine Schwäche für die Filme, die mir völlig unverständlicherweise als Außenseiter der Reihe gelten und gerade 1 und 5 sind für mich die beiden großen Geheimtipps im Star Trek Kosmos, die dann auch wesentlich mit Trek für mich sind, als beispielsweise die beiden Nimoys. Ich denke, das liegt auch daran, dass mir Star Trek dann am besten gefällt, wenn es große Themen anspricht, wenn es seinem Ursprung entsprechend den Fokus auf das Entdecken legt und sich auf seine Ur-Stärken besinnt, die auch gerade die beiden Serien so groß gemacht haben. Trek 3 und 4 mögen unterhaltsam sein, aber sie sind mir vermutlich zu gewöhnlich, vielleicht auch zu einfach in vielen Punkten und wirken dann doch wie ausgedehnte TV-Episoden. Star Trek I oder V sind dafür meinem Empfinden nach die perfekten Kino-Adaptionen der Ideale und Ziele der TOS im würdigen Leinwand-Format, letzterer ist sogar wie ein gelungenes, geschmeidiges Best Of der Serie.
AnatolGogol hat geschrieben:so werden die beliebten Crew-Mitglieder hier überzeichnet ohne Ende und zu Witzfiguren degradiert
Das finde ich etwas sehr hart. Sulu und Chekovs Verlaufen im Yosemite Park finde ich ehrlich gesagt absolut herzlich, das ist eine tolle Idee und passt irgendwie sogar sehr gut zu den Figuren, so etwas ähnliches kenne ich sogar aus dem Privatleben. Imo ist das richtig spaßig und der oft kritisierte Uhura-Striptease ist doch Selbstironie pur und gibt der Nichols neben den etablierten Altherren auch mal die Gelegenheit, ein wenig mit sich selbst zu kokettieren. Ich kann durchaus verstehen, wenn einem das nicht zusagt, aber das tolle an ST V ist für mich, dass er an vielen Stellen nicht ernst genommen werden will oder bewusst seiner selbst parodiert, dann aber dennoch sehr emotional und hochgradig spannend ist. Dieser Kontrast, der mag wie auf dich auch konterkarierend wirken, aber ich sehe darin nicht unbedingt einen großen Widerspruch, wohl auch, weil für mich der Ernst der Situation nicht abbricht (einfach deshalb, da die grundlegende Situation der Mission immer präsent bleibt und das gemeinsame Lachen mit dem Zuschauer nur Nebenschauplatz ist). Zu der Szene, in der Scotty sich selbst in die Bewusstlosigkeit befördert, habe ich eine andere Meinung. Ist es nicht so, dass er das Schiff eben NICHT wie seine Westentasche kennt, wie er vorher behauptet, sondern es eben noch sehr neu und um Umbau war und ist und er eher zum Schein (und zur Freude darüber, wieder auf der Enterprise zu sein) derartige Behauptungen äußert? Für mich hat das immer gepasst, inhaltlich.
danielcc hat geschrieben:Mein Lieblings Zitat: "Wozu braucht Gott ein Raumschiff?"
Ja, das ist absolut großartig, einer der schönsten Sätze des Franchises und mein Lieblingsmoment des Films, der ein wenig als dramaturgische raison d'être auftritt und viele Motive des Films wunderbar aufgreift und zu einem Abschluss führt. Das ist wunderbar gemacht und könnte original aus den besten Folgen von TNG sein.
AnatolGogol hat geschrieben:Ist es nur Hypnose oder nimmt er seinen „Patienten“ tatsächlich die Last ihres seelischen Schmerzes?
Für mich steht fest, dass er ihnen das Leid tatsächlich nimmt, allerdings eben nicht auf ewig, sondern nur auf begrenzte Zeit, er schafft praktisch eine Illusion, in der das Leid getilgt wird, aber unweigerlich irgendwann zurückkehren muss (weil wir - wie Kirk richtig bemerken - unseren Schmerz brauchen, er uns erst menschlich macht). Darin liegt dann ein gewisser verklärender Effekt, in der die Furchtlosigkeit jeden Schmerz bedeckt und eine Erleuchtung mitsich bringt, die Sybok zu seinem Vorteil nutzt, was auch die Herkunft der häufig erwähnten Gehirnwäsche erklären würde. Mit hypnotisch meinte ich eigentlich eher die Art und Weise, wie er ihnen ihre großen Leidspunkte im Leben vorhält und präsentiert, da diese Art des bewussten erneuten Erlebens mit dem heutigen Hypnosehandwerk gar nicht mal so wenig zu tun hat und näher an der Realität dran ist, als man da jetzt vielleicht glauben mag und es scheint mir auch in dieser Hinsicht inszeniert zu sein. Das mag auch hier wieder bei vielen nicht funktionieren, aber wie in fast allen anderen inhaltlichen Dingen halte ich ST V für sehr ambitioniert und gerade deshalb für interessant, wenngleich auch mir nicht alle Zusammenhänge ganz klar sind (Frage: müssen sie das denn überhaupt?). Wichtiger ist doch eh, dass "The Final Frontier" den Geist und die Seele Star Treks auf eine ganz neue und doch vertraute Art und Weise frisch definiert und daraus seine große Faszination schlägt.
AnatolGogol hat geschrieben:Ein ausdrückliches Lob für die Effekte hätte ich wahrlich nicht erwartet
Ganz wichtig: Es geht mir nicht um die technische Qualität der Effekte, die sicherlich unter allen Vorgängern anzusiedeln ist und immer dann am saubersten und besten ausschaut, wenn man Shots aus ST IV recyclet hat. Es geht eher um das Design, um die Präsentation der Effekte. Die Shuttle-Landung in der Enterprise ist beispielsweise eine wirklich stark inszenierte Szene (und das trotz der für sich genommen schwachen VFX), genauso wie alles, was in der Barriere oder im Showdown passiert (auch wenn man froh sein muss, dass Shatner dort seine Idee von diesen merkwürdigen Steinkreaturen nicht umsetzen konnte, die dann immerhin in "Galaxy Quest" noch verwendet wurde). Das wird alles toll präsentiert und es hat trotz seiner minderen fachlichen Qualität einen enormen Effekt auf mich, der mir dann auch wichtiger als die reine Bewertung der technischen Umsetzung ist.
AnatolGogol hat geschrieben:ist mir persönlich aber eine zu einfache Entschuldigung für das sehr unrunde Ende
Das war gar nicht so gemeint, dass ich damit das Ende des Films rechtfertigen wollen würde, sondern eine inhaltliche Analyse dessen, was uns der Abschluss des Films metaphorisch mitteilen will. Siehe dazu den Dialog zwischen Kirk und Spock gleich zu Beginn des Films, als Kirk richtigerweise argumentiert (oder nicht-argumentiert?), dass man nur deshalb einen Berg besteige, weil er da sei und einem damit die Möglichkeit biete. So ähnlich verhält es sich mit der Suche nach Gott oder einem Sinn der Schöpfung (welcher Form auch immer, hier kann Gott auch stellvertretend beispielsweise für den Urknall sein). ST V argumentiert klar, dass diese Suche (im Film wie im Leben, das ist eben ein Teil der Philosophie des Filmes, die man nicht teilen muss, aber kann und darf) am Ende keine vollends befriedigende Antwort geben kann, da jede Art der Antwort eine Form der Unzufriedenheit mit sich bringen würde. Diese Unzufriedenheit wird direkter Bestandteil der Handlung, als "Gott" sich als falscher Freund entpuppt und Syboks Glaube (seine Existenzberechtigung) sichtlich in seinem Gesicht zerbricht, ihm aber (interessanterweise) dadurch eine Form der Erleuchtung bringt, die zu der Opferung seinerseits führt. Trotz aller Erlebnisse ist Kirks christlicher Glaube jedoch schlussendlich nicht verschwunden, sondern überwindet die Grenzen des Räumlichen und geht dorthin, where no man has gone before. Das ist für mich schlüssig und eine sehr schöne Sichtweise, die gleichzeitig religionskritisch (Sybok) wie aber auch neutral oder leicht positiv Religionen gegenüber auftritt und letztendlich die Existenz einer Gottheit sogar offen lässt, denn wo es einen Teufel gibt, da muss doch irgendwo auch ein Gott sein. Oder?