Der Dario Argento Thread

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Letztes Jahr hatte ich die Vorweihnachtszeit dazu genutzt meinen Edgar-Wallace-Marathon zu absolvieren, dass war eine spassige Veranstaltung und ich wollte daher dieses Jahr wieder etwas ähnliches machen. Da ich in der Filmographie des Horror- und Giallo-Genies Dario Argento noch einige Lücken hatte bot sich ein Argento-Marathon an, zumal die dunkle und kalte Jahreszeit gerade recht ist für die wohligen Schocker des Italieners. Für alle, denen der Name Dario Argento nichts sagt ein paar Worte über ihn: Argento erlangte vor allem während der 70er und 80er Jahre Weltruhm durch seine stilprägenden und visuell revolutionären Arbeiten im Thriller- und Horrorgenre. Sein Name ist besonders eng verbunden mit dem Giallo-Genre, einer italienischen Variation des Thrillergenres, bei der häufig die Aufklärung einer Mordserie im Zentrum steht und die Mordszenen in der Regel äußerst drastisch, in den besseren Genrevertretern gleichzeitig aber auch künstlerisch sehr ansprechend dargestellt werden - und Argentos Arbeiten gehören ohne Zweifel zu den besten Gialli. Eine typische Argentomordszene muss man sich in etwa vorstellen wie Hitchcocks berühmte Psycho-Duschszene, nur mit dem Unterschied dass bei Argento jeder Messerstich ins Fleisch des Opfers ohne Zweifel gezeigt werden würde. Vor seiner Arbeit als Regisseur (er debütierte bereits im jungen Alter von 29 Jahren auf dem Regiesessel) trat Argento als vielbeschäftiger Drehbuchautor in Erscheinung, sein bekanntestes Script ist sicherlich das in Zusammenarbeit mit Bernardo Bertolucci entstandene Drehbuch zu Sergio Leones Klassiker „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Seit einigen Tagen läuft nun mein Marathon schon und hier ein kurzer Abriss, was sich bisher getan hat:


Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe (1969)
Argentos Regieerstling gilt als absoluter Giallo-Meilenstein – und das völlig zurecht. Auch über 40 Jahre später wirkt der Film aufgrund seiner Vielzahl an visuellen Ideen noch frisch und überhaupt nicht verstaubt. Argento peppte die an sich gewöhnliche Story (amerikanischer Autor beobachtet zufällig einen Mordanschlag und ermittelt im Anschluss auf eigene Faust und gerät dadurch selbst ins Visier eines Serienmörders) durch ungewöhnliche Stilmittel auf, der größte Clou ist sicherlich dass er dem Publikum die Auflösung des Film schon nach fünf Minuten präsentiert, ohne dass man es bewusst registriert. Die Morde sind straff und brutal festgehalten, die Schockelemente werden gekonnt durch Montagetechnik und Kameraeinstellungen verstärkt. Zur Auflockerung und als Kontrast zu den gewalttätigen Schockelementen baute Argento diverse gelungene humoreske Szenen ein wie die mit dem stotternden Knacki Servus oder die mit Mario Adorf als katzenverspeisendem Kunstmaler. Veredelt wird der gelungen Film durch die wie immer hochklassige Filmmusik von Ennio Morricone.
Wertung: 8,5 / 10


Die neunschwänzige Katze (1970)
Argentos zweiter Film setzt in vielen Dingen die Linie seines Erstlings fort. So ist die Story unverkennbar nur eine Variation des Vorgängers. Dieses mal ist es ein Blinder, der Zeuge von Geschehnissen rund um einen Mord wird und versucht zusammen mit einem Journalisten auf eigene Faust den Fall zu lösen. Die Hauptrollen sind dabei mit Oscarpreisträger (und Knollennase) Karl Malden und dem gerade durch die Planet-der-Affen-Fortsetzung zu Weltruhm gekommenen James Franciscus erstaunlich prominent besetzt und gut gespielt. Argento spielt mit den Erwartungen des Zuschauers und lässt sie hin und wieder bewusst ins Leere laufen. So verwundert es zunächst, dass der erste Mord nicht zu dem Zeitpunkt stattfindet wo man ihn eigentlich erwartet. Auch macht es Argento großen Spass seinen eigenen Erstling zu zitieren wie auch Anleihen bei Großmeister Hitchcock zu machen. So ist die vergiftete Milch natürlich nichts anderes als eine Hommage an Verdacht. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen will, dann den dass die Auflösung sowie die Hintergründe vergleichsweise schwach geraten sind, dafür gelingt es Argento aber wiederum den Film mit einem echten Paukenschlag zu beenden. Daher ist der Film in Summe nur einen Hauch schwächer als sein Vorgänger.
Wertung: 8 / 10


Vier Fliegen auf grauem Samt (1971)
Argentos dritter Film ist ebenfalls ein lupenreiner Giallo. Im Vergleich mit den beiden Vorgängern wartet der Film aber mit einigen interessanten Variationen auf. So ist in den 4 Fliegen noch viel mehr nicht so, wie es zunächst scheint. Ambiente und Stilistik erscheinen zudem um einiges moderner als die in der Beziehung recht klassisch angehauchten Vorgängerfilme. Die bereits in der neunschwänzigen Katze eingeführten fantastischen Elemente werden weiter ausgebaut kulminierend in der berühmten Netzhaut-Szene, in der mittels futuristischer Technik der letzte visuelle Eindruck auf der Netzhaut einer Toten reproduziert wird. Klingt abgedreht, passt aber gut in den Film rein. Handlungstechnisch geht es um einen Musiker, der vermeintlich einen Passanten tötet und im Anschluss von einem Unbekannten erpresst wird. Der Musiker nimmt die Verfolgung auf und wie man sich denken kann werden dadurch die Dinge noch schlimmer. Optisch ist der Film wieder ein Fest, muss man noch extra erwähnen, dass besonders die Mordszenen extrem einfallsreich gefilmt sind? Kurios, dass ausgerechnet Unikum Bud Spencer eine zwar kleine, aber letztlich bedeutende Rolle spielt. Die Schlussszene mit dem Auffahrunfall in Ultrazeitlupe zu Morricones getragener Musik ist der absolute Höhepunkt eines durch und durch gelungenen Films.
Wertung: 8 / 10


Die Halunken (1973)
Der Film ist die ganz große Ausnahme in Argentos filmischem Schaffen, handelt es sich doch um eine historische Komödie die während der italienischen Revolution 1848 spielt. Keine Schock- oder Horrorelemente, sehr wenig Blut – allein das ist schon bemerkenswert für Argento. Die Halunken orientiert sich filmisch ganz ohne Zweifel an Leones zwei Jahre zuvor entstandener Todesmelodie, erreicht aber nie auch nur annähernd dessen Qualität. Im Gegensatz zu Leone, der seinen Revolutionswestern eher als humoristisch gespicktes Westerndrama in Szene setzte ist Die Halunken eine seichte Komödie mit vereinzelten kritischen und dramatischen Elementen. Das Werk ist auch weniger ein zusammenhängender Film als mehr eine Aneinanderreihung von mehr oder weniger lustigen Episoden, in denen Hauptdarsteller Adriano Celentano durch die Revolutionswirren stapft. Beim Name Celentano denkt man vor allem an überdrehte Gaga-Komödien, in denen er sich als Italiens Vorzeigemacho stilisieren liess. Das ist in Argentos Film sicherlich nicht der Fall, dennoch erscheint Celentano eine merkwürdige Wahl, vor allem angesichts der in den Schlussszenen deutlich dramatischeren Momenten des Films. Argentos Ausflug ins Komödienfach ist sicher kein guter Film, allzu zäh und oft langweilig, darstellerisch und auch in der Inszenierung nicht wirklich überzeugend. So bleibt der Film eine kuriose Randnotiz im Schaffen Argentos, mehr auch nicht.
Wertung: 5 / 10


Profondo Rosso (1975)
Profondo Rosso gilt gemeinhin als bester Giallo aller Zeiten – und dem kann und will ich nicht widersprechen. Noch besser und geschickter als in seinen ersten drei Genrevertretern gelingt es Argento hier furiose Kamerarbeit, Spannung, Handlung und Charaktere mit einander zu vereinen. Im Zentrum steht ein englischer Pianist, der Zeuge eines Mordes an einem Medium wird. Diese hatte bei einer öffentlichen Seance im Publikum einen Mörder ausgemacht, der sich im Anschluss der unliebsamen Zeugin entledigt. Der Pianist nimmt daraufhin zusammen mit einer jungen Reporterin die Verfolgung auf. Klassisches Giallo-Material also, aber diesmal stellt Argento seine Charaktere deutlich mehr ins Zentrum und lässt ihnen wesentlich mehr Zeit und Szenen zur Entfaltung. Dies äussert sich in den vergleichsweise langen Abständen zwischen den einzelnen Mordszenen, die wie Inseln inmitten des Films angelegt sind. Dennoch kommt zu keinem Moment so etwas wie Langeweile auf, zu packend und faszinierend inszeniert Argento seinen Film. David Hemmings ist vermutlich der beste Protagonist aller Argentofilme, verkörpert er doch perfekt den Typ des Normalos, mit dem sich der Zuschauer deutlich besser identifizieren kann als mit klassischen Heldenfiguren wie sie von Franciscus oder Musante dargestellt wurden. Hervorhebenswert ist in jedem Fall noch der fabelhafte Score der Prog-Rock-Gruppe Goblin, die hier erstmals mit Argento kollaborierten. Profondo Rosso ist einer der nervenzerfetzendsten Filme aller Zeiten mit einer brillanten Auflösung (auch wenn sie nüchtern gesehen „nur“ eine Variation von Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe darstellt).
Wertung: 9 / 10


Suspiria (1977)
Der Hexenhorror von Giallo-Pabst Argento ist ein Paradebeispiel dafür, dass es bei einem Film häufig viel weniger wichtig ist was gezeigt wird als wie es gezeigt wird. Denn die Story von Suspiria ist mehr als nur dünn: junge Amerikanerin zieht in ein Tanz-Internat in Deutschland, das sich nach und nach als Hexenhaus entpuppt. Der Film hätte durch seine diversen Genre-Versatzstücke durchaus Potenzial zum Trash, aber genau hier kommt Argento ins Spiel: er schafft es tatsächlich diesem absurden Szenario künstlerischen Anspruch zu verleihen. Die Bildsprache des Films ist einfach fantastisch, Argento arbeitet hier sehr viel mit Signalfarben – allen voran natürlich rot. Die stilisierte Künstlichkeit der Szenerien unterstützt die Farbgestaltung, die ungewöhnlichen Kameraperspektiven und gekonnte Schnitttechnik kongenial. Kongenial ist auch der penetrierende Score von Goblin, der den Zuschauer in einen permanenten Zustand von Unruhe versetzt. Mit Suspiria gelang Argento sein Meisterstück, er verknüpft bravourös klassische Motive aus Horror- und Edgar Wallace-Filmen mit erstaunlichem künstlerischen Anspruch, taucht seine Szenerien in alptraumhafte Farben und lässt sein Darstellerensemble durch einen filmischen Fiebertraum taumeln. Für mich Argentos beste Arbeit.
Wertung: 9 / 10
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Re: Der Dario Argento Thread

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GoldenProjectile hat geschrieben:Du alter Neugierig-Macher. Als ob meine filmische Pendenzenliste nicht schon überfüllt genug wäre. :wink:
Ziel erreicht. :D Wenn du keine Scheu vor expliziterer Gewaltdarstellung hast sind gerade Argentos Filme der 70er in jedem Fall einen Blick wert. Als Testballon würde ich Profondo Rosso oder Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe empfehlen. Aber vorsicht: bei amazon und co. bekommt man zumeist nur die geschnittenen Fassungen.
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Re: Der Dario Argento Thread

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Von Die neunschwänzige Katze kenne ich nur die deutsche gekürzte Fassung. Aber beim Nachlesen stieß ich auf jemanden der meinte diese sei besser. War aber kein Film den ich mochte. Auch Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe hat mich (vor Ewigkeiten) nicht überzeugt.
Suspiria ist aber was besonderes.

Ansonsten ist Argento bei mir noch eine Baustelle.

Re: Der Dario Argento Thread

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Bei Filmen die einem nicht gefallen ist die kürzere Fassung in der Regel immer die bessere :lol: . Aber Spass beiseite: Bei meiner ungeschnittenen Fassung von Die neunschwänzige Katze liegen recht viele Szenen nur im unsynchronisierten Originalton vor, vermutlich sind diese Szene damals alle der Schere des deutschen Verleihs zum Opfer gefallen. In Summe sind das geschätzt ca. 15 Minuten Material, alles Dialogszenen die dazu beitragen die Handlung und die Figuren zu vertiefen. Die beiden ersten Argento-Filme liefen damals in Deutschland in Atze Brauners Bryan Edgar Wallace-Reihe und wurden entsprechend auch vermarktet. So gesehen sind die Schnitte nachvollziehbar, da man die Filme als Reisser verkaufen wollte und kein Interesse an für das Genre eher unüblicher Figuren- und Storyvertiefung hatte. Damit degradierte man vor allem Die neunschwänzige Katze aber zu so etwas wie einer Jahrmarktsshow für spektakuläre Mordszenen, denn durch das geschnittene Material veränderte man Tempo, Gleichgewicht und Wirkung des Films in nicht unerheblichen Maße. Bei Profondo Rosso war es sogar noch mehr Material, dass man rausschnitt - ebenfalls alles dialoglastige Szenen. Wenn man primär an den (exzellenten) Mordszenen interessiert ist mag das dann sogar subjektiv die bessere Fassung sein, es reduziert Argento dann aber eben auch zu einem reinen Gewaltexperten, und gerade seine besten Filme bieten eben viel mehr als nur Blut und Mord.
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Re: Der Dario Argento Thread

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Normalerweise schaue ich gekürzte Fassungen überhaupt nicht. Und eigentlich sind die ungekürzten Fassungen auch immer besser, teils auch viel besser. (Bei Extended Cuts ist das aber wieder was anderes)

Die neunschwänzige Katze hatte nur einen Euro gekostet, und ich habe erst hinterher gemerkt das die DVD cut war. Das jemand der einen Film mag eine gekürzte Fassung besser findet dürfte auch die Ausnahme sein.
Die deutsche Fassung würde ich mir auch nie wieder ansehen.

Re: Der Dario Argento Thread

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Hier nun der zweite Teil meines Argento-Marathons. Waren die 70er Jahre das Jahrzehnt mit den wohl qualitativ allerbesten Werken von Argento, so sind seine vier in den 80er Jahren entstandenen Filme durch die Bank ebenfalls auf sehr starkem Niveau, ohne allerdings die Topqualität von Suspiria und Profondo Rosso ganz zu erreichen. Dennoch zeigten die 80er Argento vermutlich auf dem Zenith seines Schaffens. Leider leiteten anschliessend seine beiden zu Beginn der 90er in den USA entstandenen Filme einen qualitativen Abwärtstrend ein.


Inferno (1980)
Nach dem großen Erfolg von Suspiria setzte Argento seine „Drei Mütter“-Trilogie mit Inferno fort. Erstaunlich ist, dass obwohl sich die Story von Inferno (ein junges Geschwisterpaar kommt nach und nach einem Hexenhaus in New York auf die Spur) praktisch identisch mit der des Vorgängers ist der Film sich dennoch in vielen Dingen von Suspiria unterscheidet. Zwar experimentiert Argento auch in Inferno wieder viel mit Signalfarben, aber genau wie auch das Setdesign ist dies hier deutlich weniger stilisiert und künstlich ausgefallen. Auch spielt sich die Handlung von Inferno nicht mehr praktisch nur innerhalb des Hauses ab sondern bietet eine Reihe erstklassiger Sets und Locations. Nachdem Argento bereits in den beiden Vorgängern erfolgreich Prog-Rock als Soundtrack verwendet hatte steuerte kein Geringerer als ELP-Legende Keith Emerson den gleichermaßen faszinierenden wie gelungenen Soundtrack zu Inferno bei. Ebenfalls absolut gelungen ist die Verwendung klassischer Musik als Schlüsselthema einzelner Szenen, so ist die mit Verdis Nabucco unterlegte Doppelmordszene wohl eine der gelungensten in der langen Reihe des Meisters – ein absolutes audiovisuelles Erlebnis! Inferno strotzt nur so vor innovativen und magischen Momenten und ist ganz klar ähnlich wie Suspiria eher ein Erlebnis der Sinne als ein klassisch aufgebauter Film. Das ist auch so ziemlich der einzige Kritikpunkt den man nicht unerwähnt lassen sollte: da die Handlung kaum mehr als ein roter Faden ist ergibt sich gerade im Mitteldrittel schon die ein oder andere kleine Länge. Das ändert in Summe aber kaum etwas daran, dass Inferno im wahrsten Sinne des Wortes ein infernalischer Trip ist, auf den sich der Zuschauer einlassen muss, dafür dann aber auch mit einem einmaligen audiovisuellen Erlebnis belohnt wird.
Wertung: 8,5 / 10


Tenebre (1982)
Mit Tenebre kehrte Argento zu seinen Giallo-Wurzeln zurück, modernisierte diese aber gekonnt im Stil der beginnenden 80er Jahre. Die Story dreht sich um einen Krimi-Autor, dessen Bücher von einem Irren als Inspiration für dessen Serienmorde benutzt werden. Zusammen mit der Polizei macht sich der Autor auf die Spur des Killers. Tenebre wirkt um einiges nüchterner, moderner und wenn man so will realistischer als Argentos Gialli der 70er, Stilisierungen wie zB in Profondo Rosso gibt es hier nicht. Gleichzeitig zog der Meister in diesem Film die Gewaltschraube noch einmal deutlich an, so ist beispielsweise die Zurschaustellung der finalen Morde so grotesk überspitzt, dass man keine Brille braucht um zu sehen wo sich Quentin Tarantino seine Inspiration für die Blutfontänen im ersten Kill Bill geholt hat. Visuell zeigt Tenebre seinen Regisseur vermutlich auf der Höhe seine Könnens (wobei man streiten könnte, ob diesbezüglich der fünf Jahre später entstandene Opera nicht ebenbürtig ist), am spektakulärsten wohl die berühmte „Roof-Crawl“-Szene, in der die Kamera in einer Einstellung an der Fassade eines Hauses hochklettert, quer übers Dach geht um auf der anderen Seite wieder herunterzuklettern – immer auf der Spur des Killers: absolut brillant. Da es Argento auch gelang seinen Thriller über nahezu die gesamte Laufzeit sehr spannend zu halten und durch diverse mysteriöse Rückblenden den Zuschauer zusätzlich zu verwirren ist auch das konstruiert wirkende und völlig abgedrehte Ende verschmerzbar.
Wertung: 8,5 / 10


Phenomena (1985)
Phenomena ist einer der umstrittensten Filme von Argento, was weniger an seiner Qualität als mehr an seiner extrem fantasy-lastigen Story liegt. Diese handelt von einem jungen Mädchen (klasse gespielt von der gerade 14jährigen Jennifer Connelly), das die Gabe besitzt telepathisch mit Insekten kommunizieren zu können und durch diese auf die Spur eines Serienmörders kommt. Klingt abgedreht und das ist es auch! Aber trotz der lachhaften Story gelingt es Argento auch hier wieder durch Handlungsaufbau und die gewohnt spektakuläre Bildsprache eine ganz eigentümliche, verstörende Stimmung zu erzeugen. Man will trotz der abstrusen Handlung immer wissen, was hinter der nächsten Tür, in der nächsten Szene lauert. So bleibt der fast zweistündige Film permanent spannend und kann selbst durch das noch abgedrehtere Ende (in welchem ein Schimpanse und ein Insektenschwarm eine entscheidende Rolle spielen) nicht wirklich beschädigt werden. Einer der interessantesten Filme in Argentos Werk und – sofern man sich auf das lachhafte Thema einlässt – ein absolut guter.
Wertung: 8 / 10


Opera (1987)
Opera ist so etwas wie ein „Best-of-Argento“, da er hier sehr viele Elemente und Motive aus früheren Filmen verarbeitet hat – ohne dass dies jedoch „abgekupfert“ wirkt. Die Story dreht sich um eine junge Opernsängerin, die unverhofft zu einer großen Rolle in einer Macbeth-Aufführung gelangt und dadurch ins Zentrum eines Serienkillers gerät, der Morde vor ihren Augen inszeniert um ihre Gunst zu erlangen. Visuell ist der Film schlicht sagenhaft, es war scheinbar Argentos Ziel in dem Film möglichst viele Kameratricks und spektakuläre Einstellungen unterzubringen. Man bekommt den Mund als Zuchauer gar nicht mehr zu, so atemberaubend sind Kamerafahrten und Einstellungen. Höhepunkt sind ohne Zweifel der fantastische Krähenflug (die Kamera übernimmt die POV-Perspektive einer Krähe) durch die Oper sowie die virtuos wie nie inszenierten Mordszenen. Opera ist über weite Strecken allerbestes Argento-Material, verliert aber leider durch den eher missglückten und deplaziert wirkenden Schluss etwas an Wirkung. Dennoch einer der besten und vor allem eindrucksvollsten Werke des Meisters.
Wertung: 8,5 / 10


Two Evil Eyes (1990)
Der Film ist eine Kollaboration der beiden Horror-Grossmeister George A. Romero und Dario Argento. Jeder der beiden steuerte eine knapp einstündige Episode bei, beiden zugrunde liegen Ideen und Erzählungen von Edgar Allen Poe. Romeros Episode „The Facts in the Case of Mr. Valdemar” erreicht dabei leider nie mehr als solides TV-Niveau. Trotz der cleveren Ausgangsidee um eine erbschleicherische Ehefrau zieht sich der Film wie Kaugummi und ist vor allem inszenatorisch eine Enttäuschung. Argentos Episode „The Black Cat“ um einen katzen- und Ehefrau meuchelnden Harvey Keitel ist der deutlich gelungenere Beitrag. Da es sich bei Two Evil Eyes um eine italienisch-amerikanische Co-Produktion handelt drehte Argento erstmalig in den Staaten. Daraus resultiert nicht nur eine recht bekannte amerikanische Besetzung, sondern leider auch eine deutliche Kommerzialisierung in Argentos Stil. Kamerafahrten und Einstellungen sind dezenter, insgesamt wirkt der Film deutlich glatter. Dennoch gelingt es Argento – nicht zuletzt dank seines herausragenden Hauptdarstellers Keitel – ein makaberes Szenario zu entwickeln, welches zwar nie an seine Toparbeiten heranreicht, aber immer noch deutlich überdurchschnittliche Kost darstellt. Romeros Episode hätte 5 Punkte verdient, Argentos 6,5 – macht in Summe:
Wertung: 6 / 10


Trauma (1993)
Trauma ist Argentos zweite und gleichzeitig letzte US-amerikanische Co-Produktion und wie bereits bei Two Evil Eyes sieht man dies dem Film in praktisch jeder Einstellung an. Der ganze Film ist „amerikanisiert“, es scheint gerade so als ob Argento alles versucht hat, um seinen Stil dem US-Publikumsgeschmack anzupassen. Im Nachhinein ein Fehler, denn was Trauma u.a. fehlt sind echte Ecken und Kanten. Zwar hat die Story um ein magersüchtiges Mädchen, das in eine Mordserie hineingezogen wird durchaus gute Ansätze und es gelingt Argento auch über 2/3 des Films die Spannung verhältnismäßig hoch zu halten mit einigen sehr gelungenen, auf Supsense ausgelegten Szenen (der Subplot mit dem kleinen Jungen ist eine schöne Fenster zum Hof-Hommage). Dennoch ist nicht zu übersehen wie vergleichsweise bieder der Film gerade visuell ausgefallen ist. Hinzu kommt, dass Trauma am gleichen Übel wie viele der späteren Argento-Filme krankt, nämlich am kruden und missglückten Finale. Es gelingt ihm nicht die Fäden glaubhaft zusammenzuführen und so endet der Film in einer fast schon grotesken Familien-Zusammenführung (inklusive der mittlerweile dritten Version des Twists aus Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe). Noch trauriger ist, dass er die reizvolle Geschichte um das traumatisierte und magersüchtige Mädchen völlig ungelöst enden lässt. Trauma ist kein schlechter Film, aber leider auch bei weitem nicht so gut wie er sein könnte und in vielen Dingen einfach auch nur ein „Argento light“.
Wertung: 6,5 / 10
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Re: Der Dario Argento Thread

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Der dritte und abschliessende Teil meines Argento-Marathons behandelt die Rückkehr Argentos nach Italien und damit einhergehend leider auch seinen langsamen qualitativen Abstieg in die filmische Bedeutungslosigkeit. Zwar konnte er auch in seinen Filmen der 90er und 00er Jahre immer mal wieder einige echte Ausrufungszeichen setzen, in Summe gelang im hier aber nie wirklich mehr als leicht überdurchschnittliche Kost. Vor allem auffällig ist, wie weit er sich vor allem ab The Card Player stilistisch und visuell von seinen besten Arbeiten entfernt hat.


Das Stendhal-Syndrom (1996)
Die Ausgangsbasis für einen weiteren großen Film Argentos war beim Stendhal-Syndrom eigentlich hervorragend, leider ist die finale Umsetzung dann aber weit von einem Meisterwerk entfernt. Die Story dreht sich um eine junge Polizistin, die eine Vergewaltigungsserie aufklären soll und während ihrer Ermittlungen selbst ins Visier des Täters gerät. Argento nimmt einen langen Anlauf, um die Wandlung der Protagonistin
Spoiler
vom Opfer zum Täter
zu schildern, macht dies aber allzu deutlich, so dass der finale Twist eigentlich schon nach der Hälfte der Laufzeit absehbar wird. Darios Töchterchen Asia spielt die Hauptrolle und muss in dieser allerlei Ungemach erleiden, schon kurios was ihr Vater ihr da alles zumutet. So wirklich überzeugend ist ihr Spiel nicht, vor allem der Wandel ihrer Figur ist nicht wirklich glaubwürdig dargestellt. Dafür glänzt ihr Gegenüber Thomas Kretschmann als sadistischer Vergewaltiger. Leider ist sein Ableben nach ca. 2/3 des Films auch der Zeitpunkt, wo der bis dahin ganz gute Film einen deutlich Knick in Punkto Spannung und Tempo bekommt. Die finalen 40 Minuten ziehen sich entsprechend dahin und wirken eher wie ein misslungener Nachklapp nach dem „eigentlichen“ Showdown nach 80 Minuten. Schade, so bleibt ein zwiespältiger Eindruck eines Filmes, der wahrlich Potenzial für ein wesentlich besseres Resultat gehabt hätte.
Wertung: 6 / 10


Das Phantom der Oper (1998)
Oje, was hat den guten Dario hier nur geritten. An sich ist die Idee einer Leroux-Adaption im Argento-Stil, also sprich bildgewaltig und gewalttätig, vielversprechend. Aber leider endete die tatsächliche Umsetzung in einer häufig unfreiwillig komischen Mischung aus pseudoromantischem Bühnenstück und albernem Trashspektakel. Was also ist schief gelaufen? Man muss ganz klar feststellen, dass Argento die Geschichte um die dunkle Liebesbeziehung zwischen dem Phantom und der Opernsängerin zu keinem Zeitpunkt wirklich in den Griff bekommt. Weder gelingt es ihm seine Hauptfiguren dem Zuschauer näher zu bringen noch die Geschichte kohärent oder gar spannend zu erzählen. Gut, der Film hat visuell seine Momente, in denen die alte Argento-Klasse aufblitzt: gekonnte Kamerafahrten, ungewöhnliche Kamerawinkel und Perspektiven, stimmungsvolle dunkle Bildkompositionen. Aber angesichts der generellen schleppenden Inszenierung ist dies fast schon ein Tropfen auf den heissen Stein. Noch weniger können die darstellerischen Leistungen überzeugen, das ist schon Schauspielern auf stark grenzwertigem Niveau wenn Julian Sands und Asia Argento um die Wette grimassieren und chargieren. Ebenso irritiert der Film mit diversen plumpen Humorversuchen und grotesken Szenen. Höhepunkte in dieser Beziehung sind ohne Zweifel das „Rattenfängermobil“, die Szene im türkischen Bad und natürlich Sands erotische Stimulanz in Form einer in seine Hose geschobener Ratte (!). So scheitert Argentos Versuch eines für ihn ungewöhnlich klassischen Filmes letztlich auf breiter Linie und daran kann auch der superbe Soundtrack von Maestro Morricone (siehe YT-LinK) nichts ändern.
Wertung: 4,5 / 10



Nonhosonno – Sleepless (2000)
Mit Nonhosonno kehrte Argento zu seinen eigenen Giallo-Wurzeln zurück. Ziel war es nach eigener Aussage auf vielfachen Wunsch seiner Fans einen Film im Stil seines gefeierten Meisterwerkes Profondo Rosso zu drehen. Und so folgt Nonhosonno auch praktisch in fast allen Dingen dem großen Vorbild – ohne allerdings dessen Qualität zu erreichen. Auch hier haben wir – natürlich – wieder einen Serienmörder, der erneut durch ein merkwürdig konstelliertes Duo gejagt wird. Der Handlungsaufbau ist ebenfalls sehr ähnlich, wie auch die vergleichsweise lange Zeit, die sich der Film zwischen den Morden Zeit nimmt um Stimmung zu erzeugen und Charakteren Raum zum entfalten zu geben. Diese wird vor allem von Max Von Sydow, der die Rolle des pensionierten Kommissars spielt, glänzend genutzt. Er ist das Rückgrat des Films und seine Präsenz und sein gekonntes Spiel machen den Film eine ganze Klasse besser. Vor allem in der ersten Hälfte weiss der Film visuell wie dramaturgisch zu überzeugen, die starke erste Viertelstunde weckt gar Erinnerungen an den glanzvollen Beginn von Suspiria. Leider lässt die Qualität des fast zweistündigen Films mit zunehmender Spielzeit nach und das Ende erinnert in Stil und Qualität eher an eine durchschnittliche Derrick-Episode als an einen Film aus der Hand Argentos. So bleibt Nonhosonno ein ehrenwerter Versuch an alte Klasse anzuknüpfen – und dies gelingt Argento über eine erstaunlich weite Strecke sogar recht gut – nur um in Summe dann doch wieder nur überdurchschnittlich zu bleiben.
Wertung: 6,5 / 10


The Card Player (2004)
War der Vorgänger Nonhosonno zumindest noch über weite Strecken ambitioniert, so kann man dies von The Card Player weiss gott nicht behaupten. Der Film ist bieder inszeniert, erinnert visuell stark an eine CSI-Episode und hat eine selbst für Argento-Verhältnisse absurde Story um einen Psychopathen der Frauen entführt und mit der Polizei ein Online-Pokespiel um das Leben seiner Geiseln durchführt. Was kann man positives über den Film sagen? In Summe ist der Film noch nicht einmal wirklich schlecht – nur furchtbar bieder und gewöhnlich. Leider sieht man dem Film auch sein schmales Budget an, was ebenfalls zu dem nicht wirklich vorteilhaften TV-Look des Films beiträgt. Erstaunlich, dass Argento hier nahezu komplett auf explizite Gewaltszenen verzichtet hat, eigentlich alle Mordszenen spielen sich off-camera ab. Es scheint aber gerade so, als ob er mit seinem klassischen Stilmittel auch einen nicht unerheblichen Teil seiner Qualität abgelegt hätte – wobei The Card Player zugegebenermaßen auch mit expliziteren Szenen nicht wirklich besser wäre. Fazit: kann man sehen, muss man aber ganz sicher nicht.
Wertung: 5,5 / 10


Mother of Tears (2007)
Es fällt etwas schwierig den abschliessenden Teil von Argentos „Mütter-Trilogie“ gerecht zu beurteilen, da die beiden Vorgänger Suspiria und Inferno einen allzu großen Schatten werfen. Mother of Tears weicht stilistisch sehr deutlich von beiden ab, was angesichts des beinahe 30jährigen Zeitraums der zwischen den Filmen liegt nicht allzu erstaunlich. Leider ist seine Neuinterpretation des Hexengenres nur bedingt gelungen. Standen bei den Vorgängern vor allem Stimmung und Atmosphäre im Zentrum, so ist Mother of Tears weitgehend als konventionelle Schnitzeljagd inszeniert. Häufig erinnert der Film eher an einen von Ron Howards Dan-Brown-Verfilmungen, allerdings unübersehbar mit geringerem Budget, weniger gelungen und deutlich höherem Gore-Gehalt. Überhaupt scheint Argento auf seine älteren Tage noch mal in Punkto Gewalt und Splatter etliche Schippen nachlegen zu wollen, das ist dann teilweise so over-the-top, dass man eher schmunzeln muss (vor allem in der finalen Katakomben-Szene). Zwar ist Mother of Tears in Summe nett anzuschauen und entbehrt nicht eines gewissen trashigen Charmes, aber letztlich ist die größte Enttäuschung bei diesem Film seine Gewöhnlichkeit – gerade angesichts der mehr als außergewöhnlichen beiden Vorgänger.
Wertung: 6 / 10


Giallo (2009)
Der Film geniesst einen Ruf wie Donnerhall – allerdings in negativer Hinsicht. Landauf landab wird Giallo gemeinhin als Argentos absoluter Karrieretiefpunkt bezeichnet, als geradezu dilettantisches Machwerk mit einer stolzen imdb-Durchschnittsbewertung von 4,4. Um so erstaunter war ich bei der Erstsichtung, dass sich hinter all dem Bohai letztlich gar kein so schlechter Film verbirgt. Giallo ist weit davon entfernt ein wirklich guter Film zu sein, was ihm augenscheinlich fehlt gegenüber den besten Argento-Arbeiten sind Innovativität, Stil und besondere handwerkliche Qualität. Er ist stinkgewöhnlich – hier gleicht er vor allem visuell in vielen Dingen seinem direkten Vorgänger Mother of Tears. Stilistisch erlaubt er sich diverse Anleihen bei Neo-Slashern wie Saw, was ihn auch nicht gerade einfallsreicher wirken lässt. Aber das alles hindert den Film nicht daran in Summe sein Publikum ganz gut zu unterhalten. Der Film ist recht flott inszeniert, beschränkt sich auf das Wesentliche (was in seinem Fall Mörderhatz und Folter- bzw. Tötungsszenen sind) und profitiert letztlich auch von seiner kurzen Spielzeit von gerade mal knapp über 80 Minuten, die der dünnen Handlung wenig Spielraum für echte Längen lässt. Die Geschichte um den Hepatitiskranken Killer „Giallo“, der schöne Frauen entführt, quält und tötet und den ihn jagenden ausgebrannten, besessenen Kommissar ist Giallo-Klischee pur, hat aber dennoch einige interessante Aspekte. So mag der Killerbackground des Kommissars zwar völlig unglaubwürdig sein, aber er fügt der Figur einige interessante Aspekte hinzu – und trägt genau wie auch der soziale Hintergrund des Killers „Giallo“ zur konsequenten Vermischung von Gut und Böse bei. Vor allem punktet der Film durch das faszinierende Ende,
Spoiler
in welchem der „Gute“ lieber seine eigene Rache befriedigt, als das Opfer zu retten. So endet der Film auch völlig fatalistisch, mit dem im Kofferraum eines Autos alleingelassenen, verblutenden Opfer – das ist mal wirklich ein grimmiges und überraschendes Ende!
Die Entscheidung Oscarpreisträger Adrien Brody gleichzeitig die Rollen des Kommissars und des Killers „Giallo“ (unter dem Pseudonym/Anagramm Byron Deidra!) spielen zu lassen liest sich auf dem Papier sehr seltsam, ist aber eigentlich im Film kein Problem, da Brody als Killer ein so groteskes Makeup trägt, dass man ihn praktisch nicht erkennt. Allerdings ist sein Spiel als „Giallo“ völlig überzeichnet und oft genug unfreiwillig komisch. Das ist nämlich die andere Seite des Films, wo eben manches im Trash versinkt - was aber eher zur munteren Erheiterung als zur Langeweile führt. Daher ist Giallo trotz aller Schwächen für mich in Summe ein recht unterhaltsamer Slasher, der weit entfernt von seinem Ruf als filmische Katastrophe ist.
Wertung: 6,5 / 10
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Re: Der Dario Argento Thread

9
Dracula (2012) – Dario Argento

Auch das jüngste Werk des italienischen Schock-Altmeisters wurde bei Erscheinen von Kritikerseite förmlich geschlachtet und auch hier machte schnell das böse Wort Dilettantismus die Runde. So unglaublich dies angesichts Argentos klassischen Vorwerks klingen mag - nach Sichtung seiner Variante von Bram Stokers Beissermär muss selbst ich als eingefleischter Argento-Fan eingestehen, dass er diesem Eindruck durch diverse technische Schwächen und Unzulänglichkeiten die sich durch seinen Film ziehen zumindest nicht gerade entgegengearbeitet hat. Aber der Reihe nach.

Argentos Dracula wird sicherlich nicht in die Geschichte eingehen als ein Film, der dem altbekannten Stoff neue Facetten abgewonnen hat. So ziemlich jede der Szenen hat man so ganz ähnlich oder sogar nahezu identisch in anderen Verfilmungen schon gesehen. Das ist dann auch für mich einer der größten Schwachpunkte des Films, die Beliebigkeit mit der der Stoff runtergekurbelt wird. Da findet sich kein neuer Ansatz oder ein neuer Blickwinkel, nichts was dem Film eine eigene Identität oder zumindest eine eigene Note verleihen würde. In Kenntnis von Argentos Oevre hätte man ja zumindest die Hoffnung hegen können, er hätte den Stoker-Stoff zu einem durchchoreographierten, stilisierten blutigen Schlachtfest umgemodelt (was zumindest ein interessanter und nicht gänzlich konventioneller Ansatz gewesen wäre), aber auch hier enttäuscht der Film sein Publikum. Es gibt zwar einige blutige Eruptionen, die sind dann aber wenig interessant in Szene gesetzt und können nicht mal ansatzweise dem Vergleich mit vielen klassischen Szenen aus des Meisters großem Vorwerk standhalten.

Darstellerisch ist Argentos Dracula leider auch kein Ruhmesblatt, häufig hat man gar das Gefühl einer Laientruppe bei ihren unbeholfenen Bemühungen beizuwohnen. Argentos Töchterchen Asia ist – natürlich – auch wieder mit an Bord und darf – natürlich – auch hier wieder ihre körperlichen Vorzüge in unverhüllter Form präsentieren. Darüber hinaus chargiert sie – natürlich – wie gewohnt und so bleibt ihre Lucy mindestens so blass wie die ausgesaugten Opfer des Grafen. Ebenjener wird von Thomas Kretschmann ebenfalls bemerkenswert blass zum Besten gegeben. Das Beste an Kretschmanns Darstellung ist noch sein sonores Gemurmel in welchem er seine Textzeilen darbietet. Die sinistre Ausstrahlung eines Lee oder Lugosi, die schauspielerische Urgewalt eines Oldman oder wenigstens das betörende Aussehen eines Langella oder Hamilton: Fehlanzeige, Kretschmanns Dracula ist schrecklich gewöhnlich und langweilig. Darstellerische Akzente – zumindest ansatzweise – kann dann wenigstens Hollands Mimenlegende Rutger Hauer als Van Helsing setzten. Seine geheimnisvolle Aura und sein nachdenklicher, aber dennoch entschlossener Rollenansatz harmonieren gut und als tatkräftiger Vampirjäger hat er noch mit die besten Szenen.

Nun zur bereits angesprochenen mangelhaften technischen Umsetzung: Den Sets bzw. den umgemodelten Locations sieht man leider allzu oft an, dass bei dieser Produktion Schmalhans Produzent war. Vieles wirkt daher karg, aber nicht in einer ärmlichen Art und Weise sondern so, als ob man eben nicht genügend Möbel und Ausstattungsgegenstände zur Verfügung hatte. Dadurch kommt nur wenig Atmosphäre auf und das Eintauchen ins mittelalterliche Deutschland will nie so recht gelingen (warum Argento gleich die ganze Geschichte inklusive des gräflichen Schlosses zu den Germanen versetzte bleibt sein Geheimnis. Immerhin ergeben sich dadurch nette unfreiwillige Spässe wie das über dem Eingang zur dörflichen Schmiede hängende Schild mit der Aufschrift „Schmidt“). Ein weiterer echter Stimmungskiller ist der ultrascharfe, Soapmäßige Look des digital gefilmten Werkes. Denselben Look hatten ja bereits die ebenfalls digital gefilmten vorangegangenen Filme von Argento, nur fällt dies bei einem zeitgenössischen Stoff wie einem Giallo weit weniger ins Gewicht (oder kann im Idealfall sogar eine positive Wirkung erzeugen) als bei einem historischen Stoff. Ganz schwach, oftmals geradezu lächerlich wirken die diversen digitalen Effekte die weit entfernt von aktuellen State-of-the-Art-CGIs sind und eher den Anschein erwecken, als ob Hobbytüftler sie am heimischen PC programmiert hätten. Wenn sich beispielsweise der Fürst der Dunkelheit in eine grotesk unecht wirkende Heuschrecke verwandelt ist der Lacherfolg garantiert. Oder wenn ausgerechnet ein Argentofilm mit einer digital animierten Kamerafahrt durch ein digital generiertes und ebenfalls lachhaft unecht wirkendes mittelalterliches Dorf beginnt dann schwant dem Zuschauer bereits, dass hier etwas gewaltig schief läuft. Dass ein Routinier wie Argento solche technischen Unzulänglichkeiten in seinem Film akzeptiert ist nicht verständlich.

Das letztlich verblüffende an Argentos Dracula ist dann aber, dass der Film doch noch halbwegs unterhaltsam bleibt. Trotz karger Sets, trotz oftmals schwachen Darstellern, trotz beliebiger Umsetzung, trotz grotesker Effekte. Richtig spannend ist es zwar nie, aber irgendwie entwickelt sich dennoch eine angenehm einlullende Stimmung und als Liebhaber schlechter Filme kann man bei diesem oftmals in den Trash abgleitenden Werk ohne Zweifel auf seine Kosten kommen. Daher bekommt der Film von mir dann doch noch versöhnliche 5 Gnadenpunkte.
5/ 10

"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Der Dario Argento Thread

10
Aus aktuellem Anlass mal eine Kaufempfehlung für den geneigten Filmfreund:
Koch Media hat Argentos Opera in einem prächtig ausgestatteten Mediabook herausgebracht. Enthalten ist sowohl die längere Originalfassung als auch die kürzere Kinofassung inklusiver zweier englischer Tonspuren, italienischer und natürlich deutscher Tonspur. Neben dem sehr informativen Audiokommentar gibt es eine komplette mit diversen Interviews und Featuretten vollgepackte Bonus-DVD. Ich bin ich immer noch ganz baff, dass die FSK ausgerechnet diesen Argento erstmals ab 16 durchgewunken hat, da Opera gerade in den diversen Mordszenen nicht so ganz ohne ist. Wer also immer schon mal in die Welt von Argento reinschnuppern wollte: diese VÖ bietet eine hervorragende Gelegenheit dazu in Form eines seiner bildgewaltigsten Gialli. Bin immer noch ganz hin und weg von der jüngsten Sichtung, dieses mal hab ich sogar das Ende kapiert. :3d:

http://www.amazon.de/Dario-Argentos-Ope ... 013FO6OZC/

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Re: Der Dario Argento Thread

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also ich muss sagen, seine Version vom "Phantom der Oper" war derartig ekelig, dass es mich grauste. Ich warf sie nach 1x Sichtung in den Mistkübel.
Jemand der solche Meisterwerke wie "Tenebrae" oder "Der rote Fleck" (mit dem blutjungen gerade erst nach Italien gezogenen Mario Adorf als schrulliger katzenessender Künstler!!) gedreht hat, solch einen Müll produziert, war für mich sehr enttäuschend
"There is sauerkraut in my lederhosen."
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Re: Der Dario Argento Thread

12
Nur dass keine Missverständnisse aufkommen: der gute Nick spricht nicht von Opera, sondern vom Phantom der Oper, welches Argento tatsächlich nicht so wirklich gelungen ist.

@Nick: der rote Fleck? Den Titel habe ich für Bird with the Crystal Plumage ja noch nie gehört. Hierzulande lief er doch immer unter dem "Wallace-Decknamen" Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe. Lief der in Österreich unter diesem Titel? So blutjung war Mario Adorf da übrigens auch schon nicht mehr mit immerhin schon 39 Jahren. :wink:
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Re: Der Dario Argento Thread

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ich besitze neben meinem heißgeliebten "Tenebrae" auch noch "Aura" und "Sleepless". Beide DVDs gammeln schon lange in meinem Regal herum.
Sleepless fängt gut an. Das Ding mit dem Zwerg und so erscheint interessant, aber das Ende halt SPOILER ALERT- na ja.
Aura basiert auf einen authentischen Fall in Frankreich -ich glaube es war in den 1950iger Jahren. Als ein Mann eine Frau erpresste, indem er ihr eine "Würgemaschine" um den Hals hängte. Sie bestand aus einer Metallschlinge, die mit Hilfe eines MG-Mechanismus und einer Uhr sich langsam zuzog. Wollte man aber die Schlinge eigenmächtig wegnehmen, löste sich der Hemmemchanismus und die Schlinge zog sich schlagartig zusammen. In Todesangst ging er mit der Dame in eine Bank, wo sie ihr ganzes Ersparte ihm geben mußte.
Zurück zur Sache: Aura ist ein akzeptabel gemachter Splattermovie mit einer etwas schon irgendwie auch an Sleepless erinnernden Familienaufstellungs-artigem Ende.
Familienbeziehungen scheinen bei Argento ein Trauma zu hinterlassen. Das verwundert, wenn er doch seine liebe Verwandtschaft (Tochter als Hauptrolle, Bruder als Mitschreiber und Produzent etc.) mit seinen Filmen beschäftigt.

Verblüffend ist auch, dass der geniale Plot von Tenebrae mit dem superben Finale Furioso offenbar noch nie kopiert worden ist. Wie zwei Krimis in einen verflochten wurden, ist außerordentlich. Das wäre mal Basis eines wirklich guten Bond-Films. Bond bekämpfte eine Verbrecherorganisation und bemerkt erst im Finale Furioso. dass er dabei durch einen anderen Bösewicht missbraucht worden war, der mit ihm auch wieder so eine Show wie Neal abzieht.
Bitte kommt mir jetzt nicht mit FRWL. Ich meinte, dass sogar der Zuschauer jetzt verblüfft wäre, nachdem Bond den vermeindlichen Bösewicht getötet hat, die (Hausnummer) Terrorüberfälle nicht aufhören, und nicht so verhersehbar wie in FRWL mit einem derartig aschfahlen Red.
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Re: Der Dario Argento Thread

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AnatolGogol hat geschrieben:Nur dass keine Missverständnisse aufkommen: der gute Nick spricht nicht von Opera, sondern vom Phantom der Oper, welches Argento tatsächlich nicht so wirklich gelungen ist.

@Nick: der rote Fleck? Den Titel habe ich für Bird with the Crystal Plumage ja noch nie gehört. Hierzulande lief er doch immer unter dem "Wallace-Decknamen" Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe. Lief der in Österreich unter diesem Titel? So blutjung war Mario Adorf da übrigens auch schon nicht mehr mit immerhin schon 39 Jahren. :wink:
ich sah ihn im TV, da wurde er so genannt. Wegen des Blutflecks der vermeindlichen Ermordung der Dame (irgendwie wurde dadurch Tenebrae schon "vorgeschattet").
Mag sein, dass das auch so ein missglückter deutscher Titel von einem Verleiher war.
Und das war doch der erste Film von Adorf nach seinem Umzug in Italien, und ir erschen er da sehr jung.
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