Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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So, ich habe Where Eagles Dare (doofer Titel, aber beim deutschen Trashtitel hängt man ja binnen Sekunden am Monkey 47) auch gesehen.

Ich weiss gar nicht genau, was ich erwartet hatte. Film ist okay. Vieles ist tatsächlich etwas hanebüchen, angefangen damit dass die Spezialeinheit laut Intro-Briefing allesamt fliessend deutsch sprechen sollen, was aber auch keine Kunst ist wenn die Deutschen englisch reden. Es wäre immerhin halbwegs authentisch gewesen, hätten die Herren Briten und Amis undercover als Wehrmachtsoffiziere in die dicken Akzente der Deutschen gewechselt, so wie es ist, ist es unglaubwürdig und stört meinen Sprachenfimmel. Besetzungstechnisch ist der biedere Burton als mit allen Wassern gewaschener Anführer und Actionheld ungefähr so authentisch wie Schwarzenegger als Gandhi oder ich als weiblicher Bodybuilder, die Rolle bettelt nach Coburn, Connery, Shaw oder irgendjemandem. Eastwood ist immer eine Bank, hier aber zu einer vergleichsweisen Passivität verdammt, an Ingrid Pitt und Mary Ure gibt es dagegen logischerweise nichts auszusetzen. Als Agenten-Action-Kriegsabenteuer pendelt der Film aber grösstenteils zwischen passabel und gut, das Taktieren, Improvisieren und allgemeine Vorgehen der Truppe liegt meist ziemlich genau an der Grenze zwischen spannenden Variationen und leicht albernem militärischem Unsinn, alleine wie viele Sprengsätze Eastwood und Kollegen mit sich rumschleifen und wie sie absolut jedes Problem damit lösen können mutet irgendwann nur noch als Running Gag an. Trotz des sich durch die Flucht ständig variierenden Settings ermüdet sich das pausenlose Actionspektakel der zweiten Hälfte irgendwann, als es dann mal Richtung Flugplatz ging, also etwa in den letzten zehn oder fünfzehn Minuten, hatte ich die Nase dann auch mal voll. Aber wie gesagt, im Grossen und Ganzen durchaus ein okay-Film. Für mich ungefähr 6 Punkte.

Vielleicht schau ich mir auch mal die Wildgänse an, selbst wenn es mir vor Burton in einer ähnlichen Rolle graut.
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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GoldenProjectile hat geschrieben: 4. August 2021 00:02 Besetzungstechnisch ist der biedere Burton als mit allen Wassern gewaschener Anführer und Actionheld ungefähr so authentisch wie Schwarzenegger als Gandhi oder ich als weiblicher Bodybuilder, die Rolle bettelt nach Coburn, Connery, Shaw oder irgendjemandem.
(...)
Vielleicht schau ich mir auch mal die Wildgänse an, selbst wenn es mir vor Burton in einer ähnlichen Rolle graut.
Arrrgghhhhhhh...mein Gott, hier tun sich ja Abgründe auf! :D Den Charisma-Bolzen und Schauspiel-Gigant Burton als bieder abzukanzeln ist schon starker Tobak. Uff, das muss ich erst mal verdauen. Sicher, Burton hatte auch öfter mal (vor allem im Herbst seiner Karriere) schwächere Auftritte, in denen Gesundheit, Alter und Alkohol in Kumulation ihren Tribut forderten, aber ASE bzw. WED ist ja ganz klar noch zenitärer Burton. Der Film mag ihn darstellerisch nicht übermäßig fordern (obwohl er allein schon für den langen Monolog und das Abkanzeln des deutschen Offiziers als vermeintlicher Himmler-Bruder sein Geld wert ist), aber sein etwas zurückgenommenes Spiel passt wie ich finde gut zu seiner kühl-denkenden Figur. Man kennt mich ja als Eastwood-Fan, aber hier hatte ich schon immer den Eindruck, dass er vom absolut souverän agierenden Old Richard förmlich an die Wand gedrückt wird. Auch ist ASE insofern spannend, dass er einen ganz guten Eindruck vermittelt, wie ein Burtonscher James Bond ausgesehen hätte, denn rollentechnisch ist er der Fleming-Figur hier so nahe wie sonst wohl nirgends innerhalb seines Oeuvres. Wildgänse ist als Beleg für die Actionheld-Qualitäten des guten Richard übrigens insofern etwas ungerecht, da er hier dann tatsächlich schon massiv gegen seine gesundheitlichen Probleme anspielen muss, was ihm wie ich finde trotz allem ganz gut gelingt und tatsächlich passt sein Handicap rollentechnisch sogar ganz gut (jedenfalls deutlich besser als im kurz danach entstandenen Steiner 2, denn da ist er dann tatsächlich nur noch ein müder Schatten seiner selbst).
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Ich bin da voll bei Anatol, Burton dominiert den Film und passt perfekt in die Rolle. Bieder? Nö, da wäre ich nie drauf gekommen. Und ich bin kein ausgewiesener Burton-Fan, da er mir viel zu oft theaterhaft agiert. Natürlich hat ASE ordentlich Exploitation-Genetik, oder sollte ich sagen Explosions-Genetik. Das ist - ich kann es nur wiederholen - ein Actionabentuer und kein Kriegsfilm. Bei Indy ist das auch tw hanebüchen, aber wenn es mit so viel Tempo, Verve und Lust präsentiert wird, dann gibt es kein Halten.
Dazu kommt die fantastische Location Hohenwerfen, die als Nazitrutzburg perfekt in Szene gesetzt wird und fast schon bedrohlicher daher kommt als die sie bevölkernden Wehrmachtssoldaten.

In Wildgänse finde ich auch, dass Burton hier als alter Haudegen, der einfach nichts anderes kann, sehr gut besetzt ist. Und da Bob Simmons so viel doubelte wie ging, überzeugt er auch actiontechnisch. :wink:
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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vodkamartini hat geschrieben: 4. August 2021 08:52 Ich bin da voll bei Anatol, Burton dominiert den Film und passt perfekt in die Rolle. Bieder? Nö, da wäre ich nie drauf gekommen. Und ich bin kein ausgewiesener Burton-Fan, da er mir viel zu oft theaterhaft agiert. Natürlich hat ASE ordentlich Exploitation-Genetik, oder sollte ich sagen Explosions-Genetik. Das ist - ich kann es nur wiederholen - ein Actionabentuer und kein Kriegsfilm. Bei Indy ist das auch tw hanebüchen, aber wenn es mit so viel Tempo, Verve und Lust präsentiert wird, dann gibt es kein Halten.
Und da liegen dann für mich Welten zwischen.
Raiders ist ein Film der über jede Menge Einfälle verfügt, bei beidem Story und Inszenierung, aber Eagles ist ein vollkommen einfallsloser Film, ebenfalls für beides. Und die Action ist so öde wie der Rest.

Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Sorry liebe Burton-Fans, ich kann auch nichts zu irgendwelchen Shakespeare- oder Historienschinken sagen, aber als Autoritätsfigur oder Actionheld, zumindest in der von WEDASE behaupteten Form sehe ich ihn weniger. Der hatte mir typmässig gestern zu viel von einem aufgeblasenen kleinen Büroangestellten. Kühler Denker okay, aber harter und cooler Actionmann, eher weniger. Man schaue nur mal hier, ein kühner Haudegen ist das für mich nicht, sicher nicht neben Eastwood. Ich bleibe bei meinen Alternativvorschlägen.

PS: Ich habe keine Ahnung, wer Brian G. Hutton ist. Bis gestern dachte ich, der sei auch von Andrew McLaglen.

PPS: Die Tagline ist ja mal grandios: "One weekend Major Smith, Lieutenant Schaffer and a beautiful blonde named Mary decided to win World War II". :lol:
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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GoldenProjectile hat geschrieben: 4. August 2021 10:35 Sorry liebe Burton-Fans, ich kann auch nichts zu irgendwelchen Shakespeare- oder Historienschinken sagen, aber als Autoritätsfigur oder Actionheld, zumindest in der von WEDASE behaupteten Form sehe ich ihn weniger. Der hatte mir typmässig gestern zu viel von einem aufgeblasenen kleinen Büroangestellten. Kühler Denker okay, aber harter und cooler Actionmann, eher weniger. Man schaue nur mal hier, ein kühner Haudegen ist das für mich nicht, sicher nicht neben Eastwood. Ich bleibe bei meinen Alternativvorschlägen.
Big Burton hat dafür ganz andere Kernkompetenzen:
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:D
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Maibaum hat geschrieben: 4. August 2021 09:47
vodkamartini hat geschrieben: 4. August 2021 08:52 Ich bin da voll bei Anatol, Burton dominiert den Film und passt perfekt in die Rolle. Bieder? Nö, da wäre ich nie drauf gekommen. Und ich bin kein ausgewiesener Burton-Fan, da er mir viel zu oft theaterhaft agiert. Natürlich hat ASE ordentlich Exploitation-Genetik, oder sollte ich sagen Explosions-Genetik. Das ist - ich kann es nur wiederholen - ein Actionabentuer und kein Kriegsfilm. Bei Indy ist das auch tw hanebüchen, aber wenn es mit so viel Tempo, Verve und Lust präsentiert wird, dann gibt es kein Halten.
Und da liegen dann für mich Welten zwischen.
Raiders ist ein Film der über jede Menge Einfälle verfügt, bei beidem Story und Inszenierung, aber Eagles ist ein vollkommen einfallsloser Film, ebenfalls für beides. Und die Action ist so öde wie der Rest.
Das war kein Qualitätsverglech zwischen Indy und ASE, inszenatorisch und vom Ideenreichtum her sehe ich die Indiana Jones-Trilogie da deutlich überlegen. Spaß machen mir aber beide. Es geht darum, dass ich ASE nie als Kriegsfilm gesehen habe, sondern als knalliges Actionabenteuer. Und da darf die Realität durchaus etwas gedehnt werden, sofern es unterhält. Natürlich würde Burtons Trupp mindestens das letzte Drittel nicht überleben, aber unser guter Bond wäre nach Realitätskriterien auch nie auf 20+ Missionen gekommen.
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Ich versteh was du meinst und finde es auch nicht schlimm, wenn man zu völlig unterschiedlichen Haltungen kommt. Man muss nicht jeden Film mögen, den möglicherweise eine Mehrheit mag. Ganz bestimmt nicht. Unterhaltungswert ist allerdings kaum objektivierbar und hängt von unzähligen Faktoren wie Filmgeschmack, Erwartung, Vorlieben, Abneigungen, Stimmungen etc. ab.
Zu Agenten habe ich eine besondere Beziehung. Den mochte ich als Kind sehr gern, ich hab ein Faible für dieses Triple-Agenten-Spiel, ich liebe die Location Hohenwerfen (wo ich schon mehrmals war, allerdings nicht wegen des Films) und generell das Winter-Setting im Actionkino.
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Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Wildgänse II – Sie fliegen wieder (1985)

Warum schaut man sich einen zweiten Teil an, wenn einem der erste nicht gefallen hat? Masochismus? Hoffnung, dass sich alles zu Guten wendet? Oder nur, um im Forum einen Post zu generieren? Gehen wir dem mal auf den Grund:

Gänse 2 unterscheidet sich signifikant vom Erstling. Praktisch alles ist anders: Stadt statt Land, Spezialisten statt Schlächter, einen interessanten Plot statt einem billigen Aufhänger.

Kurz gesagt, alles was an I mies ist ist in II gut. Ja, ihr lest richtig: es handelt sich um einen intelligenten (Kalter Krieg) Thriller mit einem Charme irgendwo zwischen OP in Deutschland und TND in Bratislava / Wien (John Terry ist hier auch mit von der Partie).

Scott Glenn ist große Klasse und trägt den Film über den größten Teil. Edward Fox macht eh immer Laune, ein Cameo von Patrick Stewart rundet die Riege ab. Während also Gänse 1 abseits der 4 Hauptdarsteller nur mit einprägsamen Gesichtern besetzt war, hat Gänse 2 wirkliche Charaktere zu bieten.

Ich bin ja auch jemand, der sich für Details begeistern kann:
- Die wirklich deutsche Küche samt „Frischhaltefolie“ im Gefängnis von Spandau #70erFliesen!
- Becker‘s Bester und die grüne 0,7l Mineralwasser Flasche im Krankenhaus
- Der röhrende Hirsch an der Wohnzimmerwand (meine Ur-Oma hatte das gleiche Bild!!!!)
- Die Fans des Linzer ASKs trinken Paderborner Pils aus Dosen ❤️

Die abschließende Szene hält dann auch noch eine Überraschung bereit.

Chapeau 8,5/10
„When I was beaten up, suddenly I liked the idea of being alive.“ - James Bond

Re: Das Kriegsfilm-Genre: Empfehlungen, Geheimtipps und Reviews

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Na also, hat es mit den Wildgänsen ja dann doch noch ein Happy End für dich gegeben! :)
Ich mag Teil 2 mittlerweile auch gern, wenngleich ich deine große Begeisterung nicht ganz teile.
Revoked hat geschrieben: 4. August 2021 20:18 Gänse 2 unterscheidet sich signifikant vom Erstling. Praktisch alles ist anders: (...) einen interessanten Plot statt einem billigen Aufhänger.
Naja, da sehe ich ehrlich gesagt keine Vorteile bei Teil 2 gegenüber Teil 1, im Gegenteil ist das exploitative "wir holen den ollen Nazi raus"
doch in Summe sogar weniger komplex als das Politik-meets-Wirtschaft-Geflecht in Teil 1. Aber eigentlich ist der Plot in beiden Filmen ja nur eine bessere Rechtfertigung für allerlei Kill & Rumms.
Revoked hat geschrieben: 4. August 2021 20:18Ja, ihr lest richtig: es handelt sich um einen intelligenten (Kalter Krieg) Thriller mit einem Charme irgendwo zwischen OP in Deutschland und TND in Bratislava / Wien (John Terry ist hier auch mit von der Partie).
wie gesagt, so besonders intelligent finde ich Teil 2 nicht, dafür ist das alles zu grob und ausbeuterisch. Den Euro- bzw. BRD-Charme sehe ich aber genauso und das macht für mich auch viel des Spasses aus. 80er Jahre Deutschland sieht man ja nicht allzu oft als Location in Hollywood-Streifen, daher hat das für mich auch immer einen gewissen Exotikbonus (so merkwürdig das eigentlich ist für jemanden, der genau da aufgewachsen ist). Target mit Gene Hackman wäre da auch so eine Kuriosität, die ich ganz gerne mag.
Revoked hat geschrieben: 4. August 2021 20:18Während also Gänse 1 abseits der 4 Hauptdarsteller nur mit einprägsamen Gesichtern besetzt war, hat Gänse 2 wirkliche Charaktere zu bieten.
Findest du wirklich? Ich weiß nicht, außer Glenn und Fox sind die restlichen Figuren doch auch sehr oberflächlich. Die Carrera ist ja kaum mehr als Eyecandy, die Agenten sind typische Klischeeschurken. Die durchaus fragwürdige Zeichnung des ollen Hess als altersweisen Geläuterten ist dann auch mit sehr breitem Strich gezeichnet. Diesbezüglich finde ich Teil 1 deutlich überlegen, da Faulkner, Janders, Coetze und auch Mathison figürlich mehr zu bieten haben. Mathison mag auch weitgehend als Klischeebösewicht agieren, aber zumindest darf er zu Beginn des Films auch den eleganten Gentleman geben (perfekt unterstützt durch Grangers filmische Vergangenheit), während Robert Freitags Ströbling ja durchgängig der Klischee-Stasi-Schurke bleibt.
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"