Bondfilm-Rezensionen - user: GoldenProjectile

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GoldenProjectile
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4. September 2018 16:41

The Living Daylights (1987, John Glen)

"Comes the morning and the headlights fade away, hundred thousand people, I'm the one they blame. I've been waiting long for one of us to say, save the darkness, let it never fade away."
- a-ha

Nachdem sich Roger Moore nach ganzen sieben Auftritten in der Doppelnull-Rolle endlich dem wohlverdienten 007-Ruhestand zugewandt hatte wurde mit TLD nach langer Zeit wieder ein neuer James Bond vorgestellt. Timothy Dalton kam mehrheitlich vom Theater und war ein grosser Fan der Fleming-Originalromane, und so sollte sich die Reihe unter seiner Ägide wieder verstärkt den Ursprüngen und realitätsnäheren Szenarien zuwenden. Dass der Bruch mit den Vorgängerfilmen dennoch weniger drastisch ausfiel als anzunehmen ist, ist dem Umstand zu verdanken, dass die 1980er-Brigade um Glen, Maibaum und Wilson hinter der Kamera unverändert blieb, ihr Faible für komplexere Geschichten und ausgefeilte Spannungsbögen hatten die drei schon in den letzten drei Moore-Filmen geprobt, wenn auch noch unter dem "Deckmantel" der heiteren Attitüde Old Rogs. So fügt sich TLD trotz neuem Darstellertypus bemerkenswert gut in den Bond-Kanon ein und ist lediglich die logische Folge bzw. Weiterentwicklung seiner unmittelbaren Vorgänger.

Als solche fühlt sich TLD zum ersten Mal seit FRWL in Teilen wie ein frappierend realer Spionagethriller vor dem Hintergrund des Kalten Krieges an. Das Drehbuch von Maibaum und Wilson bietet eine Fülle an verschlungenen Handlungsbögen um Doppelagenten, Täuschung, Attentate, West-Ost-Konflikt und schmutzige politische Interessen im Sowjetblock, die im ersten Moment gar nicht so leicht in all ihren Zusammenhängen zu durchschauen sind. Der mittlerweile altgediente John Glen fängt diese Szenarien wunderbar atmosphärisch ein wenn er seine Akteure an Schützenfenstern oder in geparkten Autos vor den tristen Häuserzeilen Bratislavas spionieren lässt und dem eigentlichen Inhalt mehr denn je dieselbe Gewichtung zukommen lässt wie dem ausfüllenden Spektakel. Serientypische Extravaganzen hätten in der Theorie leicht zum Stilbruch werden können, aber Glen schafft es, auch vermeintliche Kontrastpunkte wie das pittoreske und schwelgerisch inszenierte Afghanistan, in dem der martialische Showdown steigt, oder die längst vertrauten Q-Gadgets stimmig in den Film einzubetten. Die Vermischung aus härteren, deutlich handlungsorientierten Elementen mit den nötigsten abenteuerlichen Eskapaden steht in bester Tradition von Glens Debüt FYEO und gibt dem Film seine eigene, stimmige Handschrift.

Timothy Dalton erweist sich als idealer Bonddarsteller, vor allem in der Weise, wie er die Gangart des Films quasi in seiner Darstellung widerspiegelt. Daltons Bond ist härter und wirkt deutlich mehr wie ein Agent und Vollprofi als noch seine Vorgänger. Seine charmante und gewitzte Seite sowie die erstaunlich romantische Komponente seines Umgangs mit Kara kommen dagegen eher simpel-verschmitzt daher, so ist Dalton einer der ganz wenigen Doppelnullagenten der in einzelnen Momenten sogar spitzbübisch lachen darf. Daltons gesamte Darstellung erscheint stärker aus dem Leben gegriffen und dabei weniger überlebensgross, ohne typische Eigenschaften der Figur wie die weltmännischen Kenntnisse zu verleugnen. Dass sein Bonddebüt in der Planungsphase noch teils für Roger Moore, teils für Pierce Brosnan angedacht war und daher weniger auf den Hauptdarsteller zugeschnitten ist als dessen zweiter und leider dann auch schon letzter Auftritt erweist sich als wenig gravierend, da Dalton einerseits übriggebliebene Schwankungen in Richtung dieser anderen Darsteller sehr gut mit seiner eigenen Note auszufüllen vermag und andererseits wie schon gesagt der Bondfigur im Grossen und Ganzen trotzdem schon seinen individuellen Stempel verleiht.

TLD wird gerne für seinen Bösewicht bzw. das Fehlen einer eindeutigen Nemesis kritisiert. Auch hier führt der Film insofern das Erbe von FYEO fort, dass der oder die Schurken zwar keine überlebensgrossen, schillernden Charaktere sein mögen aber sich passend in das Szenario und den Handlungsverlauf einfügen. Georgi Koskov ist genau der richtige manipulative, zwielichtige und hinterhältige KGB-Überläufer für den Film und die Darstellung des Niederländers Jeroen Krabbé wechselt treffend zwischen rücksichtslosem Opportunismus, unterwürfiger Anbiederung, vorgespielter Freundlichkeit und eiskalter Gier. Koskov mag kein gewaltiger Superschurke im Sinne von Goldfinger und Stromberg sein, in TLD hätte ein solcher aber sowieso nicht gepasst. Er ist eine falsche Schlange, ein mieser kleiner Verräter und als solcher lässt er in Bezug auf Drehbuch und Darsteller keine Wünsche offen. Die Figur des kriegslüsternen und militärfanatischen "Westentaschengenerals" Brad Whitaker ist eher eine Ergänzung zum Koskov-Charakter und gibt der Geschichte eine angemessen kleine Portion überzeichneten Irrsinn in Form von Whitakers Macke und seinem trickreichen Armeemuseum. Mit Necros hat TLD zum ersten Mal seit Jaws wieder einen bondtypischen, mit hohem Wiedererkennungswert ausgestatteten Handlanger an Bord, in Necros' Fall ist das seine chamäleonartige Verkleidungskunst in Kombination mit seinem ganz eigenen musikalischen Leitmotiv. Insgesamt funktioniert die schurkische Dreimannbrigade und erfüllt mehr als nur ihren Zweck, etwas, was ihnen im Vergleich zu auf diesem Gebiet zugegebenermassen oft glanzvolleren Serienkollegen selten zugestanden wird.

Auch das Bondgirl erhält in TLD nur selten eine Würdigung aus Fankreisen, und wenn, dann meistens eine negativ behaftete. Zunächst einmal ist auffällig, dass Maryam D'Abos slowakische Cellistin Kara - vom Kurzauftritt einer gelangweilten Jachttouristin in der Eröffnungsszene und den üblichen Moneypenny-Spielereien abgesehen - das einzige Bondgirl des Films darstellt, im 007-Kanon fast schon ein Novum und zumindest eine erfrischende Abwechslung zum teilweise sehr oberflächlichen Frauenverschleiss der Moore-Ära. Die Kara-Figur verhält sich im Kontext des Films und der Serie ausserdem ähnlich wie die Bösewichte, sie mag nicht wirklich besonders erotisch oder intelligent wirken, ist aber durch ihre Alleinstellung die gesamte Geschichte über sehr präsent und essentiell für das Geschehen, zwar weniger aus aktiver Eigeninitiative - was zum Charakter der unschuldigen und über lange Strecken unwissenden Cellistin auch nicht gepasst hätte - aber als Spielball zwischen Bond und Koskov, der für den Fortgang der Handlung oft unerlässlich ist und die nötige Leinwandzeit erhält, um diese Funktion auch auszufüllen. Dass Bonds Beziehung zu Kara wie weiter oben angedeutet besonders durch die Wien-Szenen ungewohnt real wirkt und der Wechsel ihrer Loyalität ein Kernelement des Handlungsverlaufs bildet ist dem Film absolut angemessen.

Grandios gelungen ist die Figur des sowjetischen Geheimdienstchefs Leonid Pushkin, der den bewährten General Gogol ablöst. Obwohl ursprünglich eine Notlösung, aufgrund des schlechten gesundheitlichen Zustandes von Walter Gotell, erweist sich die neue Rolle als Glücksgriff. Obwohl bzw. gerade weil man als Zuschauer keinerlei Vorkenntnisse über ihn hat wie über Gogol kann John Rhys-Davies als Pushkin die Rolle von Grund auf formen und gibt ihr eine Mischung aus kühler Härte und starker Integrität, die beim väterlichen Gogol in dieser Form nicht möglich gewesen wäre. Das erste Aufeinandertreffen von Bond und Pushkin ist sogleich auch eine der besten Szenen des Films, in dem das verwinkelte Spionageflair seinen Höhepunkt erreichen kann. Dass Gogol in einem Cameo am Ende doch noch einmal auftreten kann, sowie der letzte Auftritt von Geoffrey Keen als britischer Verteidigungsminister, führt die personelle Konstante der 1970er- und 1980er-Bondfilme zu einem würdigen Ende und schlägt wiederum den Bogen zu den Moore-Filmen. Verschenkt ist der Auftritt von Felix Leiter, der zweimal kurz reinschaut und nichts zu tun hat. Vor allem seine erste Szene mit der wieder einmal sehr umständlichen "Entführung" Bonds hält den Film an dieser Stelle nur auf und man hätte besser daran getan, Leiter noch einmal zwei Jahre bis zu seinem gelungenen Auftritt in LTK ruhen zu lassen.

Die Actionszenen bewegen sich in TLD mal wieder auf höchstem Niveau. Zwar fehlt dem Film ein wirklich grosser Knall in Form eines einmaligen Stunts oder einer nie dagewesenen Idee, vielmehr fügen sich die Actionszenen allesamt vergleichsweise diskret in den Handlungsbogen ein, abgesehen vielleicht von der Verfolgungsjagd mit dem Aston Martin durch die winterlichen Grenzgebiete mit den üblichen "Tricks". Die PTS ist für mich die beste der gesamten Reihe. Von der gelungenen Wahl des Schauplatzes Gibraltar, über die Idee eines von einem Attentäter unterwanderten Übungsmanövers, die effektvolle und schrittweise Einführung des neuen Bonddarstellers an der Seite zwei seiner Kollegen (die Lazenby und Moore nicht unähnlich sehen), die handgemachte und wilde Autoszene entlang des "Affenfelsen" bis hin zu der abschliessenden Landung auf einer Mittelmeerjacht hat die Szene alles, was die Bondreihe ausmacht, ohne veraltet zu wirken und stimmt gleichzeitig passend in den darauf folgenden Hauptfilm ein. Viele kleinere Actioneinlagen begeistern durch ihre Gradlinigkeit, sei es der makellose Überfall des Chamäleons Necros auf den ländlichen MI6-Stützpunkt inklusive handfester Prügelei gegen Agent Green 4 in der Küche, oder Bonds Revolte gegen einen sadistischen Gefängniswärter, in der ein gefangener Mudschahed stellvertretend für das Publikum herzhaft über die Bestrafung des feisten Tyrannen lachen darf. Höhepunkt sind natürlich die agonalen Kämpfe auf und hoch über dem sowjetischen Luftwaffenstützpunkt mit allerhand Explosionen, nervenzerfetzenden Kletterstunts auf dem überhängenden Frachtnetz und tickender Zeitbombe. Hier wird TLD als bondtypischer Actionknaller von der Leine gelassen, ohne die handfestere Grundauslegung des vorherigen Films ad absurdum zu führen. Dass die letzte Konfrontation mit den Schurken fast schon intim klein ausfällt und Koskov sogar lediglich von seinen eigenen Leuten verhaftet wird ist wiederum nicht nur eine stimmige Abwechslung, sondern auch dem Tenor des Films absolut angemessen.

TLD stellt auch die Abschiedsvorstellung von Stammkomponist John Barry dar. In nicht weniger als elf Filmen der Serie hatte der Brite den Bond-Sound geprägt und in TLD verabschiedet er sich - ganz gleich ob er Bescheid wusste, dass dies sein letzter Bondfilm sein wird, oder nicht - mit einem Riesenknall. Barrys Score ist kalt, treibend, angespannt, romantisch, kurzum gelingt es ihm zu jeder Zeit, den Geist der Bilder zu unterstützen und auch zu verstärken. Besonders oft arbeitet Barry dieses Mal mit dynamisch treibenden Drumbeats, die von seinem für ihn typischen Orchester überlagert und akzentuiert werden. Der gesamte Score ist gleichermassen abwechslungsreich wie homogen-stimmig und hat eine Fülle an herausragenden Melodien auf Lager, sei es das wehmütig auf einer Flöte dahingehauchte Kara-Theme oder die Verwendung dreier Filmsongs - das klangvolle und triumphale Titellied von a-ha und die beiden Beiträge von The Pretenders, Necros' unheilvoll-lässiges Erkennungsmerkmal Where has everybody gone? und der beinahe elegische Abspannsong If there was a man, die alle immer wieder dezent in den Soundtrack mit einfliessen. Für mich gehört Barrys letzte Arbeit mit Abstand zu seinen besten und zu den stärksten Bondscores überhaupt.

TLD ist der Bondfilm, der fast ausnahmslos wunschlos glücklich macht. Der womöglich stärkste und interessanteste Bonddarsteller von allen liefert einen grandiosen Einstand, der gleichermassen typische Eigenschaften der Reihe erfüllt wie auch immer wieder in der Ausprägung eigene Wege geht, was auf den Film als Ganzes genauso zutrifft wie auf Daltons Verkörperung des Doppelnull-Agenten. Mit ihrem fünfzehnten Streich ist den Machern die herrliche und funktionierende Gratwanderung zwischen zeitgenössischem Spionagefilm auf der einen und symptomatischem Bond-Abenteuer auf der anderen Seite gelungen. Die Charaktere fügen sich trotz vergleichsweise wenigen oberflächlichen Alleinstellungsmerkmalen sehr gut in den Filmfluss ein und John Barry setzt dem Ganzen mit seinem möglicherweise besten Soundtrack die Krone auf. Viel mehr kann man doch fast nicht verlangen, oder?

Wertung: 9 / 10
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15. Juli 2019 14:30

Licence to Kill (1989, John Glen)

"Say that somebody tries to make a move on you, in the blink of an eye, I will be there too. And they better know why I'm gonna make them pay, till their dying day."
- Gladys Knight

Eons sechzehnter Bondfilm, sowie der zweite und leider auch schon letzte mit Timothy Dalton in der Hauptrolle, gilt bis heute als einer der kontroversen und heftig umstrittenen Vertreter der Serie. Nicht wenige Fans verschreckte die härtere Gangart, die Abweichungen von liebgewonnenem Humor, das schmutzige Latino-Flair, die ungewohnte Musik und die expliziten Darstellungen von Action und Gewalt. War LTK der ideale Film zum Abschluss der klassischen Bond-Ära, in einer Zeit von rückgängigen Einspielergebnissen und rechtlichen Querelen, zu Beginn einer mehrjährigen Pause und Umbruchsphase, nach der vieles nie mehr so sein sollte wie zuvor? Darüber lässt sich mit Sicherheit streiten. Aber es ist ein Film, der definitiv einen tieferen Blick Wert ist in Bezug auf die kleinen und neuen Dinge und die oft zu Unrecht übersehene Vielfalt der Bondreihe.

Dreh- und Angelpunkt ist, wie so oft in den 1980er-Jahren, das Drehbuch der Wunderpaarung aus Serienveteran Maibaum und Geschichtenerzähler Wilson, verwirklicht durch den bewährten und mit James Bond im Schlaf vertrauten John Glen. Das Trio bewies in seiner Schaffensphase immer wieder ein Händchen für ausgefeilte Storys und neue Ansätze innerhalb des gewohnten Rahmens. Aber in LTK ist es nicht ihr Lieblingsthema der Spionage und des kalten Krieges, welches den Ton angibt, vielmehr ist der Film ein beinharter und oftmals erschreckend erwachsener Abenteuerreisser, der mehr denn je die von Fleming erschaffene Romanfigur in den Mittelpunkt rückt. Müssig zu erwähnen, dass die Handlung, eine Rachegeschichte im südamerikanischen Drogenmilieu, makellos strukturiert ist und jede Szene ihre Bedeutung erfüllt sowie kohärent zur nächsten führt. Dies ist, obwohl für die 80er-Jahre nicht ungewohnt, zugleich der springende Punkt an LTK. In erster Linie wird eine gute und spannende Geschichte eindringlich und weitgehend kompromisslos erzählt, es gibt keine lose Abfolge von Actionszenen und Spielereien, nur rohes, starkes Storytelling. Parallel dazu agiert John Glens Regie unerhört effektvoll und zielgerichtet, wobei fast jede Einstellung im Dienst der Inszenierung steht und die Handlung ohne jegliche Umwege vorantreibt.

Kernelement ist dabei die hervorragend konzipierte Beziehung zwischen Bond und Sanchez, bzw. die Dynamik zwischen Dalton und Davi. Sanchez ist womöglich der komplexeste Bösewicht der gesamten Reihe. Auf den ersten Blick ist er noch ein grausamer und verbrecherischer Drogenhändler, aber unter der Fassade offenbaren sich mehr und mehr Züge einer stilvollen Lebensart und unerschütterlichen moralischen Grundsätzen, die beide der Figur Bond gar nicht mal so unähnlich sind. Sowohl Bond als auch Sanchez agieren in LTK konsequent nach den Prinzipien von Loyalität und Gegenreaktion. Sanchez' vergeltender Angriff auf Leiter ist im Kern nichts anderes als Bonds anschliessender Gegenangriff auf Sanchez, ein ständiges Wechselspiel aus Rache und Vergeltung. Die formidable Lagerhausszene, in der Bond das Bestechungsgeld des Verräters nicht nur ablehnt sondern gleich auch opfert, um den Übeltäter den Haien vorzuwerfen, wie dieser es zuvor mit Leiter getan hatte, entspricht genau dem wenige Minuten zuvor von Sanchez geäusserten Grundsatz "Loyalty is more important to me than money". So gesehen macht es nur Sinn, dass Sanchez im verdeckt operierenden Bond schon ab ihrem ersten richtigen Aufeinandertreffen, einer in allen Belangen absolut herausragenden Szene, einen potentiellen ebenbürtigen Freund, ja sogar Seelenverwandten zu entdecken glaubt, Bonds Verrat im blut- und bleigetränkten Finale aber wiederum konsequent und ohne jegliche Rücksicht auf Verluste zu bestrafen versucht. In dieser Hinsicht ist LTK der persönlichste und intimste Bondfilm von allen, vor allem bezogen auf die Konstellation und die Handlungen seiner Charaktere.

Bond ist hier Flemings Bond, und Timothy Dalton ist schlicht und einfach herausragend in der Rolle. Die energische und zornige Aura, die seine Rolle den Film über umgibt ist gleichermassen facettenreich wie überzeugend gespielt und dem Ton der Geschichte absolut angemessen. Dabei ist Daltons Bond aber auch weiterhin ein Mann von Welt, der stilsicher auftritt und häufig einen trockenen Spruch oder sogar ein verschmitztes Lachen zur Hand hat. Die Mischung bleibt absolut authentisch. Und Robert Davis Sanchez schlägt durch die Parallelen mit Bond in eine ähnliche Kerbe. Seine Grausamkeit und extreme Strenge im Umgang mit Feinden sind keineswegs sadistischer Natur, sondern seiner zielgerichteten Unnachgiebigkeit geschuldet, genauso sehr kann er aber auch jovial, elegant und gar freundlich auftreten. Sowohl Dalton als auch Davi arbeiten in LTK mit vielen subtilen Gesten und Blicken um ihrer paradoxen Beziehung zweier gleichgesinnter Feinde Leben einzuhauchen und werden dabei konsequent von Glens Inszenierung unterstützt.

Mit Carey Lowells Pam Bouvier und Talisa Sotos Lupe Lamora sind zwei prägnante Bondgirls an Bord, die ebenfalls einen nicht unerheblichen Anteil dazu beitragen, den Film sicher heimzubringen. Gerade Lowell als burschikose, mit allen Wassern gewaschene CIA-Kampfpilotin ist eine der besten Vertreterinnen ihres Rollentyps. Während sie Bond durch ihre starrköpfige Art gerne in seine Schranken verweist ist sie dennoch bereit, mit ihm durchs Feuer zu gehen und bekommt damit eine treffende Eigenständigkeit verliehen. Dagegen glänzt Soto als glamouröses, feuriges Opferlamm, das Bond schrittweise Einblick in Sanchez‘ Vorhaben gewährt. Ihre Bereitschaft, sich dem Fremden, der das Syndikat ihres Mannes von innen heraus zu Fall bringen will, anzuvertrauen wird vom Drehbuch dabei schlüssig entwickelt, ihre anfänglichen Ängste glaubhaft gespielt. Gleichzeitig spielt LTK lange mit der Frage, ob nun Pam oder Lupe die Frau sein wird, mit der sich Bond in den Abspann verabschiedet, vor allem durch die kleineren und grösseren Anfeindungen die vor allem von Pams Seite Lupe gegenüber eingestreut werden. Diese Frage wird dann auch schrittweise im Kleinen und endgültig in der Schlussszene zufriedenstellend beantwortet.

Eine Stärke des Films ist nicht zuletzt aber auch Sanchez‘ Drogensyndikat, bzw. die breit gefächerte Riege an Helfern und Partnern, die sowohl im Rauschgiftgeschäft als auch in der Filmhandlung verschiedene Rollen einnehmen. Den meisten Eindruck hinterlässt dabei Anthony Zerbe, dessen versoffener Hochseefischer Milton Krest ein schmierig-widerwärtiges Wrack ist, die ideale Figur für die clever umgesetzte Idee, einen Handlanger durch Bonds Manipulation der Bestrafung des Hauptgegenspielers auszuliefern. Neben ihm spielt Benicio Del Toro mit dem lässig-durchgeknallten "Psycho-Kid" Dario mal kurz den wohl coolsten Killer in der gesamten Bondreihe. Dazu kommen noch Don Stroud als mit seiner Loyalität hadernder Leibwächter, Anthony Starke als hibbeliger, kleinkarierter Buchhalter, Wayne Newton als grotesk überzeichneter Sektenguru und Everett McGill als hassenswerter DEA-Verräter Kilifer, die die illustre Galerie der Schurken weiter abrunden.

Ein häufig getätigter Vorwurf gegenüber LTK ist, dass die Rolle Leiters nicht für einen glaubwürdigen Racheakt ausreiche. Dies halte ich für einen verkehrten Denkansatz in Bezug auf Leiters und Bonds gemeinsame Filmhistorie, die sowieso von stetigen Darstellerwechseln und nicht vorhandener Kontinuität gezeichnet ist. Stattdessen etablieren die Szenen zwischen Bond, Leiter und Della bei Sanchez‘ Festnahme und der anschliessenden Hochzeit sowie das fehlende Verständnis des britischen Geheimdiensts und die Untätigkeit der amerikanischen Behörden alles, was innerhalb von LTK notwendig ist um die Handlungsidee eines komplett auf eigene Rechnung operierenden Bonds zu rechtfertigen. Dass mit David Hedison die bis dato beste Inkarnation der Leiter-Rolle zurückgeholt wurde ist nur unterstützender Bonus. Sein Leiter hat nicht mehr ganz die kumpelhaft-lockere Chemie wie einst mit Roger Moore, vermittelt aber Bond und auch seiner eigenen Frau gegenüber immer noch die kameradschaftliche Wärme, die der Film benötigt. Dazu kommt noch sein sehr energisches Auftreten in Bezug auf Sanchez, womit schön vermittelt wird, dass Leiter dem Drogenbaron womöglich schon seit Ewigkeiten das Handwerk legen wollte. Dadurch kann Bonds Feldzug auch als eine Art Beendigung von Leiters Arbeit angesehen werden. Eine schöne Zugabe ist Frank McRaes Auftritt als verlässlicher Freund Sharkey ("Chainsaw my ass!"). Seit Quarrel gab es wohl keinen Bond-Verbündeten mehr, der so taff und furchtlos, aber eben auch kein Profi war. Sharkeys Abgang erhält dafür umso mehr Gewicht.

Während sich LTK über weite Strecken durch seine Schauplätze und den raueren Stil etwas anders anfühlt schlägt der Auftritt von Q eine gelungene Brücke zu den klassischen Bondfilmen der letzten Jahrzehnte, und da macht es nur Sinn, dass Desmond Llewelyn hier seinen grössten und besten Auftritt abliefert. Q als Quasi-Feldagent in einer unautorisierten Mission an Bonds Seite passt stimmig ins Bild, und die Figur entwickelt gerade im Zusammenspiel mit Pam eine neue Seite abseits der üblichen Laborszene. Dazu gibt es einige herrlich trockene Gags wie Q’s Abklopfen der Betten in Bonds Suite, sein aufhellendes Gesicht als Bond ihn weiterhin dabeihaben will oder das allessagende Kopfschütteln, wenn Bond im Boot des Hafenmeisters davonfährt. Obwohl Q als einzige personelle Konstante noch bis in die 90er hinein erhalten bleiben sollte markiert sein Auftritt hier sinnbildlich auch den Abschluss eben dieser klassischen Bond-Ära.

LTK wird selten als einer der grossen Actionknaller innerhalb der Bondreihe hervorgehoben, verfügt aber über eine Vielzahl gelungener, meist eher kleinerer Actionszenen, die alle stimmig und schlüssig mit der Handlung verzahnt sind. Sei es die wagemutige Abschleppaktion am Flugzeug in der PTS, die kurze und knackige Schiesserei in Krests Lagerhaus, Bonds gescheitertes Attentat auf Sanchez in dessen Büro, Hellers Panzerangriff auf den Unterschlupf der Hongkonger Drogenpolizei und vor allem natürlich die sehr starke Sequenz rund um die Wavekrest, mit kleineren und grösseren Actionmomenten unter Wasser sowie hoch in der Luft und einer improvisierten Wasserskiszene in bester Bond-Manier. Die Krönung ist natürlich die wuchtige und rabiate Schlusssequenz mit den vier Tanklastzügen auf einer Bergstrasse an steilen Geröllhängen. Durch die vielen kleinen Variationen, derben Stunts und die zunehmende Zerstörungswut auf beiden Seiten ist die gesamte Sequenz exzellent strukturiert und vermittelt das Gefühl, dass es hier wirklich um Leben und Tod, und um alles oder nichts geht. Bemerkenswert ist auch hier, wie es Glen gelingt, die Intensität und Wucht der Szene kontinuierlich zu steigern, besonders dann, wenn die Musik einsetzt.

À propos Musik: Michael Kamen durfte wie Martin, Hamlisch und Conti vor ihm nur einen einzigen Bondscore beisteuern und seine Arbeit ist in Fankreisen nicht unumstritten, zumindest für mich aber einer der allerbesten Soundtracks bei Bond überhaupt. Kamen zeigt schon in der dunklen und mächtigen Vertonung der Gunbarrel-Sequenz, wo es die nächsten zwei Stunden langgehen wird und hält diesen Stil konstant bei. Seine Musik ist mal wuchtig, brachial und zerstörerisch wie der Film, zeigt aber auch immer wieder ein exzellentes Gespür für das besondere lateinamerikanische Flair und die ruhigeren Momente der Geschichte. Letztere entfalten bei Kamen oft eine gespenstische, schaurig-schöne Stimmung und unterstreichen so gekonnt die Vielfalt und Reife seiner Arbeit.

Mit LTK ging die klassische Bond-Ära nach fast dreissig Jahre zu Ende, aber nicht wie man hätte erwarten können mit einem spritzigen Best-of, sondern mit einem in seiner Ausprägung der liebgewonnen Elemente oft erstaunlich anderen und reiferen Film. Bond Nummer sechzehn brilliert mit einer harten und spannenden Abenteuergeschichte, die von Wilson und Maibaum ebenso klug strukturiert ist wie sie von Glen dicht und dynamisch bebildert wird. Timothy Dalton liefert eine rundum hervorragende Leistung als beinharter James Bond an der Seite des besten und spannendsten Schurken der gesamten Seriengeschichte, während Kamens ungewöhnlicher und prägnanter Score dem Gesehenen die Krone aufsetzt. James Bond has returned. James Bond will return.

Wertung: 10 / 10
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23. Juli 2019 21:17

GoldenEye (1995, Martin Campbell)

"See him move through smoke and mirrors, feel his presence in the crowd."
- Tina Turner

Sechs Jahre lang lag James Bond durch juristische Querelen und produktionstechnische Schwierigkeiten auf Eis, eine Zeit, in der sich so einiges veränderte. Während das altgediente Stammpersonal sowohl vor als auch hinter der Kamera mehr und mehr seinen Abschied nahm raubten der Zusammenbruch der UdSSR und damit das Ende des Kalten Krieges der Figur auf einen Schlag ihren ursprünglichen weltpolitischen Kontext und warfen folgerichtig verstärkt die Frage nach Bonds Zeitgemässheit auf. GE stellt somit die grösste Härteprobe für die Filmreihe seit dem Wechsel von Connery auf Moore dar, eine Prüfung, die der siebzehnte Film des Eon-Kanons glücklicherweise heil überstehen und die Figur somit in ein neues Zeitalter überführen konnte.

Stil und Story von GE wählten den Ansatz, die klassischen Ingredienzien der Reihe mit einem modernen, frischen Gewand zu kombinieren, um den nahtlosen Übergang in eine neue Bond-Ära zu gewährleisten. Die Mischung aus alt und neu ist weitgehend gelungen und bestätigt in ihrem Funktionieren auch sehr gut, dass die Bondfigur auch in dieser neuen Welt noch durchaus existieren kann. Auf der einen Seite wartet GE mit haufenweise bondtypischen Strukturen und Motiven auf, vom generellen Handlungsaufbau bis hin zu Casino- und Gadget-Szenen, auf der anderen Seite zeigen eine Reihe neuer Ideen und Veränderungen, dass die Reihe durchaus bereit ist, sich mit der Zeit zu entwickeln und nicht etwa in den Sechzigern steckengeblieben ist.

Die Frage nach Bonds Zeitgemässheit und die deutliche Bejahung der selbigen ist dann auch das zentrale Motiv des Films. So darf Bond in der überaus gelungenen PTS noch serientypisch mit flotten Sprüchen die bösen Machenschaften der Sowjets sabotieren und mit einem absurden Stunt, der an die knalligen Openings von TSWLM und MR erinnert entkommen, ehe im nach den zuletzt eher stagnierenden Binder-Sequenzen erfrischend eigenständigen Vorspann buchstäblich die Mauern des Kalten Krieges niedergerissen werden. Im Folgenden wird Bond in der neuen Ära auch kritisiert, teilweise regelrecht als Anachronismus verspottet, sei es auf sehr direkte Art im Dialog mit M, Zukovsky, Trevelyan oder dem Verteidigungsminister, aber auch auf der Metaebene durch den moderneren Handlungskontext, die Einbindung der Computertechnologie und die mit der Zeit gehenden Widersacher. Gleichzeitig drehen Drehbuch und Regie den Spiess aber auch wieder schrittweise um und beweisen, dass Bond nach wie vor in einem neuen Weltbild existieren und in bekannter Manier die Welt retten darf oder sogar muss, wobei der triumphale "Durchbruch" des Panzers sicherlich den deutlichsten Fingerzeig darstellt. Das mag nicht immer ganz subtil sein, nicht zuletzt in den überdeutlichen Aussagen der neuen M, passt aber die meiste Zeit gut und ist für mich sogar eleganter gelöst als die sehr ähnlichen Themen in SF, da sie in GE trotz allem mehr in die Handlung eingebettet sind und weniger aus dem Nichts kommen.

GE profitiert nicht zuletzt von Martin Campbells eleganter und eigenständiger Inszenierung, die dem Film gekonnt seinen modernen Touch verleiht. Campbell erzählt sehr fokussiert, mit präzise ausgerichteten Bildern und sehr direkten, meist in Nahaufnahmen gelösten Szenenübergängen. Sein gutes Auge zeigt sich in diversen gelungenen Einstellungen wie etwa beim sibirischen Hundeschlitten oder beim unheilvollen Auftauchen des Hubschraubers über dem kubanischen Dschungel. Dazu gesellt sich der energische, rasante Schnitt der Actionszenen. Der experimentelle Score von Éric Serra mag eine merkwürdige, gewagte Wahl sein, ohne ihn könnte ich mir GE aber längst nicht mehr vorstellen. Besonders in den stimmungsvoll düster ausgeleuchteten Russland-Szenen, zum Beispiel in der PTS, passt sein dumpfes, metallisches, rhythmisches Pochen wunderbar zur Kälte und Härte der Bilder. Genauso sehr gehören aber auch ruhige, wehmütige Streicher zu seinem Repertoire. Dass man Serras Musik in der Panzerszene ausgetauscht hat ist eine fragwürdige Entscheidung, wird aber insofern kaschiert dass die Szene in ihrem Subtext geradezu nach dem bekannten Bond-Theme verlangt. Es wäre mutiger und konsequenter gewesen, beim industriellen Synth-Sound zu bleiben, aber nicht zuletzt durch die Gewöhnung kann ich auch mit dem ersetzenden Bond-Theme gut leben.

Pierce Brosnan gibt einen soliden Einstand in der Bondrolle, ohne wirklich Brillantes zu leisten. Seine Interpretation des Doppelnullagenten kombiniert die zynische Abgebrühtheit von Sean Connery, den galanten Humor von Roger Moore und die emotionale Härte von Timothy Dalton, ohne in einer der Disziplinen das Original zu erreichen, geschweige denn zu übertreffen. Brosnan profitiert in seinem Debüt von der noch teilweise an Dalton angelehnten Auslegung der Rolle sowie generell von dem Umstand, dass GE ihm unterschiedlichste Momente zugesteht, vom galanten Charmeur über den britischen Snob bis hin zum persönlich ins Geschehen involvierten Feldagenten. Damit folgt auf eine etwas hölzern gespielte Szene meistens sogleich eine gute Gelegenheit für Brosnan, seinen Bond gekonnt zu profilieren. Insgesamt bietet der fünfte Darsteller in der Rolle eine gute, zweckdienliche Vorstellung mit kleineren Schwächen, die aber jederzeit als Bond zu erkennen ist und das Erbe der grossen Vorgänger würdig weiterzuführen weiss.

Besonders auf der bösen Seite profitiert GE von einer Galerie illustrer, einfallsreicher Figuren, die mit viel Leinwandpräsenz und teils nahezu gleichberechtigter Gewichtung die Modernisierung des Spektakels weiter absichern. Eine echte Bereicherung für den Film ist Famke Janssen als masslos durchgeknallte Domina-Killerin Xenia, eine Figur, die in ihrer Extremität leicht zum albernen Softporno-Trash hätte verkommen können, aber von Janssen mit so viel teuflischem Charme, knisternder Erotik und glaubhafter physischer Präsenz verkörpert wird, dass es schlicht grossartig funktioniert. Gottfried John spielt den kalten General vorzüglich, das Wechselspiel zwischen seinem kontrollierten, geschniegelten Auftreten und der manischen Grausamkeit, wenn er die Kontrolle zu verlieren droht, ist schauspielerisch gut gelungen. Natürlich ist Super-Programmierer Boris Grischenko ein Russen- und Hackerklischee auf zwei Beinen und nicht selten nahe an der Grenze zur totalen Cartoon-Figur, macht in seinen wenigen Auftritten als hibbelig am Bildschirm klebender Komiker aber ordentlich Laune. Sean Beans Oberbösewicht Trevelyan ist ein bisschen ein zweischneidiges Schwert. Die Rolle des bösen Spiegelbildes transportiert er ausgesprochen gut, und man kauft es ihm ab, dass er Bond physisch gewachsen ist und ein sehr ähnlich angelegter Agent war, der mit 007 eine Vergangenheit teilte. Der alleinstehende Anführer des Janus-Syndikats fehlt ihm dagegen ein wenig, und seine furchterregenden Führungsqualitäten, gerade gegenüber dem meistens recht selbstsicher gezeichneten Ouromovs, bleiben mitunter Behauptung. Und Izabella Scorupcos Bondgirl gehört zwar nicht zu den allerbesten Vertreterinnen ihrer Rolle, passt aber absolut zweckdienlich zum Film und ist ausserdem bemerkenswert gut gespielt.

Die Erneuerung der MI6-Crew bietet natürlich durch den Übergang in ein neues Zeitalter eine konträre Auslegung der klassischen Rollen geradezu an, allerdings gehören weder Samantha Bonds Moneypenny noch Judi Denchs M zu den Höhepunkten des Films. Moneypenny war eine Rolle, die zu sehr mit ihrer ursprünglichen Darstellerin und dem altbekannten Vorzimmer-Konzept verwachsen war, als dass Samanthas farblose und gewollt auf emanzipiert gebürstete Neuinterpretation wirklich sinnvoll gewesen wäre, geschweige denn nennenswerte Akzente setzt. Eine weibliche M die ihren Topagenten etwas in seine Schranken weist ist prinzipiell eine gute Idee, die sich in späteren Filmen auch noch besser entwickeln durfte. In GE ist ihr Auftritt nicht zuletzt durch den saloppen Dialog, der obwohl zum Subtext des Films passend einfach zu dick aufgetragen ist, noch eher kratzbürstig und unsympathisch. Desmond Llewelyn ist das einzige personelle Überbleibsel aus den "alten" Bondfilmen und sein obligatorischer und nicht gross veränderter Auftritt schlägt eine sympathische Brücke. Nicht zuletzt schien Llewelyns Chemie und Charisma mit jedem neuen Bonddarsteller gewachsen zu sein und so harmoniert er mit Brosnan mindestens so gut wie zuletzt mit Dalton. Zwei Nebenrollen bleiben noch besonders im Gedächtnis: Tchéky Karyo spielt einen starken, integren Verteidigungsminister, dessen kurze Konfrontationen mit dem zwielichtigen Ouromov ein wenig den Geist des anderen starken Russen-Clashs zwischen den Generalen Gogol und Orlov in OP versprühen. Und Robbie Coltrane als alten Russenhasen und früheren Rivalen Bonds zu besetzen war eine tolle Idee, seine Figur bietet sich geradezu für gelegentliche Neuauftritte an, was in TWINE dann auch glücklicherweise der Fall war. Aber er hätte gern noch öfter auftreten können, vielleicht, wäre die Bondgeschichte anders verlaufen.

GE nutzt die lange Pause, die personellen Wechsel und den neuen Bonddarsteller sehr geschickt, um die Reihe zu entschlacken und zu modernisieren, ohne das Grundrezept gravierend zu verändern. Im Gegenteil, Pierce Brosnans Debüt ist in vielen Punkten und Strukturen Bond pur, wie man ihn kennt und liebt, zeigt sich in den Ausprägungen aber dennoch progressiv, frisch und mit dem Willen, die Serie ins neue Jahrtausend zu führen. Nicht zuletzt durch Campbells elegante und autarke Regie und die weitgehend geglückten Variationen klassischer Rollentypen, primär auf der bösen Seite, ist mit GE ein Film gelungen, der genauso eigenständig wie serientypisch ist. Operation geglückt, Bond lebt. Nicht im besten Film seines langen Lebens, aber in einem sehr guten.

Wertung: 8 / 10
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