Die Filme des Akira Kurosawa

#1
In unserer Filmdiskussions-Ecke darf unter all den Threads zur individuellen Besprechung von Regisseuren einer der wichtigsten und wegweisendsten Filmemacher aller Zeiten natürlich nicht fehlen: Akira Kurosawa.

Zuerst ein paar einleitende Worte meinerseits über ihn: Der Japaner Akira Kurosawa drehte über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten, beginnend in den frühen 1940er-Jahren, dreissig Spielfilme. Sein Schaffen machte das japanische Kino im Rest der Welt populär, was durch seine Präsenz bei westlichen Preisverleihungen wie zum Beispiel den Academy Awards und dem Filmfestival Cannes betont wird. Des Weiteren inspirierte Kurosawa eine ganze Generation westlicher Filmemacher in ihrer Arbeit, in den Dekaden nach seinem weltweiten Durchbruch liess sich seine filmische DNA in zahlreichen Western, Science-Fiction-Filmen sowie Werken der New-Hollywood-Welle wiederfinden. Kurosawa selber erlangte seinen Ruhm vor allem durch seine wegweisenden Samurai-Filme. Was sein Werk so herausragend macht sind in erster Linie seine besonderen Stärken im visuellen und erzählerischen Bereich. Kurosawa verstand sich perfekt darauf, seine Schauplätze – nicht selten spektakuläre Landschaftsaufnahmen – kunstvolle Schwarz-Weiss-Kontraste und last but not least die Bewegungen von Akteuren, Kamera und Schnitt in einen ausgeklügelten Einklang miteinander zu bringen und somit gleichermassen eindrucksvoll ästhetische wie auch narrativ effektvolle Bildsequenzen zu schaffen, mit denen er das globale Action- und Abenteuerkino massgeblich mitprägte, insbesondere das Jidai-geki-Genre, eine japanische Variante des Historienfilm. Parallel dazu drehte Kurosawa eine Reihe von Kriminaldramen, die an den amerikanischen Film Noir angelehnt sind.

Um euch Kurosawas filmisches Vermächtnis noch besser vorzustellen und hoffentlich für den ein oder anderen Diskussionsansatz zu sorgen habe ich mich dazu entschlossen, einen Marathon quer durch seine Filmographie durchzuführen, der selbstverständlich den glorreichen Namen „Kurosawathon“ tragen wird. Gleichzeitig bietet sich dadurch für mich die Möglichkeit, einige markante Lücken zu schliessen. Um das komplette Werk von A bis Z durchzukauen reicht es dann aber doch nicht, daher werde ich mich auf die siebzehn wichtigsten und/oder für mich persönlich interessantesten Filme beschränken, die ich in drei Etappen sichte und dann jeweils hier kurz rezensiere. Weniger bedeutende Früh- und Zwischenwerke fallen daher zunächst weg, sollten einige der von mir übersprungenen Filme aber von anderen Usern ausdrücklich empfohlen werden bin ich offen dafür, die entsprechenden Werke in einer vierten Etappe nachzuholen.

Los geht es also mit dem ersten Block meines Kurosawathons!


Drunken Angel (1948)
Drunken Angel vereint zahlreiche Stärken, die Kurosawa in den folgenden Jahren noch weiterentwickeln und perfektionieren konnte, zum Beispiel den wunderbaren Soundtrack, stimmungsvolle Bildsprache, kluge Inszenierung, spannendes Storytelling, präzis gezeichnete Charaktere und die beiden famosen Schauspieler Toshirō Mifune und Takashi Shimura. Der Film erzählt vor dem Hintergrund eines Gangsterfilms von der schwierigen Beziehung zwischen einem an Tuberkulose erkrankten Yakuza-Heisssporn und seinem saufenden Arzt. Dabei inszeniert Kurosawa die Story stets mit Humor, visueller Komik aber auch mit sensiblem und gefühlsvollem Umgang mit seinen Figuren und der Thematik und schafft so ein eindringliches und farbiges Charakter- sowie Gesellschaftsportrait. Veredelt wird der Film weiter durch den sehr atmosphärischen Bilderreigen, der das Japan der Nachkriegszeit gekonnt zum Leben erweckt.
Wertung: 8 / 10


Stray Dog (1949)
Kurosawas zweiter Kriminalfilm setzt in vielerlei Hinsicht die Linie des Vorgängers Drunken Angel fort. Dieses Mal spielen Shimura und Mifune zwei Polizisten auf der Suche nach einer gestohlenen Dienstwaffe, mit der mehrere Verbrechen begangen werden. Stray Dog ist anfangs noch wesentlich leichtfüssiger als sein Vorläufer, doch was als tempo- und wendungsreiches Buddymovie mit viel Witz und Spannung anfängt wandelt sich nach und nach zu einem richtig packenden Polizeithriller mit tiefsinnigen Untertönen, der einmal mehr von Kurosawas einfallsreichen Inszenierungskünsten zehrt. Der Film ist nicht nur eine wunderbar fotografierte, konsequent durchgezogene Gewaltspirale, sondern auch ein optimales Beispiel für die stilistische Vielfalt und Bandbreite seines Regisseurs. Für mich persönlich noch ein Hauch besser als der ebenfalls sehr gute Vorgänger.
Wertung: 8,5 / 10


Rashōmon (1950)
Rashōmon festigte endgültig Kurosawas Ruf als Regiewunder Asiens, und das völlig zu Recht, da es ihm in dem Film wahrhaftig meisterhaft gelang, Kameraarbeit, Spannung, Handlung und Charaktere miteinander in Einklang zu bringen. Die Geschichte dreht sich um einen dubiosen Mordfall auf einer Waldlichtung, der von Zeugen sowohl der Tat als auch des Gerichtsverfahrens auf verschiedenen Zeit- und Handlungsebenen nacherzählt wird. Die Aussagen der verschiedenen Akteure widersprechen sich dabei fundamental, wodurch man als Zuschauer den Mord immer wieder mit völlig anderem Ablauf und in einem ganz neuen Licht zu sehen bekommt, und sich neben dem Tathergang auch Mörder, Motiv und Charakterzüge der Anwesenden verändern. Kurosawa spielt so nicht nur auf grandiose Weise mit Glaubwürdigkeit, Erinnerung und Wahrheit, sondern verleiht dem Ganzen trotz des nahezu kammerspielartigen Settings durch geschickte Kamerawinkel und Schnitte ein zeitloses, kraftvolles Bildgewand. Der abenteuerliche Soundtrack und das phänomenale Ensemble – besonders das Kurosawa-Stammpersonal Toshirō Mifune und Takashi Shimura leistet mimisch Sagenhaftes – sind das Sahnehäubchen auf einem durch und durch hervorragenden Film.
Wertung: 9,5 / 10


Ikiru (1952)
Der nächste Kurosawa dürfte wohl thematisch einer der bemerkenswertesten und eigenständigsten Filme im Oeuvre des japanischen Meisters sein, da er Kurosawas gewohnt ausserordentliches Gespür für Bilder und Figuren in einem ganz neuen Handlungskontext zur Geltung gilt. Ikiru erzählt die Geschichte des Wittwers und Büroangestellten Watanabe, der ein monotones und langweiliges Leben führt. Als er mit Magenkrebs diagnostiziert wird und erfährt, dass er noch weniger als ein Jahr zu leben hat, verändert sich seine gesamte Weltanschauung. Der bei seinen Kollegen und Verwandten als einsame „Mumie“ verschriene Watanabe entdeckt seine Lebensfreude, sucht die Gesellschaft aussergewöhnlicher Menschen und macht sich die Durchsetzung eines gemeinnützigen Bauprojektes zur Herzensangelegenheit. Der Film ist die feinsinnige Studie eines einzigartigen Lebensabschnittes, die tieftraurige Tragik und anrührend-herzliche Schönheit ohne Berührungsängste vereint. Schlichte, aber brillante Bildkompositionen, ein wehmütiges und denkwürdiges Titellied sowie eine herzzerreissende Performance von Takashi Shimura runden Ikiru als Film mit viel Herz und Charme weiter ab.
Wertung: 9 / 10


Shichinin no Samurai (1954)
Shichinin no Samurai ist Kurosawas vollkommenster und faszinierendster Film. Der dreistündige Jidai-geki erzählt von einem Bauerndorf, das Jahr für Jahr von Banditen heimgesucht und ihrer Ernte beraubt wird. Voller Verzweiflung sendet der Dorfälteste Boten aus, die sieben Ronin zusammentrommeln unter deren Anleitung sich die Farmer auf den nächsten Angriff der Räuber vorbereiten. Was nach wenig klingt wird durch Kurosawas herausragendes Storytelling ganz viel. Inszenierung und Dramaturgie sind schlicht spektakulär, jede Einstellung ein Gemälde für die Ewigkeit, jeder Schnitt brillant gesetzt und der Score absolut unvergesslich. Dazu kommt eine bunte Vielfalt an lebendigen Charakteren, alleine die sieben titelgebenden Samurai, darunter Shimura als besonnener Anführer, Kimura als sein eifriger Schüler, Miyaguchi als altersweiser Krieger und Mifune als durchgeknallter Rabauke, sind ein unglaublich kontur- und kontrastreicher Haufen den man von der ersten Minute an ins Herz schliesst. Die Interaktionen dieser Figuren sind ein einziges Vergnügen, aber trotz vielen gelungenen humorvollen Auflockerungen bleibt der Film im Kern ein dramatisches, teils elegisches Schlachtenepos, das im Finale seinen atemberaubenden Höhepunkt erreicht. Was Kurosawa in der letzten Stunde auf Zelluloid bannt ist nicht mehr von dieser Welt: Ein mehrere Tage dauernder Kleinkrieg mit mehreren Dutzend Kämpfern, voller Dynamik durch Kameraarbeit und Choreographie, voller Hochspannung durch kluge Variationen und Unterbrechungen. Unterm Strich ist Kurosawas bekanntester Film eines der grössten filmischen Meisterwerke aller Zeiten und zu Recht ein ganz grosser Klassiker.
Wertung: 10 / 10


Throne of Blood (1957)
Kurosawa goes Shakespeare! Der Meister adaptiert die grausame Macbeth-Tragödie des berühmten Dichters und verlagert sie ins mittelalterliche Japan, wobei sich, genau wie in der Vorlage, rund um das Königsschloss und den benachbarten Geisterwald eine sich stetig zuspitzende Geschichte um Gier, Mord, Verrat, Krieg und Wahnsinn entwickelt. Wie man es sich vom Regisseur gewohnt ist, ist die tragische Schauermär visuell absolut fesselnd in Szene gesetzt. Das sehr bedächtige, fokussierte Tempo des Films unterstützt dabei kongenial den Aufbau von Spannung und Atmosphäre, der sich aus der hervorragenden Kameraarbeit und dem verstörend-pulsierenden Soundtrack heraus ergibt, besonders die Szenen mit dem Waldgeist sind von Kurosawa äusserst wirkungsvoll inszeniert. Dazu kommen noch die von der Kamera wunderbar eingefangene, spektakuläre Schlosskulisse und die umliegenden, nebelverhangenen Hügel, sowie eine bärenstarke Darbietung von Toshirō Mifune, der als verstörter, dem Irrsinn verfallender Feldherr nahezu genau so toll spielt wie bei den Sieben Samurai.
Wertung: 9 / 10
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Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#2
Ich habe noch keinen Kurosawa-Film gesehen, ausser den brillanten Geheimtipp "Runaway Train" (1985), basierend auf einem Drehbuch von Kurosawa.

Allerdings habe ich die Blu-ray von "Ran" rumliegen. Habe bisher aber noch gezögert, ihn zu schauen.
Vielleicht kann hier jemand etwas zum Film sagen?

Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#3
Martin007 hat geschrieben:Allerdings habe ich die Blu-ray von "Ran" rumliegen. Habe bisher aber noch gezögert, ihn zu schauen.
Vielleicht kann hier jemand etwas zum Film sagen?
Ich leider noch nicht, der Film ist aber im Kurosawathon fest eingeplant.

Hier noch die komplette Filmographie als Vorlage, falls jemand seine Wertungen einfüllen möchte:

Judo Saga
Am Allerschönsten
Judo Saga 2
Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten
Erbauer des Morgens
Kein Bedauern für meine Jugend
Ein wunderschöner Sonntag
Drunken Angel
Das stumme Duell
Stray Dog
Skandal
Rashōmon
Hakuchi
Ikiru
Shichinin no Samurai
Bilanz eines Lebens
Throne of Blood
Donzoko
The Hidden Fortress
The Bad sleep well
Yōjimbō
Sanjuro
High and Low
Red Beard
Dodeskaden
Dersu Uzala
Kagemusha
Ran
Yume
Rhapsodie im August
Mādadayo

Die Männer, die auf des Tigers Schwanz traten? Was zum Teufel... :lol:
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Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#4
Bravo GP, sehr gute Idee! Ich muss gestehen, dass Kurosawa ein bei mir bislang eher sporadisch gesichtetes Feld darstellt und ich von dem, was ich gesehen habe auch sehr unterschiedlich angetan war. Was mir an Kurosawas Arbeiten generell gefällt ist sein feines Händchen für ausgeklügelte Erzählweisen und großangelegte Bildgestaltung. Letzteres kommt besonders durch die oftmals epische Einbindung von majestätischen/bizarren Landschaften und aufwändigen Set-Konstruktionen zur Geltung. Was mir an Kurosawas Arbeiten hingegen nicht so gut gefällt ist ein gewisser Hang zur Langatmigkeit. In den Filmen, die mir besser gefallen fällt dies aufgrund einer abwechslungsreichen Handlung nicht sonderlich ins Gewicht, bei den Filmen die mich weniger erreichen können hingegen um so mehr. Gerade bei dem gemeinhin als Meisterwerk angesehenen Rashomon fiel mir dies sehr unangenehem auf, obwohl der Film ja sogar verhältnismäßig kurz ist was seine Laufzeit angeht. Da konnte mich auch der brillante erzählerische Grundgedanke des Films nur bedingt dafür entschädigen, da der Film einfach zu träge vorankam (bei Sanjuro empfand ich dies gar als noch schlimmer).

Mein Lieblings-Kurosawa ist fraglos Dersu Uzala, eine wunderbar menschliche Geschichte um eine Freundschaft zwischen einem gebildeten russischen Offizier und dem titelgebenden Dersu, einem asiatisch-stämmigen einfachen Trapper der sibirischen Tundra. Der Film funktioniert gleichzeitig als Ode an die Freundschaft wie als praller Abenteuerfilm und letztlich auch als Parabel auf das Aufeinandertreffen von Zivilisation und Natur. Ein wunderbarer Film in großartigen Bildern festgehalten, der leider nur noch in einer sehr beschädigten Qualität einzusehen ist (die sowjetische Produktionsfirma Mosfilm hat leider wenig bis keine Anstrengungen unternommen den einst in prächtigem 70 mm gedrehten Film angemessen zu archivieren).

Dahinter folgt Kagemusha, der für mich entgegen Kurosawas eigener Aussage (der ihn im Nachhinein als „Kostümprobe für Ran“ abtat) der bessere seiner beiden letzten großen Epen ist. Kagemusha und Ran ähneln sich stark, nicht zuletzt da sie beide ihre Geschichte im mittelalterlichen feudalen Japan erzählen und mit Nakadai Tatsuya denselben Hauptdarsteller haben. Ebenfalls beiden gemein sind eine enorm bildgewaltige Inszenierung und ein Hang zur zeitweiligen Stilisierung, etwa in Traum/Alptraum-Sequenzen. Die Ausstattung und Komparsarie ist jeweils gewaltig und macht die beiden Filme zu den aufwändigsten und in Bezug auf Scope und Scale eindrucksvollsten Filmen von Kurosawa. Während Kagemusha trotz ebenfalls beachtlicher Lauflänge von über zweieinhalb Stunden jedoch ohne echte Hänger über die Runden kommt und seine Geschichte jederzeit eine gewisse Dynamik aufweist nimmt sich der fast dreistündige Ran in der letzten Stunde eine sehr lange „Auszeit“, in welcher außer stilisiertem Chaos, Lamentieren und Herumirren (was zwar angesichts der Thematik des Films absolut sinnvoll ist, allerdings filmisch für mich zu langatmig und repitativ umgesetzt wurde) praktisch nichts mehr passiert. Zudem empfand ich die Geschichte um das Schicksal des Doppelgängers deutlich packender und ergreifender als die Variation des King Lear-Motivs. Wobei die Filme hier eine weitere Parallele aufweisen, nämlich im Niedergang ihres Protagonisten, welcher wie ich finde in Kagemusha einen stärkeren emotionalen Eindruck hinterlässt (mehr dazu, wenn GP die Filme im Rahmen seines Kurosawathons gesichtet hat, da ansonsten zuviel Spoiler-Gefahr besteht).

In Noten würde ich meine überschaubaren Kurosawa-Erkenntnisse so abbilden:

Rashōmon 5,5 / 10
Shichinin no Samurai 8 / 10
Throne of Blood 6,5 / 10
The Hidden Fortress 6 / 10
Yōjimbō 7 / 10
Sanjuro 5 / 10
Dersu Uzala 9 / 10
Kagemusha 8,5 / 10
Ran 7,5 / 10


P.S. @GP: schaust du die Filme in OmU?
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#5
AnatolGogol hat geschrieben:Bravo GP, sehr gute Idee!
Danke! Und schön, dass du gleich einen so umfassenden Text zum Thema geschrieben hast. Deinen ersten Absatz würde ich sofort unterschreiben in Bezug was du über die Erzählweise und Bildgestaltung von Kurosawas Filmen sagst, jedoch nicht was die Langatmigkeit angeht. Tatsächlich empfinde ich z.B. Rashomon (der tatsächlich nur knappe 90 Minuten dauert) als sehr temporeich durch seine andauernden Orts- und Stimmungswechsel zwischen Waldlichtung, Gericht und dem titelgebenden Tor, das den Erzählern als Unterschlupf vor dem Regen dient. Ich kann aber zumindest verstehen, wenn man die einzelnen der vier "Mordepisoden" als etwas zu ausufernd empfindet. Zu Sanjuro, Kagemusha und Ran kann ich dir nichts sagen, da ich die Filme noch nie gesehen habe (ab Ausgabe 2 meines Marathons besteht dieser nur noch aus Erstsichtungen).
AnatolGogol hat geschrieben:Shichinin no Samurai 8 / 10
Immerhin... Ich kannte die Sieben Samurai bis vor Kurzem nur in der gekürzten (rund zweieinhalb Stunden) Fassung und fand den Film schon da absolut herausragend. Zum Glück hat mir der Import der britischen "Kurosawa Samurai Collection" nicht nur vier bisher ungesehene Filme für den geplanten Marathon verschafft, sondern auch die Möglichkeit eines Upgrades auf die über dreistündige Fassung. Die wurde dann natürlich sogleich angeschaut und es war einfach nur - wow! Der Film ist erzählerisch und visuell einfach nur bärenstark und dazu sehr gut gealtert, ganz, ganz grosses Kino und durchgehend auf 10er-Niveau, das war noch besser als meine beiden Sichtungen der Kurzfassung zusammen. Was ich ausserdem sehr eindrucksvoll finde ist dass die sieben Samurai sowohl einige der witzigsten (viele Szenen mit Mifune), spannendsten (die Szene mit den drei Kundschaftern, die Brandstiftung des Banditenlagers, jedes Warten in der finalen Schlacht) und emotional stärksten (Mifunes Zusammenbruch als Shimara seine Herkunft errät, das Begräbnis des "Holzhackers") Momente der Filmgeschichte an Bord hat, ohne dass sich da stimmungsmässig jemals etwas beisst.
AnatolGogol hat geschrieben:P.S. @GP: schaust du die Filme in OmU?
Ja, ich "arbeite" grösstenteils mit DVD-Veröffentlichungen des BFI und damit die japanische Originalfassung mit englischen Untertiteln. Ist für mich überhaupt kein Problem, da Kurosawas Figuren selten Männer der ganz grossen Worte sind und der Regisseur seine Darsteller Aussage und Gefühlslage häufig in Gestik und Körpersprache deutlich untermalen lässt (was für mich überhaupt nicht aufgesetzt wirkt sondern zu einem konsequenten Teil von Kurosawas Stil geworden ist und ausserdem nicht selten hilft, Szenen, die von der Fremdartigkeit von Sprache und Kultur geprägt sind leichter zu verstehen). Dennoch muss ich nicht selten ob dem Witz und Humor in seinen Dialogen schmunzeln, obwohl ich sie nur über die Untertitel verstehe, aber wie gesagt bekommt man durch Gestik und Chemie der Darsteller sowie Lautstärke und Stimmlage der japanischen Sätze schnell ein gewisses Gespür dafür.
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Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#6
Eine tolle Idee mit diesem Thread, Goldi. Und so überraschend. :wink:

Kurosawa ist sicherlich wie Anatol sehr richtig bemerkt hat (und ich kann ihm nicht nur in diesem Punkt vollends zustimmen) besonders im optischen Sinne ein hervorragender Regisseur, der die angenehme Fähigkeit/Begabung hatte, Locations oder Settings mit einer Einstellung atmosphärisch perfekt zu umreißen und wenn nötig dennoch genug Geheimnisse zu erzeugen (und das trotz fast vollständiger Bildinformationen). Das zieht sich auch so ziemlich durch alle seine Werke, wenn man einen Kurosawa genießt, dann kann man sich eigentlich immer sicher sein, in diesem Sinne voll und ganz befriedigt zu werden. Und ebenfalls ist es so, dass Kurosawa bemerkenswert mit Inhalten jonglieren konnte. Er wusste genau, wie er Informationen und Entwicklungen so platziert und umsetzt, dass das Publikum stets da war, wo er es haben wollte. Hinzu kommt, dass seine ausschweifende Erzählweise gerne auch mal dazu führte, dass er sich stilistisch ausprobieren konnte und so ist Abwechslung sehr bezeichnend für einen Großteil seiner Filmografie, über langen Zeitraum hat er zumindest eigentlich nie so wirklich immer nur dasselbe gemacht, wie es einigen anderen Regisseuren in ihrer Laufbahn ergangen ist. Schade finde ich aber ebenfalls, dass im Detail doch sehr viele seiner Werke zu langatmig und zu ausschweifend geraten sind. Das mag hin und wieder als Stilmittel funktionieren (das jüngste Beispiel "The Hateful Eight" zeigt sehr gut, wie man Langatmigkeit zu einer konsequenten Wirkung verhelfen und wie Langatmigkeit selbst das Mittel zu großartigen Zwecken sein kann), aber es ist in vielen Fällen dann doch zu ausführlich, zu viel, vielleicht manchmal dann auch eben nicht ganz so gelungen in den eigentlichen Fluss der Handlung eingebunden. Dennoch: So richtig merklich langweilig habe ich eigentlich nie einen seiner Filme empfunden. Zäh, sperrig, das mag sein, aber es ist durchaus möglich, zu jedem Film einen Zugang zu gewinnen und Teile des Geschehens damit dann doch positiv zu erleben. Seine beiden besten Filme sind ohne Frage Shichinin no Samurai und Yōjimbō (die beide ja auch ein entsprechendes Westernpendant gefunden haben), obwohl hier fraglich ist, ob ich das nicht zuletzt wegen jener Westernübertragungen so empfinde, aber dennoch würde ich das erstmal so festhalten. Ansonsten gefällt mir besonders auch Rashōmon sehr gut, der ordentlich Tempo und spannende Ideen aufweisen kann, zwei Eigenschaften, die so kompakt später nur selten von Kurosawa ähnlich gelungen zelebriert wurden.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#7
Treffender Text, Hille, und ich kann dir in Bezug auf die grossartigen visuellen und narrativen Fähigkeiten Kurosawas nur beipflichten (ausser dass ich den Begriff "langatmig" eigentlich ausschliesslich negativ behaftet verwenden würde bzw. ihn für Kurosawas Werke als nicht passend empfinde). Erzähltechnisch halte ich seine Filme für gleichermassen einfallsreich wie effizient, es gelingt ihm eigentlich immer, die Gräben von Sprache und Kultur zu überbrücken, diese aber dennoch als essentielles Stilmittel einzusetzen, gerade in Bezug auf die Jidai-geki-Filme, sowie verschiedene Emotionen und Gefühlslagen miteinander in Einklang zu bringen, wie etwa in meinen obigen Samurai-Beispielen.

Welche seiner Filme kennst du denn und wie würdest du sie bewerten?
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Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#8
Mit Bewertungen tue ich mich schwer, ich habe aber fast alles nennenswerte gesehen (kann jetzt aber grad nicht jedem Inhalt einen Titel zuordnen, werde die nächsten Tage mal nachgucken, welche ich kenne). Und langatmig war natürlich in meiner Verwendung jetzt schon eher neutral gemeint (der Begriff hat eigentlich auch nicht wirklich negatives an sich), weshalb die Langatmigkeit mal ein positives und mal ein störendes Element Kurosawas Filme sein dürfte.
Prejudice always obscures the truth.

Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#9
Kurosawas Filme bleiben mir, wie vieles andere auch aus Asien, immer etwas fremd. Er hat sehr wichtige Filme gedreht, aber für mich sind da immer auch Elemente bei die ich nicht mag. Vor allem in der Schauspielerei, die ich bei Kurosawa selten mag, aber auch in der Konzeption der Charaktere. Ich möchte seine Filme immer besser finden als ich sie dann tatsächlich finde.

Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#10
Maibaum hat geschrieben:Vor allem in der Schauspielerei, die ich bei Kurosawa selten mag
Ich weiss genau was du meinst. Bei Kurosawa wird viel gebrüllt, viel und laut gelacht, viel rumgefuchtelt und gestikuliert, die Schauspielerei wirkt insgesamt um einige Nummern dicker aufgetragen als in westlichen Filmen. Ist aber für mich nie ein Problem, da das für mich wie bereits angemerkt wunderbar in den Stil seiner Filme reinpasst, die durch ungewohnte Kultur und Sprache Japans ja sowieso immer ein bisschen etwas eigenes, "fremdartiges" an sich haben. Dennoch sind seine erzählten Geschichte, seine Bildsprache und die transportierten Emotionen auch für meine westlichen Sehgewohnheiten absolut stimmig, und vielleicht ist es unter anderem auch dieser skurrile Mix, der für mich den Reiz seiner Filme ausmacht.
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Re: Die Filme des Akira Kurosawa

#11
Hier habe ich vor Jahren mal mit grossem Brimborium meinen umfangreichen Rundgang durch das Lebenswerk des vermutlich mit Abstand bekanntesten japanischen Filmemachers, Akira Kurosawa, in drei Etappen angekündigt - nur um das Projekt nach der ersten dieser Etappen komplett versanden zu lassen. Ich würde den Thread trotzdem gerne aus der Versenkung holen, um statt an meinem ursprünglichen Sichtungsplan festzuklammern einfach mal die zwischenzeitlich trotzdem gesehenen Filme festzuhalten. Immer noch nicht gesehen habe ich Kurosawas Red Beard (1965), ein dreistündiges Historienepos, welches eigentlich als Abschluss meiner zweiten Etappe gedacht war, aber die restlichen fünf dieser von mir vorher festgelegten Sichtungsgruppe habe ich über die Jahre hinweg längst gesehen und auch ein paar kurze Gedanken dazu niedergeschrieben, die ich jetzt dem ein oder anderen, den es vielleicht interessiert, nicht vorenthalten will.

In den 1960ern änderte sich bei Kurosawa nicht viel. Der Grossmeister des japanischen Kinos blieb seiner künstlerischen Linie treu und drehte abwechselnd actionreiche Jidai-geki-Filme und in der Gegenwart bzw. der Entstehungszeit angesiedelte Kriminaldramen. Wie es seit Drunken Angel fast ausnahmslos der Fall war spielte Toshirō Mifune weiterhin praktisch jede Hauptrolle. Auch das zweite darstellerische Kurosawa-Faktotum Takashi Shimura blieb weiterhin an Bord, wenn auch nach Shichinin no Samurai nur noch in Neben- und Kleinstrollen. Beginnend mit The Hidden Fortress drehte Kurosawa seine Filme ausserdem nicht mehr im Standardformat 1.37:1 sondern in anamorphem Breitbild.


The Hidden Fortress (1958)
Inhaltlich bietet The Hidden Fortress die perfekte Ausgangslage für ein weiteres hochunterhaltsames Kurosawa-Spektakel. Dieses Mal dreht sich alles um eine wild zusammengewürfelte kleine Schmugglergruppe, die inmitten eines Krieges zwischen rivalisierenden Samurai-Clans versucht, eine grosse Menge Gold und eine steckbrieflich gesuchte Prinzessin unbemerkt durch feindliches Territorium in die Heimat zu bringen. Die Story wird von Kurosawa gewohnt schwungvoll, unterhaltsam, wendungsreich und mit viel Witz und Tempo erzählt, die pompösen Setbauten und beeindruckenden Naturkulissen sind visuell exzellent festgehalten. Zudem gibt es durch die Rollen zweier gleichermassen unfähiger wie gieriger Bauern, die von einem Schlamassel in den nächsten stolpern, mehr Humor als je zuvor. Dass der Film letzten Endes leider doch etwas hinter den vorherigen Grosstaten des Japaners zurückbleibt liegt an der mitunter ziemlich sprung- und episodenhaften Inszenierung, jedoch fällt dieser Makel angesichts des durchgängig spassigen Spektakels dann doch nicht allzu schwer ins Gewicht.
Wertung: 8 / 10


The Bad sleep well (1960)
Die Weiterführung seiner Kriminalfilmreihe aus den 1940ern vermerkt erstmals einen Abwärtstrend in Kurosawas Schaffen. So richtig zünden will die komplexe und mitunter etwas wirre Geschichte um Rache und Mord im Umfeld eines korrupten Familienunternehmens nämlich nicht. The Bad sleep well, angeblich in Teilen von Shakespeares Hamlet inspiriert, ist leider eindeutig zu lang und zerfällt dramaturgisch auf merkwürdige Weise in zwei Teile. Gute Ansätze und Szenen sind aber durchaus vorhanden, auch in der Fotografie und den schauspielerischen Darbietungen vermag der Film immer wieder zu punkten und sobald die vorher viel zu umständlich aufbereiteten Zusammenhänge der Handlung klarer werden, wird es auch konsequenter und spannender. So richtig vom Hocker will einen das Ganze aber dann leider doch nicht reissen, auch wenn es mit einigen erheblichen Straffungen im Handlungsverlauf und einem klaren dramaturgischen Umriss der Haupthandlung bestimmt ein exzellenter Film geworden wäre.
Wertung: 6 / 10


Yōjimbō (1961)
Yōjimbō ist vermutlich neben Rashōmon und Shichinin no Samurai Kurosawas bekanntester und nachhaltigster Film und bildet sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf das unverkennbare Western-Flair die Vorlage für Sergio Leones Klassiker Fistful of Dollars und das spätere Walter-Hill-Remake Last Man Standing. Toshirō Mifune spielt den verschrobenen Ronin Sanjuro, der in einer von zwei untereinander verfeindeten Clans kontrollierten Stadt eintrifft und nach und nach beide Seiten geschickt gegeneinander ausspielt. Diese simple Prämisse ist wie gewohnt enorm gut in Szene gesetzt und begeistert mit unheimlich viel Stil, derben und rasanten Strassenkämpfen und einem regelrechten Zelebrieren der Szenerie. Gleichzeitig ist Mifunes unnahbarer Schwertkämpfer einer der wenigen filmischen Archetypen, der seinem direkten Nachfolger, Eastwoods namenlosem Revolverhelden, in Sachen herber Männlichkeit etwas entgegenzusetzen hat. In Summe ist die dreckige Western-Eastern-Mixtur ein richtig gut unterhaltender Film, der aber im Erzählfluss sowohl hinter Kurosawas Vorwerken als auch der italienischen Adaption des Stoffes ein wenig zurückbleibt.
Wertung: 8 / 10


Sanjuro (1962)
Mit Sanjuro liefert Kurosawa erstmals eine Art Fortsetzung zum direkten Vorgängerfilm ab, auch wenn dieser Aspekt abgesehen von der Hauptfigur wenig ins Gewicht fällt. Ein Adliger möchte die Machenschaften des korrupten Clan-Führers Kikui aufdecken, wird dabei aber von ihm gefangengenommen und selbst dessen Vergehen beschuldigt. Ein neunköpfiges Komitee unerfahrener Samurai um den Neffen des Adligen will ihn daraufhin aus der Klemme befreien und erhält unerwartete Unterstützung von Ronin Sanjuro, der sich auch gerade in der Stadt rumtreibt. Darauf folgt ein gewitztes und unverschämt wendungsreiches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich die beiden Parteien mit strategischen Manövern gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Kurosawa verleiht dem Film eine deutliche humorvolle Note, etwa durch den Kontrast zwischen der stoischen Gelassenheit des mit allen Wassern gewaschenen Kriegers Sanjuro und dem naiven Eifer seiner Schützlinge, sowie durch einige ungewohnt skurrile Charaktere wie die verträumten und divenhaften Frau und Tochter des gefangenen Adligen und die hilfsbereiteste Geisel der Filmgeschichte. Zusammen mit der bewährt kunstvollen Bildsprache und den blutigen Schwertkämpfen ergibt sich ein wahres Feuerwerk aus Witz, Action, Spannung und Handlung. Ausserdem spielt Tatsuya Nakadai, der nach Mifune wohl grösste Star des klassischen japanischen Actionkinos, Kikuis diabolischen Handlanger und ist die perfekte Nemesis für Mifune.
Wertung: 9 / 10


High and Low (1963)
Das letzte von Kurosawas vier grossen Kriminaldramen ist gleichzeitig auch das Beste. Gondo, der Chef einer grossen Schuhfirma, soll per Kindesentführung um eine grosse Summe erpresst werden, doch durch ein Missverständnis wird stattdessen der Sohn seines Chauffeurs gekidnappt. Der Entführer beharrt auf seinen Forderungen, aber das Lösegeld würde Gondo, der wirtschaftlich sein gesamtes Vermögen riskiert hat, komplett ruinieren. Im Gegensatz zu The Bad Sleep Well gelingt die strukturelle Zweiteilung hier hervorragend. Die erste Hälfte spielt sich fast ausschliesslich in Gondos Wohnung ab und zeigt das fiebrige Warten auf den nächsten Anruf, die ersten Vorbereitungen der heimlich involvierten Polizei und das Abwägen der Chancen und Optionen. Die zweite Hälfte schildert die Jagd der Polizei auf den Kidnapper. Kurosawa arbeitet die moralischen Motive und Konflikte geschickt heraus, besonders bei Gondo, der sich entscheiden muss ob er das Leben eines Kindes oder die Zukunft seiner Familie riskieren möchte, im Kontrast dazu sind die Ermittlungsszenen spannend und mit prächtigen Aussenszenen dargestellt. Der Film triumphiert aber nicht nur durch diese beiden Ebenen und das erschreckende Ende dramaturgisch, sondern auch darstellerisch. Wie schon bei Sanjuro werden wieder Toshirō Mifune und Tatsuya Nakadai einander gegenübergestellt, Nakadai spielt den charismatischen leitenden Ermittler und Mifune, als darstellerisches Schwergewicht des Films, den von Verzweiflung geplagten Schuhverkäufer Gondo.
Wertung: 9 / 10


Letzten Silvester habe ich dann aus einer Laune heraus Ran gesehen. Nun wäre es sicher interessant gewesen, weiter chronologisch vorzugehen um Kurosawas Übergangsphase in den 1970ern der Reihe nach zu studieren, spielt aber auch keine Rolle mehr. Kurz gesagt: Nach der letzten Zusammenarbeit mit seinem langjährigen Stammdarsteller und Weggefährten Toshirō Mifune (Red Beard, 1965) sollte die als japanisch-amerikanische Co-Produktion geplante Pearl-Harbor-Verfilmung Tora! Tora! Tora! folgen. Persönliche Probleme und Interventionen des Studios gegen Kurosawas Planungen und Vorbereitungen des Projekts führten schliesslich zu seiner Entlassung und einer tiefen persönlichen Krise. Nach einem Flop in Japan (Dodeskaden, 1970) stürzte der Filmemacher in eine Depression und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Zum Glück ohne Erfolg, und so nahm Kurosawa seine Arbeit wieder auf und drehte nach einem Abenteuerfilm in der Sowjetunion (Dersu Uzala, 1975) in den 80ern zwei weitere grosse Jidai-geki-Dramen, von denen Ran das zweite und bekanntere darstellt.

Ran (1985)
Es ist kein Geheimnis, dass neben amerikanischen Western vor allem die Werke von Shakespeare zu Akira Kurosawas wichtigster Inspirationsgrundlage zählen, und so knöpft sich Ran, der bis dato teuerste und aufwändigste japanische Film, nach Macbeth und Hamlet auch King Lear für das fernöstliche Filmgewand vor. Ein alternder Warlord, mal wieder Tatsuya Nakadai, will sein Reich präventiv unter seinen drei Söhnen aufteilen, doch Neid, Missgunst und Intrigen führen zu einem fatalen Krieg, bei dem Familie und Königreich gleichermassen auseinanderfallen. Dabei spielt Kurosawa mit Motiven und Elementen, die sein gesamtes Oeuvre durchziehen, sei es die shakespearsche Dramatik und das Scheitern der Charaktere, die manipulative und hinterlistige Herrschersgattin, der zunehmend dem Wahnsinn verfallende König und nicht zuletzt der überwältigende Pomp und Aufwand in der Darstellung des mittelalterlichen Japans und der Schlachtenszenen. Die sehr lange und ausführliche Eröffnungsszene auf dem Berg dient Kurosawa dazu, seine Figuren und ihre Konflikte sorgfältig in Position zu bringen, damit es im Anschluss umso effizienter zur Sache gehen kann und Oh Boy, geht es zur Sache. Mit aufwändigen Kulissen, tausenden von Statisten und hunderten Pferden und nicht zuletzt natürlich bildgewaltigen Landschaftsaufnahmen zeigt sich die Grösse des Spektakels in jeder Minute. Dass Kurosawa hier anders als in seinen Klassikern der 50er- und 60er-Jahre in Farbe drehte spielt ihm weiter in die Hände, nicht nur lässt es den Film frisch und modern aussehen, sondern erlaubt ihm ein cleveres Spiel mit den Farben, bei welchem die Signalfarben Gelb, Rot und Blau nicht nur als Erkennungsmerkmal der drei Söhne bzw. deren Streitkräfte dienen, sondern auch für einen visuellen Kontrast vor dem satten Grün der Hügelkulisse sorgen. Wie so oft gelingt es Kurosawa ausserdem, neben der Dramatik und dem Gewicht der Protagonisten auch kleineren Rollen grossen Wiedererkennungswert zu verleihen, man denke an die tragische Geschichte des blinden Flötenspielers oder an den General Kurogane, der als einziger das perfide Spiel der Königin zu durchschauen scheint. Zweifelloser Höhepunkt von Kurosawas Epos ist aber die Schlacht um die dritte Burg, ungefähr in der Mitte des Films, die den Wahnsinn und die Wucht des Kampfes und parallel den endgültigen seelischen Zerfall des Königs in einem Rausch urmächtiger Bilder schildert und Kurosawa möglicherweise auf dem Zenit seines visuellen Schaffens zeigt. Bei aller verschwurbelter Lobhudelei hätte aber der knapp dreistündige Ran selbst für mich ein paar Straffungen vertragen können, vor allem der Handlungsstrang um den Hofnarren und den katatonischen Herrscher treten in der zweiten Filmhälfte immer wieder etwas auf der Stelle. So ist Ran für mich trotz seiner Grösse und Bildgewalt nicht unbedingt besser als einige "kleinere" Filme Kurosawas, aber zweifelsohne ein starkes Werk.
Wertung: 8,5 / 10
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