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von GoldenProjectile
'Q Branch' - MODERATOR
007 First Light
Mehr als zehnjährige Bondgame-Flaute und dann der lange Weg seit der ersten Ankündigung von "Project 007" im Jahr 2020 - First Light hat auf sich warten lassen. Es hat so lange auf sich warten lassen, dass ich mir letzten Sommer zur Einstimmung und angeregt von der Le Chiffre-Bonusmission das Flaggschiff von IO Interactive, die Hitman: World of Assassination Trilogy geholt hatte. Und in die habe ich seither auch weit über 200 Stunden meines Lebens reingesteckt und bin immer noch völlig baff über den Unterhaltungswert und Einfallsreichtum dieses selbstironischen Auftragsmord-Simulators mit unbegrenzten Möglichkeiten. Doch zurück zu 007 First Light.
Das Spiel besticht durch sein spassiges und vor allem abwechslungsreiches Gameplay. Die Nahkampfmechanik ist ausgefeilt und toll animiert. Die Shooter-Elemente sind kompetent und können durch die relative Knappheit an Munition in manchen Situationen ganz schön verzwickt werden. Die Gadgets sind grandios und vielseitig einsetzbar, sowohl in Kampf- als auch in Stealth-Situationen. Die simple aber dennoch verdammt clevere "Bluff"-Mechanik ist Bond pur und sorgt für herrliche Schmunzler. Das Beste ist, wie all diese Aspekte miteinander kombiniert und variiert werden können. Das Gameplay wirkt fliessend und angesichts der Möglichkeiten zu keiner Sekunde langweilig oder repetitiv.
Fast jedes Kapitel bietet dazu Abschnitte mit eher vager Zielsetzung, bei der die Umgebung frei erkundet und unterschiedliche Möglichkeiten zum Fortschritt erforscht werden dürfen. Das ist weit, weit weg von der endlosen Freiheit in Hitman: World of Assassination, aber das war durch den lineareren, story-orientierten Fokus von 007 First Light so zu erwarten und dürfte bei einem Zweit- oder Drittdurchlauf hoffentlich dennoch einige schöne Abwechslungen und alternative Wege im Ärmel haben.
Aber wie ist die Herangehensweise an die Figur und den Mythos James Bond? Natürlich handelt es sich um eine Origin-Story mit einer jungen und unerfahrenen Doppelnull, der als erstes gleich mal in eine Agentenschule à la Kingsman: The Secret Service gesteckt wird. Meine Haltung dazu ist allerdings, dass man mit der Figur und ihrer Mythologie bzw. Hintergrundgeschichte gerne etwas herumspielen darf, solange die Kernkompetenzen der Figur James Bond ausreichend gewürdigt werden. Zudem bin ich da bei Romanen und Videospielen etwas offener für Experimente als bei den Filmen, zu denen ich wohl eine etwas altmodischere Fanhaltung habe. Und was die Kernkompetenzen der Figur angeht ist alles im grünen Bereich. Die Autoren und Darsteller Patrick Gibson legen den jungen Bond so charmant, gewitzt, einfach "bondig" und vor allem frech und flirty an, dass es eine wahre Freude ist. Am ehesten könnte man Gibsons Bond vielleicht als eine Art junger Roger Moore mit der Härte des frühen Daniel Craig, einer Prise Fleming und einer zusätzlichen eigenen Note beschreiben. Und die Jungs und Mädels von IO Interactive kennen sich mit dem Mythos Bond der Filme und Romane wohl bestens aus und haben zahlreiche Details und Easter Eggs untergebracht, ohne zu sehr in Fanservice abzudriften. Von der Fleming-Gesichtsnarbe hin zu einer Broschüre für ein Cellokonzert (Kommentar Gibson-Bond: "I think I saw her in Bratislava once"), von vertrauten Decknamen (von denen einer mal ganz anders eingesetzt wird) hin zu einem versteckten Auftritt des Blade Clubs - das Fanherz lacht.
Die Umsetzung der klassischen Nebenfiguren ist durchwachsener: M ist hier relativ blass, und Moneypenny, die ich als Figur sowieso längst in den verdienten Ruhestand geschickt hätte, wird leider nach der Craig-Ära einmal mehr krampfhaft neuinterpretiert als eine Art Missionskoordinatorin, die viel zu oft in Bonds Ohrhörer rumhängt und es damit sogar fast schafft, das ansonsten makellose Vietnam-Kapitel - mein Lieblingsteil des Spiels - zu versauen. Begeistert bin ich dafür vom eleganten und leicht verschmitzten Q, noch mehr aber von seiner Q-Abteilung. Hier gibt es wahnsinnig viel zu entdecken, vor allem auch wieder diverse Anspielungen und Easter Eggs, und es ist eine grossartige Entscheidung von IO Interactive, ganze Handlungsabschnitte in der Q-Branch stattfinden zu lassen: Ein Einbruch als Bond, um auf eigene Faust an Gadgets zu kommen und bei dem puzzle-artig die von Q eingerichteten Sicherheitsmechanismen ausgetrickst werden müssen, und ein infernales Feuergefecht während einer Invasion in die MI6-Räumlichkeiten, bei der die zahlreichen rumliegenden Gadgets manipuliert, eingesetzt und zweckentfremdet werden dürfen, um der Lage Herr zu werden - oh, dieses lachende Fanherz!
Der grosse Schwachpunkt dieses unterhaltsamen und sorgfältig gemachten Spiels ist für mich aber die Story. Natürlich gibt es tolle Handlungselemente rund um Bond und seinen Werdegang, aber das Schurkenkomplott und die Schurken selber lassen arg zu wünschen übrig. Was erstaunlich ist, denn Hitman: World of Assassination hat alleine durch seine Missionbriefings und Zielpersonen-Dossiers einige legendäre Bösewichter mit interessanten Settings und Vorhaben geschaffen, doch First Light bleibt auf diesem Gebiet leider weit dahinter. Alles rund um die Schurken und ihre Pläne ist entweder schlicht belanglos oder driftet absurd tief in Science-Fiction-Gefilde ab, gerade beim letzten Endkampf habe ich mich echt gefragt, wo ich hier eigentlich gelandet bin.
Und dennoch: Es macht Spass und ich setze bei Videospielen im Zweifelsfall klar Gameplay über Story. Ich will 007 First Light keinesfalls schlechter reden als es ist, obwohl ehrlicherweise das Beste am Spiel für mich tatsächlich meine Entdeckung von Hitman: World of Assassination war. Und ich würde es den Jungs und Mädels von IO Interactive mehr als gönnen, wenn sie ein weiteres Mal ran dürften. Und sei es nur, um mehr von Patrick Gibsons Bond zu sehen.
We'll always have Marburg
Let the sheep out, kid.