Re: Der Hitchcock Thread

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danielcc hat geschrieben: 26. November 2023 14:54 Angestachelt durch seine sehr persönlichen Sichten zu den Filmen habe ich mir direkt auf Amazon Prime (!) The 39 Steps gegönnt, den ich - wie ich zu meiner Schande gestehen muss - noch nicht kannte.
Hier noch etwas mehr dazu:

https://the.hitchcock.zone/wiki/The_39_Steps_(1935)

Hab den Film vermutlich zum ersten mal vor ca. 20 Jahren gesehen. Ich bin aber eindeutig mehr ein Fan seiner Filme aus den 50ern, das war seine Glanzzeit.
"Wo man lacht, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen lachen immer wieder."

Re: Der Hitchcock Thread

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Ich habe mir zwei neue Boxen angeschafft und in den letzten Wochen endlich einige Hitchcock-Lücken aus den 1930ern geschlossen. Ein spassiges Unterfangen, denn die sechs bisher gesichteten Filme sind allesamt gut und gut gealtert, der noch vergleichsweise junge Hitch beweist bereits ein sehr gutes Händchen für Storytelling und visuelle Gestaltung, die Filme müssen sich keineswegs vor den "durchschnittlichen" Hitchcöckern (also die ganz grossen Highlights mal ausgeklammert) späterer Dekaden verstecken und übertreffen auch einige davon.

The Man Who Knew Too Much (1934)
Beim 34er-Mann bietet sich natürlich ein Vergleich mit dem losen Remake aus den 50ern an, und da fällt auf, dass der 34er bereits sehr stilsicher und durch die kurze Laufzeit auch knackig und temporeich in Szene gesetzt ist, was eine Stärke ist. Der 56er hat dafür mehr Scope und Scale, die bessere Konzertszene (die aus dem 56er ist aber auch wirklich schwer zu toppen) und mit Stewart und Day auch die stärkeren Leads (das Paar im 34er bleibt vergleichsweise blass), dafür hat der 34er wiederum mit Peter Lorre einen prägnanteren Gegenspieler und ein überraschend deftiges und grimmiges Schluss-Geballer. Im Zweifelsfall würde ich dem 56er knapp den Vorzug geben, der Unterschied ist aber sehr gering. Ein gelungener Auftakt für den Mini-Marathon.
Wertung: 8 / 10

The 39 Steps (1935)
Die Story eines zu Unrecht beschuldigten auf der Flucht - ein prototypischer und wegweisender Hitch. Die 39 Stufen sind erneut sehr knackig und stilvoll in Szene gesetzt, tempo- und abwechslungsreich und das schottische Hinterland bietet einen stimmigen Backdrop für einen Grossteil der Geschichte. Vor allem sind hier aber auch die beiden Leads sehr stark, ganz besonders die bezaubernde Madeleine Carroll, die mir nichts, dir nichts zu einer meiner liebsten Hitchcock-Blondinen geworden ist. Ihre aneinandergekettete Flucht mit Robert Donat in der zweiten Hälfte vermischt gekonnt Screwball-Elemente mit dem spannenden Spiel um das Vertrauen zwischen den beiden. Der Aufhänger bzw. die Auflösung der Geschichte ist vielleicht etwas gar skurril, passt aber eigentlich auch ganz gut.
Wertung: 8,5 / 10

Sabotage (1936)
Nicht zu verwechseln mit Saboteur (1942). Sabotage ist wohl der grimmigste und böseste der sechs Filme, im Kern ist das ein recht tragisches Domestik-Thriller-Drama, das für einige der Charaktere ein eher böses Ende nimmt. Rückblickend für mich der schwächste der sechs Filme, was aber vielmehr ein Lob für die anderen als Kritik an diesem hier ist. Der grösste Trumpf neben der tonalen Eigenständigkeit (zumindest unter diesen sechs) ist sicher auch, wie gekonnt Hitch Setting und Charaktere etabliert und wie gekonnt er den dramatischen Ansatz durchzieht, bis hin zu einigen doch recht drastischen Szenen.
Wertung: 7 / 10

Secret Agent (1936)
Bei Secret Agent bin ich fast eine Stunde staunend vor der Glotze gesessen, drauf und dran meine Hitchcock-Top-5 neu zu sortieren. Ich konnte kaum fassen, was mir hier geboten wurde: Im ersten Weltkrieg wird ein Typ, der ohne Witz fast genauso aussieht wie Michael Fassbender in Inglourious Basterds, von Geheimdienstchef "R" nach Bella Svizzera geschickt, um dem deutschen Spion das Handwerk zu legen. Und ebenso Bond-like geht es weiter, denn genau wie in LALD wird ihm an der Hotelrezeption mitgeteilt, dass seine Frau, die er nicht kennt, bereits eingetroffen sei. Fassbender hat von "R" nämlich Madeleine Carroll (schmacht) als Tarnungs-Gattin und Peter Lorre in der Rolle eines dauerquasselnden mexikanischen Womanizers (!) als Sidekick zur Verfügung gestellt bekommen. Das ungleiche Trio muss einen Doppelagenten kontaktieren, der sich als Kirchenorganist von Langenthal (!!!) tarnt findet im Casino einen potentiellen Spion und will ihn dann bei einem inszenierten Bergunglück eliminieren. Die erste Stunde geht runter wie Zuckerwasser, besondere inszenatorische Schmankerl finden sich in der Kirche von Langenthal (ich wiederhole: scheiss Langenthal, womöglich das letzte Kaff, das ich je in einem Hitchcock- oder überhaupt einem Film erwartet hätte) oder in der spannenden Parallelmontage der Bergszene. Leider lässt das letzte Drittel dann etwas nach, ist zwar immer noch gut, aber nicht auf dem Niveau der ersten Stunde. So ist dann auch der ganz grosse anfängliche Enthusiasmus etwas verflogen, alles in allem ist Secret Agent aber richtig dufte.
Wertung: 8 / 10

Young and Innocent (1937)
Hier steht das Motiv des zu Unrecht beschuldigten sogar im Titel. Young and Innocent ist ein schmissiger und leichtfüssiger Thriller, der viel Atmosphäre aus dem Setting in der englischen Landschaft und entlang der Küste schöpft. Auch das Lead-Duo ist charismatisch, diesen beiden schaut man gern bei ihren launigen Ermittlungen zu, um den Namen des Burschen wieder rein zu waschen. Viel mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen, hat Spass gemacht.
Wertung: 7,5 / 10

The Lady Vanishes (1938)
Mein heutiger Abschluss zumindest der 30er (einige ungesichtete Filme aus den 40ern hab ich noch) war zugleich auch der Höhepunkt. The Lady Vanishes ist wunderbar abwechslungsreich und alles andere als vorhersehbar, ich hatte oft nicht den Hauch einer Ahnung, was in den nächsten 30 Sekunden noch alles passieren könnte. In nur 90 Minuten bringt Hitch gekonnt Humor, Screwball, Paranoia, Action und ein Regiment an farbigen und interessanten Charakteren unter einen Hut. Das Hotel- und das Zugsetting sind toll, das zentrale Rätsel um die verschwundene Dame ist ein wirkungsvoller Aufhänger, auf dem sich Hitchcock aber auch nicht zu lange ausruht sondern das Geschehen immer geschickt weiterentwickelt. Die beiden Leads, die sich anfangs nicht ausstehen können, sich aber mehr und mehr zusammenraufen müssen, sind wieder grossartig, vor allem die exzellente und bezaubernde Margaret Lockwood. Prädikat grosser Spass.
Wertung: 9 / 10
We'll always have Marburg

Let the sheep out, kid.

Re: Der Hitchcock Thread

725
Ich bin mir nicht ganz sicher aber ich glaube ich habe zum ersten Mal

I Confess (Ich beichte)

gesehen.

Der Film war ja scheinbar damals eine Enttäuschung für Hitchcock Fans, wird aber heute positiver bewertet.

Mir hat der Film gefallen. Kurz, knapp, auf den Punkt überzeugt Hitchcock hier vor allem durch Stimmung, Atmosphäre, Kameraeinstellungen. Der Plot wirkt etwas konstruiert lebt aber von starken Darstellern allen voran ein stoisch-starker Montgomery Clift.
Etwas schade im Sinne der Dramaturgie fand ich, dass die "verbotene Liebe" zwischendurch zu viel Zeit und Raum einnimmt - auch mit etwas naiv gestalteten Rückblicken. Das eigentliche Thema - also das Dilemma welches sich aus dem Beichtgeheimnis ergibt - wird dagegen nicht genug beleuchtet.

Was mich generell bei Filmen dieser Zeit stört ist die permanent vor sich hin dudelnde Musik die oft völlig losgelöst von den Bildern zu sein scheint. Man muss das so hinnehmen, es sind einfach völlig unterschiedliche Gewohnheiten zu heute.
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Von Suspense & MacGuffins: Die Filme des Alfred Hitchcock

726
Zum ersten Mal Notorious/Berüchtigt in der früheren Synchro gesehen (Rauschgift anstelle von Nazis).
Die ist ja viel besser!!!! Ich erinnere mich auch wenig an die neue Synchro aber ich weiß noch, dass vor allem die Bergmann darin furchtbar synchronisiert wird. Hier passt alles. die Sprecher und deren Leistungen sind top! Der Film wirkt viel harmonischer dadurch.

Ganz ehrlich: Wenn schon Synchro dann nehme ich hier die leicht verfälschte Hintergrundgeschichte in Kauf, da es im Film ja eh nur um die merkwürdige Beziehung der Hauptcharaktere geht - und die kommt in der ursprünglichen Fassung viel angenehmer rüber.

P.S.: Einfach krass wie sehr Tom Cruise damals für den zweiten MI ganze Elemente der Handlung und Dialoge kopiert hat
"It's been a long time - and finally, here we are"

Re: Von Suspense & MacGuffins: Die Filme des Alfred Hitchcock

728
Ja, die 69er Synchro mit Clausnitzer und Wischmann ist unglücklich in mancherlei Hinsicht und der Kinosynchro weit unterlegen. Die inhaltlichen Veränderungen bzw. Berichtigungen in der TV-Synchro reissen da wirklich kaum was raus und spielen gerade angesichts dessen wie der Film aufgebaut ist eigentlich kaum eine Rolle. Und ausserdem finde ich den von der Synchro erfundenen Namen "Sombrapal" einfach grossartig! :)
"Ihr bescheisst ja!?" - "Wir? Äh-Äh!" - "Na Na!"

Re: Von Suspense & MacGuffins: Die Filme des Alfred Hitchcock

730
Blöde Frage, aber denkst du bei den Roger-Moore-Bondfilmen auch an "Alf", wenn du sie auf Deutsch guckst?

Ich hab grade nochmal in die ZDF-Synchronfassung von 1969 reingehört und da schaudert es mir. Die Qualität ist schrecklich.
Tatsächlich wäre "Notorious" aber wohl ein Film, den ich am liebsten im Originalton gucke. Bergman ist eine Sensation.
https://filmduelle.de/
https://letterboxd.com/casinohille/

Let the sheep out, kid.