Re: Zuletzt gesehener Film

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J’accuse – Intrige (Roman Polanski)
Nach zwei für seine Verhältnisse schwächeren Filmen kehrt Polanski mit dem historischen Thrillerdrama zu alter Form zurück – zumindest teilweise. Denn es ist vor allem das erste Filmdrittel von J’accuse, in welchem der Regie-Großmeister alle Register zieht und seine Geschichte mustergültig auf den Weg bringt. Exemplarisch hierfür steht bereits die erste Szene, in welcher der zu Unrecht des Hochverrats beschuldigte und verurteilte Alfred Dreyfuss öffentlich degradiert wird, was von Polanski als persönliche Demontage eines Menschen aufs eindringlichste in Szene gesetzt wird und gleichzeitig auch eines der Kernthemen des Films, den gesellschaftlichen Umgang mit Antisemitismus, einführt. Wie immer rekreiiert Polanski auch in J'accuse perfekt die portraitierte Epoche und zieht den Zuschauer in die intriganten Winkelzüge rund um die Dreyfuss-Affäre hinein. Jean Dujardin gibt in der Hauptrolle eine gewohnt charismatische Vorstellung und meistert den Spagat zwischen klassischer Identifikationsfigur und moralisch durchaus ambivalenter Figur gekonnt. Wenn der Film am Ende dann doch nicht der ganz große Wurf geworden ist, dann liegt das vor allem daran, dass es Polanski gerade in der zweiten Filmhälfte nicht immer gelingt den Film in Schwung zu halten, wodurch der dialoglastige und inhaltlich komplexe Film die eine oder ander Länge davon trägt. Von daher stimmt die vollmundige Ankündigung der Marketingkampagne (J'accuse sei Polanskis bester Streifen seit Der Pianist) nicht ganz, aber auf dem gehobenen Niveau eines Oliver Twist oder Ghostwriter weiss sich der Film dann doch zu bewegen. Notenmäßig tue ich mich schwer J'accuse einzuordnen, der Film schreit förmlich nach einer weiteren Sichtung. Von daher erst mal vorläufige:
7,5 / 10
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Re: Zuletzt gesehener Film

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GoldenProjectile hat geschrieben: 10. Februar 2020 10:54 Seit Carnage habe ich keinen Polanski mehr gesehen.
Viel hast du da auch nicht verpasst. Die bepelzte Venus hat anfänglich richtig viel Spass gemacht, lief sich aber mehr und mehr tot und war am Ende gefühlt dann doch nur ganz ok. Nach einer wahren Geschichte war dann gleich ganz durch und durch mittelmäßig, eigentlich sogar noch etwas darunter und kam zu keinem Zeitpunkt richtig in die Gänge. J'accuse ist da eine erhebliche Steigerung, obwohl wie geschrieben ich etwas zwiespältig aus dem Film gegangen bin. Meine innere Stimme ruft mir aber seit Samstag permanent zu, dass der Film eigentlich viel besser ist, als ich ihn jetzt noch empfinde und es lediglich eine zweite Sichtung braucht, um das richtig zu stellen. Mal abwarten. :)
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Re: Zuletzt gesehener Film

9486
GoldenProjectile hat geschrieben: 10. Februar 2020 12:23 Keine übermässigen Fans des Ghostwriters hier? Der hat mir bei der letzten Sichtung vor etwa drei Jahren durch seine leisen Töne und die sehr eigenwillige Atmosphäre auf der Insel wieder sehr gut gefallen.
Doch, ich mag den auch sehr gern. Der fällt wie sehr viele Polanskis bei mir in die Kategorie gut bis sehr gut, irgendwo zwischen 8 und 9 Punkten. Wenn ich mich bei ihm für einen Film als seinen Besten entscheiden müsste, dann wäre das wohl tatsächlich Der Pianist (edit: oder nicht vielleicht doch Bitter Moon?). Carnage hat mich beim ersten Schauen förmlich von den Socken gehauen. Das konnte der Film bei weiteren Sichtungen aber nicht mehr ganz bestätigen, dennoch fällt auch dieser bei mir in die bereits angeführte Kategorie.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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AnatolGogol hat geschrieben: 10. Februar 2020 13:23 Carnage hat mich beim ersten Schauen förmlich von den Socken gehauen. Das konnte der Film bei weiteren Sichtungen aber nicht mehr ganz bestätigen, dennoch fällt auch dieser bei mir in die bereits angeführte Kategorie.
Den fand ich damals (damals, als der Mensch noch in Höhlen lebte) sehr theaterhaft und von allen vier Beteiligten sehr künstlich und chargierend gespielt, vor allem die teils geradezu hyperventilierende Frau Foster. Vor ein paar Jahren gab es einen britischen Film, The Party von Sally Potter, der einen sehr ähnlichen Ansatz verfolgt (Kammerspiel in knapp Eineinviertel Stunden, gutbürgerliche Fassaden bröckeln durch zunehmende zwischenmenschliche Eskalationen) mit u.a. Timothy Spall, Kristin Scott Thomas, Cillian Murphy, Patricia Clarkson und Bruno Ganz, den fand ich deutlich besser.
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Re: Zuletzt gesehener Film

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GoldenProjectile hat geschrieben: 10. Februar 2020 13:33 Den fand ich damals (damals, als der Mensch noch in Höhlen lebte) sehr theaterhaft und von allen vier Beteiligten sehr künstlich und chargierend gespielt, vor allem die teils geradezu hyperventilierende Frau Foster.
Aber ist das nicht gerade ein elementares Merkmal einer Farce? Ich fand die wie aufgedreht spielenden Stars höchst vergnüglich, gerade weil es so over-the-top ist im Gegensatz zum trivialen Anlass.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9490
1917 (Sam Mendes)

Bei Mendes neuem Werk möchte ich es mir nicht ganz so einfach machen und versuche bewusst den Film von zwei Seiten zu betrachten, der handwerklichen oder wenn man so will “als normalen Film” und in Bezug auf seine Aussage. Hintergrund ist, dass für mich die intendierte Aussage normalerweise allerhöchstens indirekt Auswirkung auf die subjektiv empfundene Qualität eines Filmes hat, so habe ich idR auch keine Probleme einen gut gemachten Film zu geniessen, dessen vorgetragenes Anliegen mir eigentlich gegen den persönlichen Strich geht. Bei 1917 ist das nicht anders oder eigentlich muss man sagen wäre das auch nicht anders, aber ich greife schon wieder vorweg…

Das Handwerkliche
Bei Mendes nichts neues mag man in Anspielung an den Klassiker des beackerten Genres sagen, denn auch der neuste Ausflug des Briten in das martialische Genre weist verblüffende Stärken und Schwächen wie sein vormaliger Spartenbeitrag Jarhead auf, wie die Parallelen sich auch auf den Grossteil seines restlichen Oevres ziehen lassen. So generiert der Regisseur zusammen mit seinem Kameramann Roger Deakins diverse famose Einstellungen und Momente, welche von der teilweise starken Musik von Thomas Newman gezielt unterstützt werden. Auch verfügt er mit George MacKay über einen hochtalentierten Schauspieler in der Hauptrolle, welcher trotz seines vergleichsweise jungen Alters den Film im Alleingang zu tragen versteht (was er allerdings auch muss, da 1917 über weite Strecken fast schon eine One-Man-Show ist).

Allein was nützt dies alles, wenn der Film in Kerndisziplinen wie Inhalt und Handlungsfluss nur unterdurchschnittliches anzubieten hat. Ähnlich wie Scorseses Irishman kommt auch 1917 mit einem aufs Äusserste reduzierten Inhalt daher (wenn glücklicherweise durch die deutlich kürzere Laufzeit im Endeffekt nicht mit einem ganz so drastischen Effekt). Die Prämisse zwei junge Soldaten müssen einen lebenswichtigen Befehl unter Einsatz ihres Lebens durchs Frontgebiet befördern mag als Basis ausreichen, leider entpuppt sich das was Mendes dann daraus macht aber lediglich als Aneinanderreihung von repitativen Momenten, in denen die Soldaten mit den Tücken des vom Krieg zerstörten Terrains und vereinzelten Feindscharmützeln zu kämpfen haben. Diese Einzelszenen sind beliebig und austauschbar, wie auch die zentralen Charaktere hier kaum nähere Beleuchtung erfahren. Auch Spannung und Dynamik kann die Inszenierung kaum bis gar nicht bieten, stattdessen bewegt sich der Film in einem gleichbleibenden, monotonen Fluss. Dazu trägt auch die gimmickhafte Eintscheidung bei den Film in einer Pseudo-One-Shot-Aufnahme zu drehen, da so trotz aller ausgetüftelter Kamerabewegungen eine merkwürdige Künstlichkeit und Starrheit entsteht. Ein echter Zusammenhang zwischen dieser formalen Entscheidung und dem Inhalt konnte sich mir nicht erschliessen, statt den Zuschauer näher ans Gezeigte zu bringen distanziert es ihn sogar eher.

So muss man unterm Strich leider konstatieren, dass 1917 unter Berücksichtigung aller Stärken und Schwächen höchstens als durchschnittliches Werk eingestuft werden kann.

Wertung: 5,5 / 10


Die Aussage
Mendes selbst propagiert 1917 ja als Anti-Kriegsfilm und diesem „Anspruch“ versucht der Streifen mit diversen stilistischen Elementen auch mit Nachdruck gerecht zu werden (etwa wenn beispielsweise die Schönheit und Reinheit eines Liedes kontrastiert wird mit der bevorstehenden Tod und Zerstörung bringenden Schlacht). Die Aussage „Krieg ist schlecht“ wird dann auch förmlich mit dem Holzhammer dem Publikum eingeimpft. 1917 gibt sich zwar als tiefschürfendes, wichtiges Werk, ist unter etwas genauerer Betrachtung aber das genaue Gegenteil.

“These two soldiers in the film could be Germans. It’s not about the British are great, the Germans are bad.” Sam Mendes

Eine gutgemeinte Richtigstellung des Regisseurs, leider geht sie komplett an seiner Inszenierung vorbei. Denn wenn die beiden Seiten in seinem Film tatsächlich so austauschbar wären wie er es hier darstellen möchte, dann hätte er vielleicht doch nicht alle (!) gezeigten deutschen Soldaten als moralisch verkommene Typen zeigen (entweder meucheln sie hinterhältig arglose Briten (oder versuchen es zumindest) oder sie geben sich willen- und verantwortungslos dem Suff hin) und vor allem nicht auch gleichzeitig das höchste Loblied auf den britschen Soldaten anstimmen sollen, welche durch die Bank in seinem Film als dufte Typen mit felsenfesten moralischen Prinzipien gezeigt werden. Oder wie es in der vorletzten Szene so schön heisst, einfach „gute Menschen“ sind. Diese Regie-Tricks aus der Mottenkiste, welche auf billigste Art die Wichtigkeit des zugrundeliegenden Anliegens, also der Mission der beiden Soldaten, mehr Gewicht und Bedeutung verleihen und gleichzeitig auch die Identifikation des Publikums mit den zentralen Figuren stärken soll sind wahrlich kein Ruhmesblatt für einen so renomierten Regisseur. Zumal diese schamlose Vereinfachung eben auch die Frage aufwirft, welche Aussage Mendes denn nun tatsächlich im Sinn hat.

“I felt an obligation to honour him. It’s important to remember they were fighting for a free and unified Europe.” Sam Mendes

Mal abgesehen davon, dass das der zitierten Aussage zugrundeliegende geschichtliche Verständnis äusserst abstrus ist lässt das Mendes-Zitat auch 1917 in einem sehr merkwürdigen Licht erscheinen. Denn spiegelt man die mit den angeführten vereinfachten, stark wertenden Techniken erzählte Geschichte der tapferen und noblen Briten, die ihre bedeutende und moralisch wertvolle Mission pflichtvoll erfüllen unter Behinderung der hinterhältigen Deutschen aufs große Ganze, dann ergibt sich eine plumpe Rechtfertigung der Millionen von britischer Kriegsopfer mit einem vermeintlich hehren Zweck. Und das ist dann schon bizarr, da so der vorgebliche Anti-Kriegsfilm eigentlich nichts anderes ist als ein Abfeieren von Heldenmut, Tapferkeit und „das richtige zu tun“, bei welchem die Mittel (=Krieg) durch einen moralisch einwandfreien Zweck (=“Freiheit Europas“) gerechtfertigt werden. Ein komplexes bedeutendes Ereignis wird so vereinfacht und aus Sicht des Siegers moralisch sauber in eine zeitgenössisch leicht verständliche Form gebracht, wo schwarz und weiss die Grautöne schon lange abgelöst haben.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9491
Gute Beobachtungen, auch wenn ich den Film in Summe noch etwas positiver sehe. Die "Ländermoral", oder Aussage oder wie man es nennen will geht hier wie in vielen Fällen bei mir zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus, ich konnte da eher drüber schmunzeln, zumindest über die schrecklichen Schiesskünste der Deutschen. Anderweitig ist 1917 halt ein Kriegsfilm, erzählt aus britischer Perspektive, und das relativiert für mich das "hinterhältige Meucheln", ich hätte nicht erwartet dass die mit L/Cpl Dingsbums Tee trinken gehen wollen oder was auch immer. Der One-Take war mal dienlich, mal stand er dem Film eher im Weg, wie auch die einzelnen Episoden der Reise nicht immer alle gleich gut waren, aber tendenziell eher gelungen. Was mich immer noch etwas irritiert ist, dass die Schauplätze praktisch aufeinander zu liegen scheinen, die Reise scheint kaum mehr als einen guten Kilometer auf der Karte einzunehmen. Für den "One-Take" ist das ein beachtliches geographisches Ausmass (wenn auch ein Witz verglichen mit Victoria), für die Handlung passiert mir aber vieles zu sehr "auf einem Haufen".

Zuletzt im Kino gesehen: Little Women (Greta Gerwig) und A Hidden Life (Terrence Malick).

Ich war ja begeistert von Gerwigs letztem Film Lady Bird und auch ihre 92. Adaption des Romanklassikers hat weitgehend überzeugt. Ein Vergleich mit der Vorlage oder früheren Verfilmungen fällt schwer, da bei mir ein unbeschriebenes Blatt, aber Gerwig arrangiert ihre zwei parallelen Erzählebenen sehr schön (auch wenn die Zeitsprünge im ersten Akt noch etwas schwer einzuordnen bzw. zu erkennen waren) und schafft schöne Figuren, bei denen man sich mehr und mehr selber als Teil der Familie fühlt. Okay, Emma Watson kann nicht wirklich gut schauspielern, Saoirse Ronan dafür umso mehr, und die anderen zwei Schwestern, und der charismatische Chris Cooper und die mal wieder richtig gute Laura Dern, und sogar Frau Oscar war ganz amüsant in einer kleinen Rolle. Über allem thront der Meister, der König, der Chalamet, in einer für ihn massgeschneiderten Rolle.

Malicks neuer Film erzählt die Geschichte des zum Martyrer gestempelten Wehrdienstverweigerers Franz Jägerstätter im Zweiten Weltkrieg. Ein - wie kann es bei dem Regisseur anders sein? - richtig schöner und einzigartig mit seinen Landschaften spielender Film, der nicht ganz an Malick Grosstaten heranreicht, aber besser ist als seine letzten zwei Filme Knight of Cups und Song to Song, die beide etwas ziellos waren, sich zu sehr in ihrer malickesken Spiritualität verloren. A Hidden Life ist da zielgerichteter und die spirituelle Ebene besser zum Rest des Films austariert. Die sehr üppige Laufzeit von fast drei Stunden hat sich jedenfalls trotz des sehr meditativen Erzähltempos kaum bemerkbar gemacht.

8/10 für beide.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9492
iHaveCNit: Bombshell (2020)
14.02.2020


Der #metoo ist in Hollywood seit dem Fall Harvey Weinstein nicht mehr wegzudenken und es ist wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass sich sowohl Frauen als auch Männer untereinander im beruflichen Umfeld mit der notwendigen Distanz und Respekt behandeln und die entscheidungstragenden Chefetagen ihre Macht nicht für niedere Zwecke missbrauchen. Das Büro oder allgemein der Arbeitsplatz als Ort für niedere Zwecke sollte nur Bestandteil der Fiktion von Filmen der diskreten Erwachsenenunterhaltung sein – in der Realität hat das nichts zu suchen. Unabhängig von der Machtposition der Chefetagen hat #metoo gezeigt, dass sich auch die Misshandelten in einer Machtposition befinden. Es reicht den Mund aufzumachen und das Thema an die Öffentlichkeit zu bringen. Gesellschaftlich ist es auch wesentlich einfacher sich mit Opfern als mit Tätern zu solidarisieren. Klar gab es auch in der ganzen Welle von #metoo durchaus die ein oder andere falsche Beschuldigung und es wurde versucht aus unbedeutenden Kleinigkeiten Profit zu schlagen – wohin so etwas führen kann und wie es aussieht, wie das Leben eines Mannes in diesem Fall nachhaltig zerstört wird, zeigt der dänische Film „Jagten“ von Thomas Vinterberg“ mit Mads Mikkelsen. Aber sowohl im Falle von Weinstein als auch dem Film „Bombshell“ ist von falschen Beschuldigen nicht die Rede. Denn bevor es zum Fall von Weinstein gekommen ist, sah sich erst einmal der konservative, republikanische Schöpfer von FoxNews Roger Ailes einer Reihe von Anschuldigungen konfrontiert, die ihn schließlich zu Fall brachten, bevor er einige Zeit später verstorben ist.

Megyn Kelly ist das Gesicht von FoxNews. Als sie jedoch bei einer Debatte zum Vorwahlkampf der Republikaner den Kandidaten Donald Trump mit gezielten Fragen zu dessen niederen Ansichten über Frauen konfrontiert und öffentlich danach angeprangert wird, kann sie nicht auf die Unterstützung ihres Chefs Roger Ailes setzen, da dieser persönlich mit Trump gut vernetzt ist. Währenddessen sinkt der Stern der Journalistin Gretchen Carlson innerhalb von FoxNews, bis man sie letztendlich kalt stellt. Sie trifft die Entscheidung Roger Ailes zu verklagen weil sie sich dauerhafter sexueller Belästigung, Nötigung und Drohung gegenüber gesehen hat. Danach meldet sich eine Reihe Unterstützender, nur Megyn Kelly bleibt noch neutral – genau wie die junge aufstrebende Journalistin Kayla Pospisil, die nach einem Meeting hinter verschlossenen Türen bei Roger Ailes in der Gunst aufsteigt.

„Bombshell“ war bei der aktuellen Oscarverleihung in 3 Kategorien nominiert – Beste Hauptdarstellerin, Beste Nebendarstellerin und Bestes Make-Up/Hairstyling. In der letztgenannten Kategorie hat er dann auch gewonnen. Klar könnte man diskutieren, ob das nicht ein wenig oberflächlich und nicht gar vielleicht auch „sexistisch“ sein kann dass ein Film über Frauen auch in dieser Kategorie letztendlich ausgezeichnet wird, aber die Frage stellt sich für mich überhaupt nicht. Wenn die Mitglieder der Academy aus diesem Bereich der Meinung waren, dass hier ein guter Job gemacht worden und die Leistung am ehesten auszeichnungswürdig ist, dann ist das eben so. Und ich finde auch, dass man hier einen tollen Job gemacht hat. Am stärksten kommt das dann auch bei Charlize Theron rüber, die vollends in ihrer Rolle der Megyn Kelly verschmilzt und fast nicht als Charlize Theron zu erkennen ist. Die Frage ist natürlich wie viel hier bei Jon Lithgow in der Rolle von Roger Ailes notwendig war, es fühlt sich auf jeden Fall stimmiger an als zum Beispiel bei der Transformation eines Russell Crowe, der Ailes in der Serie „The Loudest Voice“ dargestellt hat. Bei der Performance jedoch nehmen sich beide gegenseitig nicht die Butter vom Brot, denn beide sind großartig in der sehr fiesen Darstellung von Ailes. Bei einem Charakter, der ebenfalls in der Serie als auch dem Film auftaucht und eine Schlüsselrolle einnimmt nehmen sich beide Darstellerinnen ebenfalls nicht die Butter vom Brot. Sowohl Naomi Watts als auch Nicole Kidman leisten Großartiges in der Rolle von Gretchen Carlson. Die Rolle der jungen aufstrebenden Journalistin Kayla Pospisil hingegen wurde für den Film frei erfunden und steht für eine Vielzahl junger Damen, die auf der Suche nach einer großen Karriere bei FoxNews waren und dafür Ailes ihre Loyalität beweisen mussten. Ihre Leistung in der Rolle hat mir von allen Darstellungen in diesem Fall am Besten gefallen. Interessant wäre es gewesen, hätte der Film auch noch den Platz für z.B. den Charakter von Laurie Luhn gefunden, die in „The Loudest Voice“ von Annabelle Wallis gespielt wird und hier in sehr harten Szenen ein extrem ambivalentes Bild des perfiden Systems aufzeigt, mit dem Ailes auch mit Frauen umgegangen ist und seine Macht hier eindeutig missbraucht hat. Aber auch so ist „Bombshell“ ein sehr nachhallender und eindringlicher Film geworden, der in einigen Szenen sehr unangenehm und hart ist. Dabei versucht der Film sehr ambivalent und möglichst ausdifferenziert das Thema zu behandeln, wobei vor allem berechtigte Fragen im Raum stehen, die die Frage stellen ob die Frauen nicht auch selbst die Entscheidungen zugunsten der Karriere getroffen haben und ob die Opferrolle, in die sich die Damen am Ende positionieren berechtigt ist – Bei einer Sache bin ich mir jedoch wie wohl jeder einig – Das Verhalten eines Roger Ailes – und in dieser Folge auch von Harvey Weinstein und Konsorten unentschuldbar, so dass man sich als Mann dafür schämt, dass es überhaupt solche Typen gibt, die sich gegenüber Frauen so verhalten. Aber ich bin grundsätzlich gegen eine pauschale Vorverurteilung von Männern, weil ich der Meinung bin, dass es sich bei einigen der Namen die im Rahmen von #metoo gefallen sind um extreme, individuelle Einzelfälle handelt und grundsätzlich kein gesamtgesellschaftlich strukturelles Problem vorliegt. Nur die Frage ist natürlich, ob der Film mit seiner Laufzeit nicht etwas zu kurz ist um allen Handlungssträngen und diskutablen Themen die notwendige Tiefe zu geben und ob der Film auch die etwas an Adam McKays „The Big Short“ erinnernde dynamische, schnelle, mit Informationen nur so erschlagende Inszenierung gebraucht hätte – oder ob dies dem Film ein wenig von seiner Kraft nimmt.

„Bombshell“ - My First Look – 8/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9493
iHaveCNit (again):

Sondervorstellung: Parasite

Mein Film des Jahres 2019 und nach seinem großartigen Triumph bei den Oscars wollte ich ihn nochmal sehen und da hat mein Multiplex um die Ecke eine Vorstellung in Onyx LED 4K angeboten. Die Vorstellungen in einem anderen meiner Kinos von Parasite sind bereits wochenlang mit ausverkauften Sälen gesegnet und das war im Kinopolis Main-Taunus heute auch fast der Fall, bis auf wenige Sitze war der Saal fast ausverkauft und das Publikum hat im Saal auch den gesamten Film über die richtige Stimmung mitgebracht, so dass mir der Film nochmal eine Ecke besser gefallen hat, als damals als ich ihn am Starttag gesehen habe. Und es hat mich einfach gefreut mit zu erleben, wie auch viele andere an dem Film ihre Freude hatten. Das Publikum hat es verdient und natürlich auch dieser großartige Film.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9494
iHaveCNit: Nightlife (2020)
18.02.2020


Ich sitze gerade vor dem Laptop und frage mich eigentlich, welchen Einstieg ich für die Kritik wählen soll, aber was soll ich dazu sagen, dass ich mir gerne durchaus die ein- oder andere Komödie aus Deutschland im Kino ansehe und hier ist natürlich auch Simon Verhoevens „Nightlife“ auf meinem Radar aufgetaucht, der mit Elyas M´Barek, Frederick Lau und Palina Rojinski ein tolles Trio zu bieten hat.

Milo und Renzo wohnen gemeinsam und arbeiten gemeinsam als Barkeeper in Berlin, doch beide träumen davon, eine eigene Bar zu gründen. Als die Finanzierung bei der Bank nicht so wie geplant läuft, kommt dem tollpatschigen Renzo eine wenig legale Idee in den Sinn, das notwendige Kapital zu beschaffen. Die Sache geht schief und nun steht er bei ein paar Gangstern in der Kreide und auch Milo wird in die Sache reingezogen. Blöd nur, dass Milo nur noch dieser Tag bleibt, Sunny zu daten, die am nächsten Tag einen Neustart plant.

„Nightlife“ hat mich richtig gut unterhalten und einen spaßigen Kinoabend beschert. Das Trio aus Elyas, Frederick und Palina funktioniert prima und hat mich richtig abgeholt. Der Start in die Komödie gestaltet sich jedoch etwas holprig und sprunghaft und es dauert etwas, bis die Komödie richtig in Fahrt kommt. Und dann geht es auch Schlag auf Schlag von einer abgefahrenen Situation in die Nächste, wo natürlich auch die ein oder andere dieser Situationen und der damit verbundene Humor für mich eine Spur zu drüber gewesen ist. Und bei all der integrierten Handlung was das ein oder andere etwas zu viel des Guten. Aber insgesamt hatte ich mit „Nightlife“ meinen richtigen Spaß.

„Nightlife“ - My First Look – 7/10 Punkte.
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Re: Zuletzt gesehener Film

9495
Frantz (2016, François Ozon)

Frantz schildert die Aufarbeitung der deutsch-französischen Beziehung nach dem Ende des ersten Weltkriegs, die Vorurteile und die Überwindung des individuellen Kriegstraumas anhand der Geschichte einer Deutschen und eines Franzosen, die über die Liebe zu einem gefallenen Soldaten zusammenfinden. Das Ganze wird in sehr klassischen, spartanischen Schwarz-Weiss-Bildern erzählt, mit ein paar ausgewählten, cleveren Abschweifungen in die Welt der Farbe, und hat so gar nichts mit den anderen mir bekannten Filmen von Ozon, erotisch aufgeladenen Gegenwartsdramen, gemeinsam. Und am Anfang war ich mir auch nicht so sicher was ich davon halten soll, bis es mich mehr und mehr gepackt hat und ein wirklich starkes Ende aufgefahren hat, das unterschwellig eine Zweitsichtung von mir verlangt.

Wertung: 8 / 10? 8,5 / 10?
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