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von Thunderball1965
Agent
IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT
Weiß man, dass eine Kamera auf einen gerichtet ist, reagiert man zwangsläufig darauf. Es gibt Personen, die Erfahrung gesammelt haben, sich auch vor einer Kamera natürlich zu verhalten. Haben diese Personen dazu noch eine Ausstrahlung im Gefilmten, können sie in Filmen auftreten. Es sind Filmschauspieler, die keine Schauspieler in dem Sinne sind, dass sie komplexe emotionale Zustände repräsentieren. Sollten sie aber auch können, das kann ab und an von Nöten sein.
OHMSS merkt man an, dass die Hauptrolle nicht mit einem Filmschauspieler besetzt wurde, sondern mit dem bestbezahlten männlichen Model in Europa. Lazenby spielte in einigen Werbeclips mit und hatte einen Kurzauftritt in einem Film, bevor er James Bond spielen sollte. Der Film versucht, seine fehlende Ausstrahlung und sein Filmschauspiel zu überspielen, doch kann das funktionieren? Es fällt auf, dass er wie ein Nebendarsteller gefilmt wurde und nicht wie ein Hauptdarsteller: Glanz in seinen Augen ist selten. Mit starken Nebendarstellern wird versucht, ihn aufzufangen, was aber auch zu starken Niveauunterschieden führt. Spätestens im Dialog schlägt sich Lazenbys fehlende Erfahrung, oder sein fehlendes Talent, nieder.
Gleichzeitig liefert Regisseur Peter Hunt sein Regiedebüt. Das ist mal kreativ, mal experimentell (ob gelungen oder nicht), mal schwach. Besonders auffällig sind die schnell geschnittenen Kämpfe, in denen Lazenbys bemerkenswerte Physis hervorsticht und rasante Verfolgungsjagden, sowie einige Unsauberkeiten im Schnitt – dass das gerade in einem Film unter Peter Hunts Regie passiert, verwundert, war er doch für den Schnitt der ersten fünf Bondfilme zuständig.
Dramaturgisch ist der Film ebenfalls interessant, nimmt sich erst gehörig Zeit, um dann die Dramatik anzuziehen. Nicht nur in Bonds Ermittlungen überzeugen (wieder mal) einige Einzelszenen, sondern auch im romantic plot. Leider bleiben die Figuren gelegentlich auf der Strecke, wenn sie in einigen Charakterzügen doch interessant gestaltet sind:
007 möchte kündigen, als er nicht weiter nach Blofeld suchen darf. Diese drastische Entscheidung ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar, da sich weder hier noch in den Vorgängern eine Erzfeindschaft entwickelt hat. Hintergrundinformationen, die das nachvollziehbar machen, fehlen.
Er gefährdet seine Arbeit, indem er in Piz Gloria Frauen vernascht, vorrangig des Vergnügens wegen, aber auch um nach Infos zu fragen und etwas über Blofelds Plan zu erfahren. Gleichzeitig ist er am Sprücheklopfen, zerstört bei Kämpfen die halbe Einrichtung und bei Verfolgungsjagden die Umgebung, ist noch eine Spur besserwisserischer als sonst (übernimmt sich dabei und wird dadurch enttarnt), dennoch wirkt das alles nie flüssig, sondern nach Elementen, die eingebaut wurden, weil sie als „Bond-typisch“ analysiert wurden.
Blofeld sperrt 007 in einen Raum mit eindeutiger Fluchtchance. Er ist nicht zu eitel, persönlich mit auf die Jagd nach dem geflohenen Spion 007 zu gehen, allerdings eitel genug, um eine Verbindung seines abgeschotteten Projekts zur Außenwelt herzustellen und damit 007 zu ermöglichen, ihn aufzuspüren. Später lässt er sich von Tracy umgarnen, wodurch er zu spät auf den Angriff auf Piz Gloria reagiert. Für Blofelds Plan ist außerdem Hypnose nötig, die im Film nicht wirklich überzeugend wirkt (dazu äußerte sich auch Hitchcock in Truffauts berühmtem Buch). Eher etwas trashy.
Die Beziehung zwischen 007 und dem Bondgirl (Tracy) ist auch wieder interessant gestaltet. Sie wird zum Objekt, als sie mit 007 schläft, scheinbar um ihre Schulden zu begleichen – was sie danach hingegen mit Geld tut. Sie wird wieder zum Objekt, als ihr Vater, der charismatische Draco, 007 bittet, sie zu heiraten, da er mit ihrem Lebensstil nicht zufrieden ist. Bond lehnt ab, er sei nicht an Geld interessiert – sondern daran, Blofeld zu finden. Tracy durchschaut aber den Plan der beiden Männer. Es folgt die berüchtigte Kitschmontage, in der 007 und Tracy ein Liebespaar sind – fragwürdig, ob das nötig gewesen wäre, aber ohne Kitschmontage wäre der Film klar besser. In einigen Momenten ist die Narration noch sehr plump.
Das gilt auch für Verweise auf die Vorgänger-Bondfilme: In der Titelsequenz sieht man Ausschnitte aus den früheren Filmen, im Film tauchen Gegenstände aus diesen auf, untermalt mit charakteristischer Musik aus dem jeweiligen Film.
Fazit: Der Australier Lazenby übernimmt die Hauptrolle, Peter Hunt den Regiestuhl. Das Ergebnis ist ein wackeres Regiedebüt, in dem die fehlende Schauspielerfahrung des Hauptdarstellers auffällt, er wenig Charme versprüht und keine Chance bekommen soll, seine Rolle natürlicher zu spielen. OHMSS beansprucht ein Alleinstellungsmerkmal durch die ungewöhnliche Dramaturgie, Lazenby als Bond oder Bonds Hochzeit mit dem Bondgirl, das er tatsächlich liebt. Am Ende ertönt das Bondtheme statt Louis Armstrongs Lied, das vielleicht besser zur bedrückten Stimmung gepasst hätte.
PS: Der beste Satz des Films ist als Ausgleich für die wechselnden Stimmen für deutsche Synchronschauer vorbehalten, wenn Draco sagt: „Ich werde morgen endlich mit Malone sprechen.“
It's the BIGGEST... It's the BEST
It's BOND
AND BEYOND